Lesermeinungen zur Ukraine-Berichterstattung

Der Westen und die Massenmedien sind zu tadeln!

Lorenz König Heute, 2. Mai 2014, 16:38
Die Krise in der Ukraine bewegt die NZZ-Kommentatoren.
Die Krise in der Ukraine bewegt die NZZ-Kommentatoren. (Bild: Denis Sinyakov / Reuters)
Die Berichterstattung über die Ukraine hat auch in der Kommentarspalte der NZZ für viel Diskussionsstoff gesorgt. Auffällig viele Leser sehen die westlichen Mächte als Aggressoren.

Die Berichterstattung über die Vorkommnisse in der Ukraine hat auch in der Kommentarspalte der NZZ für viel Diskussionsstoff gesorgt: Auch wenn einigen Kommentaren ob der Handlungen des Kremls viel Erschütterung zu entnehmen ist, wollen auffällig viele Leser die Ursache der Krise nicht bei Putin sehen. Sie stellen zudem die Rolle der Massenmedien infrage.

USA, EU und Nato als Aggressorinnen

«Den einzigen Eskalationstreiber, den ich wahrnehme, sind die USA», schreibt ein Leser in der Leserkommentarspalte der NZZ und fügt hinzu: «Die USA fühlen sich anscheinend als Sheriff der Welt mit der Ambition, allen ihren Willen aufzuzwingen.» Ein anderer Leser fragt im Zusammenhang mit dem Artikel von Jürg Dedial rhetorisch: «Wenn Putin Panzer und Gewehrläufe zur Durchsetzung nationalistischer Interessen benutzt – was tun denn die USA seit Jahren anderes auf der ganzen Welt?»

Die Verfasser der beiden Kommentare stehen mit ihrer Meinung nicht alleine da. Viele kommentierende Leser sehen die USA als den eigentlichen Aggressor im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise. Sie verweisen dabei auf die Intervention der USA in Konflikte auf fremden Gebieten wie etwa Vietnam, Afghanistan und dem Irak. Haupttreiber sollen dabei unter anderem die finanziellen Interessen der Grossmacht sein. Im aktuellen Beispiel wollten die USA Russland auf den Status eines «Dritte-Welt-Rohstoff-Lieferanten» reduzieren, meint ein Leser.

Im selben Atemzug mit den USA werden oft die «grössenwahnsinnige» EU und die Nato, die eine «aggressive Expansion» betreibe, genannt. Neben der Kritik an der Missachtung der Menschenrechte («Es juckt weder die USA noch die EU und schon gar nicht die Nato, ob irgendwo Menschenrechte verletzt werden») ist zu lesen, dass die Intervention der USA in den Konflikt auf territoriale Ansprüche zurückzuführen sei.

Aufgebrachte Leser kritisieren, dass im Zusammenhang mit der Verurteilung von Putins Vorgehen nie auf die imperialistischen Absichten der USA, der Nato und der EU («Warum muss sich die EU einen Staat nach dem anderen einverleiben?») eingegangen werde, die teilweise mithilfe von «Lügen» und «Täuschungsmanövern» umgesetzt würden.

Die «Mainstream»-Medien: das «Sprachrohr der westlichen Mächte»

Die Kritik einiger Leser an dem Verhalten der USA, der Nato und der EU dehnt sich auf die Massenmedien aus. Diese werden als Sprachrohr der Interessen westlicher Mächte angesehen, sie berichteten unausgewogen über die Entwicklungen in Osteuropa. So muss sich auch diese Zeitung den Vorwurf gefallen lassen, sie sei «zur ersten Adresse für amerikanische Propaganda in der Schweiz geworden».

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/der-westen-und-die-massenmedien-sind-zu-tadeln-1.18294848

Rebellion unter den Lesern

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Von Rainer Stadler

02. Mai 2014, 11:19

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Das Phänomen ist bemerkenswert, hat aber in der Journalistenzunft erst wenig Beachtung gefunden. Seit gut zwei Monaten bestürmen Leserinnen und Leser die Online-Plattformen der Informationsmedien und kritisieren die Berichterstattungen im Zusammenhang mit der Ukraine. Tausende Kommentare gehen ein, auch die NZZ erhält auffällig zahlreiche elektronische Leserbriefe. Ich habe auf diese überraschende Entwicklung bereits Anfang März hingewiesen. Sie hat seither kaum an Bedeutung verloren.

Zunächst verwundert es, dass ein aussenpolitisches Thema derart viel Aufmerksamkeit erhält, zumal die Ukraine üblicherweise im Windschatten der dahin rasenden Medienmaschinen liegt und man darum nicht erwarten dürfte, dass sich ein breites Wissen über diese Weltgegend angesammelt hätte, weder bei den Redaktionen noch beim Publikum. Aber weil sich im aktuellen Konflikt ein grösseres Sprengpotential aufbaute, wird nun evident, dass sich das Publikum nicht nur für die neusten Zivilstandsnachrichten aus Haushalten des Adels und der Unterhaltungsprominenz interessiert. Wer die Kommentare durchsieht, muss erkennen: Hier ergreifen nicht nur Ignoranten das Wort.Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass viele die aktuellen Ereignisse aufmerksam und mit Engagement verfolgen.

Kritik an den Mainstream-Medien

Eine Vielzahl von Lesern vereint die Kritik, die Medien würden die Ereignisse einseitig aus westlicher Optik darlegen und bewerten. Oft fällt der böse Vorwurf der Mainstream-Medien – vor einem halben Jahrhundert schleuderten ihn noch die Linken den Massenmedien entgegen, seit bald zwei Jahrzehnten tun dies die Rechten, aber nun scheint der Begriff mehrheitsfähig zu werden.

Vielleicht war das Unbehagen früher weniger sichtbar, weil das Publikum eine grössere Schwelle überwinden musste, um sich zu artikulieren (Schreibmaschine hervorholen, Brief adressieren, frankieren, versenden). Nun ist jedenfalls der Missmut in den Kommentaren der relativ leicht zugänglichen Newssites unübersehbar geworden, und allein durch diese Sichtbarkeit erhält diese Stimmung eine neue Qualität, wird zu einem Faktor in der öffentlichen Meinungsbildung.

Was wir theoretisch schon wussten, wird nun augenfällig: Die Meinungsvorherrschaft der Journalisten zerbröckelt. Ich bezweifle allerdings, dass diese Erkenntnis ins Bewusstsein vieler professioneller Informationsverarbeiter  gedrungen ist. Der Wille, die Rebellion im Publikum ernst zu nehmen, ist kaum vorhanden. Selbstkritisches ist erst in Randzonen zu lesen, etwa hier und hier.

Gewiss sind die Argumente der Online-Leser höchst heterogen. Frustrationen ob der Entwicklungen in der EU, ob der Politik der USA (Einmarsch im Irak, Schnüffeleien des Geheimdienstes, rechtlich heikle Tötungen mittels Drohnen), Ängste vor einem Weltenbrand und Verschwörungstheorien vermengen sich mit  Einwänden realpolitischer Natur. Auf denselben Plattformen tummeln sich Spinner, Ängstliche, Naive, Nachdenkliche und Skeptische. Das macht es für die Medien nicht einfach, die einen freundlich zu tolerieren und die andern ernst zu nehmen. Doch gar nicht zu reagieren, scheint mir eine gefährliche publizistische  Politik. Wer sich nicht bewegt, den bestraft die Geschichte. Und wer dabei nur oberflächlich Erkenntnisinteresse zeigt, muss damit rechnen, erneut ins Messer der Kritiker zu laufen. Das musste dieser Tage ein “Zeit”-Journalisterfahren.

Unterwanderte Kommentarrubriken?

Schwer abzuschätzen bleibt allerdings, wie stark organisierte Interessenvertreter die Medienplattformen zu beeinflussen versuchen. Ein Artikel der regierungskritischen russischen Zeitung “Nowaja Gazeta”berichtete vor einem halben Jahr darüber, dass eine “Agentur für Internet-Studien” in St. Petersburg  650 Franken pro Monat und gratis Essen für Personen anbietet, welche im Internet regelmässig Kommentare im Sinne des Kremls schreiben. Die Betreiber der Agentur kämen aus dem Umfeld kremltreuer Jugendorganisationen wie “Die Unsrigen” oder “Junge Garde”. Solche verdeckten Operationen machen den Online-Diskurs noch unberechenbarer.

Eines kann man aus den Leserreaktionen bereits lernen: Es wird schwieriger, missliebige Positionen und Personen mit einem negativen Adjektiv oder zwei abschätzigen Sätzen schnell wegzuputzen. Das provoziert künftig wohl noch stärkeren Widerstand. Der Selbstgefällige könnte schnell hinfallen. Der Kampf um Meinungsführerschaft und verlässliche Berichterstattung wird im digitalen Zeitalter anstrengender.