Ukraine-Krise
45.000 russische Soldaten in Bereitschaft

Ukrainische Soldaten versperren eine Straße bei Slowjansk

(Quelle: dpa)

Bild Straßensperre bei Slowjansk
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Video Siegesparade in Moskau
Video Ukraine: Tote am russischen Feiertag

von Stefan Lehmacher

Trotz gegenteiliger Beteuerungen hält Russland offenbar weiterhin rund 45.000 Soldaten mit Panzern, Schützenpanzern und Artillerie an der Grenze zur Ukraine in Bereitschaft. Auch auf der Krim hat Russland seine Militärpräsenz verstärkt. Ein Rückzug der Truppen ist laut NATO-Quellen nicht zu erkennen.

 

Britische und schwedische Militärwissenschaftler haben inzwischen die möglichen Szenarien für einen Fortgang des Ukraine-Konflikts durchgespielt. Sie kommen zu dem Schluss, dass eine militärische Einnahme der Ostukraine durch russische Truppen durchaus eine Option ist. Auch die Ukraine hat auf diese Gefahr reagiert und ihre Truppen in Richtung Grenze vorverlegt.

Russischer Aufmarsch

Nach Erkenntnissen des führenden schwedischen Forschungsinstituts für VerteidigungFOI wurden seit März Truppen aus drei der vier russischen Militärdistrikte an die ukrainische Grenze verlegt. Dabei handelt es sich um Panzerbrigaden, zahlreiche Panzergrenadierbataillone, mechanisierte Infanterie, mehrere tausend Fallschirmjäger und “Speznas”-Spezialeinheiten (Podrasdelenija Spezialnowo Nasnatschenija rossijskoj federazii zu deutsch: Einheit zur besonderen Verwendung der Russischen Föderation). Insgesamt wurden 45.000 Mann von St. Petersburg bis Grosny in Richtung Ukraine in Marsch gesetzt.

 

 

RUSSISCHE LUFTVERBÄNDE AUF DER KRIM

Zwischen dem 3. und 5. Mai beobachteten Anwohner auf der Krim eine umfangreiche Verlegung russischer Luftverbände auf den Flugplatz und die Luftwaffenbasis von Simferopol. Gesichtet wurden neben zahlreichen Transportflugzeugen vom Typ IL-76 auch Langstreckenbomber des Typs TU-95, SU-25-Erdkampfflugzeuge, Jagdflugzeuge des Typs Su-27 und MiG-29.

 

 

 

Die Nominalstärke der russischen Bodentruppen liegt derzeit bei rund 285.000 Mann. Von diesen stehen aber lediglich maximal 92.000 für eine Ukraine-Operation zur Verfügung, da viele Einheiten in anderen Teilen Russlands gebunden sind. Die Mobilisierung von 45.000 Mann aktiver Kampftruppen werten Experten als eine außerordentliche Kraftanstrengung der Regierung in Moskau. Nach Ansicht der schwedischen Militärexperten hängt eine mögliche großangelegte russische Invasion der Ukraine vor allem davon ab, welchen militärischen Widerstand die russischen Militärplaner erwarten.

Stoßrichtung Kiew

Die derzeit auf beiden Seiten bereit stehenden Kräfte hat die Washington Post auf Basis der schwedischen und britischen Erkenntnisse grafisch dargestellt. Es zeigt einen Schwerpunkt russischer Kräftekonzentration nahe Brjansk und Kursk mit mehreren Brigaden schwerer Panzerverbände, mechanisierter Infanterie und Teilen der 76. Luftlandedivision offenbar mit Stoßrichtung Kiew. Die Ukraine hat dies gekontert mit der Verlegung einer Panzerbrigade und dreier Brigaden mechanisierter Infanterie.

 

 

NATO VERLEGT KAMPFJETS RICHTUNG OSTEN

Als Antwort auf die Ukraine-Krise hat die NATO in den vergangenen Wochen Kampfflugzeuge in die östlichen Mitgliedsstaaten verlegt. Die US-Luftwaffe hat sechs F-15-Abfangjäger nach Litauen geschickt, zwölf F-15 nach Polen und sechs F-16-Abfangjäger nach Rumänien. Hinzu kommen sechs CF-18-Kampfjets der Kanadischen Luftwaffe, die ebenfalls nach Rumänien entsandt wurden sowie vier Rafale-Jets der französischen Luftwaffe, die nach Polen verlegt haben. Großbritannien hat einen AWACS-Frühwarnjet nach Rumänien entsandt, Frankreich hat ein weiteres AWACS-Flugzeug nach Polen geschickt sowie eine unbekannte Zahl von Luftbetankungsflugzeugen vom Typ KC-135.

 

 

Eine direkte Bedrohung der Ostukraine ist die russische Kräftekonzentration um Belgorod. Dorthin wurden die komplette 106. Luftlandedivision und acht Bataillone Panzergrenadiere verlegt. Diese Truppen zielen auf Charkiw und die von dort nach Süden laufende Fernstraße M18, die Charkiw mit der Krim verbindet. Im äußersten Süden der Ukraine wiederum sind russische Truppen vor Lugansk und zwischen Rostow und Donezk zusammengezogen worden, darunter starke Luftlandeeinheiten, Panzergrenadierbataillone, schwere Panzerverbände und Speznas-Truppen.

Umkämpfte Fernstraßen

Karte der Ukraine mit Charkiw und Donezk
Quelle: ZDF

Den Schlüssel für ein schnelles Vorankommen stellen die Fernstraßen in der Ostukraine dar. Dazu gehören die in Nord-Süd-Richtung verlaufende M18 von Charkiw nach Simferopol auf der Krim sowie die in Ost-West-Richtung verlaufenden Fernstraßen M03 und M04. Die beiden in Ost-West-Richtung verlaufenden Fernstraßen kreuzen sich bei Debaltsevo im Zentrum der Ostukraine und münden auf die M18 – die M03 bei Charkiw und die M04 bei Dnipropetrowsk. Hinzu kommt die H20-Route über Sloviansk und Kramatorsk nach Donezk, die wichtigste Straßenverbindung im Zentrum der Ostukraine.

Nicht von ungefähr haben pro-russische Separatisten vornehmlich Ortschaften und Städte entlang dieser Routen besetzt. Dies macht es ukrainischen Einheiten der dort operierenden 25. Luftlandbrigade, der 93. mechanisierten Brigade und der 17. Panzerbrigade extrem schwer voranzukommen. Im Falle eines russischen Vorstoßes hätten ukrainische Truppen unter diesen Bedingungen große Probleme gegen russische Verbände zu operieren, da sie sich wie in Feindesland bewegen müssten.

Slowjansk und der Volkskrieg

In den Bemühungen der ukrainischen Führung, die Kontrolle über die Ostukraine nicht zu verlieren, kommt der Stadt Slowjansk eine Schlüsselrolle zu. Die britischen Experten desRoyal United Services Institute (RUSI) weisen darauf hin, dass in der Ukraine noch große Waffendepots aus Zeiten des Kalten Krieges existieren. Darin befinden sich rund fünf Millionen Kalaschnikows, Panzerfäuste und andere leichte Waffen, die für einen Volkskrieg gegen eine möglicherweise einmarschierende NATO-Armee gedacht waren.

Kiew hat Moskau zwar leise aber wiederholt darauf hingewiesen, diese Depots öffnen zu können, um die ukrainische Bevölkerung der Ostukraine für einen Guerillakrieg gegen potenzielle russische Besatzer auszurüsten. Bei Slowjansk befindet sich die Hälfte aller dieser strategischen Waffendepots. daher auch die erbitterten Kämpfe um die ansonsten völlig unbedeutende Stadt an der H20-Route.

 

 

UKRAINE – DIE WAFFENKAMMER RUSSLANDS
Russische Interkontinentalrakete, Typ Topol (Archivbild)

Wenig bekannt ist, dass die Ukraine zahlreiche Kernbetriebe der russischen Rüstungswirtschaft beherbergt. Wie aus einerRUSI-Kurz-Analyse hervorgeht, sind rund 30 Prozent der russischen Rüstungsimporte aus der Ukraine für Moskau unersetzlich und können nicht durch heimische Produktion substituiert werden. Unter anderem produzieren ostukrainische Bertriebe die Triebwerke für die aktuellen russischen Interkontinentalraketen vom Typ SS-18, SS-19 und SS-25 (Topol; siehe Archivbild), die 80 Prozent des russischen ICBM-Arsenals ausmachen.

In der Ostukraine werden ebenfalls Triebwerke für Antonov-Flugzeuge, Triebwerke für alle russischen Kampf- und Transporthubschrauber sowie die Hydraulik der meisten aktuellen russischen Suchoi-Kampfjets Su-27, Su-30 und Su-35 hergestellt. Rund 20 Prozent des gesamten in Russland verbrauchten Urans stammen aus der Ostukraine und 60 Prozent aller Getriebe für alle neuen und geplanten Schiffe der russischen Marine.

 

 

 

NATO-Aufklärungsflüge verstärkt

Während Russland behauptet, die von westlichen Regierungen präsentierten Aufnahmen russischer Militärkonzentrationen seien alte Aufnahmen, intensivieren NATO-Staaten und die USA ihre Aufklärungstätigkeit im Rahmen des Internationalen “Vertrags über den offenen Himmel” (Treaty on Open Skies). Allein im März flogen rumänische Teams, US-Beobachter und Beobachter aus Deutschland sowie aus Schweden Missionen auf der Basis des Abkommens.

 

 

OPEN SKIES TREATY

Der Vertrag über den offenen Himmel ist ein 1992 zwischen den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten und den NATO-Staaten geschlossener Vertrag über vertrauensbildende und kriegsverhindernde Maßnahmen. Er gestattet es den Teilnehmerstaaten, gegenseitig ihre Territorien mit speziell ausgerüsteten Flugzeugen auf festgelegten Routen zu überfliegen und mittels Foto, Radar und Infrarot Aufnahmen zu machen.

 

 

 Vom 5. bis 8. Mai hat ein gemischtes norwegisches und US-amerikanisches Beobachterteam an Bord einer rumänischen Aufklärungsmaschine erneut russisches und ukrainisches Gebiet überflogen, um russische Truppenkonzentrationen zu überprüfen. Auch Russland gehört dem Vertrag an und überfliegt in speziellen Aufklärungsflugzeugen europäische NATO-Staaten, Kanada und die USA.