Bedeutender Handel

Wie dominant ist China an den Rohwarenmärkten?

Heidi Gmür, Sydney Heute, 3. Mai 2014, 05:30
In China fällt die Hälfte der weltweiten Stahlproduktion an: ein Arbeiter in Yichang in der Provinz Hubei.
In China fällt die Hälfte der weltweiten Stahlproduktion an: ein Arbeiter in Yichang in der Provinz Hubei. (Bild: Reuters)
Urbanisierung und Industrialisierung haben die Rohstoffnachfrage Chinas im vergangenen Jahrzehnt in die Höhe schnellen lassen. Heute spielt das Land als Importeur eine zentrale Rolle im Welthandel mit Rohwaren.

Man muss sich die Ressourcen – allein für die zusätzlichen Wohnbauten und die Infrastruktur – vorstellen, die benötigt würden, wenn sich die Bevölkerung der Stadt Zürich in einem einzigen Jahr verdoppeln würde. In Peking wuchs die permanente Bevölkerung im vergangenen Jahrzehnt jährlich nicht nur um das Einfache der Stadt Zürich, sondern um das Anderthalbfache; inzwischen leben in der Hauptstadt Chinas 21 Mio. Menschen, was freilich ein Bruchteil (rund 1,6%) der Bevölkerung im Reich der Mitte ist. Innert nur zehn Jahren wurden in China laut einer Studie der Economist Intelligence Unit doppelt so viele Häuser gebaut, wie es Häuser in Spanien gibt.

Eisenerz und Kohle

Die Bevölkerungsgrösse Chinas, die parallel zum Wirtschaftswachstum rasant fortschreitende Urbanisierung und die nachgeholte Industrialisierung stehen hinter der gigantischen Rohstoffnachfrage des asiatischen Landes. Heute gibt es kaum mehr einen Bereich des internationalen Rohwarenhandels, bei dem China nicht eine zentrale Rolle spielen würde – und dass seine Nachfrage bereits den Höhepunkt erreicht hat, ist laut dem Internationalen Währungsfonds (IMF) beim gegenwärtigen Stand des Pro-Kopf-Einkommens in China unwahrscheinlich.

Ausgeprägt ist Chinas Nachfragemacht vor allem im Bereich der Metalle. Beim Gold, dem wertmässig bedeutendsten Handelsgut, hat es im vergangenen Jahr laut dem World Gold Council Indien als weltweit wichtigsten Markt abgelöst. Der Handel mit dem Edelmetall ist nicht zuverlässig dokumentiert, laut dem World Gold Council sind die Importe Chinas in den letzten Jahren aber stark gestiegen, trotz dem Boom der eigenen Goldproduktion.

Beim Eisenerz ist die Dominanz des Reichs der Mitte besonders augenfällig. Laut der Uno-Organisation für Welthandel und Entwicklung (Unctad) werden rund 60% des weltweit gehandelten Eisenerzes nach China exportiert. Das eisenhaltige Geröll wird zur Herstellung von Stahl verwendet – und inzwischen entfallen fast 50% der Stahlproduktion auf China (vgl. Grafik). Bei Kupfer beträgt Chinas Anteil an den weltweiten Importen gemäss der Uno-Datenbank Comtrade 28%, bei Nickel knapp 17%, bei Zinn 12%, womit es der wichtigste Importeur dieser drei Metalle ist. Bei Zink steht das Land mit 12% derweil an zweiter Stelle hinter den USA. China nimmt jedoch auch bedeutende Rollen in umgekehrter Richtung ein: Das asiatische Land ist grösster Produzent und Konsument von Aluminium und ist im vergangenen Jahr zu einem Nettoexporteur für das Buntmetall geworden.

Kein Weizen – viel Soja

Im Bereich der Brennstoffe, die wertmässig über die Hälfte des Rohwarenhandels ausmachen , ist die Rolle Chinas vor allem als mittlerweile grösster Importeur von Kohle zentral. Diesen Platz hat es erst 2012 von Japan geerbt. Ein Blick auf den chinesischen Gesamtkonsum an Kohle zeigt, dass dies bloss eine Frage der Zeit war: Er hat sich von unter 1 Mrd. t in den 1980er Jahren auf 3,8 Mrd. t vervierfacht und entspricht mittlerweile fast dem Niveau des Gesamtverbrauchs der restlichen Welt (vgl. Grafik). 2012 betrug der (mengenmässige) Anteil Chinas an allen Importen laut der Internationalen Energieagentur denn auch fast ein Viertel. Die Erdölimporte führen hingegen die USA mit einem Anteil von 25% vor China (12%) an, und erst 4% der Gasimporte entfallen auf das Reich der Mitte.

Im Agrarbereich variiert Chinas Anteil an den Importen ebenfalls beträchtlich. Gemessen an den gesamten Agrarimporten, spielt das Land derzeit zwar keine dominierende Rolle (vgl. Grafik), bei einzelnen Rohwaren ist sein Anteil jedoch überragend. Vom weltweit gehandelten Weizen etwa landen gemäss Daten der Uno-Ernährungsorganisation FAO lediglich 2% in China und damit zehnmal weniger als in Europa. Im Geschäft mit Sojabohnen aber haben sich Chinas Importe zwischen 2001 und 2011 auf 30 Mrd. $ verzehnfacht, womit es rund 60% des Angebots auf dem Weltmarkt abgeschöpft hat. Auch bei der Baumwolle ist China mit Abstand der wichtigste Importeur (50%); denn obschon es zugleich der grösste Baumwollproduzent der Welt ist, muss es sich auf dem Weltmarkt mit weiterer Ware eindecken, um den Bedarf seiner Textil- und Bekleidungsindustrie befriedigen zu können.

Die Bedeutung des asiatischen Schwellenlands im internationalen Rohwarenhandel hat seitens der Exportländer zwangsläufig auch die Abhängigkeit von Chinas Wachstum erhöht. Der IMF hat unlängst geschätzt , wie das Bruttoinlandprodukt (BIP) von Exportländern darauf reagieren würde, wenn die chinesische Wirtschaft bis 2025 «nur» noch um 7,5% pro Jahr wächst, was der gegenwärtigen Rate entspricht, statt um 10% wie in der Dekade davor. In diesem Szenario läge das BIP-Niveau etwa der Mongolei im Jahr 2025 um 7% und jenes von Australien immerhin noch um 3% niedriger.

Hin zu höherwertigen Gütern

Während der IMF in seinem jüngsten World Economic Outlook davon ausgeht, dass trotz dem leicht verlangsamten Wirtschaftswachstum der Höhepunkt der chinesischen Rohstoffnachfrage noch nicht erreicht ist, rechnet er zugleich mit einer weiteren Verschiebung des Konsums innerhalb der verschiedenen Kategorien, wobei das Muster dabei mehr oder weniger jenem entspreche, das man in den 1970er Jahren in Südkorea und später auch in Japan habe beobachten können.

So verschiebt sich laut dem IMF die Nachfrage tendenziell von minder- zu höherwertigen Rohwaren. Bei den Metallen heisst das: mehr Aluminium und Zink, etwas weniger Eisenerz und Kupfer. Bei den Brennstoffen steigt derweil die Wachstumsrate des Gaskonsums bereits schneller als jene anderer Energieträger. Und bei den Agrarprodukten schliesslich gewinnen Nahrungsmittel wie etwa Sojabohnen oder Speiseöle gegenüber Reis an Bedeutung.

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