Ukraine und Russland: Zwei “Brudernationen” im militärischen Ungleichgewicht

ANALYSE | NOURA MAAN
11. Mai 2014, 11:59

Das militärische Kräfteverhältnis zwischen der Ukraine und Russland zeigt Moskau zwar klar im Vorteil, ein Eingreifen in der Ostukraine würde aber zahlreiche Risiken mit sich bringen

In der Ukraine-Krise stehen die Zeichen momentan eher auf Konfrontation, als auf Entspannung: Seit Wochen halten prorussische Separatisten mehrere Verwaltungsgebäude im Osten der Ukraine besetzt und fordern mehr Autonomie. Die ukrainische Armee geht gegen die Aktivisten innerhalb ihres “Anti-Terror-Einsatzes” vor, es gibt zahlreiche Tote und Verletzte. Moskau drohte bereits mehrmals mit “Konsequenzen”, sollte Kiew die Armee gegen die russischsprachige Minderheit in der Ostukraine einsetzen. Das militärische Kräfteverhältnis zeigt hinsichtlich eines möglichen militärischen Konflikts einen eindeutigen Vorteil für Russland, ein Eingreifen Moskaus in der Ostukraine würde aber auch viele Risiken mit sich bringen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion baute die Ukraine eigene Streitkräfte auf. Laut Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) gab Russland im Jahr 2013 zwar knapp 88 Milliarden Dollar für Rüstung aus und damit rund 15 mal mehr, als die Ukraine – beim Vergleich der Ausgaben im prozentuellen Anteil des Bruttoinlandsproduktes gemessen liegen die beiden Länder nach SIPRI-Schätzungen aber gar nicht so weit auseinander.

Laut SIPRI-Bericht ist die Ukraine außerdem jenes europäische Land, dessen Rüstungsausgaben sich zwischen 2012 und 2013 am meisten erhöht haben – nämlich um rund 15 Prozent. Mitte März 2014 beschloss das ukrainische Parlament eine weitere kurzfristige Erhöhung des Militäretats um 600 Millionen Dollar. Die russische Armee ist der ukrainischen jedoch quantitativ wie qualitativ immer noch weit überlegen.

Nach Angaben des International Institute for Strategic Studies (IISS) in London stehen den rund 130.000 aktiven ukrainischen Soldaten fast 850.000 russische gegenüber – eine mehr als sechsfache Übermacht. Aber nicht nur personell, auch im Hinblick auf die Anzahl der Waffensysteme dominiert die Militärmacht Russland gegenüber der Ex-Sowjetrepublik. Ein Großteil des ukrainischen Heeres ist nach Angaben von IISS mit veralteten Sowjetpanzern ausgerüstet, die zu einem Großteil ersetzt werden müssten.

Die ukrainische Luftwaffe ist mit etwa 200 Kampfflugzeugen der Typen MiG-29 und Su-27 ausgestattet. Diese gelten zwar als gute Waffensysteme, gezweifelt wird in dem IISS-Bericht aber am technischen Zustand der Flugzeuge sowie der Erfahrung und Leistungsfähigkeit der Piloten. Ganz abgesehen davon, dass Russland auch in puncto Kampfjets der Ukraine um mehr als das sechsfache überlegen ist.

Auch bezüglich der Marine ist das Kräfteverhältnis eindeutig – Moskau verfügt über rund 170 Kriegsschiffe, während Kiew keine nennenswerten Seestreitkräfte mehr zur Verfügung hat. Die genaue Anzahl der noch verfügbaren Kriegsschiffe sei nach Angaben von IISS unklar, da nicht bekannt sei, wieviele ukrainische Schiffe die russische Schwarzmeerflotte nach der Angliederung der Krim an Russland übernommen hat.

Militärstrategische Risiken für Moskau

Trotz der Überlegenheit Russlands birgt ein militärisches Eingreifen in der Ostukraine nach Angaben von Experten der Swedish Defence Research Agency (FOI) zahlreiche Risiken für Moskau. Im Gegensatz zur Besetzung der Halbinsel Krim sind jene Regionen der Ostukraine, wo bewaffnete prorussische Milizen Verwaltungsgebäude besetzt halten, nicht so leicht zu isolieren.

Auf der Krim gibt es auf dem Landweg nur zwei Zugänge und die russische Armee war dort bereits in Form der Schwarzmeerflotte präsent. Ein militärisches Eingreifen Russlands in der Ostukraine würde deshalb eine sehr viel größere Truppenstärke erfordern. Eine wesentliche Rolle spielt dabei laut dem Bericht der Swedish Defence Research Agency die Tatsache, dass die russischen Truppen zwar zahlreich sind, aber auch an vielen Fronten gleichzeitig einsatzbereit sein müssen.

Vor allem die Regionen um den Kaukasus sowie Zentralasien könnten sich jederzeit zu unberechenbaren Konfliktherden entwickeln, die einen vollkommenen Abzug russischer Soldaten unmöglich machen. Außerdem bleibt unklar, ob sich in der Ostukraine nicht Widerstand gegen den russischen Einmarsch formieren oder westliche Truppen auf der Seite der Ukraine eingreifen würden.

So groß die russische Militärmacht auch ist, es wäre ihr wohl nicht möglich genug ukrainisches Territorium langfristig als Pufferzone zu halten, ohne damit gleichzeitig ein hohes militärstrategisches Risiko einzugehen. (Noura Maan, derStandard.at, 9.5.2014)