Odessa sucht vor Präsidentenwahl nach Frieden

REPORTAGE | ANDRÉ BALLIN AUS ODESSA
23. Mai 2014, 19:30

Die Spekulationen um die Tragödie von Odessa erhalten neue Nahrung durch das Interview eines Ex-Beamten

Die Stadt bereitet sich indes ohne Enthusiasmus auf die Wahlen vor. Eine Abspaltung von der Ukraine ist für die Bürger aber kein Thema.

 

Ein zwei Meter hoher grauer Zaun steht vor dem Gewerkschaftshaus, doch die schwarzen leeren Fensterhöhlen blicken darüber hinweg – rauchgeschwärzt von den Brandspuren, die ein hasserfüllter Mob hinterlassen hat. Von drinnen ist Baulärm zu vernehmen. Die Stadtverwaltung hat eine Renovierung und die Absperrung angeordnet, um – wie es die Vizegouverneurin von Odessa, Soja Kasanschi, ausdrückte – “Exkursionen zum Ort der Tragödie zu beenden”.

 

Vor dem Zaun harren dennoch etwa 20 Menschen aus. Kerzen, Fotos, Briefe und angesengte Helme erinnern an die Katastrophe, die sich hier am 2. Mai ereignet hat, als offiziellen Angaben nach 46 Menschen – vor allem prorussische Aktivisten – bei blutigen Unruhen mit Fußballfans und Nationalisten ums Leben kamen.

 

Sie werde nicht wählen gehen, sagt Olga, eine etwa 50-Jährige, die vor dem Gewerkschaftshaus steht. “Nicht nachdem sie das unseren Jungs angetan haben.” Ein Plakat drückt die Meinung der Anti-Maidan-Anhänger noch wesentlich drastischer aus: “Wir können zwischen verschiedenen Sorten Scheiße nicht unterscheiden, darum nehmen wir an den Wahlen nicht teil.”

 

Immer noch ist nicht zweifelsfrei geklärt, wer die blutigen Zusammenstöße provoziert und zu verantworten hat. Die Kiewer Führung hat die lokale Polizei wegen ihrer Untätigkeit zum Schuldigen erklärt. Der daraufhin nach Transnistrien geflüchtete stellvertretende Polizeichef von Odessa, Dmitri Futschedschi, hat nun im russischen Fernsehen seine Version dargelegt, wonach der Konflikt bewusst von Kiewer Politikern um den Sekretär des nationalen Sicherheitsrates Andrij Parubij herbeigeführt worden sei, um ein Exempel zu statuieren.

 

Poroschenko auf Heimatvisite

 

Auch beim Besuch des aus Bolhrad im Gebiet Odessa stammenden Präsidentschaftskandidaten Petro Poroschenko am Donnerstag war das Blutbad Thema. Der Milliardär sprach den Angehörigen sein Beileid aus, äußerte sich ansonsten aber zurückhaltend und forderte, die Ergebnisse einer internationalen Untersuchungskommission abzuwarten, statt weiter Spekulationen anzuheizen. Es sei wichtig, dass die “Wunde” verheile und wieder Frieden und Stabilität in der Stadt einkehrten, sagte er.

 

Äußerlich hat Odessa längst zur Normalität zurückgefunden: Die Feierabendstaus am Freitag sind so lang wie immer, und auf der berühmten Bummelmeile Deribassowskaja, über die der nicht weniger bekannte Satiriker Michail Schwanezki einst sagte, er sei dort als junger Mann zur “Falkenjagd” gewesen (“Ich habe meinen Bruder von der Leine gelassen, und er kam mit zwei hübschen Mädchen im Arm zurück”), schlendern immer noch verliebte Paare und Touristen.

 

Für die Studenten im Bus sind weder der zurückliegende Konflikt noch die bevorstehenden Präsidentenwahlen ein Diskussionsthema. Viel mehr Gesprächsstoff bieten ihnen die ebenfalls anstehenden Prüfungen.

Den Wahlkampf nehmen die Odessiter mit Gleichgültigkeit auf. Zelte für Poroschenko, Julia Timoschenko oder den nationalistischen Swoboda-Kandidaten Oleg Tjagnibok sind zwar aufgebaut, doch die meisten gehen achtlos daran vorbei.

 

Ihre Broschüren werden die Wahlhelfer nur schleppend los, auch wenn einer versichert, die Stimmung sei freundlich.

 

“Für mich ist das Wichtigste, dass ich meine Familie ernähren kann”, sagt Jewgeni, der als Bauarbeiter und Taxifahrer seinen Unterhalt verdienen muss. Zu den Kandidaten hat er diesbezüglich kein großes Vertrauen. Vor vier Jahren habe er einmal Sergej Tigipko gewählt, doch der habe sich dann an Wiktor Janukowitsch verkauft. Diesmal werde er deswegen wohl nicht wählen gehen, meint Jewgeni.

 

Den Separatisten steht der junge Mann allerdings ebenfalls skeptisch gegenüber: “Odessa gehört zur Ukraine”, sagt er. Geschichten, dass die russischsprachige Bevölkerung diskriminiert werde, seien “Quatsch”, fügt er hinzu. Er könne überall Russisch sprechen und werde verstanden. Auch seine Tochter besuche eine russische Schule, die in der Stadt zahlreich seien. Die Argumente für eine Loslösung von der Ukraine weist er somit zurück.

 

“Das Letzte, was wir brauchen, ist ein Krieg”, betont Jewgeni. Glücklicherweise sei es nach dem 2. Mai in Odessa weitgehend ruhig geblieben. Er hoffe, dass es so bleibt – dann sei ihm egal, wer letztendlich ukrainischer Präsident werde. Einen Rat hat er aber doch für das künftige Staatsoberhaupt. “Wir sollten es so machen wie in Kanada: Da gibt es auch zwei Amtssprachen”, sagt er.

 

Wenn das Gleiche in der Ukraine realisiert werde, dann gebe es für die Separatisten keinen Vorwand mehr weiterzukämpfen, meint er. (André Ballin aus Odessa, DER STANDARD, 24.5.2014)

http://derstandard.at/2000001517350/Odessa-sucht-vor-Praesidentenwahl-nach-Frieden