Neimann: “Europa schätzen, nicht nur meckern”

INTERVIEW | BIRGIT BAUMANN
23. Mai 2014, 18:17

In puncto Demokratie und Sozialleistungen sei Europa weltweit Vorbild, sagt die US-Philosophin Susan Neiman

Standard: Anfang der Achtzigerjahre wollten Sie von den USA unbedingt nach Europa. Was erschien Ihnen damals so verheißungsvoll?

  • Susan Neiman wünscht sich mehr Begeisterung für das Projekt

Neiman: Nicht nur vielen interessierten US-Bürgern, sondern auch Lateinamerikanern gilt Europa nach wie vor als Wiege der Kultur. Debatten werden in der Tageszeitung mit mehr intellektueller Tiefe geführt. Vieles ist zwar in der New York Times besser geschrieben, aber intellektuell steht auch sie manchmal noch im Schatten. Und das ist die beste Zeitung. Abgesehen von etwa der Bild-Zeitung wird in Europa mehr Allgemeinbildung vorausgesetzt. Allerdings gibt es in den USA und in Lateinamerika in der Literatur und Musik zeitgenössische kulturelle Leistungen, die man manchmal in Europa vermisst.

Standard: Sie packten also Ihre Koffer und landeten 1982 in Berlin. Entsprach dies dann Ihren Vorstellungen?

Neiman: Anfangs war ich sogar enttäuscht. Der Rassismus war in Deutschland, aber auch in Frankreich viel stärker. Was Integration betrifft, sind die USA wirklich viel weiter, sie sehen sie nicht als Problem, sondern als Chance. Auch heute noch vermisse ich – vor allem in Österreich – eine gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Fremden.

Standard: Gab es noch weitere Enttäuschungen?

Neiman: Man muss schon sagen, dass vor allem Deutschland und Österreich auch heute noch in der Frauenfrage 25 Jahre zurückliegen. Da möchte ich Europa nicht verallgemeinern, denn in Frankreich und Skandinavien ist die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf keine Frage mehr.

Standard: Dennoch leben Sie seit 30 Jahren mit Unterbrechungen hier. Warum blieben Sie?

Neiman: Europa ist der einzige Ort der Welt, wo ich meine Ideale am besten wiederfinde. Es hat die Gesellschaft, in der ich leben möchte – auch, wenn ich um die Probleme weiß. Schauen Sie sich die sozialen Errungenschaften an. Nicht einmal die Konservativsten würden jemals das System der gesetzlichen Krankenversicherung in Frage stellen. Was Präsident Barack Obama an Reförmchen geschafft hat, wäre hier in Europa absolut inakzeptabel. In den USA würde man die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als Sozialistin einstufen.

Standard: Manche Konservative in Deutschland sehen das ja auch so.

Neiman: Absurd. Wenn ich in den USA von Elterngeld, Arbeitspausen und bezahltem Urlaub von fünf Wochen berichte, glauben auch die Gebildeten, ich erzähle ihnen etwas vom Paradies. Die meisten Menschen in den USA wissen ja wenig über Europa. Es wird in den US-Medien generell wenig über das Ausland berichtet, und der Großteil der Amerikaner kann sich das Reisen nicht leisten.

Standard: Sie haben eingangs die Bildung erwähnt. Auch in den USA gibt es exzellente Universitäten.

Neiman: Richtig. Ich weiß auch, dass es in Europa nach wie vor die Kinder von Akademikern leichter haben mit dem Studium. Dennoch ist die Kluft zwischen Arm und Reich nicht so tief wie in den USA, wo man für gute Bildung viel bezahlen muss. Viele Leistungen in den USA gelten als “Benefit”, also eine Art Privileg. In Europa haben die Menschen ein Recht darauf.

Standard: Europa ist nicht überall gleich. Man denke an Griechenland oder die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Süden.

Neiman: Genau diese Zustände sind ein Argument für ein stärkeres Europa, das sich besser unter die Arme greifen muss, etwa mit Ausbildungsprogrammen für Jugendliche. Das ist auch eine Machtfrage. In zwanzig Jahren sind die jetzt aufsteigenden Länder wie Indien, Brasilien oder China so stark, dass nicht mal Deutschland als größte Volkswirtschaft alleine noch eine globale Stimme haben wird.

Standard: In Europa sehen das viele nicht so, sondern schimpfen auf den Brüsseler Zentralismus.

Neiman: Weil sie diese Errungenschaften als selbstverständlich ansehen. Ich sage den Menschen immer: Ihr müsst euer Europa schätzen, nicht nur meckern. Das heißt nicht, dass alles in Ordnung ist. Aber man muss die Errungenschaften begreifen und schätzen, um in der Lage sein, sie zu verbessern.Wir brauchen Europa auch als Bollwerk der Demokratie.

Standard: Was meinen Sie damit?

Neiman: Europa liegt nicht nur geografisch zwischen Russland und den USA. Ich sehe Bedrohung von beiden Seiten. Man hat gerade gesehen, dass Moskau nach dem Prinzip der traditionellen Repression vorgeht. Das gibt es in den USA nicht. Aber dort wird es dank jüngster Entscheidungen des Verfassungsgerichtes immer einfacher, dass Lobbys mit sehr viel Geld in die Politik eingreifen und ihre Interessen durchsetzen. Denken sie an die Waffen- oder die Energielobby. Auch das ist eine Aushöhlung der Demokratie, die man so in Europa nicht findet. (Birgit Baumann, DER STANDARD; 24.5.2014)

 

Susan Neiman (59) stammt aus Atlanta (Georgia). Sie studierte Philosophie in Harvard und an der Freien Universität Berlin. Von 1989 bis 1996 lehrte sie an der Yale University, von 1996 bis 2000 an der Universität von Tel Aviv. Seit dem Jahr 2000 ist sie Direktorin am Einstein Forum in Potsdam (Brandenburg).

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