Muslime vor der Radikalisierung bewahren

Mit dem Notebook gegen die Gotteskrieger

Akiko Lachenmann, Osnabrück Dienstag, 29. April 2014, 10:00
Dua Zeitun spricht im Internet Personen an, bei denen sie befürchtet, dass sie sich radikalisieren können.
Dua Zeitun spricht im Internet Personen an, bei denen sie befürchtet, dass sie sich radikalisieren können.(Bild: Akiko Lachenmann)
Rund 320 Personen sind bisher aus Deutschland in den syrischen Krieg gezogen. Die Politik hat noch kein wirksames Rezept gegen den Sog der Salafistenbewegung gefunden. Eine Syrerin versucht auf eigene Faust, die Eiferer zu bremsen.

Fast hätte Hakan Bokül (Name geändert) zu den Waffen gegriffen. In der Innenstadt von Osnabrück sprachen die ganz in Weiss gekleideten Männer den jungen Türken freundlich an. Später drängten sie ihn dazu, so zu denken wie sie und ihnen zu folgen. Sie wollten nach Afghanistan. Vielleicht würde Hakan Bokül jetzt dort Bomben bauen – wenn Dua Zeitun ihn nicht rausgeholt hätte.

Die 32-jährige Syrerin, klein, blass, aber mit markantem Profil, kniet auf dem Orientteppich im Gebetsraum für Frauen der Ibrahim-Al-Khalil-Moschee in Osnabrück. Vor sich hat sie ihr Notebook aufgeklappt. Aufmerksam liest sie die neuen Einträge auf ihrer Facebook-Seite, ihrem Sensor für radikales Gedankengut. An die 1000 «Freunde» hat sie, alles junge Muslime aus dem Grossraum Osnabrück, die ihre Meinungen posten und Dua mit Fragen überhäufen. Zu den brennendsten Fragen organisiert sie Podiumsdiskussionen der «Muslimischen Jugendcommunity Osnabrück», deren Gründerin sie ist.

Wachsender Zulauf

Zu einer dieser Veranstaltungen, an denen jeweils zwischen 20 und 50 Personen teilnehmen, war einmal auch Hakan Bokül erschienen. Am Ende, als fast keiner mehr da war, war er auf Dua zugegangen, verunsichert, redebedürftig. «Ich merkte sofort, dass etwas faul war», erinnert sie sich. Dua Zeitun konnte den jungen Mann gerade noch vor den Salafisten bewahren. Andere Jugendliche landen auf ihrer Suche nach Antworten häufig bei Pierre Vogel oder anderen radikalen Predigern, die ihre Botschaften im Internet inflationär verbreiten. Mit ihren einfachen Erklärungen bieten sie den Jugendlichen Identifikationskonzepte und ein Islam-Verständnis, das den Grundwerten der Demokratie widerspricht. Die Zahlen sind alarmierend. Laut dem Bundesverfassungsschutz ist die Zahl der Salafisten in Deutschland innerhalb eines Jahres von schätzungsweise 3800 auf 4500 gestiegen – Sympathisanten nicht mitgerechnet. Darunter seien etliche Personen, die es nach Syrien in den «Heiligen Krieg» ziehe, heisst es. Der Verfassungsschutz weiss von rund 320 Personen.

Dass der Zulauf zu den Salafisten in einem nichtislamischen Land wie Deutschland so hoch ist, liegt am Bedürfnis vieler muslimischer Jugendlichen nach Religiosität. «Als Minderheit in einem Einwanderungsland stiftet sie Identität und ein Gefühl von Zugehörigkeit», erklärt die Islamexpertin Claudia Dantschke, die für das Zentrum Demokratische Kultur den Islamismus in Deutschland untersucht. «Das Bekenntnis zur Religion wächst, je stärker diese von der Gesellschaft infrage gestellt wird», fügt sie hinzu.

Gleichzeitig mangelt es an deutschsprachigen Imamen, die mit Jugendlichen auf Augenhöhe kommunizieren können. Das hat auch der Osnabrücker Islamwissenschafter Rauf Ceylan beobachtet, der im Rahmen einer Studie mit 250 von insgesamt 2000 Imamen in Deutschland gesprochen hat. «Die meisten sind selbst nicht in der deutschen Gesellschaft angekommen», sagt Ceylan. Viele seien türkische Staatsbeamte, die nach vier Jahren wieder zurück in ihre Heimat kehrten. «Ihre Predigten gehen an der Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland völlig vorbei.» Vor zwei Jahren haben einige deutsche Universitäten das Fach «Islamische Theologie» eingeführt. Aber noch immer ist unklar, wer die neue Imam-Generation bezahlen wird (siehe Kasten).

Ist Brauen zupfen erlaubt?

Dua Zeitun weiss, wie es ist, sich ausgegrenzt zu fühlen. Sie wuchs in einem kleinen Kurort in der Nähe von Osnabrück auf, wo man weite Bogen um Mädchen mit Kopftüchern macht. Ihr, der Tochter eines syrischen Imams, die fünf Mal am Tag betet und zwischendurch auf Facebook auch einmal Witze über gescheiterte Diäten macht, vertrauen sich die jungen Muslime an. Fragen wie «Verbietet es der Koran, dass ich vor der Ehe einen Freund habe?» gehören zu ihrem Spezialgebiet.

Dua ist stets bedacht, zwischen Christentum und Islam zu vermitteln. Ihr Vater gehört zu den wenigen Imamen, die Kontakte zu Kirche und Politik pflegen. Seine Tochter schickte er in einen katholischen Kindergarten. Heute ist Dua für das Bistum Osnabrück die Projektverantwortliche für den interreligiösen Dialog. Sie kann über Jesu Rolle im Islam genauso diskutieren wie über die Frage, ob Unverheiratete sich die Augenbrauen zupfen dürfen. Die heissesten Debatten führt sie mit ihren eigenen Kindern, die allmählich in die Pubertät kommen. Empfindlich reagiert sie auf die Wortwahl der Medien, wenn es um den Islam geht. Als der «Tagesspiegel» Frank-Walter Steinmeiers neue Sprecherin Sawsan Chebli als «strenggläubig» bezeichnete, weil diese angab, keinen Alkohol zu trinken und kein Schweinefleisch zu essen, fragte sich Dua verärgert: Was bin ich dann? Radikal?

Sie macht kein Hehl daraus, mit ähnlichen Mitteln wie der bekannteste Konvertit Deutschlands, Pierre Vogel, um die Gunst der Jugendlichen zu buhlen. Sie beherrscht den Jugendslang, findet Dinge «krass» oder «cool», wenn sie junge Leute auf der Strasse anspricht und zu ihren Veranstaltungen einlädt. Und sie beherrscht die ganze Klaviatur der sozialen Netzwerke, über die sie potenzielle «Freunde» gezielt «stalked», wie sie sagt. Ihre Zielgruppe seien junge Muslime, die nach Spiritualität suchten und salafistische Webseiten konsultierten. Die auf einmal Symbole aus Säbel und Koran posteten, auf «Scheiss Deutschland» schimpften oder andere Muslime als Ungläubige, als «Kuffar» bezeichneten. So sind unter ihren «Freunden» etliche, die auf Facebook auch mit Pierre Vogel befreundet sind und seine Videobotschaften weiterempfehlen. Vogel, der Salafisten-Pop-Star, der mit seiner Mischung aus rheinischem Singsang und fliessendem Hocharabisch viele Muslime beeindruckt, ist Duas persönlicher Rivale, auch wenn sie sich nicht feindselig gibt. Als drei Mädchen aus ihrer Gemeinde nach Münster fahren wollten, um den Prediger live zu erleben, ging sie einfach mit. «Den find ich auch spannend», sagte sie. Doch während seines Auftritts zeigte sie sich erstaunt über seine Selbstinszenierung, die bulligen Bodyguards, das protzige Werbebanner mit seiner Website. «Ob das wirklich in Allahs Sinne ist?», fragte sie die Mädchen. Eine von ihnen löschte danach Pierre Vogel aus ihrem «Freunde»-Verzeichnis. Immerhin, findet Dua. Auf diese oder ähnliche Weise hat sie wahrscheinlich Dutzende von Jugendlichen davor bewahrt, der Faszination des Salafismus zu erliegen – genau weiss sie das natürlich nicht.

Auch Haken Bokül belehrte sie nicht. «Wie geht es dir?», fragte sie unverbindlich über Facebook nach der Veranstaltung. Er schrieb ihr von seinen Ängsten, den Zweifeln an seinen neuen Glaubensbrüdern. Sie ermunterte ihn, den eigenen Kopf zu gebrauchen, und bot ihm ein Treffen an. Beim ersten Mal erzählte er ihr von seinen Eltern, die ihre Religion einfach ignoriert hätten, vielleicht aus Angst vor Diskriminierung. Er habe sich nirgendwo zugehörig gefühlt. Am Ende des Gesprächs fragte Dua ihn, ob er ihr bei der nächsten Veranstaltung beim Aufbau helfen könnte. Später wollte sie seine Meinung hören, was denn Themen künftiger Veranstaltungen sein könnten. Sie bat ihn sogar, sie bei der Moderation zu unterstützen. Irgendwann wagte Hakan Bokül den Rückzug aus der Salafistengruppe. Dann geh doch zu Mama Dua, sollen deren Mitglieder abfällig gemeint haben. Seitdem erhält Dua hin und wieder anonyme E-Mails mit Botschaften wie «Fürchte Gott!». Doch davon lasse sie sich nicht verunsichern, sagt sie.

Unterricht für alle

Duas Form der Prävention steht im Gegensatz zu den kostspieligen und eher glücklosen Massnahmen des Bundesinnenministeriums. Die geplante Plakataktion, die einen bärtigen Mann und eine Frau mit Kopftuch zeigt, darunter der Appell, sich ans Innenministerium zu wenden, wenn Bekannte oder Verwandte «immer radikaler» würden, stiess in der muslimischen Welt auf Entsetzen. Der Gebrauch von Stereotypen, der die Muslime unter Generalverdacht stelle, zeige, «wie wenig die deutsche Politik von der Gefühlslage der Muslime in Deutschland begriffen hat», stellt Dua fest. Auch die Hotline für Aussteiger, die der Verfassungsschutz vor drei Jahren eingerichtet hat, wird nicht so angenommen wie erhofft. «Ein staatliches Programm ist keine Instanz, an die man sich wendet, wenn man diese Gesellschaft vorher abgelehnt hat», kritisierte der Islamwissenschafter Götz Nordbruch bereits bei ihrer Einführung. Das neue Aussteigerprogramm «Wegweiser», das das Land Nordrhein-Westfalen anbietet, setzt stärker auf Akteure innerhalb der muslimischen Gemeinde. Doch die Experten versprechen sich auch davon nicht viel. «Prävention muss viel früher ansetzen», sagt etwa der Islamwissenschafter Ceylan. Ceylan plädiert dafür, dass schon im Kindergarten über den Ramadan gesprochen wird und Moscheen besucht werden. «Wenn Kinder spüren, dass ihre Religion einen Platz in der Gesellschaft hat, sind sie später am besten geschützt vor den Fängen der Salafisten», sagt er. Für überfällig hält er einen islamischen Religionsunterricht, der an allen Schulen mit muslimischen Schülern angeboten wird. Diese Forderung stammt noch aus den siebziger Jahren, bis heute wurde sie nicht umgesetzt. Die wirksamste Prävention ist für Ceylan letztlich nichts anderes als eine «echte Integration».

Doch bis diese in Deutschland gelingt, dürften nach Ansicht des Osnabrücker Islamwissenschafters noch Jahrzehnte verstreichen. Bis dahin wird Dua Zeitun weiterhin «Feuerwehr spielen», wie sie ihr Engagement nennt. Ihr ist bewusst, dass sie bei ihrer Arbeit professionelle Hilfe gebrauchen könnte. Darum hat sie beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Gelder beantragt, um sich Verstärkung zu holen. «Ein Psychologe an meiner Seite wäre nicht verkehrt», sagt sie – und zeigt zum ersten Mal so etwas wie Furcht. «Ich weiss ja nie genau, mit wem ich es da draussen zu tun habe.»