Arbeitsausbeutung: “Das Problem hat sich mit der Wirtschaftskrise verschärft”

INTERVIEW | PETRA STUIBER
31. Mai 2014, 11:00

Ausbeutung, ein Problem auf dem Bau – aber nicht nur dort. Arbeiter aus Bulgarien und Rumänien werden nach Österreich gelockt, das versprochene Geld sehen sie fast nie

Wien – In der Pflege, auf dem Bau, in Schlachthöfen: In der gesamten EU arbeiten Menschen aus Bulgarien und Rumänien schwarz – und umsonst. Angeworben werden sie von Bekannten oder falschen Vermittlungsagenturen, auf die versprochenen vier Euro Stundenlohn warten sie dann vergeblich. Die bulgarische Expertin Anita Dimitrova kennt die Probleme.

STANDARD: Sie sind für die Bekämpfung von Menschenhandel zuständig. Was hat das mit Schwarzarbeit, etwa in Österreich, zu tun?

 

Dimitrova: Zu mir kommen fast alle Fälle von Menschenhandel oder Fälle mit Verdacht auf Menschenhandel, egal in welcher Form – sexuelle Ausbeutung, Betteln, Diebstähle, auch Arbeitsausbeutung. Das ist ein großes Thema in Bulgarien, das wir mit fast allen EU-Ländern haben – etwa mit Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Griechenland, Zypern und Polen. In Österreich ist das Problem besonders auf dem Bau virulent.

 

STANDARD: Wie geht das vor sich?

 

Dimitrova: Vorwiegend über Mundpropaganda oder falsche Vermittlungsagenturen. Bekannte aus dem Dorf oder aus der Region kommen mit dem Mercedes an und sagen, wie gut man im Westen verdient. Die Arbeitslosigkeit ist hoch bei uns, besonders in den ärmeren Regionen. Das Problem dabei: Den Leuten wird ein Stundenlohn von etwa vier Euro versprochen, und sie glauben, das ist viel. Und dann gibt es nicht einmal dieses Geld. Die Leute sind auch nicht versichert. Oft bleiben sie für Monate, lassen sich immer wieder vertrösten.

 

STANDARD: Was können Sie da tun?

 

Dimitrova: Wir raten den Opfern, sofort zu gehen – zu warten macht gar keinen Sinn, das Geld sehen sie nie. Positiv ist zu sehen, dass das Vertrauen der Bulgaren in staatliche Stellen langsam zunimmt. Früher hätte sich niemand an uns gewandt – jetzt kommen die Opfer wenigstens, wenn auch erst nach Monaten.

 

STANDARD: Ist das Bauwesen eine besonders problematische Branche?

 

Dimitrova: Das kann man so nicht sagen. Mit Deutschland haben wir beispielsweise das große Thema illegale Pflegekräfte, Fleischschlachten, Baustellen. Wir arbeiten sehr gut mit dem deutschen BKA und anderen staatlichen Einrichtungen zusammen. Leider gibt es keine Anti-trafficking-Agentur in Deutschland oder eine Taskforce zur Bekämpfung der Arbeitsausbeutung wie in Österreich. Aber wir kooperieren gut mit den NGOs in Deutschland.

 

STANDARD: Was bringt die Taskforce?

 

Dimitrova: Primär, dass wir direkte Ansprechpartner haben, die uns auch bei etwaigen Verfahren in Bulgarien helfen. Arbeitsausbeutung ist immer schwer zu beweisen. In Österreich haben wir noch keine einzige Verurteilung deswegen. Das mag auch daran liegen, dass sich die Opfer nicht als solche sehen – sie kommen erst zu uns, wenn sie schon monatelang kein Geld mehr gesehen haben. Oft sind die Grenzen zu anderen Verbrechen fließend: Von Erntehelferinnen und Erdbeerpflückerinnen, die etwa nach Spanien gegangen sind, erfahren wir oft nebenbei, dass sie auch sexuelle Gewalt und Ausbeutung erlebt haben.

 

STANDARD: Gibt es in Bulgarien Verfahren gegen Schlepper?

 

Dimitrova: 2013 startete eine Polizeiaktion “Haskovo” zwischen bulgarischen und österreichischen Polizeikräften. Das Ergebnis: 58 Tatverdächtige und circa 100 Opfer. Erste Verurteilungen gibt es bereits, die Täter sitzen bis zu neun Jahre im Gefängnis. Den Opfern stehen nun Entschädigungen zu, die muss man entweder auf dem Zivilweg einklagen – was mühsam ist. Oder man versucht, dies im Rahmen eines Strafverfahrens gleich dranzuhängen. Dabei ist uns die Taskforce im österreichischen Außenministerium behilflich.

 

STANDARD: Ist Arbeitsausbeutung in Österreich ein weniger großes Problem als etwa in Deutschland?

 

Dimitrova: Aus Österreich kommen fast nur noch Signale in Sachen Arbeitsausbeutung. Und wir haben das Dauerthema, dass sehr viele bulgarische Frauen hier sexuell ausgebeutet werden. In Deutschland auch. Was wir zum Glück nicht mehr haben, ist das Problem mit bettelnden bulgarischen Kindern auf Wiens Straßen. Das war 2005, 2006 virulent. Auch mithilfe der Drehscheibe in Wien, Botschaft und Bundeskriminalamt haben wir eine Lösung gefunden. Die Kinder sind heute in Wohngemeinschaften gut versorgt.

 

STANDARD: Hat sich das Problem durch die Öffnung des EU-Arbeitsmarktes verschärft?

 

Dimitrova: Nein. Die Ängste vieler Briten, hunderttausende Bulgaren würden nach Großbritannien gehen, haben sich nicht bewahrheitet. Das Problem der Arbeitsausbeutung hat sich mit der Wirtschaftskrise verschärft. Wir versuchen auch, auf lokaler Ebene gegenzuwirken. Viele Männer, die weggehen, um im Ausland ihr “Glück” zu machen, fallen daheim aus allen Netzwerken raus. Wenn sie arm zurückkommen, haben sie nichts mehr. Für diese Männer brauchen wir Unterkünfte.

 

STANDARD: Was tut Bulgarien auf Gesetzesebene gegen Ausbeutung?

 

Dimitrova: Seit 2003 gibt es bei uns Gesetze zur Bekämpfung des Menschenhandels. Bulgarien hat die EU-Richtlinie 2011/36 zur Bekämpfung von Menschenhandel 2013 implementiert. Der Begriff Menschenhandel im Strafgesetzbuch wurde spezifiziert und im Vorjahr erweitert. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 31.05/01.06. 2014)


Das Gespräch mit Anita Dimitrova fand im Rahmen der nationalen Konferenz zur Bekämpfung von Menschenhandel im April in Pleven (Nordbulgarien) statt.

http://www.antitraffic.government.bg

http://derstandard.at/2000001677431/Arbeitsausbeutung-Das-Problem-hat-sich-mit-der-Wirtschaftskrise-verschaerft