Viele denken, die Schuldenkrise sei abgehakt. Aber die boomenden Finanzmärkte täuschen. Fachleute halten die derzeitigen Lösungsversuche für untauglich und rechnen mit Rückschlägen.

Tatsächlich zeigen Analysen von Fachleuten wie Òscar Jordà, Moritz Schularick, Alan Taylor oder auch Daniel Stelter, dass in der Vergangenheit viele ein Dolce Vita auf Kredit geführt haben. Weltweit sind die Schulden von Staaten und Privaten stärker gestiegen als ihre Wirtschaftsleistung – in Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien phasenweise sogar doppelt so schnell. Die aufgelaufenen Verbindlichkeiten sind inzwischen so enorm, dass der laufende Versuch, die Schuldenkrise mit neuen Krediten zu bekämpfen, geradezu surreal erscheint. Alle Versuche, der negativen Folgen eines auf Kredit erzeugten Booms Herr zu werden, seien untauglich, schreibt Daniel Stelter, Betreiber des Blogs «beyond the obvious ». Die Geldpolitik verliere im Umfeld der Überschuldung ihre Wirksamkeit und führe eher zu einer weiteren Verschärfung der Krise.

Gegenteil vom Ziel erreicht

Tatsächlich warnen Marktbeobachter längst vor einer möglichen « Gewinnblase» an den Aktienmärkten und vor den Risiken, welche von enormenWertpapierkäufen auf Kredit ausgingen. Auch der geldpolitisch induzierte Preisauftrieb an den Immobilienmärkten in weiten Teilen der Welt sorgt für Bedenken. Der Wert von Immobilien sei viel stärker gestiegen als die verfügbaren Einkommen – und das sei riskant. Fachleute wie Chris Watlin von Longview Economics erklären, es sei nur eine Frage der Zeit, bis der monetär und künstlich frisch entfachte Immobilienboom in Grossbritannien erneut platzen werde. Sobald die Hauspreise zurückgingen und die zuvor stark gestiegenen Kurse von Wertpapieren fielen, hätten die Notenbanken genau das deflationäre Szenario provoziert, das sie an sich verhindern wollten. Möglicherweise beginne dann der wirtschaftliche Teufelskreis, der eingangs beschrieben wurde und der sich in Japan seit 1990 zeigt.

http://www.nzz.ch/finanzen/uebersicht/finanzportal/surrealer-optimismus-im-schatten-der-krise-1.18300493

Geringe Schwankungsbreite

Aktienmärkte vor Richtungsentscheidung

Michael Rasch Heute, 12. Mai 2014
Die Schaukelbörse dürfte einige Anleger enervieren: Schiffsschaukel in Hamburg.
Die Schaukelbörse dürfte einige Anleger enervieren: Schiffsschaukel in Hamburg. (Bild: Imago)
Seit Monaten tendieren die Aktienindizes seitwärts. Inzwischen ist die Schwankungsbreite sehr gering. Eine Richtungsentscheidung rückt immer näher.

Die Börse kann sehr ermüdend sein. Seit mehreren Monaten laufen die führenden Aktienindizes weitgehend seitwärts. Diese Schaukelbörse dürfte einige Anleger inzwischen enervieren. Das gilt umso mehr, als es auch im Tagesverlauf drastische Schwankungen gibt. So fiel der Schweizer Leitindex SMI beispielsweise am vergangenen Montag vormittags um rund 120 Punkte und zog schliesslich nachmittags wieder um knapp 70 Punkte an.

Der Dow Jones Industrial schwankt im Prinzip seit Mitte Dezember zwischen 16 000 und 16 600 Zählern, wobei es nur von Mitte Januar bis Mitte Februar zu einem deutlichen Ausbruch nach unten kam, der aber schnell wieder korrigiert wurde. Der Swiss-Market-Index (SMI) verläuft sogar schon seit Mitte Oktober in einer Spanne zwischen 8000 und 8500 Punkten, die lediglich Mitte Dezember einmal kurzzeitig – ebenfalls nach unten – verlassen wurde. Dieses Bild gilt derzeit für zahlreiche Indizes dies- und jenseits des Atlantiks. Auffällig ist in den letzten Wochen, dass häufig eine Serie fallender Hoch- und steigender Tiefpunkte zu beobachten ist. Die Handelsspanne engt sich also zunehmend ein. Manche Beobachter schliessen daraus, dass sich immer mehr Druck aufstaut, der sich bald in einem Ausbruch nach oben oder unten entladen dürfte.

Etliche Analytiker trauen jedoch dem Markt derzeit nach oben nicht viel Kraft zu. Eine wichtige Ursache dafür ist, dass die Marktbreite deutlich nachgelassen hat. So fällt die sogenannte Advance/Decline-Linie für viele Märkte deutlich stärker als der jeweilige Aktienindex. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Kurse primär von wenigen Titeln mit grosser Marktkapitalisierung getragen werden und der breite Markt nicht voll mitzieht. Zudem gab es jüngst ein erstes Hindenburg-Omen, auch dies ist ein Zeichen einer nachlassenden Marktbreite. Für steigende Kurse sprechen hingegen einschlägige Indikatoren, die noch viel Luft nach oben haben, sowie die für ein längerfristiges zyklisches Top noch viel zu vorsichtige Stimmung der Anleger.

Ein Mass für die Identifikation von Extremwerten an den Aktienbörsen ist unter anderem die Abweichung eines Indexes von seinem gleitenden Durchschnitt. Üblicherweise wird dafür die 200-Tage-Linie herangezogen, also der gleitende Durchschnitt über 200 Tage. Für kürzerfristige Aussagen könnte man aber auch die 50-Tage-Linie oder sogar die 20-Tage-Linie verwenden. Die Abweichung des Dow und des SMI vom gleitenden Durchschnitt über 200 Tage ist derzeit sehr gering. Bei beiden beträgt sie jeweils lediglich gut 3%. Dies ist im historischen Vergleich sehr wenig. Wie die Grafiken zeigen, ist es beim Dow Jones Industrial während der Finanzkrise zu einer Abweichung von rund 50% gekommen, was auch über mehrere Dekaden ein einmaliger Wert ist. In der Regel zeigen Abweichungen von über 20% und je nach Marktphase sogar von gut 15% ein zyklisches Tief beim Dow an. Der SMI ist hingegen etwas weniger volatil. In den vergangenen 15 Jahren wurden nur zweimal Werte von gut 40% erreicht, nämlich im Jahr 2001 und dann wieder Anfang 2009. Auch beim SMI deuten Werte von zwischen 20% und 40% oftmals auf das Erreichen eines Tiefs.

Für einen kürzeren Zeithorizont ziehen Beobachter oftmals den gleitenden Durchschnitt über 20 Tage heran. Die Abweichung vom Index schwankt in diesem Fall in der Regel zwischen 0% und 5%. Aber auch hier kam es in Krisensituationen teilweise zu massiven Abweichungen von mehr als 10% bis sogar mehr als 20%. Solche Extremwerte nutzen Beobachter ebenfalls, um mögliche zyklische Tiefpunkte an den Aktienbörsen zu identifizieren.

Auffällig ist, dass bei allen Indizes die Ausschläge in fallenden Märkten sehr viel stärker sind als bei steigenden Aktienkursen. Dies hängt damit zusammen, dass Kurskorrekturen meist schockartig und somit sehr schnell geschehen, während Aufwärtstrends in der Regel viel ruhiger verlaufen. Einen sogenannten Melt-up, das Gegenteil von einem Absturz, also einem Melt-down, sieht man extrem selten.

http://www.nzz.ch/finanzen/strukturierte_produkte/uebersicht/baldige-explosion-an-den-aktienmaerkten-erwartet-1.18300494