Lektionen aus dem 1. Weltkrieg für die Friedensbewegung (I)

Interview über das neue Buch von Adam Hochschild

 

Von Amy Goodman, 10.05.2011 – Democracy Now!

Die Obama-Administration führt im Ausland weiterhin Militäroperationen durch. Wir nähern uns dem Krieg aus einer historischen Perspektive. Wie werden Kriege gemacht – und weitergeführt? Wie gelingt es Politikern, die Bevölkerung dazu zu bringen, einen Krieg geschlossen zu unterstützen? Warum kämpfen Menschen weiter, nachdem die nationale Euphorie verflogen und der Krieg unpopulär geworden ist? In seinem neuen Buch geht Adam Hochschild diesen und vielen weiteren Fragen nach – anhand eines der blutigsten Konflikte, die es je gab: dem 1. Weltkrieg. Sein neues Buch heißt: ‘To End All Wars: A Story of Loyality and Rebellion, 1914 – 1918’ (erschienen bei Mifflin Harcourt).

Unser Gast: Adam Hochschild – Autor zahlreicher Bücher (u.a. über den Kongo: ‘King Leopold’s Ghost’ [deutsch: ‘Schatten über dem Kongo’]). Er war Mitbegründer des Magazins ‘Mother Jones’ und wurde mit zahlreichen Preisen – einschließlich des Mark Lynton History Prize’ und des ‘Lannan Literary Award’ -, ausgezeichnet. Er ist Dozent an der ‘Berkeley Graduate School of Journalism’.

Amy Goodman: Wenige Wochen nach Osama bin Ladens Tod macht die Obama-Administration keine Anstalten, ihre Militäraktionen im Ausland zurückzufahren. Die Besatzung Afghanistans geht unvermindert weiter. In Pakistan und im Jemen haben die USA erneut Drohnenangriffe durchgeführt, denen mindestens 10 Menschen zum Opfer fielen. Der Überfall auf Osama bin Laden wird als Missachtung der Souveränität Pakistans kritisiert. Am Montag erklärte der Regierungssprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, die USA würden sich für diese Razzia nicht entschuldigen.

(Einspielung:)

Natürlich nehmen wir die Statements und die Besorgnis der pakistanischen Regierung ernst. Andererseits entschuldigen wir uns nicht für das, was wir getan haben, was der Präsident getan hat. In seinem Wahlkampf hatte er gesagt: Wenn sich eine Möglichkeit bieten wird, Osama bin Laden der Gerechtigkeit zuzuführen, während er sich auf pakistanischem Boden befindet und dies die einzige Chance ist, wie wir es – unilateral – tun können, werde er diese Chance nutzen und es tun. Und er hat es getan. Seiner Ansicht nach besteht schlicht nicht der geringste Zweifel, dass er dazu berechtigt war und dass es notwendig war, dass er es tat. (Ende)

Amy Goodman: Nun, die Obama-Administration führt ihre Militäroperationen fort. Wir befassen uns mit dem Krieg, wie er gemacht – und weitergeführt wird – aus historischer Sicht. Wie gelingt es Politikern, eine Bevölkerung zu galvanisieren, damit sie den Krieg unterstützt? Warum kämpfen Menschen auch dann noch in unpopulären Konflikten, wenn der nationale Freudentaumel verflogen ist?

(…) Willkommen bei Democracy Now!

Adam Hochschild: Schön, hier zu sein.

Amy Goodman: Sie befassen sich mit Bewegungen – im Kongo oder mit der Bewegung gegen die Sklaverei. Auch in Ihrem neuen Buch geht es um Bewegungen. Ihr Buch handelt von der Kriegstreiberei und von dem, was sich ihr entgegenstellt. Das war meine Einleitung. Bitte erzählen Sie weiter über den 1. Weltkrieg. Wer war für diesen Krieg – wer dagegen?

Adam Hochschild: Nun, interessant an diesem Krieg ist, dass er rund 20 Millionen Menschen das Leben gekostet hat – Soldaten und Zivilisten. Dieser Krieg hat die Welt tatsächlich nachhaltig verändert, im negativen Sinne, in jeder nur denkbaren Hinsicht. Die Art, wie er endete, war Garant für den Aufstieg der Nazis und den Beginn eines noch verheerenderen Krieges (2. Weltkrieg). In allen Staaten, die Kriegspartei im 1. Weltkrieg waren, gab es Menschen, die glaubten, dieser Krieg sei ein Wahnsinn und die sich gegen ihn stellten. Leider konnten sie sich nicht durchsetzen. Dennoch wollte ich ihre Geschichte niederschreiben. Normalerweise schreiben wir über einen Krieg wie über einen Wettkampf zwischen Rivalen. Ich hingegen interessierte mich für eine andere Seite dieses Krieges: für den Konflikt zwischen Jenen, die in diesem Krieg einen edlen und notwendigen Kreuzzug sahen und Jenen, die ihn schlicht für eine verrückte Sache hielten.

Ich habe mich auf Großbritannien konzentriert, weil dort die Antikriegsbewegung am stärksten war. Mehr als 20.000 Männer im wehrpflichtigen Alter verweigerten dort den Militärdienst, als sie eingezogen wurden. Viele von ihnen waren auch nicht bereit, Ersatzdienst zu leisten, der Verweigerern aus Gewissensgründen angeboten wurde – beispielsweise Frontambulanzen zu fahren oder in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Es ging ihnen ums Prinzip. Mehr als 6.000 von ihnen kamen ins Gefängnis – aus politischen Gründen – und das ist einer westlichen Demokratie. Es war eine bemerkenswerte Bewegung von Menschen. Dass sie Briefe schrieben, war für mich, als Autor, natürlich ein Glücksfall. Sie schrieben Tagebücher und gaben heimlich Gefängniszeitungen heraus. Ihr Verhältnis zu Freunden und Familienangehörigen, die eine andere Meinung zum Krieg hatten, ist ein weiterer interessanter Punkt. In manchen Fällen kämpften diese an der Front.

Amy Goodman: Erzählen Sie uns von einem der führenden Investigativ-Journalisten Großbritanniens, der im Gefängnis landete. Er bekam später den Literaturnobelpreis verliehen. Er gab im Gefängnis eine Zeitung auf Clopapier heraus. Erzählen sie uns von jenen Suffragetten, deren Familie während des Krieges so zerstritten war.

Adam Hochschild: Bertrand Russell war damals ein führender britischer Philosoph. Einige Jahre später wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Er zählte zu den führenden Akademikern des Landes – ein Akademiker aus Cambridge. Als der Weltkrieg ausbrach, glaubte er, sich dagegen engagieren zu müssen. Ein Aspekt, der mich mit Hochachtung für ihn erfüllt, ist die Ehrlichkeit, mit der er über seine Gefühle spricht, wenn es um den Krieg geht. Er sagte über sich selbst, er habe die “die Niederlage Deutschlands so sehr herbeigesehnt wie ein pensionierter General, und meine Liebe zu England ist nahezu das höchste Gefühl, dessen ich fähig bin”. Doch dann fährt er fort: Dieser Krieg solle nicht geführt werden – aus keinem noch so noblen Grund. Es sei lächerlich, wenn Briten und Franzosen behaupteten, sie kämpften für die Demokratie. Schließlich sei das zaristische Russland (eine absolutistische Monarchie) ihr Verbündeter. Er setzte sich vehement gegen den Krieg ein. Er war nicht mehr im wehrpflichtigen Alter. Dennoch setzte er sich vehement für die wichtigste Organisation ein, die damals Wehrdienstverweigerer unterstützte. Deren führende Mitglieder wurden nach und nach verhaftet, weil sie den Wehrdienst verweigerten. Schließlich übernahm Russell den Ehrenvorsitz dieser Organisation. Er begab sich Tag für Tag in das Büro, erledigte die Büroarbeit, die erledigt werden musste – von Menschen und Organisationen wie dieser. Er verschickte Briefe an die Unterabteilungen (der Organisation) in ganz England, in denen es um politische Aktionen ging. 1918 ließ ihn die Regierung schließlich verhaften. Er kam für 6 Monate ins Gefängnis. Ja, Russell war einer von ihnen – einer der Verweigerer.

Ein anderer war Fenner Brockway – ein noch junger Mann. Vor dem Krieg war er Redakteur einer sozialistischen Zeitung, eines Gewerkschaftsblattes, gewesen. Er verweigerte den Wehrdienst und wurde ins Gefängnis gesteckt. Auch im Gefängnis gab er heimlich eine Zeitung heraus. Das war ein absoluter Regelverstoß. Er musste die Zeitung auf Toilettenpapier schreiben und verteilte sie an seine Mitgefangenen. Er gab sie ein Jahr lang heraus, bevor die Behörden es bemerkten und ihn in Einzelhaft steckten. Er lernte einen desertierten Armeesoldaten kennen, der im selben Gefängnis saß. Mit dessen Hilfe erstellte Brockway den ersten, wirklich unzensierten Bericht über die ‘Schlacht von Passchendaele’, jenem furchtbaren Gemetzel an der Westfront. Die britischen Zeitungen, die öffentlich erscheinen konnten, brachten nur “bereinigte” Versionen über diese Schlacht. Es gab zu jener Zeit eine ganze Reihe bemerkenswerter Charaktere.

Amy Goodman: Erzählen Sie uns etwas über die Familie Pankhurst.

Adam Hochschild: Die Familie Pankhurst hat mich fasziniert, weil ich meine Geschichte aus der Perspektive von Familien erzählen wollte, durch die damals ein Riss ging. Die Familie Pankhurst bestand aus Mutter Emmeline Pankhurst und ihren beiden Töchtern Christabel und Sylvia. Sie waren dem radikalsten Flügel der (britischen) Suffragetten zuzurechnen – im Kampf um das Stimmrecht der Frauen, für das Frauenwahlrecht also. Das war kurz vor dem 1. Weltkrieg.

Kurz vor dem Krieg wurde Mutter Emmeline Pankhurst eingesperrt, weil sie, buchstäblich, einen Stein durch ein Fenster von Downing Street Nr. 10 geworfen hatte – dem Wohnsitz des Premierministers. Sie floh aus dem Gefängnis. Als der Krieg ausbrach, war sie auf der Flucht vor der britischen Justiz und hielt sich in Frankreich auf. Kaum war der Krieg ausgebrochen, ließ sie ihre politische Arbeit völlig im Stich und stellte sich der britischen Regierung zur Verfügung. Diese schickte sie auf Reisen – auf Vortragsreisen durch Großbritannien und in die USA. Einmal wurde sie sogar nach Russland entsandt, um die russischen Frauen für den Krieg zu begeistern.

Ihre Tochter Sylvia hingegen war eine absolute Antikriegsaktivistin. Während des gesamten Krieges brachte sie die maßgebliche und meistgelesenste Friedenszeitung Großbritanniens heraus. Einige Nummern wurden von der Regierung verboten. Sylvia hatte eine heimliche Liebesaffäre mit Keir Hardie, dem Führer der ‘Independent Labour Party’ (aus der die heutige ‘Labour Party’ hervorgegangen ist). Auch er engagierte sich vehement gegen den Krieg – bis zu seinem Tod, 1915. Ich glaube, sein Bedauern über den Krieg war die eigentliche Ursache seines Todes.

Die Familie Pankhurst war eine von mehreren Familien, die durch den 1. Weltkrieg tief gespalten wurden – wie viele amerikanische Familien später durch den Vietnamkrieg zerrissen wurden.

Amy Goodman: Adam Hochschild, in Ihrem Buch schreiben Sie über die Zahl der Toten (des 1. Weltkrieges). Sie sagen, es wäre gut, wenn es hier (in den USA) Friedhöfe gäbe – wie in Europa – die zeigen, wie viele Menschen in einem Krieg umkommen.

Adam Hochschild: Ja. Dieser Gedanke ist mir gekommen, als ich über die Friedhöfe des 1. Weltkrieges wanderte. Alle, die sich für den 1. Weltkrieg interessieren, sollten sich an die Stätten der alten Westfront begeben – in Frankreich und Belgien. Ich glaube, es gibt keinen Ort auf der Welt an dem soviele junge Männer begraben liegen. Nehmen Sie irgendeine der großen Schlachten – die Schlacht an der Somme, die Kämpfe in Ypern oder Verdun. Stellen Sie sich auf einen der Hügel und blicken Sie herab auf die Friedhöfe – fünf, sechs, sieben riesige Friedhöfe ringsum, mit je 5.000 bis 10.000 Gräbern. Es ist eine Erfahrung, die einen umhaut.

Wenn ich an die Kriege denken, die wir heute führen – im Irak oder in Afghanistan – wüsste ich keinen Ort, an den die Amerikaner/innen und andere gehen könnten, um sich die Zahl der Kriegstoten visuell bewusst zu machen – zumal die meisten Opfer irakische oder afghanische Zivilisten oder amerikanische Soldaten beziehungsweise Soldaten verbündeter Nationen sind. Wären sie alle an einem Ort begraben, würden die sinnlosen Kriege von heute vielleicht früher enden.

Amy Goodman: Wir machen eine Pause und sprechen anschließend weiter über dieses Thema. Adam Hochschild ist Autor zahlreicher Bücher. Sein neuestes Werk heißt: ‘To End All Wars: A Story of Loyality and Rebellion’, 1914 – 1918’. Wenn wir zurück sind, möchte ich über das Thema ‘abweichende Stimmen und deren Marginalisierung’ sprechen. Hier ist Democracy Now!. Wir sind in einer Minute zurück.

(Pause)

Amy Goodman: Unser Gast ist Adam Hochschild (…) Ich lese Ihnen vor, was die Los Angeles Times zum ‘Memorial Day’ 2010 geschrieben hat: In den Vereinigten Staaten, so steht dort, hatten “benachteiligte Bevölkerungsgruppen während nationaler Kriegszeiten unverhältnismäßig viele Tote zu beklagen”, “angefangen beim Koreakrieg – während reichere Bevölkerungsgruppen die Kriege weniger zu spüren bekamen. Zudem lassen die Daten darauf schließen, (dass) diese ‘Diskrepanz bei den Opfern’, zwischen reichen und ärmeren Bevölkerungsgruppen, im aktuellen Irakkonflikt am ausgeprägtesten ist”.

Adam Hochschild: Ja, das trifft auf mehrere Jahrzehnte zu, in denen die Amerikaner Krieg führten. Sehen Sie sich die Menschen an, die in Vietnam ihr Leben ließen oder im Irak oder in Afghanistan. Darunter sind ausgesprochen wenige Söhne und Töchter von Managern oder Senatoren oder anderen Kongressmitgliedern – fast gar keine. Sie (die Toten) stammen aus armen Bevölkerungsschichten – Kleinstädter. Häufig gingen sie zum Militär, weil es kaum andere wirtschaftliche Möglichkeiten für sie gab.

Einer der Aspekte des 1. Weltkrieges, der mich nicht loslässt, ist die Tatsache, dass es damals kurioserweise genau umgekehrt war. Normalerweise ist die herrschende Klasse – in den meisten Ländern – sehr gerissen, wenn es darum geht, andere für sich sterben zu lassen. Doch im 1. Weltkrieg war es umgekehrt, denn in den meisten (an dem Krieg beteiligten Ländern) war es normal, dass junge Männer der Oberschicht, der Aristokratie also, zur Armee gingen, um Offizier zu werden. Es waren diese jungen Männer, die aus den Gräben stiegen, um ihre Männer den gnadenlosen Maschinengewehrangriffen entgegenzuführen. Wenn man sich die Statistiken ansieht, erlebt man eine Überraschung. Von den Oxford-Absolventen des Jahrgangs 1913, zum Beispiel, fielen 31 Prozent. Um die Jahrhundertwende hatte der britische Premierminister, Lord Salisbury, 10 Enkelsöhne. 5 von ihnen starben im 1. Weltkrieg. Einen davon erwähne ich in meinem Buch.

Amy Goodman: Erzählen Sie uns von der Frau, die sich in einer Friedenskampagne engagierte und ihrem Bruder, der Kommandeur an der Westfront war.

Adam Hochschild: Das war eine dieser faszinierenden, zerrissenen Familien, auf die ich gestoßen bin. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um mir klar zu werden, wie ich die Geschichte dieses Krieges anpacken sollte – eine Geschichte über Menschen, die an den Krieg glaubten und über die, die dagegen waren. Eines Tages stieß ich auf einen langweiligen akademischen Artikel, in dem es um eine Frau namens Charlotte Despard ging. Sie war überzeugte Pazifistin und verfasste Pamphlete gegen den Krieg. Sie ist kreuz und quer durch Großbritannien gereist und hat Vorträge gegen den Krieg gehalten. Mehrfach landete sie – im Kampf für das Frauenwahlrecht – im Gefängnis. Sie setzte sich für die Unabhängigkeit Irlands und Indiens ein – für alle radikalen Themen ihrer Zeit. In einem beiläufigen Satz schreibt der Autor: “Natürlich machten all diese Aktivitäten ihrem Bruder schwer zu schaffen”. Der Autor nennt seinen Namen: Sir John French, Oberster Kommandeur an der Westfront. Sobald ich das gelesen hatte, diese faszinierende Tatsache, wurde mir klar, dass ich über dieses Geschwisterpaar schreiben wollte. Was für eine außergewöhnliche Kombination!

Interessant ist, dass sich Bruder und Schwester persönlich ziemlich nahestanden. Sie hatte ihn mitaufgezogen. Er war acht Jahre jünger als sie. Als er ein kleiner Junge war, hat sie ihm das Alphabet beigebracht. Auch während des Krieges haben sie sich immer wieder gesehen. Erst als John French 1918 von der britischen Regierung zum Statthalter (Viceroy) von Irland ernannt wurde und damit zuständig war für die Unterdrückung des nationalen Aufstandes gegen die britische Herrschaft, sprachen sie nicht mehr miteinander. Charlotte ging nach Irland, um für die IRA zu arbeiten. Ab diesem Zeitpunkt sprachen sie nicht mehr miteinander. Es ist eine von vielen Familien, durch die, infolge des Krieges, ein solcher Riss ging.

Amy Goodman: Warum kam es überhaupt zum 1. Weltkrieg?

Adam Hochschild: Das ist einer der auffälligsten Aspekte. Es war wirklich kein Krieg, der aufgrund von hehren Prinzipien geführt wurde. Bis wenige Wochen vor Kriegsausbruch kamen alle ganz gut miteinander klar. Gewisse Spannungen lagen allerdings in der Luft, und es gab rivalisierende Bündnisse. Zwischen Deutschland und Großbritannien fand ein navales Wettrüsten statt. Bis Juni 1914 kamen jedoch alle gut miteinander aus. Es gab keine größeren Grenzkonflikte. Kein Land beanspruchte Territorien eines andern. Der grenzübergreifende Handel florierte. Es gab Joint-ventures usw.. Die britische Flotte stattete Deutschland einen zeremoniellen Besuch ab, und als sie wieder Richtung Heimat abdrehte, sandte der britische Admiral (Kommandeur) seinem deutschen Gegenüber eine Botschaft: ‘Friends now and friends forever’ (Freunde, nun und für immer).

Dann kam es zu einer seltsamen Kette von Ereignissen. Natürlich begann alles mit der Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajewo. Damit begannen die Geschehnisse. Schließlich wartete das riesige, marode österreich-ungarische Imperium schon lange auf eine Gelegenheit, um in den wesentlich kleineren Nachbarstaat Serbien einzufallen und ihn auseinanderzunehmen. Die Invasionspläne hatten sie schon ausgearbeitet. Die Ermordung des Erzherzogs gab ihnen nun eine Rechtfertigung – obgleich der Attentäter ein Bürger Österreich-Ungarns war und es keinen Hinweis darauf gab, dass das serbische Kabinett von den Attentatsplänen gewusst hatte. Sie trieben ihre Invasionspläne voran. Die Serben wandten sich hierauf an das befreundete Russland, an die slawischen Brüder, an die Mitchristen der orthodoxen Ostkirche. Russland war mit Frankreich verbündet. Als Russland seine Truppen mobilisierte, zog Frankreich nach. Dies wiederum lieferte Deutschland den Vorwand, um sowohl Frankreich als auch Russland anzugreifen. Es (Deutschland) hatte dies seit langem geplant. In weniger als 6 Wochen stand der ganze Kontinent in Flammen.

Amy Goodman: Die Bewegungen, die Sie beschreiben…. ich denke an einige Ihrer Bücher, wie zum Beispiel: ‘Bury the Chains: Prophets and Rebels in the Fight to Free an Empire’s Slaves’ (deutsch: ‘Sprengt die Ketten’), das von der Bewegung gegen die Sklaverei handelt oder an die Antikriegsbewegung und wie sie marginalisiert wurde, wie Leute eingesperrt wurden und wie sie dennoch zum Schluss triumphierte. Bitte stellen Sie die Bewegung gegen die Sklaverei in den Kontext der Antikriegsbewegungen im 1. Weltkrieg. Vielleicht ist manchen Leuten nicht klar, dass Großbritannien die Sklaverei schon Jahrzehnte vor den USA abgeschafft hat.

Adam Hochschild: Stimmt, und zwar hauptsächlich infolge von zwei Ereignissen. Erstens kam es in Westindien zu mehreren Sklavenaufständen (etwas, was tendenziell aus den Geschichtsbüchern ausgeklammert wird), zum anderen gab es in England eine bemerkenswert solide, wunderbar organisierte, populäre Bewegung gegen die Sklaverei, die alle möglichen Techniken, die Organisatoren bis heute anwenden zum ersten Mal eingeführt hat – tatsächlich. Sie hat beispielsweise das erste politische Poster entworfen. Sicher haben Sie es schon einmal gesehen. Es ist eine Zeichnung – ein Sklavenschiff, im Innern vollgepackt mit Sklavenkörpern.

Nun, diese Bewegung war erfolgreich. Die Sklaverei wurde im Britischen Imperium abgeschafft – und auch in anderen Teilen der Welt. Die Herausforderung für mich, in Hinblick auf den 1. Weltkrieg, war folgende: Bringe ich es fertig, eine interessante und ergreifende Story über eine Bewegung zu schreiben, die nicht erfolgreich war? Es gelang den Pazifisten nicht, den Krieg zu beenden. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass es eine wichtige Story ist, die erzählt werden sollte, denn wenn wir nur über Bewegungen schreiben, die gesiegt haben, werden wir viele Dinge aus der Geschichte streichen müssen. Ich hoffe, dass die Menschen, die den Krieg ein- für allemal beenden wollen, irgendwann siegen werden, und ich bin der Ansicht, ihre Chancen stehen besser, wenn sie die Geschichte jener Menschen kennen, die diesen Kampf vor ihnen gekämpft haben.

Amy Goodman: Sie haben einmal in einem Artikel geschrieben: “Wenn man sich mit dem 1. Weltkrieg beschäftigt, ist das Seltsame daran, dass man nicht umhin kann, sich an die heutigen Schlagzeilen erinnert zu fühlen” (‘Echoes of a Bygone War’). Würden Sie sagen, dass die heutige Antikriegsbewegung versagt hat? Schließlich befinden wir uns im längsten (kontinuierlichen) Krieg in der Geschichte Amerikas – in Afghanistan. Geführt wird er von einem Präsidenten, der sich im Wahlkampf gegen einen Krieg gewandt hatte – gegen einen anderen Krieg, nämlich gegen den Irakkrieg. Doch auch dort sind wir immer noch.

Adam Hochschild: Natürlich haben wir bislang versagt, wenn es darum geht, diese beiden Kriege zu stoppen. Ich bin darüber sehr traurig. Ich sagte vorhin ja schon, dass ich das Gefühl habe, wenn es eine Möglichkeit gäbe, dem amerikanischen Volk die Opfer vor Augen zu führen – wie bei einem Blick über die gigantischen Friedhöfe (des 1. Weltkrieges) – würde dies dazu führen, dass sie (die Kriege) früher enden. Noch etwas würde die Kriege schneller stoppen (obwohl es in praktischer Hinsicht wohl nicht sehr wahrscheinlich ist): die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Ich glaube, die Wehrpflicht war mit ein Grund, weshalb der Vietnamkrieg beendet wurde – das, und der enorm zähe Widerstand der Vietnamesen. Bei uns gingen Hunderttausende auf die Straße, denn Diejenigen von uns, die im wehrpflichtigen Alter waren, wollten ganz sicher nicht hingehen und in diesem Krieg kämpfen, unser Leben für diesen Krieg riskieren. Das brachte auch die Familien auf den Plan.

Unser Land (Amerika) hat andere Wege gefunden, Kriege zu führen. Das Wichtigste ist die Freiwilligenarmee und dann natürlich Erfindungen, die eine Distanz zum Kriegsgeschehen schaffen, wie Drohnenangriffe (bei denen keine Amerikaner ihr Leben riskieren und die einzigen Opfer Menschen am Boden sind – in diesen Ländern). Es wird schwierig werden, aber ich denke nach wie vor, dass wir Wege finden werden, diese Kriege zu stoppen.

Zu Afghanistan. Ich denke, am Anfang war ein erkennbares Motiv vorhanden. Für die USA war es ziemlich nachvollziehbar, dort zu intervenieren: Dort (in Afghanistan) gab es eine Regierung, die jene schützte, die die Angriffe des 11. September geplant hatten. Doch jetzt sind wir an einem Punkt, wo selbst viele Leute in hohen Positionen, viele in der US-Regierung, erkennen, dass wir weitere Dschihadisten schaffen, indem wir dort weitermachen.

Amy Goodman: Wir werden dieses Gespräch nach unserer Sendung fortsetzen und es online stellen. Unser Gast ist Adam Hochschild. Sein neues Buch heißt: ‘To End All Wars’.

  • Teil II des Interviews:  Lektionen aus dem 1. Weltkrieg für die Friedensbewegung (II)
  • Der Historiker und Autor Adam Hochschild im Gespräch mit Democracy Now! über sein neues Buch (‘To End All Wars’). Hochschild zieht einen Vergleich zwischen dem britischen Pazifismus während des 1. Weltkriegs und dem Engagement in den USA gegen den Vietnamkrieg beziehungsweise gegen die aktuellen Kriege im Irak und in Afghanistan. Im zweiten Teil geht es um das ältere Werk des Autors: ‘King Leopold’s Ghost’ (deutsch: ‘Schatten über dem Kongo’). Es handelt von der schockierenden Ausplünderung des Kongo, der heutigen ‘Demokratischen Republik Kongo’ (DRC) und der Ermordung des ersten gewählten Premierministers des Kongo, Patrice Lumumba, die von den USA unterstützt wurde.

    Amy Goodman: Unser Gast ist Adam Hochschild. Sein neues Buch, ‘To End All Wars’, handelt von Loyalität und Rebellion. Sein Buch davor hieß ‘Bury the Chains’ (deutsch: ‘Sprengt die Ketten’). Ein früheres Werk des Autors beschäftigt sich mit dem “Geist” von König Leopold von Belgien. Es handelt vom Kongo, von Belgien und dessen einstigem König Leopold. Ich möchte über all diese Themen sprechen. Warum haben Sie den Titel ‘To End All Wars’ ([Um] alle Kriege zu beenden) gewählt – für ein Buch über bedeutende und unbedeutende Bewegungen?

    Adam Hochschild: Nun, der Satz “the war to end all wars” (dieser Krieg ist der Krieg, um alle Kriege zu beenden) wird Woodrow Wilson zugeschrieben. Damit wollte Wilson den Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg rechtfertigen. Im Wahlkampf hatte er noch versprochen, die USA aus dem Krieg herauszuhalten und wurde für dieses Versprechen 1916 zum US-Präsidenten gewählt. Einige seiner Biographen behaupten, Wilson habe diese Worte geäußert. Wie dem auch sei, sie sind allgemein bekannt. Ich wählte den letzten Teil des Satzes als Titel für mein Buch: ‘To End all Wars’ ([Um] alle Kriege zu beenden), denn genau das sollten wir tun. Außerdem wollte ich, dass die Leute eine Kontinuität erkennen: Damals wie heute war/ist Wahnsinn mit im Spiel, wenn Länder in Kriege verstrickt werden.

    Amy Goodman: Wie Dissens unterdrückt wurde – dieses Thema nimmt viel Raum in Ihrer Story ein. Tausende (desertierte) Soldaten wurden eingesperrt – unter sehr harten Bedingungen. Dissidenten und Journalisten kamen für ihre Ansichten hinter Gitter. Erklären Sie uns – wie funktioniert ein Staat? Wie hat er damals funktioniert, wie funktionier er heute?

    Adam Hochschild: Nun, wissen Sie, wenn Staaten unterdrücken, tun sie dies häufig mit dieser seltsamen Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Es ist sehr interessant, sich beispielsweise Großbritannien während des 1. Weltkriegs anzusehen. Sie hatten damals ein ausgesprochenes Feingefühl, wenn es darum ging, zu entscheiden, ob sie hart oder weich vorgehen sollten. Sie steckten Militärdienstverweigerer ins Gefängnis – wenn sie sich weigerten, Ersatzdienst zu leisten. Die meisten Veröffentlichungen gegen den Krieg waren aber nicht verboten. Schließlich machte sich Großbritannien Sorgen um die öffentliche Meinung in den USA.

    In den ersten drei Kriegsjahren war Großbritannien emsig bemüht, die USA mit an Bord zu holen, sie auf die Seite der Alliierten zu ziehen. Mitte 1917 war es geschafft. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie bemüht, tunlichst alles zu vermeiden, was ihnen eine schlechte Presse in den USA eingebracht hätte. Es existiert noch alte Korrespondenz – ein Austausch von Vertretern (beider) Regierungen: Sollen wir Soundso ins Gefängnis stecken? Nein, besser nicht, es könnte an die amerikanische Presse gelangen. Doch sie fanden andere Wege, um Veröffentlichungen, die sich gegen den Krieg wendeten, zu erschweren – zum Beispiel, indem sie dafür sorgten, dass diese Leute möglichst wenig Papier zugeteilt bekamen. Papier war damals rar. Um solche Dinge ging es damals.

    Hinzu kam, dass sie bestimmte wichtige Leute verfolgten und dafür sorgten, dass sie hinter Gitter kamen – zum Beispiel Bertrand Russell (siehe Teil I des Interviews). Edmund Dene Morel war damals Großbritanniens führender investigativer Journalist. Im Jahr davor hatte er eine enorm wichtige Rolle beim Kongo-Skandal gespielt. Er war eine mächtige Stimme gegen den 1. Weltkrieg – und landete im Gefängnis. Im Unterschied zu Russell wurde er zu harter Zwangsarbeit verurteilt. Damals herrschte in Großbritannien ein Mangel an Nahrungsmitteln und an Kohle zum heizen. Morel war im Winter in Haft. Was die Versorgung mit Lebensmitteln und Kohle anging, kamen die Gefängnisse an letzter Stelle. Morel schrieb – sehr bewegend – über die nächtlichen Fröste in seiner Gefängniszelle, ohne Decken. Zumindest…

    Amy Goodman: Warum kam er ins Gefängnis?

    Adam Hochschild: Aufgrund dessen, was er geschrieben hatte. Wissen Sie, das war die Rechtfertigung. Sie rechtfertigten es mit einer Vorschrift, die besagte, dass es nicht zulässig sei, Antikriegs-Propaganda in neutrale Länder zu verschicken. Er hatte etwas, das er geschrieben hatte, in die Schweiz geschickt. Doch es existiert noch ein Dokument des damaligen britischen Außenministeriums, in dem ein Offizieller einem anderen Offiziellen Folgendes mitteilte: “Wir müssen diesen Mann sicher ins Gefängnis bringen.” Schließlich war Morel eine immens starke, gewaltige Stimme gegen den Krieg.

    Amy Goodman: Sie haben sich auch mit dem beschäftigt, was sich zehn Jahre davor in Belgisch-Kongo abgespielt hatte. Ihr Buch ‘Schatten über dem Kongo’ (Original: ‘King Leopold’s Ghost’) lehrt einen das Gruseln, und das ist noch untertrieben. Es geht um eine wirklich furchtbare Episode in der Weltgeschichte. Erzählen Sie uns doch bitte kurz – vor allem den Leserinnen und Lesern, die verstehen wollen, was heute im Kongo passiert, die die Geschichte dieses Landes begreifen wollen.

    Adam Hochschild: Nun, ich will Einiges aufzählen, was gleichgeblieben ist. Der heutige Kongo – die Demokratische Republik Kongo – hat in etwa dieselben Grenzen wie Belgisch-Kongo (1908 – 1960). Vor Belgisch-Kongo gab es den so genannten ‘Congo Free State’. Dieser war Privatbesitz des Königs Leopold II von Belgien. Erst später wurde das Gebiet eine belgische Kolonie.

    Während all dieser Zeit, all dieser Umbrüche, war und blieb das Territorium des Kongo eine Fundgrube für Ausländer, die sich an den enormen Reichtümern gütlich taten. Die erste Ressource (die sie ausbeuteten) war die menschliche Ressource. Der Kongo war eine wichtige Quelle für den Sklavenhandel, der über den Atlantik verlief. Die Vorfahren der meisten Schwarzen, die heute in Brasilien leben, kamen von den Ufern des Kongo-Beckens. Portugiesen hatten sie über den südlichen Atlantik (nach Lateinamerika) verschleppt.

    Mitte des 19. Jahrhunderts hörte der Sklavenhandel über den Atlantik auf. König Leopold hatte Kontrolle über das Land erlangt. Er war…

    Amy Goodman: … der belgische König.

    Adam Hochschild: … der belgische König. Doch Belgien wollte keine Kolonien – also nahm er sie für sich…

    Amy Goodman: … als seine eigene, persönliche Kolonie…

    Adam Hochschild: … als Privatbesitz. Alle wichtigen Nationen der Welt haben dies anerkannt – allen voran die USA. Wir waren die Ersten, die akzeptierten, dass er (König Leopold) dieses Gebiet sein eigen nannte.

    Er war am Elfenbein interessiert. Damals war Elfenbein ungeheuer wertvoll. Kurz nachdem er die Kontrolle über das Gebiet erlangt hatte, wurden reiche Gummivorkommen entdeckt – natürliche Vorkommen. Damals gab es einen Gummi-Boom – weil man gerade erst das Rad mit Gummiummantelung erfunden hatte, das keine Luft mehr verlor. Man benötigte Gummi für die Ummantelung von Teilen des Telefons und der Telegraphenkabel, für Dinge dieser Art. Leopold machte einen Großteil der männlichen Erwachsenenbevölkerung zu Arbeitssklaven, um Gummi zu sammeln. Dies führte zu einem Massensterben. Innerhalb von 40 Jahren ging die Bevölkerung (des Kongo) um circa 10 Millionen zurück.

    Dann wurde der Kongo belgische Kolonie. Kurze Zeit später starb Leopold. Die Belgier interessierten sich für viele weitere Mineralien – wie Kupfer, Gold, natürliches Uran, Palmöl usw..

    1960 wurde das Land unabhängig. Doch die Regierung war extrem schwach und korrupt. Viele Jahre lang wurde das Land von einem Diktator namens Mobutu regiert, der die Unterstützung der USA hatte. 1997 wurde er gestürzt und starb. Seither ist der Kongo, weitgehend, im Chaos versunken – mit einem äußerst komplexen Bürgerkrieg, mit vielen Parteien. Im Grunde geht es jedoch nach wie vor um Ressourcen.

    Es ist ein oder zwei Jahre her, seit ich dort war. Man kann sehen, wie überall der Reichtum außer Landes geschafft wird. Einmal befand ich mich, gemeinsam mit anderen Ausländern, auf einer Straße in Goma, im Osten des Kongo, als ein Mann auf uns zukam und uns Uran anbot. Er nannte seinen Preis, sagte aber, dieser sei noch verhandelbar. Über dir fliegen Flugzeuge, die Zinnerz außer Landes schaffen. Die Straßen sind nämlich so schlecht, dass man mit Lastwagen nicht bis zu den Minen durchkommt.

    Amy Goodman: Und Koltan für unsere Handys.

    Adam Hochschild: Das meiste kommt von dort – auch eine Menge des Goldes. Der Kongo exportiert jedes Jahr Gold im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar. Ich habe mir eine Goldmine angesehen, in der Bergleute nach Gold gruben. Wissen Sie, diese Leute gruben mit den Händen nach Gold. Es waren die alten Techniken, die schon die kalifornischen Goldsucher 1849 in Kalifornien anwendeten: Erst wird mit Hacke und Schaufel freigegraben; dann lässt man Wasser durch eine Schleuse, und der Goldstaub setzt sich am Boden ab. Die Arbeiter, die diese Knochenarbeit verrichteten, verdienten rund ein bis zwei Dollar am Tag, und zum Schluss wird das Gold dann außer Landes geflogen.

    Amy Goodman: 2011 war der 50. Jahrestag der Ermordung von Patrice Lumumba. Seine Ermordung wurde von den USA unterstützt. Lumumba war der erste demokratisch gewählte Führer des Landes, das sich heute ‘Demokratische Republik Kongo’ (DRC) nennt. Ich möchte gerne die Aussage eines ehemaligen CIA-Agenten namens John Stockwell einspielen. Darin äußert er sich über die CIA-Pläne der USA zur Ermordung Lumumbas:

    (Einspielung:)

    John Stockwell:
    Die CIA hatte ein Programm zur Ermordung Lumumbas entwickelt – von Devlin angeregt und gemanagt. Doch das Programm, das sie entwickelten, die Operation, klappte nicht. Sie führten sie nicht zu Ende. Lumumba sollte vergiftet werden. Sie konnten sich jedoch keine Szenerie vorstellen, in der sie Lumumba das Gift erfolgreich verabreichen konnten, so dass es nicht nach einer CIA-Operation aussehen würde. Ich meine, man konnte ihn ja offensichtlich nicht zu einer Cocktail-Party einladen und ihm einen Drink geben – und kurze Zeit später ist er tot. Also haben sie es aufgegeben. Sie bekamen kalte Füße. Stattdessen gingen sie so vor, dass der Chef vor Ort mit Mobutu sprach – über die Gefahr, die Lumumba darstellte. Und Mobutu ging hin und tötete Lumumba – seine Männer brachten Lumumba um.

    Interviewer: Welche Verbindung bestand zwischen der CIA und Mobutu? Gaben sie ihm Geld?

    John Stockwell: Ja, in der Tat. Ich war dabei, als der Chef vor Ort 1968 die Story erzählte – über den Tag vor jenem bewussten Tag. Sie wollten Mobutu $25.000 in bar geben, aber Mobutu sagte: “Behaltet das Geld. Ich brauche es nicht.” Damals war Mobutus europäisches Bankkonto natürlich schon so prall, dass $25.000 für ihn nichts waren. (Ende)

    Amy Goodman: Das war John Stockwell, ein ehemaliger Agent der CIA, über die CIA-Pläne zur Ermordung Lumumbas. Was ist mit dem ersten demokratisch gewählten Führer der heutigen Demokratischen Republik Kongo wirklich passiert?

    Adam Hochschild: Nun, Lumumba wurde im Januar 1961 ermordet. Die USA und Belgien ermutigten die Tat enorm. Es handelte sich um die Ermordung des ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Kongo. Ich denke, es war ein vielsagender Moment, denn Lumumba stellte in den Augen der USA, Belgiens und Europas eine Gefahr dar. Er war einer, der sagte: “Politische Unabhängigkeit allein reicht Afrika nicht. Wir müssen auch Kontrolle über unseren Reichtum, unsere Ressourcen, haben.” Das wurde als unerträglich empfunden. Sie wollten ihn tot sehen. Sie wollten Mobutu an der Macht haben – einen extrem korrupten Menschen, der darauf bedacht war, dass die USA, Belgien und andere Staaten weiterhin vom Kongo profitieren konnten. Und so ist es ja dann auch gekommen.

    Amy Goodman: Kommen wir noch einmal auf König Leopold zurück – um seine damalige Brutalität zu verstehen. Mobutu war der Nachfolger von Patrice Lumumbas. (Mobutu) war der ‘Mann der USA im Kongo’. Und was tat König Leopold zu seiner Zeit?

    Adam Hochschild: Nun, er entwickelte ein System der Zwangsarbeit, ein System der Sklavenarbeit. Um die Leute (im Kongo) dazu zu bringen, in die Regenwälder zu gehen und Gummi zu ernten, schickte er Soldaten los. Sie klapperten ein Dorf nach dem andern ab. Sie nahmen die Frauen als Geiseln und zwangen die Männer so, in den Regenwäldern nach Gummi zu suchen – tagelang, manchmal wochenlang. Oft kam es zu Aufständen gegen das drakonische System. Die Armee war daran gewöhnt, sie niederzuschlagen. Es handelte sich um eine Armee aus Schwarzen, die eingezogen wurden und unter weißen Offizieren dienten.

    Die Offiziere achteten genau darauf, wieviele Patronen sie ihren Soldaten aushändigten. Sie wollten nicht, dass sie die Kugeln – bei einer eventuellen Meuterei – selber abbekamen. Also verlangten sie von einem Soldaten für jede Patrone, die er bekam, eine Hand, die er der Person, die er damit erschossen hatte, abgeschnitten hatte. So wollten sie sicherstellen, dass die Soldaten die Kugeln nicht aufbewahrten, um sie für eine Meuterei einzusetzen oder für die Jagd usw.. Oft verfehlten die Soldaten aber das Ziel, wenn sie auf eine Person schossen – auf einen Rebellen. Also schnitten sie einer lebenden Person die Hand ab. Es gibt schreckliche Fotos aus jener Zeit, die lebende Menschen zeigen – häufig noch Kinder – denen die Hände fehlen. Solche Dinge wurden zum Symbol für das Regime. Eine bemerkenswerte Protestbewegung entstand dagegen. Sie zeigte diese Bilder weltweit – mit Projektoren, im Großformat.

    Amy Goodman: Sagen Sie noch etwas zu jenem Wendepunkt – zur Ermordung Lumumbas. Was war mit der Befreiungsbewegung, die sich überall in Afrika entwickelte?

    Adam Hochschild: Nun, ich denke, für die meisten Afrikaner war die Ermordung Lumumbas, vor 50 Jahren, eine Botschaft: Auch wenn Afrika politisch unabhängig ist, wird es nicht seinen eigenen Weg gehen dürfen: Dieser Mann, der getötet wurde, hatte gefordert, dass Afrika die Kontrolle über seine eigenen Ressourcen erhalten sollte, und es war ziemlich offensichtlich, dass die USA und Westeuropa dies nicht zulassen wollten. Ich denke, in gewisser Weise besteht zwischen der ‘entwickelten Welt’ und Afrika noch immer eine neokoloniale Beziehung.

    In Afrika gibt es bis heute immense Vorkommen an natürlichen Ressourcen. Im Moment interessieren sich die USA am meisten für Öl. Ich denke, die größte Sorge der USA und Europas, aber auch Chinas (dessen Verhältnis zu Afrika vergleichbar ist) gilt dem Fluss der natürlichen Ressourcen aus dem Kontinent Afrika. Dieser soll nicht abreißen. Aus diesem Grund haben wir nun, innerhalb der US-Streitkräfte, das AFRICOM, das ‘African Command’. Es mutet etwas seltsam an, dass wir ein solches Kommando haben. Schließlich führen wir in Afrika offiziell keine Kriege. Bis jetzt ist es, soviel ich weiß, in Deutschland angesiedelt, weil sie noch kein afrikanisches Land gefunden haben, das den Gastgeber spielen will.1 Sie wollen bereit sein, wenn es darum geht, eventuelle Ressourcenkriege zu führen – damit das Öl weiter fließen kann.

    Amy Goodman: Hier meine letzte Frage. Sie waren Mitbegründer von ‘Mother Jones’ – eines unabhängigen Monatsmagazins. Ich möchte mit Ihnen über das Thema ‘Medien’ sprechen und deren Rolle, wenn es darum geht, bestimmte Stimmen mundtot zu machen. Damit meine ich nicht ‘Mother Jones’ sondern die Konzernmedien in unserem Land. Es fällt mir schwer, in diesem Zusammenhang von ‘Mainstream-Medien’ zu sprechen, weil sie den Mainstream (die Mehrheit, die Mitte) Amerikas nicht repräsentieren. Die Leute, die gegen Krieg und Folter sind, repräsentieren den Mainstream. Doch die Konzernmedien spiegeln die Haltung des Mainstream nicht wieder. Wir haben das Programm mit einer Sendung über Tony Kushner begonnen, der ja damals zum Schweigen gebracht wurde. Er sollte eine Ehrendoktorwürde NICHT verliehen bekommen2 … Daraufhin gab es einen Aufschrei, und er erhielt sie doch. Sie sind ebenfalls im Beratungsgremium von ‘A Jewish Voice for Peace’ (www.jewishvoiceforpeace.org). Wie stehen Sie dazu, dass abweichende Meinungen unterdrückt werden – ob nun in der amerikanischen Politik oder durch die israelische Regierung?

    Adam Hochschild: Stimmt. Ich denke, hier, in den USA, werden abweichende Meinungen nicht so sehr unterdrückt wie in vielen anderen Staaten. Das kann extreme Ausmaße annehmen und extrem offen vor sich gehen: Leute werden erschossen oder ins Gefängnis gesteckt, weil sie unbequeme Wahrheiten sagen. Ich lebe natürlich lieber in einem Land, in dem mir mit Entzug eines Ehrentitels gedroht wird, als in einem, wo ich an die Wand gestellt und erschossen werde, weil ich anderer Meinung bin als die Regierung. Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass wir hier viel mehr Möglichkeiten haben, abweichende Meinungen zu äußern als Menschen in manchen anderen Ländern.

    Dennoch gibt es eine Orthodoxie, die sich durch alle Medien zieht. Selbst die ‘New York Times’, die mir wirklich sehr viel bedeutet und der ich täglich 45 Minuten widme, hat blinde Flecken in der Berichterstattung. Sie finden dort endlos lange Artikel über die Haushaltsdebatte, aber sehr selten wird die Frage gestellt, ob man den Militärhaushalt nicht kürzen sollte. Ja, es gibt hier Defizite. Warum ist so wenig davon die Rede, dass die USA soviel Geld für ihr Militär ausgeben wie der Rest der Welt zusammen? Das wird irgendwie als Selbstverständlichkeit hingenommen. Folglich denke ich, dass wir in einer Zeit leben, in der abweichende Meinungen nicht unbedingt unterdrückt werden, in der jedoch viele Vorstellungen zu selbstverständlich sind.

    Wenn Journalisten Phrasen wie diese dreschen: “Die USA brauchen für ihr Militär…”, wenn von unserem absolut kolossalen Militärbudget die Rede ist (ein Dutzend Flugzeugträger-Kampfeinheiten zu Wasser, Hunderte von Stützpunkten in anderen Ländern), wie kann man da von “brauchen”, von einem “Bedarf”, sprechen? Die Sprache verrät die (voreiligen) Schlüsse, die gezogen werden. Wer sie infrage stellt, bekommt in den Medien selten den Raum, den er/sie eigentlich eingeräumt bekommen sollte – Programme wie dieses natürlich ausgenommen. Es ist mir eine Ehre, hier zu sein – zusammen mit jemandem wie Tony Kushner.

    Amy Goodman: Macht es Ihnen Mut, zu sehen, dass die Reaktionen auf die Aberkennung des Titels im Falle Kushner eine Kehrtwende bewirkt haben – denn das war ja offensichtlich?

    Adam Hochschild: Ja, das tut es wirklich. In den letzten ein, zwei Jahren sind Organisationen entstanden wie ‘J Street’ in Washington. Dadurch sind die Dämme ein wenig gebrochen, so dass es endlich möglich ist (so meine Hoffnung) harte Kritik an der israelischen Politik zu üben, ohne gleich als Antisemit bezeichnet zu werden. Ich denke, man begreift so langsam, dass die bedingungslose Rückendeckung für Israel, über so viele Jahrzehnte, die USA ins Abseits manövriert haben. Aus dieser Position heraus ist es sehr, sehr schwierig, eine dauerhafte und gerechte Friedenslösung im Nahen Osten zu erreichen. Ich glaube, das erkennen heute mehr Menschen als dies früher der Fall war. Allerdings glaube ich, dass die Israel-Lobby immer noch die mit Abstand stärkste Lobby in Washington ist.

    Amy Goodman: Adam Hochschild, vielen Dank, dass Sie bei uns waren.

  • http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/006899.html
  • DER ERSTE WELTKRIEGRückblick auf ein “Feld politischen Lernens”

    Von Martin Hubert

    Soldaten stehen in einem Schützengraben während des Ersten Weltkriegs.

    Die anfängliche Euphorie vieler Beteiligter verwandelte sich in Grauen. (AP)

    Seinen Beinamen “Der große Krieg” trägt der Erste Weltkrieg zu Recht: Fast 70 Millionen Soldaten aus mehr als drei Dutzend Ländern waren beteiligt. Heute gilt er als Werkstatt aller Technologien, Strategien und Ideologien. Zwei Neuerscheinungen widmen sich unterschiedlichen Perspektiven.

    Ist das ein Lehrstück? Am 28. Juni 1914 ermorden Separatisten im serbischen Sarajewo den österreichischen Thronfolger. Einige Tage später erteilt das Deutsche Reich Österreich-Ungarn die berühmte “Blankovollmacht”: Man garantiert bedingungslose Unterstützung bei kriegerischen Reaktionen. Gut vier Wochen später beginnt der Erste Weltkrieg mit den zentralen Akteuren Deutschland, Habsburgisches und Osmanisches Reich, England, Frankreich, Russland und schließlich den USA. Im kommenden Jahr jährt sich der Kriegsbeginn zum hundertsten Mal, also ist es Pflicht, an diese Fakten zu erinnern. Ist es aber mehr als nur eine historische Pflicht? Der renommierte Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler bejaht das in seinem Buch “Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918” entschieden.

    Viele der Herausforderungen, die vor und nach 1914 das Handeln der Politiker und die Erwartungen der Bürger bestimmt haben, sind zwischenzeitlich zurückgekehrt und bestimmen auf die eine oder andere Weise erneut die europäische wie die globale Politik. Der Krieg von 1914 bis 1918 ist als Feld politischen Lernens wieder interessant geworden.”

    Und zwar deshalb, so Münkler, weil der Erste Weltkrieg eine Werkstatt aller Technologien, Strategien und Ideologien gewesen sei, die bis heute nachwirken: durchgeplante Kriegsführung, propagandistische Mobilmachung, übersteigerter Nationalismus und imperiales Machtstreben. Auf mehr als 800 Seiten präsentiert er dem Leser daher eine beeindruckende Gesamtdarstellung des Krieges, die mit zahlreichen Abbildungen versehen ist.

    Ein großer Anteil der Intellektuellen

    Münkler beschreibt detailliert die militärischen Strategien an der West- und Ostfront und die taktischen Fehleinschätzungen quer durch alle Lager. Er schildert den Einsatz neuer Waffentechniken vom MG über das U-Boot bis zum Giftgas mit seinen grausamen Folgen. Und er beleuchtet die soziale Lage in den Kriegsländern sowie die politischen Auseinandersetzungen um Krieg oder Frieden.

    Dabei zeigt er, wie entscheidend die Intellektuellen zur Eskalation auf beiden Seiten beitrugen. Sie propagierten den Krieg als nationales oder völkisches Erweckungserlebnis oder als Befreiung aus einem Zeitalter des Materialismus und Niedergangs. Wobei Münkler vor allem die über Deutschland kursierende Ansicht korrigiert, das ganze Volk sei ungeteilt vom Kriegsrausch erfasst gewesen.

    Zunächst ist festzuhalten, dass patriotisch aufgewallte Massen nicht nur in Berlin, München oder Wien, sondern ebenso in Paris, London und St. Petersburg zu beobachten waren. Doch ebenso wie in Mitteleuropa blieben die Umzüge und Versammlungen von Kriegsbegeisterten auch in den Ländern der Alliierten im Wesentlichen auf die Hauptstädte beschränkt und wurden überwiegend von den bürgerlichen Mittelschichten getragen. Das bestätigt die These, wonach der Erste Weltkrieg, zumindest in seiner Anfangsphase, ein Krieg der bürgerlichen Mittelschichten gewesen ist.”Britische Kriegsschiffe 1916 vor dem Zusammentreffen mit der deutschen Flotte am Skagerrak.Britische Kriegsschiffe 1916 vor dem Zusammentreffen mit der deutschen Flotte am Skagerrak. (AP Archiv)

    Was löste den Krieg aus?

    Wer aber war wirklich Schuld am Ausbruch des Krieges? Münkler entwirft ein komplexes Bild sich wechselseitig verstärkender Faktoren. Insofern schließt er sich neueren Deutungsmustern an, welche die Alleinschuld Deutschlands relativieren ohne die besondere Verantwortung des Deutschen Reiches zu leugnen.

    Der politischen und militärischen Führung Deutschlands sind zweifellos eine Reihe von Fehlurteilen und Fehleinschätzungen unterlaufen, aus denen dann Führungsfehler erwachsen sind, die zunächst in den Krieg und dann in die Niederlage geführt haben. Das beginnt beim Aufbau der deutschen Kriegsflotte und der ihr zugedachten weltpolitischen Aufgabe, geht weiter über den vermeintlich genialen Plan des Generals von Schlieffen, das Problem eines möglichen Zweifrontenkrieges zu lösen, und reicht bis zu dem verhängnisvollen Entschluss zu einem uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der die Mittelmächte endgültig auf die Verliererstraße brachte.”

    Insgesamt, so Münkler, hätten sich ständig verstärkende Ängste zum Ersten Weltkrieg geführt, das Sarajewo-Attentat sei nur der entscheidende Anlass gewesen. Besonders das ökonomisch aufstrebende Deutschland hatte schon vor 1914 durch den Kriegsflottenbau Expansionsängste bei seinen europäischen Nachbarn geschürt. Die Briten verbündeten sich daher mit Frankreich und Russland gegen die Mittelmächte Deutschland und Habsburg. Umgekehrt fühlten diese sich eingekreist und speziell Deutschland fürchtete eine militärische Übermacht Russlands.

    Münklers Buch überzeugt vor allem durch die Art und Weise, in der es die Beschleunigungseffekte im damaligen Weltgeschehen herausarbeitet. So schildert es, wie die jeweiligen Maßnahmen rasch zu immer neuen Zwangslagen führten. Ingesamt führt Münkler nachdrücklich vor, wie ein Krieg, den keine Partei bewusst als Weltkrieg angestrebt hatte, seine eigene Logik entfaltet. Wenn das Militär nicht eindeutig kontrolliert wird, nationale Ideologien und Expansionsgelüste existieren und Misstrauen zwischen den Mächten besteht, ist eine solche Katastrophe programmiert. Man könnte bereits das als Lehrstück bezeichnen. Münkler stellt aber auch direkte Bezüge zur Gegenwart her. Zentrale Konstellationen des Ersten Weltkriegs würden sich heute wiederholen. Etwa der Zerfall alter Ordnungsstrukturen in Europa, was zu schweren Konflikten führen könne.

    Die Betrachtung der EU nach dem Modell der Imperimsanalyse lässt die konfliktmindernde Wirkung der auf gegenseitige Toleranz zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen dieses Raums ausgelegte Politik der einstigen Großreiche deutlich werden. Ihr Zerfall vor und während des Ersten Weltkriegs gibt doch den einen oder anderen Fingerzeig, mit welchen Problemen und Herausforderungen die EU in diesem Raum in Zukunft zu rechnen hat; es gibt politische und kulturelle Eliten, die das Handeln der Brüsseler Kommission als das eines ausbeuterischen und unterdrückenden Imperiums darstellen und darüber den politischen Sprengstoff anhäufen, der 1914 entscheidend zur Katastrophe beigetragen hat.”

    Über diese Interpretation lässt sich sicherlich streiten. Aber Münklers aktuellen Bezüge machen auf jeden Fall nachdenklich. Sein zwar nicht immer flüssig, aber verständlich geschriebenes Buch bringt dem Leser den Ersten Weltkrieg damit jedenfalls als modellhaftes politisches Geschehen nahe, das mehr als nur historische Aufmerksamkeit verdient. Wobei Münkler eher die großen Strategien und Zusammenhänge beleuchtet, die persönliche und individuelle Seite des Krieges aber nur streift.

    Der Krieg aus britischer Sicht

    Ganz anders handhabt das der amerikanische Journalist Adam Hochschild in seinem Buch “Der Große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg”. Der Untertitel ist allerdings irreführend. Er sollte eher lauten “Der Niedergang des britischen Empire im Verlauf des Ersten Weltkriegs.” Hochschild selbst schreibt:

    Gewöhnlich wird ein Krieg als ein Duell zweier Seiten beschrieben. Ich habe stattdessen versucht, ihn durch die Kämpfe innerhalb eines Staates, innerhalb Großbritanniens zu begreifen.”

    Hochschild hat zahlreiche Biografien britischer Sozialisten, Suffragetten, Generäle und einfacher Soldaten ausgewertet. Das Produkt liest sich fast wie ein historischer Roman, der einzelne Schicksale mit geschichtlichen Fakten verbindet. Hochschild geht die Kriegsjahre chronologisch durch, achtet dabei aber nicht auf historische Vollständigkeit. Wichtiger ist ihm, nachzuzeichnen, wie in Großbritannien manchmal quer durch die Familien Pazifisten und Bellizisten um Krieg und Frieden rangen. Ausführlich stellt er auch den Krieg des britischen Empire gegen die Buren vor 1914 dar, um zu zeigen, wie bereits hier humanistische und aggressiv-imperialistische Kräfte aufeinanderstießen. Hochschilds Verdienst liegt vor allem darin, den britischen Kriegsgegnern ein Denkmal zu setzen, ohne dabei unkritisch zu sein. Und zu zeigen, wie der Krieg immer wieder unbeabsichtigte, aber folgenreiche Nebenwirkungen hervorbringt. Etwa am Beispiel des britischen Staatsmanns Sir Alfred Milner.

    Paradoxerweise machte der Krieg, an dessen siegreicher Beendigung Milner wesentlichen Anteil hatte, einer anderen seiner Illusionen ein Ende, dem Traum von einem “Bund britischer Nationen” mit einem gemeinsamen Parlament und Kabinett. Als er diese Idee während des Kriegs bei einem Treffen vorgetragen hatte, war sie mit einem peinlichen Mangel an Begeisterung aufgenommen worden. Das entsetzliche Blutvergießen des Kriegs erwies sich als überraschend ausschlaggebend für die kanadischen und australischen Bestrebungen, ihre nationalen Identitäten scharf gegen die Großbritanniens abzugrenzen. In beiden Ländern galten die bittersten und traurigsten Kriegserinnerungen den Zehntausenden Landsleuten, die von unfähigen britischen Generälen geopfert wurden.”

    Herfried Münkler zeigt die innere Logik von Krieg und imperialer Machtpolitik, Adam Hochschild deren persönliche Kehrseite. Insofern liegen hier zwei Bücher vor, deren Bild des Ersten Weltkriegs sich bestens ergänzen.

    Herfried Münkler: “Der große Krieg. Die Welt 1914 -1918”, bei Rowohlt verlegt, die 924 Seiten kosten 29,95 Euro.

    Adam Hochschild: “Der große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg”, dieser Titel ist bei Klett-Cotta erschienen, füllt 525 Seiten und ist für 26,95 Euro zu erstehen.

  • http://www.deutschlandfunk.de/der-erste-weltkrieg-rueckblick-auf-ein-feld-politischen.1310.de.html?dram:article_id=271566
  • Adam Hochschild: Der Große KriegDie tödliche Arroganz der Kavallerie

    Der Niedergang Europas aus Sicht des British Empire: Adam Hochschild hat versucht, eine Gegengeschichte des Ersten Weltkriegs zu schreiben. Herausgekommen ist eine Art historischer Roman – kein schlechter.

    06.10.2013, von GERD KRUMEICH

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    Adam Hochschild ist ein amerikanischer Journalist und Historiker, der in Deutschland vor allem durch seine Bücher über die Ausrottungspolitik im belgischen Kongo sowie über den Kampf um die Abschaffung der Sklaverei bekannt und geachtet ist. Nun erscheint pünktlich zum Jahrhundertereignis seine Geschichte des Ersten Weltkrieges, deren Originalversion 2011 unter dem Titel „To End all Wars. A Story of Loyalty and Rebellion 1914-1918“ erschienen ist. Der deutsche Titel stellt eine Irreführung des Lesers dar, denn dieser muss ja glauben, eine Überblicksgeschichte des Ersten Weltkrieges zu erhalten.

    Selbstverständlich erfährt man auch hier in oft äußerst detaillierter Form vieles aus den Schlachten und politischen Ereignissen des Krieges, aber „Der Untergang des alten Europa“ ist in dieser Form wirklich nicht erkennbar. Dazu ist das Buch für den unvorbereiteten Leser zu sehr aus britischer Perspektive geschrieben. Die Geschichte des Empire, seiner Entwicklung und seines Niedergangs, spielt eine dominierende Rolle. Hinzu kommt noch ein „typisch britisches“ Strukturelement, nämlich die Verzahnung von individuellen Schicksalen, sozialen Gruppen und Klassen mit der politischen und militärischen Geschichte.

    Griff nach zuverlässigen Quellen

    Wir kennen in Deutschland diesen Stil der Geschichtsschreibung nicht, weil sich für uns der Bogen nicht mehr so spannt zwischen der Geschichte des erlebten Krieges, des erinnerten Krieges und des auch für die heutige Identität jedes Einzelnen noch irgendwie gestaltenden Krieges. Das war der Erste Weltkrieg für Briten, Franzosen, Amerikaner, aber nicht mehr für diejenigen, die ihn verloren haben und deren Imperien verschwunden sind. Eine sehr „britische“ Geschichte also, die den deutschen Leser vor einige Herausforderungen stellt. Die anspruchslose und leider holprige Übersetzung erleichtert die Lektüre nicht gerade.

    Die Quellen von Hochschilds Erzählung sind zumeist zuverlässige und international akzeptierte Autoren, wie etwa Barbara Tuchman, deren Buch „August 1914“ eine sichere Leitschnur ist. Auch „Facing Armageddon“ von Hugh Cecil und Peter Liddle sowie David Fromkins in Deutschland ebenfalls beachtetes „Europas letzter Sommer“ werden immer wieder als Quelle genannt. Die Erzählung basiert dazu auf einer Reihe von Personalquellen in verschiedenen Nachlässen, etwa dem Nachlass von Charlotte Despard.

    Auf den Spuren eines Arbeiterhelden

    Charlotte Despard? Das ist eine in England und Irland sehr bekannte Frau aus einfachen Verhältnissen, die durch Heirat in ein wohlhabendes bürgerliches Milieu gelangte und sich gleichwohl mit größter Energie um das Schicksal der ärmsten Ausgebeuteten vor allem irischer Herkunft in Battersea, dem Londoner Ruhrgebiet, kümmerte. Nicht weniger als vier Seiten werden ihr im ersten Kapitel gewidmet, ihre gesellschafts- und kriegskritischen Aktivitäten während des Krieges sind ein roter Faden der Erzählung.

    Oder Keir Hardie, der große Führer der britischen Arbeiter, einem Bebel oder Jaurès vergleichbar, dessen erbittertem und verzweifeltem Kampf gegen den Krieg vor und nach 1914 in allen Einzelheiten nachgegangen wird. Ein ganzes Kapitel wird allein dieser Persönlichkeit gewidmet, deren Engagement so detailliert und liebevoll beschrieben wird, dass dahinter schließlich der gesamte Kampf der Zweiten Internationale gegen den Krieg geradezu ins Dunkel gerät. Pars pro toto? Daran mag man bei einer solchen Ungleichgewichtigkeit zweifeln. Aber es lohnt sich, den Schicksalen dieser britischen Helden des Klassenkampfes und der Antikriegsbewegung nachzugehen.

    Hochschild will, wie er im Prolog sagt, eine Geschichte der Verweigerung dieses wahnsinnigen Krieges schreiben. Aus den über den Text verstreuten biographischen Skizzen von Arbeiterführern, Generalen, Politikern und Schriftstellern soll sich die ganze Geschichte des Großen Krieges erschließen. Hochschild gesteht gleich zu, dass man auf diese Weise eigentlich eher einen Roman schreiben könnte, will uns dann mit folgendem leicht enigmatischen Hinweis beruhigen: „Die Geschichte bietet uns, von Nahem betrachtet, stets Menschen, Ereignisse und moralische Versuchsfelder, wie sie sonst nur von den bedeutendsten Schriftstellern erdacht werden können.“

    Am besten also, wenn der Historiker selbst ein „bedeutender Schriftsteller“ ist. Hochschild kann wirklich gut und fesselnd schreiben, und wenn man sich ganz auf seine auf Großbritannien zentrierte Sicht des Krieges einlassen will, dann ist dieses Buch eine intensive Lektüre wert.

    Die Brutalität der britischen Militärs

    So wird in dem mehr als einhundert Seiten langen Teil über die Vorgeschichte des Krieges ganz besonders die Karriere einiger im Krieg bestimmender Militärs beschrieben, nämlich John French und Douglas Haig, deren Aufstieg in den Kolonialkriegen ausführlich dargestellt wird. Aus der Kavallerie stammend, sahen sie den Krieg als ein kavalleristisches Abenteuer an und ließen sich durch die Evidenz Tausender Pferdekadaver vor den Maschinengewehrstellungen nicht davon abbringen. Haig war überzeugt, dass ein heranpreschender Kavallerist „die Nerven und Zielsicherheit eines MG-Schützen entscheidend beeinträchtige“, und äußerte gelegentlich, dass die kleine Kugel der heutigen Gewehre „ein Pferd kaum aufzuhalten vermag“.

    Die Arroganz der britischen Militärs, ihre imperialistische Brutalität, hat Hochschild ganz besonders ins Visier genommen – wie schon in seinen früheren Büchern. Das zeigt sich in der ausführlichen Beschreibung des Burenkrieges, mit den entsetzlichen Konzentrationslagern, in welche die rebellische Bevölkerung gnadenlos eingepfercht wurde. Und wo als ein wirklicher Lichtblick die Gestalt von Emily Hobhouse auftaucht, deren Leben und Leiden vor und im Krieg ein weiterer roter Faden des Buches bleibt. Hobhouse, aus vornehmen Stand, organisierte auf ungeheuer couragierte Weise die Hilfe für die unterdrückten Buren.

    Zur Funktion des Stacheldrahts

    Die Geschichte des Ersten Weltkrieges wird in fünf Kapiteln erzählt – eines für jedes Kriegsjahr, wo die heldischen und kriegerischen Persönlichkeiten mit den Kriegsereignissen munter durcheinandergewirbelt werden. Das bleibt immer interessant, wenn man diese Art von Erzählung schätzt, kann aber in keiner Weise den Anspruch erfüllen, eine Geschichte des Ersten Weltkrieges zu sein: Für die Marneschlacht hat Hochschild gerade einmal vier Zeilen übrig, und über Tannenberg erfährt man auf anekdotische Weise, wie die kampfunfähigen und verlumpten russischen Soldaten von betrunkenen und fetten Generalen in die Niederlage geführt wurden. Ludendorff und Hindenburg spielen dabei keine nennenswerte Rolle; Langemarck ist nahezu zur Karikatur vereinfacht. Verdun spielt kaum eine Rolle, weil es dort keine Briten gab. Dafür ist die Somme-Schlacht großartig intensiv geschildert – sie war ja auch das Menetekel der britischen Armee.

    Wenn also die Geschichte der Schlachten und der Kriegspolitik frustrierend einseitig bleibt, so gibt es zwischendurch immer wieder überzeugende und sonst kaum einmal so dicht erzählte Darstellungen, etwa wie sich die Heere im Spätherbst 1914 einbuddeln mussten oder welche Rolle der Stacheldraht im gesamten Krieg gespielt hat. Irgendwie ist dann doch das gesamte alte Europa in diesem Krieg zugrunde gegangen, aber das steht vor allem im deutschen Titel und betrifft die Erzählung eher am Rande.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/adam-hochschild-der-grosse-krieg-die-toedliche-arroganz-der-kavallerie-12599641-p2.html