Glosse
Vermüllter Meeresgrund

Die Spuren der Wegwerfgesellschaft, insbesondere Plastikmüll, finden sich fast überall am Meeresboden. Auch in Tiefseegräben, wo man sie nicht vermuten würde. Der Grad der Umweltverschmutzung ist alarmierend, wie eine europäische Studie zeigt.

08.05.2014, von MANFRED LINDINGER

© EVA RAMIREZ-LLODRAEVA RAMIREZ-LLODRA, INSTITUT DE CIENCIES DEL MARVergrößernErschreckende Ausbeute: Diesen Müll wurde mit Hilfe einem Grundschleppnetz aus dem Gefälle des Blanes Canyons im Mittelmeer aus einer Tiefe von …

Ob Flaschen, Eimer, Verpackungsmaterial, Tüten, Folien, Zahnbürsten oder kaputtes Spielzeug – riesige Mengen Plastikmüll treiben in den Weltmeeren und verschandeln die Strände. Mehr als sechs Millionen Tonnen kommen jedes Jahr schätzungsweise hinzu, etwa so viel, wie 1960 weltweit an Plastik produziert wurde.

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Der Müll stammt von achtlos über Bord geworfenen Gegenständen, von Treibgut aus der Hochseefischerei oder von Verpackungen und Alltagsgegenständen, die tagtäglich über die Kanalisation in die Flüsse und schließlich ins Meer gespült werden. Dass der Müll nicht nur großflächig auf der Meeresoberfläche schwimmt, sondern bereits an vielen Stellen den Meeresboden verschmutzt hat, zeigt die Studie einer europäischen Forschergruppe.

Plastikmüll überall

Die Wissenschaftler, darunter Forscher vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, haben zahlreiche Gebiete im Nordost-Atlantik im Arktischen Ozean und im Mittelmeer untersucht und in flachen Küstenregionen bis in Tiefen von 4500 Metern die Spuren der Wegwerfgesellschaft gefunden. Die größten Müllmengen fanden die Wissenschaftler – was wenig wundert – in der Nähe dichtbesiedelter Ballungsräume, aber auch in Tiefseegräben. In dem 1600 Meter tiefen Lisbon Canyon vor der Küste Portugals fanden sich im Mittel 66 Plastikteile auf einem Hektar Meeresboden. Weil diese Schluchten häufig die flachen Küstengewässer mit der Tiefsee verbinden, kann durch sie der Müll von den Küsten in tiefere und weiter abgelegene Regionen gelangen, so die Forscher.

Plastiktüte im HAUSGARTENEine Plastiktüte am Tiefsee-Observatorium „Hausgarten“ des Alfred-Wegener-Instituts in der Framstraße, zwischen Spitzbergen und Nordostrundingen …© MELANIE BERGMANN, OFOSBilderstrecke 

Viele Stellen hätten sie zum ersten Mal besucht. „Und wir waren schockiert, zu sehen, dass unser Müll schon vor uns da war“, sagt Kerry Howell von der Universität Plymouth und Mitautor der in der Online-Zeitschrift „Plos One“ erschienenen Studie. Plastik, vor allem Flaschen und Tüten, war mit 41 Prozent die bei weitem häufigste Müllsorte. Sie fand sich in fast allen Schleppnetzproben und auf der Hälfte der Videoaufnahmen, die von Tauchrobotern stammten. Ein Drittel bestand aus Fischereimüll wie Netzen und Leinen. Zudem fanden die Forscher Glas, Metall, Holz und Papier, aber auch Keramik und zahlreiche nicht zu identifizierende Gegenstände, also alles Material, das auf die Mülldeponie gehört, aber nicht auf den Meeresgrund.

Der fatale Kreislauf

Die größte Gefahr droht vom Kunststoff. Während sich Papier, Holz und sogar Cola-Dosen früher oder später zersetzt haben, verrottet Plastik nicht. Es wird allenfalls durch mechanische Prozesse und Verwitterung so lange aufgerieben, bis mikroskopische Partikeln übrig bleiben. Meeresbiologen fürchten verheerende Folgen für das marine Ökosystem. Meerestiere verfangen sich in den Plastikteilen oder ersticken daran. Je größer ein Organismus, so die einfache Rechnung, desto mehr Plastik nimmt dieser auf. Am oberen Ende der Nahrungskette stehen bekanntlich wir Menschen. Und so schließt sich der traurige Kreislauf. Gifte, für die wir Verantwortung tragen müssten, werden für uns selbst zur Gefahr.

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Quelle: F.A.Z.

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