Die Schlacht in Syrien fordert weiterhin viele Opfer. Quelle: Reuters

‘SCHURKENSTAATEN’ – 7 KRIEGE IN 5 JAHREN?

Die USA teilen die Welt in 2 Gruppen ein. In Staaten, die ihre Politik unterstützen und solche, die das nicht tun. Die 2. Gruppe nennen sie ‘Schurken-Staaten’. Dabei geht es nie um Freiheit, Demokratie oder Menschenrechte. Sondern um Märkte und Rohstoffe. Ex-NATO-Chef Clark berichtete, man habe ihm 2001 eine Liste mit 7 Schurken-Staaten vorgelegt, die man in den nächsten 5 Jahren angreifen wolle. Irak, Libyen, Syrien, Iran usw. (Siehe unten den Link zu Wesley Clarks Rede).

Als 2011 Afghanistan und Irak weitgehend ‘abgehakt’ waren und auch Gaddafi wankte, erklärten die USA, nun werde man Syrien befreien und die dortigen demokratischen Aufständischen unterstützen.

Kein Politiker der arabischen Welt, der auf drei zählen kann, nahm den USA ihre demokratische Motivation ab. Sie hätten ja sonst auch in Saudi-Arabien und anderen autoritären Golfstaaten intervenieren müssen.

Gegen Verbündete gehen die USA jedoch nie vor. Egal, welche Staatsform sie haben und wie sie ihr Volk behandeln. Weil Verbündete nach der US-Schurkenstrategie keine Schurken sind. Als die USA noch mit Saddam Hussein gegen Iran verbündet waren, pflegten sie Kritikern unter vier Augen zu antworten: “Wir wissen, dass er ein Schurke ist, aber er ist unser Schurke”- das heißt kein echter Schurke.

Die USA arbeiten in vielen Regionen der Welt eng und vertrauensvoll mit grauenvollen Diktatoren zusammen. Jeder Politiker des Mittleren Ostens weiß das.

Von den USA öffentlich zum Schurken ernannt zu werden heißt also nur, nicht nach ihrer Pfeife zu tanzen und deshalb auf ihrer Abschussliste zu stehen. Mit gut und böse hat es nicht das Geringste zu tun.

Wäre der Amerika-kritische Diktator Assad Demokrat, würden die USA ihn auch bekämpfen. Sie haben schon viele demokratische Regierungschefs gestürzt, weil sie sich ihrer Politik widersetzten. In Zentralamerika beseitigten sie ein gutes halbes Dutzend demokratische Führer, in Chile Salvador Allende, in Iran Mohammad Mossadegh – teilweise großartige, charismatische Männer.

Die USA halten Demokratien im Mittleren Osten gar nicht für wünschenswert. Sie müssten sich sonst ja bei jeder Wahl Sorgen um die Sicherheit ihrer Rohstoffversorgung machen. Öl ist den USA viel wichtiger als Demokratie.

Wenn es den USA gar nicht um Demokratie geht, was wollen sie dann in Syrien? Jimmy Carter beantwortet diese Frage in seinem Buch ‘Unsere Werte sind in Gefahr- Amerikas moralische Krise’ ganz offen. Als er 2005 auf einer Reise in den Mittleren Osten auch Syrien besuchen wollte, erhielt er einen Anruf von Bush’s Sicherheitsberater. Der verlangte im Auftrag des Präsidenten, Carter solle seinen Besuch bei Assad sofort absagen. Assad habe sich – so Bush’s Sicherheitsberater wörtlich- “im Krieg gegen den Irak nicht kooperativ verhalten.” Man müsse jetzt “Druck auf Assad ausüben”. Ein Besuch Carters sei daher äußerst schädlich.

Nach einer ‘hitzigen Diskussion’- so Carter- sagte dieser seinen Besuch in Damaskus ab. Assad hatte mit seiner Weigerung, 2003 am Überfall auf den Irak teilzunehmen, seinen Platz auf der US-Liste der Schurkenstaaten so fest gezurrt, dass selbst Jimmy Carter nicht mehr mit ihm sprechen konnte. Er stand jetzt ganz oben auf der US-Abschussliste.

Er würde allerdings sofort von dieser Liste herunter genommen, wenn er sich den USA unterwerfen würde. Wenn er vor allem sein Bündnis mit Iran aufkündigen würde. Saudi-Arabien hat das mehrfach auf vertraulichen Kanälen signalisiert.

Oder wenn er sich mit Israel arrangieren würde. Bill Clinton bot Syrien einst an, es von der Liste der Förderer des Terrorismus herunter zu nehmen, wenn es die amerikanisch-israelischen ‘Friedenspläne’ akzeptiere. Da Syrien ablehnte, blieb es auf der Liste.

Was für das syrische Volk -oder andere Völker- gut ist, hat die USA nie interessiert. Sie haben sich in Syrien deshalb auch nie wirklich für die Ideale der demokratischen Demonstranten der ersten Stunden interessiert. Sie haben deren Anliegen bedenkenlos verraten, als sie sahen, dass diese sich nicht durchsetzen konnten. Sie hatten nie Bedenken, Waffenlieferungen Saudi-Arabiens und Katars an stärkere, extremistischere Kräfte in Syrien durchzuwinken, weil sie glaubten, diese könnten Assad schneller stürzen. Und seien deshalb nützlicher für die USA.

Die USA werden auch die extremistischen Rebellen verraten, falls diese erfolglos bleiben. Auch die Extremisten sind nur ‘Bauern im Mittelost-Schach’ der USA. Den USA geht es nicht darum, dass das syrische Volk seinen Willen durchsetzt, sondern dass SIE ihren Willen durchsetzen. Der aber lautet in Wesley Clarks Worten:

“Den Mittleren Osten destabilisieren, auf den Kopf stellen und dann kontrollieren.”

Wie gesagt, Clark war NATO – Oberbefehlshaber und bewarb sich später um das Amt des Präsidenten der USA. Clark und Carter sind keine Verschwörungstheoretiker. Sie sind knallharte amerikanische Patrioten. Allerdings von der seltener gewordenen ehrlichen Sorte.

Wie kommt es, dass so viele Menschen im Westen die ‘Schurkenstaaten-Strategie’ der USA nicht durchschauen? Dass sie nicht merken, dass es den USA nicht um edle, humanitäre Ziele geht, sondern nur um die Durchsetzung ihrer Interessen? Wie ist es möglich, dass so viele arabische Regierungen dieses zynische machtpolitische Spiel sogar unterstützen?

Im Interesse der arabischen Völker liegt die Unterwürfigkeit gegenüber den USA bestimmt nicht. Gibt es keine Politiker mehr wie Gamal Abdel Nasser, der den Mut hatte, offen zu sagen, Arabien gehöre den Arabern und nicht dem Westen? Der zu Recht erkannte, dass man mit den Ölmilliarden der reichen Golfstaaten das Leben der gesamten arabischen Welt dramatisch verbessern könnte.

Wenn ich mich für ein Ende der amerikanischen Einmischung in Syrien ausspreche, dann nicht aus Sympathie für die syrische Regierung. Sondern aus Sympathie für das syrische Volk. Und weil ich glaube, dass es den Arabern besser ginge, wenn sie zusammen hielten, statt sich im Interesse der USA zu bekämpfen. Wenn sie endlich die ‘Schurkenstaaten-Strategie’ der USA durchschauten.

Ich weiß, langsam muss ich aufpassen, dass nicht auch ich auf irgendeiner ‘Schurkenliste’ lande. Deshalb nochmals der Hinweis: Die meisten Weltmächte der Geschichte haben mit derartigen Schurkenlisten gearbeitet. Sie haben sie nur anders genannt.

Weltmächte nahmen und nehmen sich immer, was ihnen gefällt. Wer sich ihnen entgegen stellt, wird mit Gewalt aus dem Weg geräumt. Was die USA von anderen Großmächten der Geschichte unterscheidet, ist dass sie selbst bei brutalsten Interventionen behaupten, sie handelten ausschließlich zum Wohle der Menschheit. Sie kämpften für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Das ist die große Lebenslüge der Regierungen der USA, mit der sie übrigens auch ihr eigenes Volk betrügen.

Euer Jürgen Todenhöfer

Wesley Clark: http://www.youtube.com/watch?v=MMAONc7GeIc