Nach Flüchtlingswelle: Chronische Überlastung auf Sizilien

3. Mai 2014, 11:23

Innerhalb von zwei Tagen mehr als 2.000 Flüchtlinge eingetroffen – Bürgermeister Palermos appelliert an EU

Rom – Nachdem Italiens Marine und Küstenwache innerhalb von zwei Tagen mehr als 2.000 Flüchtlinge nach Sizilien gebracht haben, wächst der Protest auf der Insel, auf der die Flüchtlingslager chronisch überlastet sind. Allein am Freitag trafen 1.170 Migranten im sizilianischen Hafen Augusta ein, 200 davon sind Minderjährige ohne Begleitung.

Der Protest der sizilianischen Bevölkerung wächst wegen des massiven Flüchtlingsstroms. Der katholische Verband ANCI klagte über “riesige Probleme” im Zusammenhang mit der Flüchtlingswelle und forderte den Einsatz des Innenministeriums. Besorgt zeigt sich auch Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando. “Palermo ist eine Stadt, die offen und hilfsbereit ist. Europa sollte jedoch auch ihren Beitrag leisten”, protestierte Orlando.

Sizilien oft nur Zwischenstation

Nach ihrem Eintreffen auf Sizilien wandern die Migranten durch Städte und Dörfer, in denen sie aufgenommen wurden, auf der Suche nach Wegen, um die Insel zu verlassen. Die meisten von ihnen wollen Angehörige in Norditalien, Deutschland oder Frankreich erreichen. Einige Auswanderer berichteten, aus Libyen abgefahren zu sein und Schlepperbanden bis zu 1.000 Euro pro Kopf für die Überfahrt nach Sizilien gezahlt zu haben.

Die sizilianischen Behörden helfen, wo sie nur können, befürchten jedoch zugleich Auswirkungen der Migrantenwelle auf die öffentliche Gesundheit. Bei einigen Flüchtlingen wurde Krätze diagnostiziert, ein Somalier sei an Malaria erkrankt, berichteten italienische Medien. Um die öffentliche Sicherheit bangen vor allem die Bewohner Agrigents. Hunderte Auswanderer halten sich auf den Straßen der Innenstadt auf, schlafen auf Bänken und versuchen, mit allen Mitteln das italienische Festland zu erreichen.

Die Mission “Mare Nostrum” hatte im Oktober nach zwei Schiffsunglücken vor Lampedusa mit mehr als 360 Toten begonnen. Der Einsatz kostet den italienischen Staat neun Millionen Euro pro Monat. Die Marine fordert zusätzliche Finanzierungen für Treibstoff, die Erneuerung der Flotte und Ersatzteile für die Schiffe. Außerdem drängt Italien die EU auf mehr Hilfe im Umgang mit dem Flüchtlingsproblem. Nach Angaben des italienischen Innenministeriums warten 800.000 Menschen in Libyen auf die Abfahrt nach Europa. (APA, 3.5.2014)

http://derstandard.at/1397522376006/Nach-Fluechtlingswelle-Chronische-Ueberlastung-auf-Sizilien

Italiens Marine rettete 1.100 Flüchtlinge, Lega Nord will Ende der Hilfseinsätze

21. April 2014, 14:49

800 Migranten am Sonntag, 300 weitere in der Nacht auf Montag in Sicherheit gebracht

Rom – Auch über die Ostertage hat die italienische Marine wieder Hunderte Flüchtlinge auf dem Mittelmeer in Sicherheit gebracht. In der Nacht auf Montag nahmen die Rettungskräfte südlich von Lampedusa mindestens 300 Migranten von kaum seetüchtigen Booten an Bord, wie die Marine mitteilte. Am Sonntag brachte sie mehr als 800 gerettete Flüchtlinge nach Sizilien.

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Antrag der Lega Nord

Italiens rechtspopulistische Oppositionspartei Lega Nord hat indessen am Montag das sofortige Ende des Marine-Einsatzes “Mare Nostrum” zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer gefordert. “Wir werden dem Parlament den Antrag auf ein sofortiges Ende der Mission einreichen, das den italienischen Bürgern 300.000 Euro pro Kopf kostet”, sagte Lega-Chef Matteo Salvini.

Die Gewissheit der Migranten, dass ihre Boote von der italienischen Marine gerettet werden, trage zu einem immer stärkeren Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer bei, glaubt Salvini. Über das Osterwochenende wurden mehr als 1.100 Migranten von der italienischen Marine vor der Küste Siziliens gerettet.

Innenminister Angelino Alfano hatte vergangene Wochen die Verlegung des Sitzes der Grenzschutzagentur Frontex auf die Insel Lampedusa gefordert. Die Mission “Mare Nostrum” hatte im Oktober nach zwei Schiffsunglücken vor Lampedusa mit mehr als 360 Toten begonnen. Der Einsatz kostet dem italienischen Staat neun Millionen Euro pro Monat. Die Marine fordert zusätzliche Finanzierungen für Treibstoff, für die Erneuerung der Flotte und Ersatzteile für die Schiffe. Außerdem drängt Italien auf mehr Hilfe von der EU im Umgang mit dem Flüchtlingsproblem.

Seit Jahresbeginn sind nach Regierungsangaben bereits mehr als 20.000 Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien gekommen. Nach den Schiffsunglücken mit mehr als 300 Toten vor der Insel Lampedusa im vergangenen Oktober hat Italien mit einer strikten Überwachung des Mittelmeerraums begonnen. (APA/red, derStandard.at, 21.4.2014)

http://derstandard.at/1397521193356/Italiens-Marine-brachte-Hunderte-Fluechtlinge-in-Sicherheit

Italiens Innenminister: “Lassen nicht Tausende im Meer ertrinken”

GERHARD MUMELTER AUS ROM
17. April 2014, 13:36
  • Bis 15. April wurden in diesem Jahr in Süditalien 20.889 Migranten registriert.
    foto: apa/epa/italian coast guard pres

    Bis 15. April wurden in diesem Jahr in Süditalien 20.889 Migranten registriert.


Abgeordnete der Lega Nord hatten die Operation zur Rettung von Bootsflüchtlingen kritisiert

Gegen wütende Proteste der Lega Nord hat Italiens Innenminister Angelino Alfano am Mittwoch im Parlament die Operation “Mare nostrum” verteidigt. “Wir sind ein ziviles Land und lassen nicht Tausende im Meer ertrinken”, sagte Alfano, während die Lega-Abgeordneten Schilder mit der Aufschrift “Minister für illegale Einwanderung” in die Höhe hielten.

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“Wir haben 19.000 Menschen gerettet”

“Menschenleben sind uns mehr wert als ein paar Wählerstimmen für die Lega”, versicherte Alfano, bevor die Sitzung nach turbulenten Protesten unterbrochen werden musste. “Mare nostrum” sei keine ständige Einrichtung, sondern eine befristete Aktion: “Es ist klar, dass unsere Schiffe nicht zu Fähren für Migranten werden dürfen. Aber wir haben 19.000 Menschen aus dem Meer gerettet.”

Die Kosten bezifferte der Innenminister auf neun Millionen Euro im Monat. Alfano forderte die EU erneut energisch auf, für den Schutz der europäischen Außengrenzen zu sorgen. “Die Untätigkeit der EU fördert Frau Le Pen”, erklärte Alfano und forderte gleichzeitig eine Korrektur des Dubliner Abkommens: “Wer als Flüchtling anerkannt wird, muss sich in Europa frei bewegen dürfen, um sich dort niederzulassen, wo er Verwandte oder Freunde hat.” Seien die Migranten früher vor allem gekommen, um Arbeit zu suchen, so seien “80 Prozent heute Menschen auf der Flucht vor Kriegen sowie ethnischen und religiösen Konflikten”.

500 Minderjährige verschwunden

Bis 15. April wurden in diesem Jahr in Süditalien 20.889 Migranten registriert. Im selben Zeitraum des Vorjahrs waren es lediglich 2529. In Sizilien setzen sich indessen Hunderte aus den improvisierten Lagern ab. Nach Angaben der Hilfsorganisation Save the Children sind von 800 unbegleiteten Minderjährigen, die vergangene Woche in Sizilien registriert wurden, 500 verschwunden. Das gebe Anlass zu großer Besorgnis. Die sizilianischen Gemeinden können nur notdürftig für die Migranten sorgen. “Unsere Kassen sind leer”, gesteht die Bürgermeisterin von Augusta, Maria Carmela Librizzi.

In der 38.000-Einwohner-Stadt sind viele Flüchtlinge notdürftig in leeren Lagerhallen und im Sportpalast untergebracht. Wegen des Mangels an Übersetzern ist die Verständigung schwierig. Im Flüchtlingslager Cara Mineo, das maximal 2.000 Personen aufnehmen kann, drängen sich mehr als 4.000 Migranten. Die Situation sei “katastrophal”, sagte der linke Abgeordnete Erasmo Palazzotto nach einem Besuch in dem Lager. “Vielleicht sollten die Herren der Lega Nord, die von der Unterbringung in Viersternhotels schwafeln, hier einmal einen Lokalaugenschein vornehmen.” (GerhardMumelter aus Rom, derStandard.at, 17.4.2014)

http://derstandard.at/1397520889071/Italiens-Innenminister-Mare-nostrum-ist-befristete-Aktion