Ein Brief an die führenden Persönlichkeiten der Friedensbewegung

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http://mohssenmassarrat.weebly.com/

Prof. Dr. Mohssen Massarat, aus Teheran stammender Professor für Politik und Wirtschaft am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück mit den Forschungsschwerpunkten Mittlerer und Naher Osten, Energie, Friedens- und Konfliktforschung sowie Nord-Süd-Konflikt, ehemaliger Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Heinrich-Böll-Stiftung, seit 2002 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von Attac Deutschland, mailt diesen Brief an die führenden Persönlichkeiten der Friedensbewegung zur Kenntnis.
Korrektur zur Erstfassung: Konstantin Wecker stellt ausdrücklich fest, dass es eine Fehlinformation ist, dass er an einer der Montagsdemonstrationen teilgenommen hat. Das Team von HdS bedauert, dies nicht rechtzeitig mit Prof. Dr. Mohssen Massarat vor der Einstellung des Textes auf HdS geklärt und ihn darauf hingewiesen zu haben. (Alexander Kinsky, HdS Redaktion)


Liebe Freudinnen und Freunde der Friedensbewegung,

Ihr habt sicherlich davon gehört, dass seit mehreren Wochen in über 20 deutschen Städten Montagsdemonstrationen mit jeweils mehreren Tausend TeilnehmerInnen stattfinden, die sich als Teil der Friedensbewegung begreifen. Wegen der Mitwirkung von Jürgen Elsässer und der Versuche der NPD, diese Demos zu unterwandern, haben sich die Grünen, die Linkspartei, auch Attac pauschal davon distanziert. Schuld an der voreiligen Abgrenzung sind auch Jutta Ditfurths Kommentare und Äußerungen, u. a. bei Kulturzeit, die diese Bewegung als von Rechten und Antisemiten gesteuerte Bewegung der “Neuen Rechten” charakterisiert hatte. Demgegenüber haben verantwortungsbewusste Linke, wie der iranischstämmige Rapper Kaveh Ahangar, der selbst aus der Nähe die Montagsdemos in Berlin beobachtet hatte, sich bemüht, mit genauen Recherchen und fundierten Analysen, Licht in die verworrenen Verhältnisse zu bringen. Immerhin haben Kaveh Ahangar und andere erreicht, dass Konstantin Wecker seine ursprünglich ablehnende Haltung gegenüber den Montagsdemos geändert und daraufhin seine Neupositionierung formuliert hat. Ich hänge dieser Mail auch den Text von Pedram Shahyar an – ein vor einiger Zeit bei Attac führend mitwirkender Aktivist – der eine gute Einschätzung der politischen Hintergründe der Montagsdemos liefert.

Ich teile Euch das alles mit, weil ich verhindern möchte, dass auch aus dem Kreis der FB ablehnende Stellungnahmen gegenüber den Montagsdemos abgegeben werden. Ich folge den Einschätzungen von Kaveh Ahangar, Konstantin Wecker und Pedram: Die Versuche der Rechten, die Demos zu unterwandern und die Teilnahme von Esotherikeren und Anhängern diverser Verschwörungstheorien an diesen Demos darf nicht dazu führen zu übersehen, dass sich hier offenbar zahlreiche unpolitische Menschen, auch aus dem bürgerlichen Lager, die noch nie an einer Demo teilgenommen hatten, sich angesprochen fühlen, gegen eine neue Kriegsgefahr und die antirussische Propaganda etwas zu tun. Diese Stimmung ist m. E. in der Bevölkerung in der Tat sehr weit verbreitet. Man braucht sich nur die umfangreichen Leserbriefe in fast allen Tageszeitungen anzuschauen und zu registrieren, dass einzelne Journalisten, wie Hans-Ulrich Jörges, die gegen die gegenwärtige Propagande ihre Geduld verloren haben oder auch
konservative Politiker aus allen politischen Lagern, wie Helmut Schmidt, Klaus von Dohnanyi, Armin Laschet, ganz zu schweigen von Matthias Platzeck, Erhard Eppler, Egon Bahr etc., sich klar gegen die gegenwärtige dumme Nato-/EU-Politik äußern, um zu verstehen, dass eine allgemeine Unzufriedenheit viele Menschen bewegt.

Kein Wunder, dass die Initiative der Montagsdemos, die vor allem über Facebook kommuniziert wird und offensichtlich auch mit neuen Verbalisierungsmethoden organisiert wird, bei vielen Menschen ankommt, während traditionelle Protestformen dies halt nicht schaffen. Bei den Montagsdemos nehmen seit Wochen deutlich mehr Menschen teil, als die FB bei den Ostermärschen zu mobilisieren in der Lagen war.

Aus alledem möchte ich den Vorschlag unterbreiten, möglichst bald eine Großdemonstration gegen die Nato-Russland- und Ukraine-Politik und das Verhalten der EU zu organisieren und dabei die Hauptinitiatoren der Montagsdemos, insbesondere Ken Jebsen und Lars Mährholz, mit einzubeziehen und darüber hinaus auch Konstantin Wecker als Mitveranstalter zu gewinnen. Ich bin ziemlich sicher, dass sich Millionen Menschen in Deutschland angesprochen fühlen und einige Hunderttausend auch an einer solchen Demo teilnehmen würden, mit dem wichtigen Nebeneffekt, dass dadurch den Montagsdemos eine eindeutige friedenspolitische Stoßrichtigung gegeben werden könnte, die den rechten Opportunisten und Populisten das Handwerk legt und sie an den Rand drängt.

Mit den besten Grüßen
Mohssen Massarrat

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Pedram Shayar: Montagsmahnwachen: Tahrir oder Teaparty?
http://pedram-shahyar.org/2014/04/montagsmahnwachen-tahrir-oder-teaparty.html

Kaveh Ahangars Kommentar vom 23.4. (oben erwähnt):

Es ist erschreckend wie einseitig die Massen-Medien und unterschiedliche linke Gruppen und Aktivisten von den Montagsdemos berichten. Ich bin am Montag demonstrativ mit meinem Spuck auf Rechts T-Shirt auf die Mahnwache zum Potsdamer Platz gefahren und habe mir das ganze Live angeschaut. Es waren zwar Anhänger und Parteifunktionäre der NPD, Pro Deutschland, AFD etc. anwesend, aber genauso auch eher unpolitische Menschen, Linke, Punks usw. und selbst eine Solidaritäts-Flagge mit den Flüchtlingen am O-Platz wurde geschwungen. Es war also ein durchmischter Haufen von 1500-2000 Menschen, die zur Mahnwache kamen. In diesem Kontext sollte man nicht vergessen, dass die Demonstranten früherer Anti-Kriegs-Bewegungen auch heterogen waren und von links bis rechts alle möglichen Strömungen vertreten waren.
Die Redebeiträge, die ich miterlebt habe (u.a. von Mährholz, Popp und Elsässer) hatten keinen diskriminierenden Unterton und Wojna, der Rapper von der Bandbreite, hat sich selbst sogar ausdrücklich als Linker bezeichnet.
Diese ‘‘neue Friedensbewegung‘‘ schafft es relativ viele Menschen zu mobilisieren und für die Kriegsgefahr zu sensibilisieren, was die linke Friedensbewegung in den letzten Jahren leider versäumt hat, während einige selbsternannte linke Parteien und Gruppen erst gar nicht ernsthaft versuchen eine starke neue Friedensbewegung auf die Beine zu stellen. Anstatt die deutsche Unterstützung von Neofaschisten und Neoliberalen in der Ukraine und die voller Doppelstandards steckende westliche Eskalations- und Interventionspolitik zu kritisieren, schlagen sie lieber auf Mährholz und co. ein.
Die Stärke dieser neuen Montagsdemos liegt natürlich nicht zuletzt an dem medienwirksamen Journalisten Ken Jebsen, der es perfekt versteht mit einer Mischung aus Entertainment und kritischen Analysen die Mitte der Gesellschaft abzuholen. Die Organisatoren sind zudem sehr gut vernetzt und auch technisch gut gerüstet. Alles Voraussetzungen, die Linke bisher nur unzureichend erfüllen. Es ist klar, dass linke Kräfte weiterhin Friedensdemos organisieren sollten, die nicht rechtsoffen sind und in denen Rassisten wie Elsässer keinen Platz haben. Diese laufen ja sowieso weiter und neue Friedensdemos sind auch schon in Planung. Aber ich glaube auch, dass Linke nicht davor zurückschrecken sollten mit Leuten wie Ken Jebsen, Märholz oder die Bandbreite zusammenzuarbeiten, weil diese keine diskriminierenden Elemente in ihren Diskursen aufweisen, auch wenn man deren Analysen nicht teilen oder für verkürzt halten mag. Der ihnen an den Kopf geworfene Vorwurf, sie seien Antisemiten ist eine klare Verleumdung. Das ist wohl – neben finanziellen und promotechnischen Vorteilen – auch der Grund, warum Jebsen für den Compact schreibt und die Bandbreite in seltsamen Zirkeln auftreten. Ohne Compact & co. in Schutz nehmen zu wollen, verstehe ich die Verzweiflung, die dahinter steckt von allen Seiten denunziert und zu Unrecht als antisemitisch oder rechts diffamiert zu werden. Dies treibt Menschen halt dazu dubiose und fragwürdige Foren zu nutzen. Man könnte Mainstream-Journalisten ja genauso vorwerfen für Medienanstalten zu arbeiten, die von kapitalistischen Konzernen betrieben werden.
Linke sollten sich meiner Meinung nach auch den sog. Verschwörungstheoretikern und ‘‘Truthern‘‘ öffnen, sofern diese keine rassistischen, anti-jüdischen, sexistischen, homophoben oder sonst wie diskriminierenden Meinungen und Ziele vertreten. Zumindest stellen diese Leute kritische Fragen, sprechen sich gegen Interventionskriege aus und arbeiten nicht so eng mit der Regierung, den Medien und multinationalen Konzerne zusammen wie viele sog. Linke es tun. Der Grund, warum sich gerade die Grünen und die Linkspartei von diesen Mahnwachen distanziert haben ist unter anderem, dass sie befürchten eine neue Bewegung von Nichtwählern könnte entstehen, die sie am Ende Wahlstimmen kosten könnten. Themen wie Militarismus und Imperialismus werden von vielen sog. Linken ignoriert, weil sie unter anderem aufgrund der pro-israelischen und pro-amerikanischen Positionen und persönlicher Vorteile im Zuge der Regierungsbeteiligung (siehe z.B. Joschka Fischer), westliche Interventionskriege befürwortet und sogar selber daran beteiligt waren.

Hier noch einige weitere von Kaveh Ahangar empfohlene Artikel zum Thema:

http://lowerclassmagazine.blogsport.eu/montagsdemos-der-faktencheck/#respond

http://www.freitag.de/…/showdown-der-friedensfreunde

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