Kohlezeichnung von Karl Liebknecht

Der Jurist und Politiker Karl Liebknecht nach einer Kohlezeichnung von Gerhard Augst. (picture-alliance / dpa)

Als Vertreter des linksrevolutionären SPD-Flügels kritisierte Karl Liebknecht 1914 nur wenige Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs die europäische Rüstungsindustrie im Deutschen Reichstag. Bereits ein Jahr zuvor hatte er die Aufstockung der Armee angeprangert und den Korruptionsskandal “Kornwalzer” bei der Firma Krupp publik gemacht.

Musik Hannes Wader

Auf, auf zum Kampf zum Kampf
Zum Kampf sind wir geboren
Auf, auf zum Kampf zum Kampf
Zum Kampf sind wir bereit
Dem Karl Liebknecht dem haben wirs geschworen
Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand
Dem Karl Liebknecht dem haben wirs geschworen
Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand

Karl Liebknecht, Märtyrer des linken Flügels der deutschen Arbeiterbewegung; 1919 während des Berliner Januaraufstandes gemeinsam mit Rosa Luxemburg ermordet von gegenrevolutionären Truppen. Am 11. Mai 1914, knapp drei Monate vor Beginn des Ersten Weltkrieges, stand dieser sozialdemokratische Politiker, Sohn des SPD-Gründers Wilhelm Liebknecht, am Rednerpult des Reichstags und attackierte die europäische Rüstungsindustrie als Hauptgegner des friedlichen Proletariats:

“Dieser Kampf wird von der internationalen Sozialdemokratie in allen Ländern zugleich geführt, in England, in Frankreich, überall wo wir Einfluß haben, mit der gleichen Energie. Wir wissen, daß das Übel nicht in Deutschland allein sitzt, sondern überall. Wir bekämpfen deshalb den internationalen Kriegstrust, und wir wissen genau, daß es uns gelingen wird, mit dieser Korruption fertig zu werden.”

Der promovierte Jurist Karl Liebknecht, Rechtsanwalt von Beruf, vertrat seit 1912 den Wahlkreis Potsdam im Reichstag. Zuvor hatte der Sozialdemokrat sich als Kritiker des preußisch-deutschen Militarismus einen Namen gemacht. Seine Schrift “Militarismus und Antimilitarismus” trug ihm 1907 anderthalb Jahre Festungshaft ein – wegen Hochverrats. Auch im Parlament, wo die Sozialdemokraten noch vor dem katholischen Zentrum und den Nationalliberalen die stärkste Fraktion stellten, geißelte er das Militär: Misshandlung von Soldaten, übertriebener Drill, Ausschluss von Juden und Sozialdemokraten aus dem Offizierskorps. Dazu die Hochrüstungspolitik der Reichsregierung, die Frankreich, England und Russland zu einem gefährlichen Wettlauf trieb.

Der Korruptionsskandal “Kornwalzer”

Schon 1913 hatte Liebknecht in der Debatte über den Milliardenetat des Kriegsministeriums – die Präsenz der Armee wurde um 235.000 Mann erhöht – einen Korruptionsskandal publik gemacht: den Fall “Kornwalzer”. Unter diesem Decknamen liefen bei der Firma Krupp die Aktivitäten eines Büros in Berlin, das Verbindung zu den Beschaffungsstellen von Armee und Marine hielt. – Karl Liebknecht im Reichstag:

“Die berühmte Firma nutzt ihre Geldmacht systematisch dazu aus, um höhere und niedere preußische Beamte zum Verrat militärischer Geheimnisse zu verleiten.”

Es folgten Gerichtsverfahren, bei denen einige Beamte verurteilt wurden. Liebknecht aber kam es darauf an, die europäische Rüstungsindustrie insgesamt anzuprangern: Krupp, Schneider-Le Ceusot, Vickers-Armstrong:

“Meine Herren (…): Das sind dieselben Kreise, die die Zwietracht der Völker zu Gold münzen. Ob sie in Deutschland oder in Frankreich sind, sie haben die gleichen Interessen.”

Die Etatdebatte vom Mai 1914 nutzte Karl Liebknecht erneut, um die internationalen Verflechtungen des militärisch-industriellen Komplexes aufzuzeigen. Nicht die von den Herrschenden als “vaterlandslos” diskreditierte Sozialdemokratie war unpatriotisch, sondern das in den Großbanken, Kartellen und Rüstungsfirmen konzentrierte Kapital. – Karl Liebknecht in den Notizen zu seiner Rede:

“Man darf von der Krähe keinen Nachtigallenschlag erwarten; sie sind eben nichts als gewöhnliche Landsknechte, Condottieri des Profits.”

Liebknecht präsentierte im Reichstag ein reiches Detailwissen über die Verflechtung von Werften, Waffen- und Munitionsfabriken, von optischer und chemischer Industrie. Die Reichsregierung und das bürgerliche Lager kanzelten den sozialdemokratischen Warner vor Aufrüstung und Kriegsfahr als Handlanger fremder Mächte ab. – Der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger am 11. Mai 1914:

“Deutsche angesehene Parteiblätter (…) sprechen es offen aus: den ganzen Gewinn von der liebknechtschen Attacke wird die französische Rüstungsindustrie haben.”

Keine drei Monate später begann im hochgerüsteten Europa der Erste Weltkrieg. Die von Liebknecht beschworene Solidarität der friedlichen Arbeiterparteien des Kontinents ging unter im Taumel der Mobilmachungen. Selbst Liebknecht beugte sich zunächst der Parteidisziplin und billigte mit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion die Kriegskredite. Im Dezember 1914, als über die nächste Tranche abgestimmt wurde, sagte er: Nein. Es war der Beginn der Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung.

http://www.deutschlandfunk.de/karl-liebknecht-kritik-an-europaeischer-ruestungsindustrie.871.de.html?dram:article_id=284655

Eine Jahrhundertrede

Karl Liebknechts Anklage gegen den Militarismus vor dem Deutschen Reichstag am 11. Mai 1914

Von Reiner Zilkenat
Karl Liebknecht enthüllt mit aus dem Krupp-Büro beschl
Karl Liebknecht enthüllt mit aus dem Krupp-Büro beschlagnahmten Unterlagen die Verbindungen deutscher, österreichischer, ­französischer und russischer Waffenproduzenten (Aufnahme von 1915 vor dem Reichstag)

Im Plenum des Reichstages herrscht am 11. Mai 1914 große Aufregung. Der sozialdemokratische Abgeordnete des Wahlkreises Potsdam-Spandau-Osthavelland, Dr. Karl Liebknecht, immer wieder von Zwischenrufen aus den Reihen der bürgerlichen Fraktionen und vom Präsidenten mit Ordnungsrufen unterbrochen, steht am Rednerpult und rechnet mit dem herrschenden Militarismus ab. Genauer gesagt: Er legt das System der Bereicherung der Rüstungskonzerne offen. Er beschreibt faktenreich die Symbiose des Staatsapparats mit den an der Produktion von Kriegsgerät beteiligten Unternehmen. Er nennt Namen und Adressen und weist die um sich greifende Korruption bei der Auftragserteilung durch Behörden nach. Nicht zuletzt analysiert er die grenzüberschreitenden Aktivitäten deutscher Rüstungsfirmen. Es entsteht das plastische Bild einer – wie es Liebknecht formuliert – »internationalen Räuberbande«.

Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen die dubiosen Machenschaften des Krupp-Konzerns. Dieses Thema hat eine besondere Brisanz, weil der Inhaber des Unternehmens, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der reichste Mann in Preußen, zu den engsten Vertrauten Kaiser Wilhelms II. gehört. Die Allianz zwischen dem Monarchen und dem »Kanonenkönig« ist besonders eng, seit 1897/1898 mit der Realisierung groß angelegter Pläne für die Kriegsmarine begonnen wurde. Diese maritime Aufrüstung, die ein bis dahin beispielloses Wettrüsten zwischen Deutschland und England auslöste, ist ein spezielles Anliegen des Kaisers. Wie kein anderes Unternehmen verdient die Waffenschmiede an Rhein und Ruhr am Bau der neuen Kriegsschiffe.

Zum Beispiel hatte die Firma Krupp im Jahre 1900 erst dann ihre exorbitanten Preise für Panzerplatten reduziert, als sie im Gegenzug vom Reichsmarineamt die Zusicherung bekam, daß die neu projektierten Schlachtschiffe auf der zum Hause Krupp gehörenden Germaniawerft in Kiel gebaut werden würden. Zur gleichen Zeit beginnt das Unternehmen mit der heimlichen Finanzierung des von ihm geschaffenen »Deutschen Flotten-Vereins«, der sich zu einer Massenorganisation entwickelt, die für die notwendige Propaganda zugunsten der forcierten Aufrüstung zu sorgen hat. An die Spitze dieses Verbandes lanciert Krupp Personen seines Vertrauens. Zugleich bleibt das Unternehmen der traditionell wichtigste Hersteller zahlreicher Waffensysteme und anderen Kriegsgerätes für die preußisch-deutsche Armee, speziell für die Artillerie.

Bericht des Oberstaatsanwalts

Liebknecht weist in seiner Rede nach, daß ehemals hohe Beamte und Offiziere in Diensten der Firma Krupp stehen und einen reibungslosen Informationsaustausch über neugeplante Rüstungsprojekte zwischen Berlin und Essen gewährleisten. Beispielhaft nennt er u.a. Alfred Hugenberg, ehemals Vortragender Rat im Preußischen Finanzministerium, jetzt Vorsitzender des Direktoriums des Konzerns; Vizeadmiral a.D. Hans Sack, ehemals Dezernent im Reichsmarineamt und dort mitverantwortlich für die Vergabe von Aufträgen an die Industrie, jetzt Mitglied des Aufsichtsrats; schließlich den ehemaligen Dezernenten im Preußischen Kriegsministerium, Draeger, jetzt Direktor bei Krupp.

Doch damit nicht genug. Um stets und unverzüglich aus erster Hand informiert zu sein, unterhält die Firma Krupp in Berlin ein eigenständiges Büro – mit den Worten Karl Liebknechts »eine Bestechungsfabrik«. In deren Tresoren kann die ermittelnde Staatsanwaltschaft 750 als geheim klassifizierte Aktenstücke aus den Jahren 1910 bis 1912 beschlagnahmen, die aus der Militärverwaltung stammen. Daß die Strafverfolgungsbehörden überhaupt, wenn auch widerstrebend, tätig werden mußten, liegt nicht zuletzt in entsprechenden Enthüllungen Liebknechts über die Korruption in der Militärverwaltung begründet.

Liebknecht zitiert vor dem Reichstag aus dem Bericht des zuständigen Oberstaatsanwalts: »Das ganze Material ist eine Übersicht über die gesamte Tätigkeit des Kriegsministeriums, der Feldzeugmeisterei und der Artillerieprüfungskommission. Die Firma Krupp war über die Lage des ganzen artilleristischen Geschäftsbetriebes auf dem Gebiete der Beschaffung von artilleristischem Material so eingehend unterrichtet, wie es nur irgend gewünscht werden kann.« Die Strafen für die der Korruption und des Geheimnisverrats überführten Offiziere und Beamten waren z.T. lächerlich gering. Sie bestanden vor allem in »Festungshaft«, so daß die betroffenen Militärangehörigen ihren Dienstrang behalten, sich relativ frei bewegen konnten und pensionsberechtigt blieben.

Deutsche Waffen in aller Welt

Das deutsche Kaiserreich ist ungeachtet seiner profitablen Hochrüstungspolitik für das Haus Krupp längst zu klein geworden. Liebknecht listet auf, wer inzwischen von seinem Knowhow und seiner Waffenproduktion außerhalb der Grenzen Deutschlands profitiert und wie das Unternehmen mit anderen Rüstungsschmieden in Europa verflochten ist.

Zum Beispiel seien die in Pilsen liegenden Skoda-Werke ein enger Partner Krupps. Neben einer Kapitalbeteiligung an dieser größten Waffenschmiede der österreichisch-ungarischen Monarchie existierte ein reger Austausch von Patenten. Besonders pikant werde die Allianz mit Skoda dadurch, daß diese Firma seit Anfang 1914 auch mit Großunternehmen aus potentiellen »Feindstaaten«, den russischen Putilow-Werken und Schneider-Creuzot aus Frankreich, in engste Geschäftsbeziehungen getreten sei. Die Putilow-Werke ihrerseits produzierten seit neuestem Kanonen mit Hilfe von Krupp-Tiegelstahl. Daß diese Kanonen im Ersten Weltkrieg auf deutsche Soldaten gerichtet sein werden, sei nur am Rande erwähnt. »Wir stehen hier«, so kommentiert Liebknecht diese Sachverhalte, »vor einer Kanoneninternationale in Reinkultur«.

Neben Krupp geraten die Aktivitäten weiterer Konzerne der deutschen Rüstungsindustrie in das Blickfeld Liebknechts: so z. B. die Firma Siemens und Schuckert, die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik in Berlin, die Daimler-Motorenwerke, die Alfred-Nobel-Werke, die Deutsche Sprengstoff AG, die Firma Goerz und der Loewe-Konzern. Dieses Unternehmen ist weltweit mit der Produktion bzw. dem Export von Waffen verschiedenster Art befaßt. Seine Bedeutung resultiert nicht zuletzt aus der Finanzkraft von dessen Hausbank, der Disconto-Gesellschaft, die eine – für damalige Verhältnisse – riesenhafte Bilanzsumme von 300 Millionen Mark aufweist. »Die Firmen dieses Konzerns«, so Liebknecht, »haben den ganzen Erdball in Interessenssphären zur Exploitation unter sich geteilt, um Geld zu münzen aus dem Völkermord, aus der Zwietracht der Völker.«

Ebenso wie bei Krupp tummeln sich ehemalige hohe Beamte und Offiziere in leitenden Positionen der Firma Goerz. Liebknecht nennt u.a. den Generalleutnant von Nieber, Mitglied des Aufsichtsrats. Das Unternehmen, das enge Geschäftsbeziehungen zur Firma Krupp unterhalte, verfügt über Tochterunternehmen in Österreich und England sowie mehrere Fabriken und Verkaufsgesellschaften in Rußland und Frankreich.

Kauf am Kiosk!

Mit dem Wissen, daß nur wenige Monate nach der Reichstagsrede Liebknechts der Erste Weltkrieg entfesselt wird, bekommt ein von ihm angesprochenes Geschäft eine besondere Note: die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik habe zusammen mit dem österreichischen Unternehmen Steyr nicht weniger als 200000 Gewehre an Serbien geliefert, »also an den größten politischen Erbfeind Österreichs, unseres Verbündeten«. Wen möchte es da noch wundern, daß die Augsburger Maschinenfabrik (MAN) Motoren für den Antrieb der französischen U-Boote liefere? Im Angesicht des von ihm unterbreiteten und analysierten Materials gelangt Liebknecht zu der treffenden Schlußfolgerung, daß »Deutschland ein Weltversorger mit Kriegsmaterial ist«.

Ein General als Titelhändler

Während Krupps Waffen denen des Gegners überlegen sein
Während Krupps Waffen denen des Gegners überlegen sein sollen, verschweigt die Postkarte der Bevölkerung, daß die Firma mit dem ­französischen Rüstungsunternehmen Creuzot engste Geschäftsbeziehungen führte (Pos

Besonders peinlich ist den Vertretern der bürgerlichen Parteien im Reichstag, vor allem aber dem im Plenum anwesenden Abteilungschef im Preußischen Kriegsministerium, Generalmajor Adolf Wild von Hohenborn, ein nur scheinbar nebensächliches Thema, das Liebknecht im Zusammenhang mit der um sich greifenden Korruption anspricht. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die Geisteshaltung der herrschenden Eliten und des Bürgertums und demaskiert ihre immer wieder vorgetragene, scheinheilige Überzeugung, »leistungsstärker« und »leistungsorientierter« als die Masse der Bevölkerung zu sein, als hohle Phrase.

Es geht um den schwunghaften Ämter- und Titelhandel, an dem einer der führenden Militärs, der jüngst verstorbene Generalleutnant von Lindenau, führend beteiligt war. Besonders pikant wird die ganze Angelegenheit dadurch, daß dieser Offizier von Kaiser Wilhelm II. hoch geschätzt wurde und er als Befehlshaber einer Infanteriedivision ein exponiertes Kommando inne hatte.

Der amtierende Reichstagspräsident will unter allen Umständen verhindern, daß dieses Thema zur Sprache kommt. Mit dem Hinweis, daß in Reichstagsdebatten über Tote nicht gesprochen werden solle, will er dem Sozialdemokraten mehrfach das Wort abschneiden. Doch der läßt sich nicht einschüchtern, auch nicht durch die zahlreichen Zwischenrufe.

Worum ging es? General von Lindenau hat z.B. promovierten Akademikern die Möglichkeit zum käuflichen Erwerb eines Professorentitels geboten. Dabei gab es zwei Varianten. Zum einen konnte eine solche Professur an einer Universität außerhalb Preußens erworben werden, zum anderen in Preußen selbst. Im ersteren Fall mußte der betreffende Herr allerdings einen Zusatz zu seinem Titel tragen: er nannte sich z.B. »Fürstlich Lippescher« oder »Herzoglich Sachsen-Altenburger Professor«. Das klingt nicht gut. Für eine »Berufung« innerhalb Preußens galt, daß zuvor ein wissenschaftlicher Zeitschriftenaufsatz, von dem ein Sonderdruck als selbständige Veröffentlichung anzufertigen ist, notwendig war. Besonders wichtig war dem verstorbenen General allerdings – wie Liebknecht nachweisen konnte – die Zahlung von 40000 Mark plus 1560 Mark »Vermittlungsspesen« an eine »gewisse Stelle«; für damalige Verhältnisse ein beträchtliches Vermögen. Die Honorierung erfolgte als »Bar- oder Zug-um-Zug-Geschäft«. Es erfordert nicht allzu große Phantasie, um zu erahnen, wer alles an den zu zahlenden Geldbeträgen partizipierte, die an General von Lindenau zu überweisen waren. Immerhin mußte in Preußen die Ernennungsurkunde vom Kultusminister persönlich unterzeichnet werden.

Nur wenige Tage nach seiner Reichstagsrede, am 20. Mai 1914, veröffentlicht Karl Liebknecht im Vorwärts einen »streng vertraulichen« Brief des offenbar als Nachfolger des Generals von Lindenau agierenden Dr. Franz Ludwig, in dem diese Machenschaften offengelegt werden. So beruhigte der Autor dieses Briefes potentielle »Professoren«, daß die Publikation eines Aufsatzes »nur Formsache« sei, »damit man sich darauf berufen kann, Sie haben etwas Wissenschaftliches veröffentlicht«. Bei Dr. Franz Ludwig handelte es sich – besonders peinlich für die Herrschenden – um den Geschäftsführer des »Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie«. Diese ungemein rührige Organisation überschwemmte das Land geradezu mit Hunderten Broschüren und Flugblättern gegen die »rote Gefahr«. An der Spitze stand der Generalleutnant der Infanterie und Reichstagsabgeordnete der »Freikonservativen Partei«, Eduard von Liebert. Dr. Ludwig selbst hatte sich u.a. als Autor der Schrift »Kommunismus, Anarchismus, Sozialismus« hervorgetan, die in hohen Auflagen vertrieben wird. Dieses Beispiel zeigt, daß Korruption, Durchstecherei und Titelhandel zu den Alltäglichkeiten im Kaiserreich zählten.

Mär: Rüstung schafft Arbeitsplätze

Karl Liebknecht hat es seinen Opponenten schwergemacht, die von ihm detailliert dargelegten Sachverhalte zu widerlegen. Deshalb versuchen vor allem der Abteilungsdirektor im Preußischen Kriegsministerium, Wild von Hohenborn, und der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger, ein »Argument« in die Debatte einzubringen, das die grundlegende Kritik Liebknechts an der deutschen Rüstungsindustrie entkräften soll: Der SPD-Parlamentarier sei außerstande zu erkennen, daß dieser Wirtschaftszweig Tausenden deutscher Arbeiter Beschäftigungsmöglichkeiten biete.

Wild von Hohenborn stimmte in diesem Zusammenhang ein bis zum heutigen Tage von den Rüstungsindustriellen und ihren politischen Prokuristen bekanntes Lied an: »Der Herr Abgeordnete Liebknecht hat uns die alte Neuigkeit von neuem vorgeführt, daß Deutschland Waffen exportiere. Um wieviel dadurch das deutsche Nationalvermögen gestiegen ist, wieviel Arbeiter ihr Brot dadurch gefunden haben (Lebhafte Zurufe: ›Sehr richtig!‹), dafür hat er kein Wort gefunden (Lebhafter Beifall).« Und Erzberger sekundierte dem General eilfertig: »Von den Geldern, die von fremden Ländern nach Deutschland kommen, sind mindestens 60 bis 80 Prozent Arbeiterlöhne. Wenn diese Aufträge nicht kommen, dann ist Arbeiterentlassung die erste Folge der Liebknechtschen Agitation. Und die Rede des Abgeordneten Liebknecht wird wiederum eine gewaltige Schädigung unserer deutschen Volkswirtschaft und damit eine Schädigung unserer deutschen Arbeiter sein.« Am Ende leistete sich Erzberger noch den unfreiwillig komischen Ausruf, »daß die ganze Welt vor der Ehrlichkeit der deutschen Rüstungsindustrie den Hut zieht«. Woher der Abgeordnete Erzberger seine Kenntnis von dem angeblich 60 bis 80 Prozent ausmachenden Anteil der für deutsche Rüstungsexporte erzielten Einnahmen zugunsten der Arbeiterlöhne hat, kann er nicht erklären.

In einer Replik proklamiert Liebknecht das Ziel, »daß die Rüstungsindustrie vom Boden verschwindet« und fragt in diesem Zusammenhang: »Glauben Sie, daß die Leute, die bis dahin in der Rüstungsindustrie gearbeitet haben, von da an verhungern werden? Werden ihre Hände und Arbeitskräfte nicht für bessere Zwecke, für die Gesamtkultur nützlicher, verwendet werden?«

Realpolitik statt Antimilitarismus

Allerdings ist bei alledem zu beachten, daß mittlerweile innerhalb der Sozialdemokratie das »Arbeitsplatzargument« positive Resonanz gefunden hatte. Mehr noch: Auch die scheinbare Notwendigkeit für das deutsche Kaiserreich, in Konkurrenz zu den anderen Großmächten eine »Weltpolitik« zu treiben, neue Absatzgebiete zu erobern, weitere Kolonien zu erwerben und dadurch den Import und die Ausfuhren von Gütern auch zum angeblichen Nutzen der deutschen Arbeiterklasse zu sichern, fand in wachsendem Maße Eingang in die Spalten der Parteipresse. Die zutreffende Einschätzung Liebknechts in seiner Rede am 11. Mai 1914, »daß die auswärtiger Politik unserer jetzigen Epoche schon längst nicht mehr in den Auswärtigen Ämtern gemacht wird, sondern in den Fabrik- und Bankkontoren und daß ihre Mittel weit weniger diplomatische Noten als andere Noten sind«, geriet in zunehmenden Widerspruch zu den immer stärker den Ton angebenden revisionistischen Kräften innerhalb der Sozialdemokratie.

Natürlich wurden derartige Äußerungen von bürgerlichen Politikern wohlwollend kommentiert. Friedrich Naumann, einer der führenden Publizisten jener Jahre und zugleich Reichstagsabgeordneter der Freisinnigen Vereinigung, schrieb bereits im Mai 1899 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Die Hilfe, man müsse alles tun, um die revisionistischen Politiker in der SPD zu unterstützen. Die Partei solle »einen großen Teil unnützen Utopismus und Radikalismus« abstreifen. Und weiter: Es müßten von ihr »bestimmte nationalpolitische Aufgaben übernommen werden, aus einer reinen Protestpartei muß sich eine schaffende, staatserhaltende sozialistische Partei gestalten – nationaler Sozialismus auf freiheitlicher Grundlage«. Und Clemens von Delbrück, Vizekanzler von 1909 bis 1916, schrieb zur Strategie der Reichsregierung gegenüber der Sozialdemokratie während seiner Amtszeit: »Es handelte sich jetzt darum, die Partei zu zersetzen, nicht aber ihre auseinanderstrebenden Elemente durch eine Gewaltpolitik wieder zusammenzuschweißen. Nach diesen Richtlinien hat die Regierung innerhalb der Jahre 1909 bis 1913 gearbeitet.«

Zu den Exponenten derjenigen Kräfte innerhalb der SPD, die sich für eine Abkehr der Partei von der strikten Opposition gegenüber der Rüstungs- und »Weltpolitik«, gegen den Militarismus einsetzen, gehörte neben der Zeitschrift Sozialistische Monatshefte nicht zuletzt Gustav Noske, der »marinepolitische Sprecher« der Partei im Reichstag. Vieles von dem, was von den Revisionisten gesagt und geschrieben wurde, unterscheidet sich, wenn überhaupt, nur graduell von den bürgerlichen und regierungsamtlichen Verfechtern einer deutschen »Weltpolitik«.

Somit kämpfte Karl Liebknecht bald an zwei Fronten: gegen die Militaristen und Rüstungsindustriellen auf der einen und gegen die in den eigenen Reihen »Realpolitik« einfordernden Revisionisten auf der anderen Seite. Am Ende der Strategie seiner Genossen steht die Zustimmung zum Krieg. Ludwig Quessel, Redakteur der Sozialistischen Monatshefte, formulierte es paradigmatisch in der Ausgabe vom 13. August 1914 mit diesen vor Kriegsbegeisterung strotzenden Sätzen: »Ein furchtbares Schicksal droht der Nation. Von Ost, West und Nord stürmen die Feinde heran, sie niederzuwerfen. Was die Feinde Deutschlands planen, ist eine Versündigung an der Kultur und der Menschheit überhaupt, die nimmermehr so hoch hätte steigen können, wenn deutsche Geistesarbeit ihr nicht den Weg empor gebahnt hätte. Wer dieses Volk niederwerfen und für alle Zeiten ohnmächtig machen will, trachtet danach, alle menschlichen Zukunftshoffnungen zu vernichten.«

Angesichts der Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten am 4. August 1914 und angesichts des Einschwenkens einer Mehrheit innerhalb der SPD-Führung auf den Kriegskurs der Reichsregierung verkündet der »Reichsverband gegen die Sozialdemokratie« am 29. August 1914, er stelle seine Tätigkeit wegen der positiven Haltung der SPD zum Krieg mit sofortiger Wirkung ein. Noch ein Vierteljahr zuvor hat die gleiche Organisation auf ihrer jährlichen Tagung festgestellt, die Sozialdemokratie lebe »mit uns im Kampf, und sie wird losschlagen, gerade so gut wie die Franzosen, sobald sie sich stark genug dazu fühlt«.

Was bleiben wird, ist Liebknechts brillante Analyse des militärisch-industriellen Komplexes im deutschen Kaiserreich am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Sie bietet auch für die Gegenwart wichtige Lehren bei der systematischen Untersuchung des heutigen Militarismus.

Reiner Zilkenat schrieb zuletzt am 26.3.2014 auf diesen Seiten über eine Tagung des Reichsverbands der Deutschen Industrie und der Unternehmerverbände im März 1924.

http://www.jungewelt.de/2014/05-10/048.php

Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Sophie und Karl Liebknecht 1913, mit den Kindern aus seiner ersten Ehe

In der ersten Julihälfte 1914 war Liebknecht nach Belgien und Frankreich gereist, mit Jean Longuet und Jean Jaurèszusammengetroffen und hatte auf mehreren Veranstaltungen gesprochen. Den französischen Nationalfeiertag verbrachte er in Paris. Über die unmittelbare Gefahr eines großen europäischen Krieges wurde er sich erst am 23. Juli – nach Bekanntwerden des österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien (vgl.Julikrise) – völlig klar. Ende Juli kehrte er über die Schweiz nach Deutschland zurück.[15] Als der Reichstag am 1. August, dem Tag der Verkündung der Mobilmachung und der Kriegserklärung an Russland, zum 4. August zusammengerufen wurde, stand für Liebknecht noch außer Frage, dass „die Ablehnung der Kriegskredite für die Mehrheit der Reichstagsfraktion selbstverständlich und zweifellos sei.“[16] Am Nachmittag des 4. August stimmte jedoch die sozialdemokratische Fraktion – nachdem es am Vortag in der vorbereitenden Fraktionssitzung nach Angaben Wolfgang Heines zu „ekelhaften Lärmszenen“[17] gekommen war, weil sich Liebknecht und 13 weitere Abgeordnete entschieden gegen diesen Schritt aussprachen – geschlossen für die Bewilligung der Kriegskredite, die der Regierung die vorläufige Finanzierung der Kriegführung ermöglichten. Vor der Fraktionssitzung am 3. August hatten die Befürworter der Bewilligung nicht mit einem solchen Erfolg gerechnet und waren sich keineswegs sicher, überhaupt eine Mehrheit in der Fraktion zu erhalten[18]; noch in der Sitzungspause nach der Rede des Reichskanzlers – unmittelbar vor der Abstimmung am 4. August – kam es in der Fraktion zu Tumulten, weil FrankDavidSüdekumCohen und einige andere Bethmann Hollwegs Ausführungen demonstrativ beklatscht hatten.[19] Liebknecht, der die (ungeschriebenen) Regeln der Partei- und Fraktionsdisziplin in den Jahren zuvor immer wieder gegen Vertreter des rechten Parteiflügels verteidigt hatte, beugte sich dem Beschluss der Mehrheit und stimmte der Regierungsvorlage im Plenum des Reichstags ebenfalls zu. Hugo Haase, der in der Fraktion wie Liebknecht gegen die Bewilligung aufgetreten war, erklärte sich aus ähnlichen Gründen sogar zur Verlesung der von den bürgerlichen Parteien mit Jubel aufgenommenen Erklärung der Fraktionsmehrheit bereit. Liebknecht hat den 4. August, den er als katastrophalen politischen und persönlichen Einschnitt empfand, privat und öffentlich immer wieder thematisiert und durchdacht. 1916 notierte er dazu:

„Der Abfall der Fraktionsmehrheit kam selbst für den Pessimisten überraschend; die Atomisierung des bisher überwiegenden radikalen Flügels nicht minder. Die Tragweite der Kreditbewilligung für die Umschwenkung der gesamten Fraktionspolitik ins Regierungslager lag nicht auf der Hand: Noch bestand die Hoffnung, der Beschluss vom 3. August sei das Ergebnis einer vorübergehenden Panik und werde alsbald korrigiert, jedenfalls nicht wiederholt und gar übertrumpft werden. Aus diesen und ähnlichen Erwägungen, allerdings auch aus Unsicherheit und Schwäche erklärte sich das Misslingen des Versuchs, die Minderheit für ein öffentliches Separatvotum zu gewinnen. Nicht übersehen werden darf dabei aber auch, welche heilige Verehrung damals noch der Fraktionsdisziplin entgegengebracht wurde, und zwaram meisten vom radikalen Flügel, der sich bis dahin in immer zugespitzterer Form gegen Disziplinbrüche oder Disziplinbruchsneigungen revisionistischer Fraktionsmitglieder hatte wehren müssen.“[20]

Einer Erklärung Rosa Luxemburgs und Franz Mehrings (deren vollständiger Wortlaut als verschollen gilt[21]), in der diese wegen des Verhaltens der Fraktion ihren Parteiaustritt androhten, schloss sich Liebknecht ausdrücklich nicht an, weil er sie „als Halbheit empfand: Dann hätte man schon austreten müssen.“[22] In den ersten großen, von einer breiteren Öffentlichkeit beachteten Konflikt mit der neuen Parteilinie geriet Liebknecht, als er zwischen dem 4. und 12. September Belgien bereiste, dort mit einheimischen Sozialisten zusammentraf und sich – unter anderem in Lüttich undAndenne – über die von deutschen Militärs angeordneten Massenrepressalien informieren ließ. Liebknecht wurde daraufhin in der Presse – auch der sozialdemokratischen – des „Vaterlandsverrats“ und „Parteiverrats“ bezichtigt und musste sich am 2. Oktober vor dem Parteivorstand rechtfertigen.[23] Er war danach umso mehr entschlossen, bei der nächsten einschlägigen Abstimmung gegen die neue Kreditvorlage zu votieren und diese demonstrative Stellungnahme gegen die „Einigkeitsphrasen-Hochflut“[24] zur Grundlage einer Sammlung der Kriegsgegner zu machen. Im Vorfeld dieser Sitzung, zu der der Reichstag am 2. Dezember 1914 zusammentrat, versuchte er in stundenlangen Gesprächen auch andere oppositionelle Abgeordnete für diese Haltung zu gewinnen, scheiterte aber.Otto Rühle, der Liebknecht zuvor zugesichert hatte, ebenfalls offen mit Nein zu stimmen, hielt dem Druck nicht stand und blieb dem Plenum fern, Fritz Kunert – der, was wenig bekannt ist, auch schon am 4. August so gehandelt hatte[25] – verließ kurz vor der Abstimmung den Saal.[26] Liebknecht stand schließlich als einziger Abgeordneter nicht auf, als Reichstagspräsident Kaempf das Haus aufforderte, dem Ergänzungshaushalt durch Erheben von den Sitzen zuzustimmen. Bei der nächsten Abstimmung – am 20. März 1915 – votierte Rühle gemeinsam mit Liebknecht. Eine Bitte von etwa 30 anderen Fraktionsmitgliedern, während der Abstimmung mit ihnen gemeinsam den Saal zu verlassen, hatten beide zuvor abgelehnt.

Liebknecht wurde daraufhin an die Front einberufen, obwohl er eigentlich als Reichstagsabgeordneter politische Immunität genoss. Er erlebte als Armierungssoldat den Krieg an der West– und Ostfront. Die Militärgesetzgebung verbot ihm politische Aktivität außerhalb des Reichstages. Bis dahin hatte er auf verschiedene Weise versucht, eine innerparteiliche Opposition gegen die SPD-Politik des Burgfriedens zu bilden. So war er im Sommer und Herbst 1914 mit Rosa Luxemburg durch ganz Deutschland gereist, um – weitgehend erfolglos – Kriegsgegner zur Ablehnung der Finanzbewilligung für den Krieg zu bewegen. Er nahm auch Verbindung zu anderen europäischen Arbeiterparteien auf, um diesen zu signalisieren, dass nicht alle deutschen Sozialdemokraten für den Krieg seien. Mit zehn weiteren SPD-Linken war er Mitglied der von Rosa Luxemburg am 5. August 1914 gebildeten Gruppe Internationale.

Noch vor seiner Einberufung ins Heer gab er im März 1915 ebenfalls zusammen mit Rosa Luxemburg die ZeitschriftInternationale heraus, die nur einmal erschien und sofort von den Behörden beschlagnahmt wurde. Es gelang ihm dennoch, die Gruppe Internationale zu vergrößern und die entschiedenen Kriegsgegner in der SPD reichsweit zu organisieren. Daraus ging am 1. Januar 1916 die Spartakusgruppe hervor (nach der endgültigen Loslösung von der Sozialdemokratie im November 1918 umbenannt in Spartakusbund). Im Dezember 1915 stimmten bereits 20 SPD-Abgeordnete gegen weitere Kriegskredite. Daraufhin schloss die SPD-Reichstagsfraktion diese Kriegsgegner, darunter Liebknecht, am 12. Januar 1916 aus ihren Reihen aus.

Zur „Osterkonferenz der Jugend“ sprach er in Jena vor 60 Jugendlichen zum Antimilitarismus und zur Änderung der gesellschaftlichen Zustände in Deutschland. Am 1. Mai jenes Jahres trat er als Führer einer Antikriegsdemonstration, die von Polizei umzingelt war, auf dem Potsdamer Platz in Berlin auf. Er ergriff das Wort mit den Worten „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“. Danach wurde er verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Hugo Haase, bis März 1916 SPD-Vorsitzender, setzte sich vergeblich für seine Freilassung ein. Am 23. August 1916 wurde Liebknecht zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Der erste Prozesstag, eigentlich gedacht als Exempel gegen die sozialistische Linke, geriet zum Fiasko für die kaiserliche Justiz: Organisiert von den Revolutionären Obleuten fand in Berlin ein spontaner Solidaritätsstreik mit über 50.000 Beteiligten statt. Statt die Opposition zu schwächen, gab Liebknechts Verhaftung dem Widerstand gegen den Krieg neuen Auftrieb.[27] In Liebknechts Haftzeit fiel die Spaltung der SPD und die Gründung der USPD im April 1917. Die Spartakusgruppe trat nun in diese ein, um auch dort auf revolutionäre Ziele hinzuwirken.

Neben dem katholischen Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger vom Zentrum, der wie Liebknecht später von Rechtsextremisten ermordet wurde, war Liebknecht der einzige deutsche Parlamentarier, der öffentlich die massiven Menschenrechtsverletzungen der türkisch-osmanischen Verbündeten im Nahen Osten anprangerte, insbesondere denVölkermord an den Armeniern und das brutale Vorgehen gegen weitere nicht-türkische Minderheiten, insbesondere inSyrien und dem Libanon. Von der Mehrheits-SPD (die mit der jungtürkischen Partei CUP politisch verbündet war – die Nachfolgepartei der CUP, die CHP, ist heute Vollmitglied der Sozialistischen Internationale) und den liberalen Parteien wurde diese Praxis stillschweigend gebilligt und zum Teil sogar öffentlich mit strategischen Interessen Deutschlands und der angeblichen existenziellen Bedrohung der Türkei durch armenischen und arabischen Terrorismus gerechtfertigt (Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe (SPD), Ernst JäckhFriedrich Naumann (DDP)).

http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Liebknecht

1 | 2 | 3

Vorstellungen vom Krieg vor 1914 und der Beginn des “Großen Krieges”

10.4.2014

Als die europäischen Nationen im Jahre 1914 in den Krieg zogen, gab es nur vage Vorstellungen von dem, was dann wirklich kam. Überall herrschte die Überzeugung, dass der Krieg schon vor Weihnachten 1914 beendet sein werde. Die “kriegsbegeisterten” Menschen in Berlin, München und anderen Großstädten wären sicherlich nicht jubelnd durch die Straßen gezogen, hätten sie auch nur die geringste Ahnung gehabt, wie schauerlich sich dieser Krieg entwickeln sollte. Auch die verantwortlichen Politiker wie der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der französische Präsident Raymond Poincaré, der russische Außenminister Sergej Sasonow oder der britische Schatzkanzler und spätere Premierminister David Lloyd George hätten sicher mehr getan, um den Eklat des Juli 1914 zu vermeiden, hätten sie geahnt, dass dieser Krieg mehr als vier Jahre dauern und nahezu dreizehn Millionen Tote kosten würde. Die Auffassung, dass man sich bemühen werde, den Krieg kurz zu halten, ihn nicht ausufern zu lassen, um Europas Wirtschaft nicht übermäßig zu strapazieren, war allgemein verbreitet.[1] 

Die Offiziere Alfred von Schlieffen, Friedrich von Bernhardi und andere Kriegstheoretiker und -praktiker jener Zeit hatten eine durchaus realistische Sicht des Krieges – allerdings nur des Krieges, den sie kannten. Was sie nicht hinreichend beachteten, war die Tatsache, dass der Krieg wie alle menschlichen Handlungen und Einrichtungen entwicklungsfähig ist und dazu tendiert, über sich hinauszuwachsen und qualitativ neue Züge anzunehmen. Viele internationale Fachleute waren zum Beispiel davon überzeugt, dass die offensive Kriegsführung der defensiven in jedem Fall überlegen sei, weil der kommende Krieg aus ökonomischen und politischen Gründen ja von vornherein als ein kurzer konzipiert werden musste.[2] 

Die Militärexperten der Vorkriegszeit zeigten sich willens und fähig, Armeen von bisher noch nicht kampferprobter, aber gerade noch denkbarer Größe gegeneinander kämpfen zu lassen. Sie sprachen von ungefähr einer Million Mann auf beiden Seiten. Im August 1914 zählte die deutsche Armee tatsächlich 83000 Offiziere und ungefähr 2,3 Millionen Mann.[3] Sicherlich war dies das Doppelte von dem, was Schlieffen als noch vernünftig und machbar angesehen hatte, aber er hatte auch nur von den Truppen gesprochen, die an einer Front zu brauchen seien, wohingegen dann der tatsächliche Aufmarsch im August/September 1914 sowohl an der Ost- wie auch an der Westfront stattfand. Sicherlich wären die militärischen Beobachter der Vorkriegszeit nicht so optimistisch gewesen, wenn sie vorausgesehen hätten, dass die deutsche Armee beispielsweise im Jahr 1916 auf etwa 8,2 Millionen Soldaten angewachsen sein würde.

Rolle der Kriegstechnik

 

Für die vor 1914 verbreiteten Vorstellungen vom zukünftigen Krieg waren unter anderem auch verschiedene technische Entwicklungen maßgeblich. Zunächst spielte der Gebrauch von Eisenbahnen und Kraftwagen eine sehr große Rolle. Es hat den Anschein, als stellte das Bewusstsein, über eine Maschinerie zu verfügen, mit der die Massenarmeen zügig transportiert werden konnten, ein außerordentlich hilfreiches Argument für jene dar, die auf eine immer stärkere Vergrößerung der Armeen drängten.[4] Was die Zerstörungskraft moderner Geschütze angeht, so waren in der Vorkriegszeit durchaus realistische Vorstellungen vorhanden. Aber immer wieder findet sich bei denjenigen Autoren, die versuchten, das Publikum mit den Realitäten des modernen Krieges vertraut zu machen, die Überzeugung, dass die Kriegsmaschinerie kontrollierbar und ein schneller Sieg möglich bleiben müsse. 

Eine Mischung von realistischem Denken und groben Illusionen, bewirkt durch übergroßen Technikglauben, ist vielfach zu erkennen – beispielsweise in dem Bericht eines in den Balkankriegen (1912/1913) aktiven Feldarztes über die Auswirkungen moderner Geschosse und Geschossverletzungen, illustriert mit einer Anzahl fürchterlicher Fotografien. Dieser Arzt gelangte gleichwohl zu der Schlussfolgerung, dass die Geschosse wegen der höheren Schussfolge und der Transportfähigkeit größerer Geschossmassen immer kleinkalibriger werden müssten. Eine unausweichliche Konsequenz dieser Entwicklung werde sein, dass die kleineren Kugeln im Vergleich zu den im deutsch-französischen Kriege von 1870/1871 verwendeten Geschossen ungefährlichere Verwundungen verursachten. Eine Erfahrung des Balkankrieges liege also darin, dass die neuen Geschosse reduzierten Kalibers oft keine tödlichen Wunden mehr herbeiführten. Verwundete Soldaten würden somit schneller geheilt als früher und könnten bald wieder eingesetzt werden. Insgesamt werde die Artillerie in Zukunft nichts mehr ausrichten können, da, wie man bereits im Burenkrieg (1899–1902) gesehen habe, das ausgebaute Schützengrabensystem die Truppen dem Feuer der jeweils gegnerischen Artillerie entzöge.[5] 

Auch der Militärschriftsteller Julius Hoppenstedt veröffentlichte 1907 ein viel beachtetes Buch über die Großschlachten künftiger Kriege.[6] Anders aber als die genau in jenen aufgeregten Jahren so vielfältige Kriegsfuturologie-Literatur[7] verstand sich diese Schrift als ein taktisches Lehrwerk, das anhand einer erdachten Schlacht die Fragen aktueller Strategie und Taktik diskutieren wollte. Hier heißt es im Hinblick auf die Bedeutung der Artillerie: “Die hochgesteigerte Schnellwirkung der Rohrrücklaufgeschütze macht es möglich, auf Stellen, gegen die Infanterie vorrücken soll oder will, für Minuten geradezu eine Wand von Eisen und Rauch zu errichten; ihre große Tragweite ermöglicht den Zusammenschluß zahlreicher Batterien; die Panzerung läßt die Trutzbatterien dem Gegner selbst auf Nahentfernung auf den Leib rücken, aber auch aus verdeckter Stellung kann dank seiner Standfestigkeit und der Verbesserung der Richt-, Beobachtungs- und Nachrichtenmittel das moderne Geschütz Schnellwirkung erzielen”.[8] 

Was Hoppenstedt beschreibt, ist ziemlich exakt die berühmte “Feuerwalze”, mit der die beiderseitigen Truppenführungen nach den Erfahrungen des Jahres 1916 versuchten, aus dem “festgefahrenen” Krieg wieder zur Offensive überzugehen.[9] Das unrealistische Element dieses Denkens liegt hingegen im Ignorieren der Clausewitz’schen “Wechselwirkung”, gemäß der die Gegenseite genau in derselben Weise die “Feuerwalze” in Betrieb setzen würde und der Verteidiger den Angreifer ebenfalls mit Artillerie in Schach halten kann; dies alles wird hier nicht bedacht – wahrscheinlich in der stillschweigenden Voraussetzung, die eigene Technik sei “massiver” und entwickelter als die des Gegners. Ähnlich kurzschlüssiges Denken tritt auch bei Schlieffen zu Tage, wenn er behauptet, dass “sich der Angreifer im raschen Anlauf auf den durch andauerndes Feuer eingeschüchterten Verteidiger stürzen” könne.[10]

Vorkriegsstimmungen

 

Auf sozialistischer und pazifistischer Seite wurde stets vor dem kommenden großen Krieg gewarnt. Berühmt geblieben ist August Bebels Reichstagsrede vom November 1911, in der er nach der Marokko-Krise aussprach, was heute ungemein prophetisch wirkt: “So wird man eben von allen Seiten rüsten und wieder rüsten (…) bis zu dem Punkte, daß der eine oder andere Teil eines Tages sagt: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. (…) Dann kommt die Katastrophe. Alsdann wird in Europa der große Generalmarsch geschlagen, auf den hin sechzehn bis achtzehn Millionen Männer, die Männerblüte der verschiedenen Nationen, ausgerüstet mit den besten Mordwerkzeugen, gegeneinander als Feinde ins Feld rücken. (…) Die Götterdämmerung der bürgerlichen Welt ist im Anzuge (…).”[11] Weniger bekannt ist allerdings, dass die Rede vom Gelächter der Konservativen und Nationalisten begleitet wurde, auch mit Zwischenrufen wie: “Nach jedem Kriege wird es besser”. 

In den Jahren 1912 bis 1914 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den Großmächten zusehends. Zunächst kam es 1912/1913 zu einem regelrechten Wettrüsten zwischen Deutschland und Frankreich. Auf beiden Seiten herrschte die Überzeugung, dass der Gegner zum Krieg dränge und bald losschlagen wolle. Hinzu kam ab dem Spätherbst 1913 eine starke Fehde zwischen Deutschland und Russland, da Russland nicht dulden wollte, dass die türkische Armee von deutschen Instruktoren geleitet und verbessert würde, so wie es Deutschland und das Osmanische Reich planten. Immer häufiger war nun auch vom baldigen Krieg die Rede. Russlands Kriegsminister rief im April 1914 den französischen Alliierten öffentlich dazu auf, sich endlich auf den Kampf an der Seite Russlands vorzubereiten.[12] 

Generalstabschef Helmuth von Moltke zeigte sich deshalb im Mai 1914 (also lange vor dem Attentat in Sarajevo) voller böser Vorahnungen und drängte immer heftiger auf einen Krieg, solange die deutschen Aussichten auf einen Sieg im Zweifrontenkrieg gegen Russland und Frankreich noch realistisch seien. Wie er seinem österreich-ungarischen Kollegen, dem ohnehin auf Krieg (gegen Serbien) drängenden Conrad von Hötzendorff im Mai mitteilte, sei er der Überzeugung, dass “jedes Zuwarten eine Verminderung unserer Chancen bedeutet”. Nach einer späteren Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes (also dem “Außenminister” des Deutschen Reiches) Gottlieb von Jagow habe Moltke ihm zu jener Zeit in einem persönlichen Gespräch empfohlen, dem für 1916 zu erwartenden Krieg zuvorzukommen und damit die letzte Gelegenheit zu ergreifen, solange Deutschland überhaupt noch Erfolgsaussichten habe.[13] 

Der Hamburger Bankier und enge Vertraute des Kaisers, Max Warburg, berichtet über ein Gespräch mit Wilhelm II. am 21. Juni 1914 – acht Tage vor dem Attentat von Sarajevo – in dem sich dieser tief beunruhigt über die russischen Rüstungen gezeigt habe und jetzt einen Vorwand zum Losschlagen finden wollte, wenn doch in zwei Jahren alles zu spät sein werde.[14] Auch Bethmann Hollweg, der so nachdenkliche und kein wenig “kriegstreiberische” Reichskanzler, war im Frühsommer 1914 von starkem Pessimismus befallen, auch wenn er weiterhin einen Präventivkrieg ablehnte. Er hatte, genau wie das Auswärtige Amt, große Sorgen wegen kontinuierlich fließender Nachrichten von einem geplanten russisch-britischen Marineabkommen. Dieses war zwar noch nicht weit gediehen und für sich allein gesehen nicht sonderlich weitreichend.[15] Aber die deutsche Regierung erfuhr alle Verhandlungsschritte unmittelbar und sofort durch einen in der russischen Botschaft in London platzierten Spion. Und die Tatsache, dass diskrete Nachfragen im britischen Außenministerium mit “diplomatischen” Ausflüchten und Lügen beantwortet wurden, war Wasser auf die Mühle der “Einkreisungsphobie” der deutschen Regierung.[16] 

Entsprechend war die “Gemütslage” der wichtigsten militärischen und politischen Führer, als die Nachricht vom Attentat von Sarajevo eintraf. Überall in der “zivilisierten Welt” sorgte das Attentat für größtes Entsetzen. Die Regierung der Doppelmonarchie war von Anfang an fest entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen, um sich ein für alle Mal des “serbischen Problems” zu entledigen. Die ohnehin seit Jahren auf “Kriegskurs” gegen das als bedrohlich empfundene Serbien stehende Regierung und die Militärs Österreich-Ungarns wollten nunmehr Serbien unannehmbare Kompensationsforderungen stellen, um es mit Krieg überziehen zu können und für immer unschädlich zu machen. Diese Absicht geht aus den Akten der Beratungen des “Gemeinsamen Ministerrats” der Doppelmonarchie vom 7. Juli 1914 hervor. Man gelangte zu der Auffassung, “daß ein rein diplomatischer Erfolg, wenn er auch mit einer eklatanten Demütigung Serbiens enden würde, wertlos wäre und daß daher solche weitgehende Forderungen an Serbien gestellt werden müssten, die eine Ablehnung voraussehen ließen, damit eine radikale Lösung im Wege militärischen Eingreifens angebahnt würde”.[17] 

Die historische Forschung ist sich noch heute nicht einig, ob und wie weit diese Entschiedenheit Österreich-Ungarns durch das Verhalten des deutschen Bündnispartners beeinflusst oder sogar erst bewirkt worden ist. Tatsächlich hatte der wie immer impulsive, aufbrausende und funkensprühende Kaiser Wilhelm II. schon sehr früh auf Kriegskurs gedrängt. Er war in höchster Empörung über das Attentat, das für ihn eine tiefe Bedrohung des gesamten monarchischen Systems durch “die Revolution” darstellte. Als der deutsche Botschafter aus Wien am 30. Juni meldete, er benutze jede Gelegenheit, um die Regierung in Wien “vor übereiligen Schritten zu warnen”, schrieb der Kaiser erbost an den Rand der Depesche: “Wer hat ihn (den Botschafter Heinrich von Tschirschky) dazu ermächtigt? Das ist sehr dumm! Geht ihn gar nichts an, da es lediglich Österreichs Sache ist, was es hierauf zu thun gedenkt. Nachher heisst es dann, wenn es schief geht, Deutschland hat nicht gewollt! Tschirschky soll den Unsinn gefälligst lassen. Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald.”[18] 

Mit diesen Worten ist bereits die Auffassung der deutschen Regierung beschrieben, wie sie sich in den folgenden Tagen entwickelte. Sehr bald gelangten Bethmann Hollweg und die wichtigsten Außenpolitiker, nämlich Staatssekretär Jagow und sein Unterstaatssekretär Arthur Zimmermann, zu einer gemeinsamen Strategie: Man wollte das Attentat nutzen, um die gefährdete Großmacht Österreich-Ungarn, die ja gleichzeitig der einzige noch zuverlässige Verbündete Deutschlands war, wieder zu stabilisieren. Das erfuhren die Österreicher, als sie am 5. Juli einen Emissär, den Grafen Hoyos, mit einer persönlichen Botschaft des Monarchen nach Berlin schickten. Hoyos kehrte mit der Versicherung des Kaisers zurück, dass Deutschland für alle Fälle hinter Österreich-Ungarn stehe, auch wenn sich der Konflikt mit Serbien zu einem Krieg mit Russland ausweiten würde, das ja “Schutzmacht” der Serben war. Selbstverständlich war man sich der Tatsache bewusst, dass im Falle eines Krieges mit Russland auch Frankreich im Spiel war, war doch Frankreich laut Allianzvertrag verpflichtet, im Falle eines Angriffs der Mittelmächte auf Russland diesem militärisch beizustehen. So wurde der sogenannte Blankoscheck des Deutschen Reiches für Österreich-Ungarn zur entscheidenden Weichenstellung hin zum “Großen Krieg”.

Misslungene “Lokalisierung”

 

Warum aber hat Deutschland seinem Verbündeten diese Vollmacht erteilt? Man kann die weitgehende Behauptung der “Fischer-Schule” aus den 1960er Jahren[19] – die auch heute nur noch von wenigen Historikern geäußert wird – ausschließen, dass Deutschland die Julikrise von 1914 konsequent und dezidiert für die Durchsetzung seines Weltmachtanspruchs benutzen wollte. Das setzt ein zweckrationales Verhalten voraus, für welches sich aber in den Quellen keine Belege finden. Zutreffend ist hingegen, dass die deutsche Regierung zu einem ebenso elaborierten wie unverantwortlichen Kalkül Zugriff (oder Zuflucht?) nahm. Sie bestand darauf, den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien auf diese beiden Mächte zu beschränken, ihn, wie damals unablässig wiederholt wurde, zu “lokalisieren”, damit sich aus dem kleinen Brand an der Peripherie nicht der große Zusammenstoß beider Allianzsysteme ergebe. Diese Absicht ist in der so erbitterten Kriegsschulddiskussion nach 1918 immer wieder benutzt worden, um die deutsche Regierung zu entschuldigen beziehungsweise um nachzuweisen, dass sie keineswegs die Absicht gehabt habe, einen großen Krieg auszulösen, sondern im Gegenteil stets auf eine Eingrenzung, eben eine “Lokalisierung”, des Brandherdes gedrungen habe. 

So überzeugend dieses Argument auf den ersten Blick erscheinen mag, so übersieht es, dass die Lokalisierungsabsicht von keinem verantwortlichen Politiker im Gegenlager und bei den Neutralen verstanden wurde. Europäische Großmachtdiplomatie hatte seit mehr als hundert Jahren stets darauf beruht, entstandene Konflikte durch “Konferenzdiplomatie” der Hauptmächte zu bereinigen. Dieses uralte System hatte ja auch trotz aller Schwierigkeiten in den Balkankriegen funktioniert. Warum sollte jetzt, wo ein großer Krieg drohte, nicht wieder versucht werden, das Problem zwischen Serbien und Österreich-Ungarn auf dem Wege internationaler Konferenzen zu entschärfen, wie es England und Frankreich sofort vorschlugen? Darauf hatte Deutschland nur die immer wieder vorgetragene und stereotype Antwort, dass im gegebenen Fall die “Einmischung” anderer Mächte wegen der ohnehin so gespannten Situation zwischen den beiden Bündnisstrukturen in Europa zu einer unkontrollierbaren Situation und höchstwahrscheinlich zum Krieg führen müsste. Deshalb müsse Deutschland strikt auf Nichteinmischung der anderen Mächte bestehen. Diese Krisenstrategie, über deren genaue Ausarbeitung wir wenig wissen, war unter diesen Umständen nichts anderes als eine in dieser Form noch nie da gewesene Erpressung. Die europäischen Großmächte, insbesondere Russland, sollten tatenlos zusehen, wie Österreich-Ungarn mit Serbien nach Belieben umsprang. 

Während der Krise unterschätzten die Briten lange den dramatischen Charakter der deutschen Politik. Außenminister Edward Grey unterließ es – was ihm später heftig vorgeworfen worden ist – noch zur rechten Zeit eine klare Warnung an Deutschland auszusprechen. Noch Anfang August wussten weder die Alliierten des Vereinigten Königreiches noch Deutschland und Österreich-Ungarn, ob Großbritannien überhaupt in einen Krieg eingreifen würde. 

Die französische Regierung verhielt sich recht doppeldeutig. Einerseits wurde von Paris aus energisch auf eine Begrenzung der Krise durch Gespräche zwischen den Großmächten gedrungen. Andererseits hat Präsident Poincaré gemeinsam mit dem französischen Botschafter in Petersburg, Maurice Paléologue, auf dem Höhepunkt der Julikrise alles getan, um den Russen die Sicherheit zu geben, dass Frankreich unter allen Umständen eine Politik der Unnachgiebigkeit gegenüber Deutschland verfolgen werde. Russland konnte sich deshalb ziemlich sicher sein, dass Frankreich im Kriegsfall unbedingt an seiner Seite stehen würde.

Europäisches Domino

 

Das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien schlug ein “wie eine Bombe”. Sasonow war außer sich: “Sie setzen Europa in Brand!”, sagte der russische Außenminister dem deutschen Botschafter. Österreich verlangte von Serbien eine Art förmliche Unterwerfung: Serbien sollte alle panserbischen und antiösterreichischen Tendenzen in der Presse unterdrücken, und es sollte vor allem österreichische Beamte in die Untersuchung der Hintergründe des Attentats einschalten. Letzteres war für einen souveränen Staat nach damaligen Begriffen vollständig inakzeptabel – und so war es ja auch von Österreich-Ungarn geplant. Indessen war die serbische Antwort ein Meisterstück der Diplomatie: Es gab nahezu allen Forderungen Wiens nach, nur die Beauftragung österreichischer Beamter mit der Untersuchung lehnte es ab. Ohne weitere Verhandlungen erklärte die Doppelmonarchie nun Serbien den Krieg, die europäische Öffentlichkeit war von soviel Brutalität schockiert. Dies umso mehr, als man überall davon ausging, dass hinter diesem unmäßigen Verhalten der Donaumonarchie Deutschland stünde, und die Vermutung, dass Deutschland einen großen Krieg wolle, wurde immer stärker zur Gewissheit. 

Angesichts dieser Entwicklung wurde Kaiser Wilhelm II. einigermaßen von Panik erfasst. Der Monarch erkannte, dass Österreich-Ungarns Verhalten nach dieser serbischen Antwort nicht mehr zu legitimieren war und gab die Anweisung, Österreich-Ungarn nunmehr zur Mäßigung aufzufordern. An den Rand einer Depesche aus Wien schrieb der Kaiser, dass mit der serbischen Antwort “jeder Kriegsgrund” entfalle. Bethmann Hollweg leitete zwar die Vorschläge des Kaisers korrekt nach Wien weiter, nicht aber dieses so symbolische, wenngleich sachlich unsinnige “Jetzt entfällt jeder Kriegsgrund”. Schließlich war zu diesem Zeitpunkt der Krieg bereits seit einem Tag erklärt. 

Russland war es vollständig unmöglich, angesichts der Empörung der eigenen Öffentlichkeit diesen Gewaltakt an der kleinen slawischen Brudernation hinzunehmen, obwohl der Zar genauso unschlüssig blieb wie sein Vetter (!) Wilhelm II. Mobilmachungen Russlands, in welcher Form auch immer, waren aber der Kulminationspunkt des Bedrohungsszenarios, das die deutschen Militärs seit Jahren aufgebaut hatten und die Politiker inzwischen insgesamt teilten: Sie wussten, dass der Erfolg des deutschen Kriegsplanes, des “Schlieffenplans”, davon abhing, dass Russland erst zu einem Zeitpunkt in den Krieg eingreifen konnte, wenn Deutschland Frankreich schon nahezu besiegt hatte. Jeder Tag, den die Russen eher mit ihrem Aufmarsch fertig waren, bedeutete deshalb eine einschneidende Schwächung dieses sakrosankten Planes.

Reichskanzler Bethmann Hollweg war sich dieser Gefahr bewusst, wie er selbst vor dem Reichstag am 3. August 1914 bekundete, als er die Kriegserklärung erstmals rechtfertigte.[20] Ab dem 28. Juli, dem Zeitpunkt, ab dem sich die Meldungen und Gerüchte von russischen Truppenzusammenziehungen, Teilmobilmachungen und Grenzübertritten massiv häuften, scheint er seine Politik darauf abgestellt zu haben, nunmehr nur noch die “innere Front” zu stabilisieren und Russland vor den Augen der bislang so kriegskritischen Sozialdemokratie und der gesamten Bevölkerung als alleinigen Kriegsverursacher aufzubauen. Diese Strategie war auf Dauer sehr erfolgreich: Die russische Mobilmachung als Begründung der deutschen war und blieb die unbedingte Voraussetzung des “Burgfriedens”, nämlich der nachhaltigen Überzeugung der Deutschen, einen Verteidigungskrieg zu führen. 

Tatsächlich verliefen die konfusen und zum Teil verzweifelten Verhandlungen der Mächte in den “letzten Stunden” der Krise ergebnislos, und alles spitzte sich auf die Frage zu, wer als erster die Mobilmachung befehlen würde. Dies war am 30. Juli eindeutig Russland, welches lange zwischen verschiedenen Formen von Teilmobilmachung geschwankt hatte, aber jetzt dem kategorischen Wunsch der Generäle nachgab, nicht länger zu zögern – auch die Russen wussten um die Nachteile einer späten Mobilmachung im erwarteten “kurzen Krieg”. Damit war das deutsche Bemühen erfolgreich, Russland als Schuldigen am Ausbruch des Weltkrieges anprangern zu können.

Schuldfrage

 

Wer war schuld? Zweifellos hat die unverantwortliche Erpressungs- und Bluffpolitik der deutschen Regierung den größten Anteil an der Entfesselung des Krieges. Aber nicht allein die Deutschen trugen die Verantwortung für die bis ins Unerträgliche gesteigerten Spannungen der Vorkriegszeit. In der Kriegsschulddebatte nach dem Ersten Weltkrieg hat der französische Historiker und Pädagoge Jules Isaac abschließend folgendermaßen geurteilt: Der Krieg sei gekommen, weil für keine der beteiligten Nationen der Frieden das höchste Gut gewesen sei. Hinter dieser lakonischen Feststellung verbirgt sich die tiefe Einsicht, dass den Politikern von 1914 trotz mancher Vorahnungen ein (zeitlich wie räumlich begrenzter) europäischer Krieg als durchaus noch machbar erschien. 

Man hatte vom Gaskrieg keine Vorstellung, genauso wenig wie von flächendeckender schwerer Artillerie, von Tanks oder Bomben werfenden Flugzeugen. Der Krieg, wie er 1914 begann, hatte mit dem von 1916 bis 1918 wenig zu tun. Der preußische General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz sah dies hundert Jahre zuvor voraus, als er urteilte, dass Krieg immer ein “Chamäleon” sei, und “absolut” werde, wenn er nicht mehr von der Politik gesteuert werde. Genau das zeigte sich dann im Zeitalter der Millionenheere und der ungeheuren industriellen Produktivität der europäischen Gesellschaften auch für den “Großen Krieg”.

1 | 2 | 3
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Eine berühmte Abrechnung mit diesem Denken in: Norman Angell, The Great Illusion, London 1910; vgl. auch Johann von Bloch, Die wahrscheinlichen wirtschaftlichen und politischen Folgen eines Krieges zwischen Großmächten, Berlin 1901.
2.
Vgl. Gerd Krumeich, Aufrüstung und Innenpolitik in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg, Wiesbaden 1980, Kap. 1; David Stevenson, Armaments and the Coming of War, Europe 1904 to 1914, Oxford 1996; Jack Snyder, The Ideology of the Offensive. Military Decision Making and the Disasters of 1914, London 1984.
3.
Vgl. Der Weltkrieg, hrsg. v. Reichsarchiv, Berlin 1930, Bd. 1, S. 217.
4.
Vgl. Die Bedeutung großer Armeemanöver, in: Die Grenzboten, 70 (1911), S. 340–353.
5.
Vgl. Kriegschirurgie, in: Deutsche Revue, 38 (1913), S. 226–235, S. 347–358; Über den heutigen Stand der Kriegschirurgie, in: Illustrierte Zeitung vom 24.10.1912.
6.
Vgl. Julius Hoppenstedt, Die Schlacht der Zukunft, Berlin 1907.
7.
Vgl. Jost Dülffer, Kriegserwartung und Kriegsbild in Deutschland vor 1914, in: Wolfgang Michalka (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg, München 1994, S. 778–798; Ignatius F. Clarke, Voices Propheseying War, 1763–1984, London 1966.
8.
J. Hoppenstedt (Anm. 6), S. 228.
9.
Zum Begriff der “Feuerwalze” vgl. Gerd Krumeich, Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen, München 2014, S. 122.
10.
Alfred Graf v. Schlieffen, Der Krieg der Gegenwart, in: Deutsche Revue, 34 (1909), S. 13–24.
11.
August Bebel, Rede im Deutschen Reichstag, November 1911, zit. nach: Wolfgang J. Mommsen, Der Topos vom unvermeidlichen Krieg, in: Jost Dülffer/Karl Holl (Hrsg.), Bereit zum Krieg. Kriegsmentalität im Wilhelminischen Deutschland 1890–1914, Göttingen 1986, S. 194–224, hier: S. 205.
12.
Für eine ausführliche Darstellung vgl. Gerd Krumeich, Juli 1914. Eine Bilanz, Paderborn 2013, S. 44ff.
13.
Vgl. ebd.
14.
Vgl. ebd., S. 47.
15.
Vgl. Christopher Clark, Die Schlafwandler, München 2013; Stephen Schröder, Die englisch-russische Marinekonvention, Göttingen 2006.
16.
Vgl. Bernd Sösemann (Hrsg.), Theodor Wolff. Tagebücher 1914–1919, Boppard 1984, S. 63ff. Wolff war Chefredakteur des “Berliner Tageblatts” und stand im engen Kontakt mit dem Auswärtigen Amt.
17.
Protokoll der Sitzung, in: G. Krumeich (Anm. 12), S. 225–237, hier: S. 234.
18.
Dok. Nr. 2, in: G. Krumeich (Anm. 12), S. 212.
19.
Gemeint sind die Thesen des Historikers Fritz Fischer, siehe dazu den Beitrag von Annika Mombauer in diesem Heft (Anm. d. Red.).
20.
Theobald von Bethmann Hollweg, Rede im Deutschen Reichstag, 4.8.1914, in: Weißbuch. Vorläufige Denkschrift und Aktenstücke zum Kriegsausbruch, o.O., 1914, S. 54.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Gerd Krumeich für bpb.de

http://www.bpb.de/apuz/182556/vorstellungen-vom-krieg-vor-1914-und-der-beginn-des-grossen-krieges?p=all