Roma-Diskriminierung

Schluss mit Ducken und Achselzucken

Andreas Ernst, Belgrad Heute, 28. April 2014, 05:30

Zwei Episoden aus dem Alltag in Serbien: Es war an einem Sommertag in Novi Sad, als die 33-jährige Maja Rogic mit drei Roma-Kindern ins Gespräch kam. Ob diese unweit der McDonald’s-Filiale bettelten, wird aus den Berichten nicht klar, ist aber gut denkbar. Jedenfalls entschloss sich Frau Rogic, den beiden fünf- und siebenjährigen Mädchen und dem acht Jahre alten Buben Sandwiches zu kaufen. Als sie zusammen das McDonald’s-Geschäft betreten wollten, wurden sie von einem Wachmann aufgehalten. Die Roma-Kinder dürften hier nicht rein. Nach einigem Hin und Her ging Frau Rogic allein ins Geschäft und kaufte die Sandwiches. Die Kinder assen sie auf dem Vorplatz.

Zweite Episode: Lidija Uskokovic, eine etwa 40-jährige Frau, arbeitet bei der Strassenreinigung in Nis. Eines Morgens im April betrat sie die Filiale der Unicredit-Bank. Sie befindet sich am König-Milan-Platz, für dessen Reinigung Frau Uskokovic zuständig ist. Während sie wartete, trat der Filialleiter auf sie zu und forderte sie auf, das Geschäft zu verlassen. In ihrem Arbeitsanzug könne sie hier nicht herumstehen. Obwohl die Frau insistierte, ihre Kleidung sei sauber, wurde sie weggewiesen. Sie könne anständig gekleidet am nächsten Tag wieder kommen, sagte der Filialleiter.

Es sind zwei unerfreuliche Geschichten, die bestätigen, was man über Roma-Diskriminierung auf dem Balkan weiss oder vermutet (Frau Uskokovic, die Strassenreinigerin aus Nis, hat einen dunklen Teint, es ist aber unklar, ob sie sich als Roma bezeichnet). Um Neuigkeiten handelt es sich also nicht. Doch beide Geschichten haben eine Fortsetzung. Frau Rogic aus Novi Sad ging zur Ombudsfrau in Belgrad, welche gegen McDonald’s klagte – und bekam recht. Die Kette wurde zu 900 Euro Strafe verurteilt, wogegen sie Einspruch erhob. Frau Uskokovic, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlte, trat an die Öffentlichkeit. Der Filialleiter kam an den medialen Pranger. Er streitet alles ab. Was aber entscheidend ist: Bürgerinnen wie Maja Rogic und Lidija Uskokovic geben zu Hoffnung Anlass – weil sie sich nicht alles gefallen lassen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/aufgefallen/schluss-mit-ducken-und-achselzucken-1.18291506