Zehn Dinge, die man über Ungleichheit wissen muss

ANALYSE | ANDREAS SATOR

Es ist ein weltweiter Trend, dass die oberen zehn Prozent der Arbeitnehmer seit etwa 1980 immer mehr verdienen. An der Spitze liegen aber die USA, in denen die oberen zehn Prozent ihren Anteil von etwas mehr als 30 Prozent auf über 48 Prozent ausgebaut haben. Auch traditionell gleichere Länder wie Schweden und Finnland sind von diesem Trend nicht ausgenommen.

In Österreich liegt der Wert inklusive Einkommen aus Kapital bei etwa 30 Prozent. Das Land reiht sich damit unter den eher gleicheren Ländern ein. Wer genau in diesen zehn Prozent steckt, verraten die Statistiken nicht. Theoretisch wäre es auch möglich, dass das jedes Jahr gänzlich andere Menschen sind. Ökonomen gehen davon aus, dass es an den Rändern sehr wohl Verschiebungen gibt, der obere Teil aber relativ konstant ist.

Auch nach Umverteilung durch Transfers wie etwa der Familienbeihilfe und progressiven Einkommensteuern steigt die Ungleichheit in den meisten Ländern. Hier ist die Situation in den Ländern aber unterschiedlicher als bei den Arbeitseinkommen. In Österreich etwa ist der Gini stabil bei knapp 0,27, auch wenn vergleichbare historische Daten fehlen. In Kanada ist die Ungleichheit bis 2000 stark gestiegen und hat sich dann stabilisiert. In Dänemark steigt sie seit Ende der 1990er-Jahre, liegt aber immer noch bei 0,25 und damit auf sehr niedrigem Niveau.

Nimmt man nur den Gini-Index, ist die Ungleichheit bei den österreichischen Lohneinkommen in den letzten Jahren nicht gestiegen. Aber auch in Österreich konzentrieren sich die Einkommen stärker. Zahlen des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) zeigen, dass das obere eine Prozent seinen Anteil am Lohneinkommen seit 1995 netto von vier Prozent auf 5,9 Prozent erhöhen konnte. Die meisten Statistiken beziehen sich in Österreich aber nur auf Lohnsteuerstatistiken.

Darin sind aber die Einkommen von Unselbstständigen und aus Kapital (Zinsen, Dividenden, Mieten und so weiter) nicht enthalten. Ein genaues Bild der Lage haben die Ökonomen für Österreich nicht. Vor allem über die Entwicklung von Kapitaleinkommen wissen sie nicht viel. Aber gerade die werden immer wichtiger, sagt etwa Christine Mayrhuber vom Wifo. Zahlen aus dem Sozialbericht zeigen jedenfalls, dass Unternehmens- und Vermögenserträge seit Mitte der 1990er-Jahre stärker steigen als Arbeitnehmerentgelte.

Seit 1980 sind die Einkommensteuersätze für die höchsten Einkommen über den Globus deutlich gefallen. Geht es nach dem französischen Ökonomen Thomas Piketty, ist das ein wichtiger Grund für die steigende Ungleichheit. Mit Steuersätzen von 70 bis 90 Prozent für Topverdiener, wie es sie in den USA früher gab, lohnte es sich nicht, Millionengehälter auszuverhandeln, schreibt der Franzose in seinem Buch “Capital”. In den Ländern, in denen die Höchststeuersätze am meisten gesenkt wurden, seien auch die hohen Einkommen am stärksten gewachsen.

Oft wird die Globalisierung als Grund für die steigende Ungleichheit genannt. Die Bildungselite kann rund um den Globus arbeiten und studieren, während weniger gut ausgebildete Menschen unter der Billigkonkurrenz aus Schwellenländern leiden. Ökonomen gehen davon aus, dass das nicht mehr als ein Fünftel des Anstiegs erklären kann. Denn der Globalisierung seien alle Länder gleichermaßen ausgesetzt, die Ungleichheit steige aber unterschiedlich stark und schnell. Neben Steuerpolitik und Globalisierung sind sich die meisten Ökonomen einig, dass auch die Technologisierung ihren Beitrag leistet. Wer mit ihr umzugehen weiß, kann sein Einkommen stark steigern.

In Brasilien etwa geht die Ungleichheit deutlich zurück. Der Gini ist hier von 0,6 vor 20 Jahren auf mittlerweile unter 0,55 gesunken. Auch Chile und Mexiko wurden gleicher, freilich gehören die Länder Südamerikas noch immer zu denen mit der ungleichsten Einkommensverteilung der Welt. In Indien ist die Einkommensverteilung seit 1995 um zehn Prozent ungleicher geworden, der Gini ist von knapp 0,31 auf knapp 0,34 gestiegen. Über alle Schwellenländer hinweg kann man aber keinen klaren Trend erkennen.

 

In Österreich besitzen die oberen fünf Prozent fast die Hälfte des Bruttovermögens. Jeder zweite Haushalt besitzt eine Immobilie, jeder dritte hat etwas geerbt. Bei den obersten 20 Prozent liegt das mittlere Erbe bei knapp 240.000 Euro. 2010 wurde für Österreich erstmals erhoben, wie das Vermögen im Land verteilt ist. Das Ganze basiert auf einer komplexen Befragung, die die Ungleichheit wahrscheinlich deutlich unterschätzt.

Ökonomen haben das Problem, dass wirklich Reiche nicht an solchen Befragungen teilnehmen und Ärmere dazu neigen, ihre Armut zu verschleiern. Weil es erst eine solche Befragung gibt, lässt sich über längerfristige Trends auch nichts sagen. Obwohl die Erhebung des Vermögens über die EZB und die nationalen Notenbanken lief, lassen sich Daten für verschiedene Länder kaum vergleichen, sagen Ökonomen.

In Österreich spielen Kapitaleinkommen nur für die obersten fünf Prozent eine Rolle. Erst dann macht Arbeit weniger als 95 Prozent des Haushaltseinkommens aus. Das oberste Prozent kommt immerhin schon auf einen Anteil von einem Drittel, was die Kapitaleinkommen betrifft. Bei 3,7 Millionen österreichischen Haushalten sind das 37.000 Haushalte. Sie kommen im Schnitt auf mehr als 100.000 Euro an Einkommen aus Kapital (vorwiegend ausgeschüttete Unternehmensgewinne).

 

Durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise 1929 sind die Vermögen massiv eingebrochen. Seither erholen sie sich aber wieder und gewinnen im Verhältnis zu Einkommen stark an Bedeutung. Die Wachstumsrate von Vermögen liegt langfristig deutlich über der von Einkommen. Je größer die Vermögen im Verhältnis zu den Einkommen sind, desto größer der Stellenwert von Miet- und Zinseinkommen und ausgeschütteten Gewinnen.

Einerseits sorgt das steigende Vermögen dafür, dass Erben wieder eine größere Rolle spielt. Andererseits steigt aber auch die Mortalitätsrate (Anteil von Verstorbenen an der Population), die die Babyboomer in den vergangenen Jahrzehnten nach unten gedrückt hatten. Diese beiden Effekte lassen den Anteil des Erbes am Einkommen steigen. Für Österreich finden sich dazu keine Daten, der französische Verteilungskönom Piketty geht aber davon aus, dass die Entwicklung in ganz Europa ähnlich ist.

10. Heimischen Ökonomen fehlen umfassende Daten

In Österreich gibt es erst seit einer Erhebung der Nationalbank, die 2010 anlief, erste Daten zu den gesamten Vermögen. Dass das so lange gedauert hat, verärgert so manchen Ökonomen. “Das ist skandalös. Das ist eines der grundlegenden Dinge der Ökonomie, und wir wissen so wenig darüber”, sagt ein heimischer Ökonom, der anonym bleiben möchte, zu derStandard.at.

Jahrzehntelang sei Forschung darüber verhindert worden. So können Wissenschafter in Österreich nichts über die Entwicklung der Vermögen in den letzten Jahren und Jahrzehnten sagen.  Auch was Einkommen betrifft, klafft in den Zahlen der Vergangenheit eine Lücke, weil Zinsen, Mieteinnahmen und Gewinne nicht enthalten sind.

“Als Forscher wäre es natürlich immer besser, mehr Daten zu haben. Aber wir haben trotzdem ein ziemlich klares Bild”, sagt der Harvard-Ökonom Maximilian Kasy. In den letzten Jahren ist damit begonnen worden, über Befragungen die Datenlage zu verbessern. Internationale Ökonomen beschäftigen sich damit schon länger. Für Frankreich, Schweden, Großbritannien und die USA haben sich so schon ansehnliche Datenberge angesammelt. (Andreas Sator, derStandard.at, 21.5.2014)

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