Der Mann, der die Ukraine wie eine Schokofabrik führen will

REPORTAGE | NINA JEGLINSKI AUS VINNITSA
29. April 2014, 18:20
  • Den Namen seiner Firma Roschen hat Petro Poroschenko seinem Nachnamen entlehnt. Das mit dem Schokoladenverkauf verdiente Geld soll ihn nun an die Staatsspitze der Ukraine führen

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    Den Namen seiner Firma Roschen hat Petro Poroschenko seinem Nachnamen entlehnt. Das mit dem Schokoladenverkauf verdiente Geld soll ihn nun an die Staatsspitze der Ukraine führen


Petro Poroschenko gilt als Favorit für die ukrainischen Präsidentenwahlen. Sein Geld hat er mit Süßwaren, aber auch mit Rüstung und Medien gemacht. In seinen Allianzen gilt er als wendig, viele Wähler erhoffen sich von ihm dennoch endlich eine seriöse Regierung.

Vinnitsa – Blau, rot, gelb, grün leuchten Lichter, werfen zum Takt von ukrainischen Rocksongs und Volksliedern Figuren und Szenen über das Wasser des Südlichen Bug. Am Ufer des Flusses bejubeln 50.000 Zuschauer das Spektakel am späten Abend. Auf einer Bühne stehen zwei TV-Moderatoren und begleiten die Saisoneröffnung der größten Musikfontäne Europas.

Einer verfolgt das Spektakel mit besonderem Interesse: Petro Poroschenko, Oligarch, Politiker, größter Arbeitgeber in der zentralukrainischen Region Vinnitsa, und Favorit für die ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Eine der größten und modernsten Produktionsanlagen seiner Süßwarenfabrik, steht genau am Ufer. Blau, groß und modern, mit dem Namenszug Roschen, brummt das Werk im 24-Stunden-Takt. Die Firma hat Poroschenko nach seinem Nachnamen benannt.

Einer der reichsten Männer der Ukraine

Der 48-Jährige zählt zu den zehn reichsten Menschen der Ukraine, unter anderem, weil er Schokolade, Kekse und Pralinen in alle Länder der früheren UdSSR verkauft. Zudem exportiert Roschen nach Nahost, China, in die USA und nach Kanada. Auch in Budapest gibt es ein Werk. In Vinnitsa hat er gerade eine Molkerei eröffnet.

“Lasst uns keine Zeit verschwenden und in der ersten Runde alles klarmachen. Sagt allen aus Familie und Freundeskreis, dass jeder zur Wahl gehen soll”, wirbt der Mann im eleganten Anzug im Kulturhaus der Kleinstadt Kosjatyn. Die Ukraine habe sich auf dem Maidan entschieden, “auf neue Weise zu leben”. Statt “sinnlose Argumente” auszutauschen, sollte das Land schnellstens “Stabilität und Wachstum zurückbekommen”, beschwört er die Zuhörer. Auch Irina Sulemija, eine Lehrerin aus dem Ort, ist zur Kundgebung gekommen. Sie wolle sich den Kandidaten aus nächster Nähe anschauen. “Er ist bei uns bekannt wie kein anderer, er sorgt für uns”, sagt die 47-Jährige.

Ukraine führen wie Roschen-Werke

Der Großunternehmer und Politiker hat es an diesem Nachmittag eilig. Man solle die Fragen der Bürger doch bitte aufschreiben, er werde sich das alles anschauen. Versprochen. Der Auftritt in dem alten Kulturhaus scheint Poroschenko nicht zu behagen. Die Menschen schauen den seltenen Gast zwar voller Neugier an, doch kaum einer wagt es, ihn anzusprechen. Ein bisschen erinnert die Szene an frühere Zeiten, als Gutsherren regierten.

Als Poroschenko sagt: “Ich möchte die Ukraine führen wie meine Roschen-Werke. Meine Angestellten bekommen pünktlich ihr Gehalt, außerdem gibt es Sonderkonditionen wie Gesundheitsversicherung und andere Zuschüsse”, applaudiert das Publikum. Weder die Bilder mit Protestszenen aus dem Winter, die zuvor gezeigt wurden, noch Abhandlungen zur Zusammenarbeit mit EU und Russland, haben den Menschen solche Emotionen entlockt. Kritik an Russland ist unbeliebt. Eine EU-Mitgliedschaft wird nicht gefordert.

Petro Poroschenko ist einer der erfahrensten Politiker der Ukraine. 2004 finanzierte er die Orange Revolution, wurde unter Präsident Wiktor Juschtschenko Außenminister. Der Oligarch, der die Unternehmensgruppe Ukrprominvest leitet und auch mit Schiffsbau, Medien und Rüstung sein Geld verdient, hat geschickt seinen Sender TV5 dazu eingesetzt, Ukrainer über die Maidan-Proteste zu informieren. Der Milliardär war aber auch bis 2012 unter dem abgesetzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch als Wirtschaftsminister in der Regierung. Doch solche Details sind heute unwichtig.

Verbindungen in alle Lager

Im Wahlkampf greift der gewiefte Jurist und gelernte Diplomat aus Odessa auf die Unterstützung früherer Gefolgsleute Juschtschenkos zurück. Seine Kampagne wird von dessen Ex-Justizminister Roman Zwaritsch geleitet. Poroschenkos außenpolitischer Berater, Waleri Tschali, hat in gleicher Position für den früheren Präsidenten gearbeitet.

Zudem hat Poroschenko offenbar enge Beziehungen zu Gas-Zwischenhändler und Multimilliardär Dmytro Firtasch. Der Anfang März in Wien verhaftete Unternehmer soll wegen Geldwäsche und Bestechung in den USA angeklagt werden, bei einer Verurteilung drohen 15 bis 20 Jahre Haft. Firtasch hatte engste Beziehungen zu Janukowitsch, und mit seiner Firma RosUkrEnergo, die zu 50 Prozent der russischen Gasprom gehört, Milliarden Euro vom ukrainischen Staatshaushalt kassiert. Wenige Tage, bevor Poroschenko seine Kandidatur bekannt gab, hatte er offenbar zusammen mit Witali Klitschko eine Reise nach Wien unternommen, um Firtasch zu treffen. (Nina Jeglinski aus Vinnitsa, DER STANDARD, 30.4.2014)

http://derstandard.at/1397522024602/Der-Mann-der-die-Ukraine-wie-eine-Schokofabrik-fuehren-will