Augenschein im Osten der Ukraine

Kramatorsk noch nicht wieder unter Kiews Kontrolle

Vor 55 Minuten
Ein ausgebrannter Bus wird am Samstag in Kramatorsk zum Fotomotiv für zwei junge Frauen.
Ein ausgebrannter Bus wird am Samstag in Kramatorsk zum Fotomotiv für zwei junge Frauen. (Bild: Maysun / Keystone)

ela. NZZ-Korrespondent Ulrich Schmid hat es am Sonntag von Donezk in die Stadt Kramatorsk geschafft. Von dort meldete die Regierung in Kiew am Samstag schwere Gefechte, bei denen mindestens zwei Personen getötet wurden. Schmid meldet sich per Natel aus der 165.000-Einwohner-Stadt von der ulica Socialistischkaya. Er berichtet von rauchenden Barrikaden und ausgebrannten Busse. “Autos sind keine unterwegs”, sagt Schmid, “allerdings laufen viele Einwohner durch die Strassen und den Park und alle telefonieren per Natel.” Auch als Schmid durch einen Park geht, der seit Wochen nicht gemäht wurde, und zur Ulica Dworzowa (Schlosstrasse) kommt, sind dort viele ausgebrannte Gebäude und Autos zu sehen.

Rathaus weiterhin in der Hand der Separatisten

Behauptungen, die Stadt sei von Truppen der Kiewer Regierung wieder eingenommen worden, kann Schmid nicht bestätigen. Das Rathaus wird demnach noch immer von prorussischen Aktivisten (Ospaltschinzy) besetzt und ist mit Sandsäcken verbarrikadiert. Die Aktivisten haben keine wirklichen Strukturen und keine Ränge. Ansprechperson dort ist ein Mann, der sich Anton nennt, ein grosser, bleicher Geselle, der ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hat. Gestern abend sei viel geschossen worden, sagt Anton zur NZZ. Trotz der instabilen Lage halte man an dem für den 11. Mai geplanten Referendum der Separatisten über die Unabhängigkeit der sogenannten «Donezker Republik» fest. Hierbei erwartet Anton eine Zustimmung von 70 bis 80 Prozent für die Unabhängigkeit. Anton reitet die üblichen Attacken gegen Kiew. Insbesondere das neue Sprachengesetz findet seinen Zorn. Man wolle Hilfe von Russland, erklärt Anton, betont aber: “Wir haben Russland nicht um militärische Hilfe gebeten”. Gemeint ist somit wohl eher infrastrukturelle Hilfe. Gleichzeitig behauptet Anton, “alle jungen Männer von Kramatorks kommen zu uns”.

Angst vor dem «Rechten Sektor»

Aus seinen Gesprächen mit den Separatisten um Anton in ihren Tarnanzügen und mit Einwohnern von Kramatorsk hört Schmid die Überzeugung, dass viele glauben, im Windschatten der Kiewer Truppen auch die nationalistische Gruppen «Prawy Sektor» (Rechter Sektor) anrücke.

Schmid war am Morgen noch in Donezk gewesen. Dort ist das Gebäude des Ukrainischen Geheimdienstes SBU besetzt worden. Aus Holzkisten seien hier kleine Barrikaden errichtet worden, schildert er die Szenerie. Im Gebäude, in dem der Gouverneur des Donezker Gebiets, Taruta residiere, seien Scheiben eingeworfen worden.

Um nach Kramatorsk zu gelangen, hat sich Schmid auf der “völlig verlassenen Autobahn” zunächst in Richtung Kostjantiniwka begeben. Dort sind scheinbar alle prorussischen Einheiten (Ospaltschinzy) vom Stadtrand verschwunden. Allerdings habe er noch Einheiten im Inneren der Stadt gesehen. Diese trügen Jagdflinten bei sich. Die Lage in Kostjantiniwka sei unübersichtlich.

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