Die Separatisten-Hochburg Slowjansk

Stadt des Faustrechts

Rudolf Hermann, Prag Heute, 28. April 2014, 05:30
Die festgehaltenen Militärinspektoren auf dem Weg zu einer Pressekonferenz im ostukrainischen Slowjansk.
Die festgehaltenen Militärinspektoren auf dem Weg zu einer Pressekonferenz im ostukrainischen Slowjansk.(Bild: Reuters)
In der ostukrainischen Stadt Slowjansk bestimmen die bewaffneten Separatisten den Lauf der Dinge. Regeln gibt es keine. Ob es einen gewaltlosen Weg aus dem Konflikt gibt, wird indes immer zweifelhafter.

Mit der Festnahme einer Gruppe internationaler Militärbeobachter mit Diplomatenstatus haben die separatistischen Kräfte, die die ostukrainische Provinzstadt Slowjansk im Donezker Gebiet weitgehend kontrollieren, die Schraube ihrer Willkür weiter gedreht. Die prorussischen Milizen, welche die Bevölkerung vor «westukrainischen Faschisten» schützen wollen und von denen man nicht genau weiss, wie viele es sind und wie sie bewaffnet sind, nehmen fest, wer ihnen verdächtig erscheint: Bürger wie Artjom Dejnega, der mit einer Webcam von seinem Balkon aus separatistische Kämpfer filmte und kurz darauf entführt wurde, Journalisten, von denen mehrere spurlos verschwunden sind, oder auch Beamte lokaler Verwaltungsstrukturen.

Doch russische Beteiligung?

Wie weit die Bevölkerung der Stadt hinter den Separatisten steht oder ob sie sie gewähren lässt, weil sie keine andere Möglichkeit hat, geht auch aus den Berichten örtlicher Medien nicht eindeutig hervor. Sich ein Bild von der Lage zu machen, dürfte in Zukunft noch schwieriger werden. Oksana Romanjuk, die Direktorin des Kiewer Instituts für Masseninformation, einer Organisation für Medienforschung, empfahl Journalisten, «dreimal nachzudenken», bevor sie in die Brennpunkte der Donezker Oblast reisten. In Slowjansk gebe es überhaupt keine Kontrolle mehr, und die Lage sei noch komplizierter als bei der Besetzung der Krim, sagte sie.

Die Separatisten jedoch scheinen sich sicher im Sattel zu fühlen. So gab ein Mann, der sich als Igor Strelkow ausgab, in einem Video-Interview ausgiebige Erklärungen über die Organisation der separatistischen Kämpfer ab. Das Video wurde auf der russischen Website der «Komsomolskaja Prawda » publiziert. Nach Angaben des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU handelt es sich bei Strelkow um einen Offizier des russischen Militärgeheimdienstes GRU, der zusammen mit einem weiteren GRU-Offizier die militärischen Aktionen der separatistischen Kämpfer koordiniert.

Der Mann, der sich im Interview für die «Komsomolskaja Prawda» in einem Kampfanzug ohne Hoheitszeichen präsentierte, erklärte, seine Truppe sei auf der Krim gebildet worden und bestehe zu zwei Dritteln aus Ukrainern. Diese stammten nicht nur von der Krim, sondern seien auch «Flüchtlinge» aus verschiedenen anderen Teilen der Ukraine, aus Kiew, Winniza, Schitomir. Über den Rest sowie seine eigene Herkunft sagte er nichts. Viele seiner Männer hätten Kampferfahrung aus Einsätzen in Zentralasien, dem Irak oder Ex-Jugoslawien – aus ihrer Zeit als Angehörige der russischen oder ukrainischen Streitkräfte.

Die Waffen, die man habe, habe man bei der Besetzung von Polizeiwachen und Einrichtungen der Armee erbeutet, sagte Strelkow. Aus Russland habe man nichts bekommen. An Beständen habe man etwa 150 automatische Gewehre, einige Granatwerfer und sechs Schützenpanzer.

In der Sackgasse

Während in Donezk und auch weiteren Städten der Ostukraine Separatisten nur einzelne Gebäude besetzen, haben sie in Slowjansk ihre Hochburg eingerichtet. Wie die ukrainische Staatsmacht hier ohne massive Intervention, die kaum ohne grosses Blutvergiessen enden würde, die Kontrolle wiedererlangen soll, ist eine Frage, auf die wohl niemand eine Antwort hat. Unklar ist ferner, ob sich unter den Separatisten nicht schon eine Eigendynamik entwickelt hat, die auch von Moskau inzwischen nicht mehr zu stoppen ist.

Im Zusammenhang mit den festgehaltenen internationalen Militärbeobachtern wurde Russland von westlichen Staaten aufgefordert, Hebel zu deren Befreiung in Gang zu setzen. Der selbsternannte «Volksbürgermeister» von Slowjansk, Ponomarjow, sagte aber, mit Moskau stehe man in keinem Kontakt. Zu verifizieren ist die Aussage nicht. Doch ist klar genug, dass es für die separatistischen Kämpfer nur noch die Varianten gibt, sich selber gewaltsam durchzusetzen oder aber durch Gegengewalt unterzugehen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/stadt-des-faustrechts-1.18291575

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