Westeuropas Wohlstand ein unerfüllter Traum

26. April 2014, 12:14

Der Aufholprozess im Osten droht mit der Krise zu einem dauerhaften Stillstand zu werden

Für Polen, Ungarn, Tschechen, Letten und Slowenen war die Europäische Union vor dem Beitritt ihrer Länder ein Versprechen. Mit der Zugehörigkeit zur EU sollte der Lebensstandard der Menschen steigen und sich dem Niveau in Westeuropa angleichen. Vor allem diese Erwartungshaltung ließ die Menschen im Osten bei den EU-Referenden mit überwältigender Mehrheit mit Ja stimmen.

Zehn Jahre später sieht es so aus, als hätte Europa sein Versprechen gebrochen. Auch wenn einzelne Regionen wie Bratislava florieren, hat kein einziges der 2004 beigetretenen Länder in Osteuropa das Wohlstandsniveau des Westens erreicht. Am nächsten gekommen sind noch die Slowenen: Laut Zahlen des Wiener Osteuropainstituts wiiw entspricht die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Slowenien 83 Prozent des EU-Durchschnitts. Ungarn und Polen kommen gar nur auf 68 und 69 Prozent, auch die baltischen Staaten sind abgeschlagen.

Noch ernüchternder: Nach den Prognosen der meisten Ökonomen dürfte der Aufholprozess zum Stillstand gekommen sein. Nach der Rezession Anfang der 90er-Jahre als Folge der kapitalistischen Transformation holten die Länder der Region zwischen 1995 und 2009 in puncto Wohlstand deutlich auf. Doch mit der Krise endete die Entwicklung. Laut Einschätzung der Osteuropabank EBRD dürfte keines der Erweiterungsländer in den kommenden 20 Jahren das Niveau im Westen erreichen, nicht einmal die Slowakei, deren Wirtschaft stark wächst. Aber woran liegt das?

Wachstumsmodelle stoßen an Grenzen

Vor allem daran, dass die Wachstumsmodelle der Länder an ihre Grenzen gestoßen sind. “Die goldene Ära der Konvergenz ist vorbei. Bis 2007 konnten viele Länder hohes Wachstum verzeichnen, indem sie ausländische Investitionen und damit auch Technologien angelockt haben”, sagt Michael Landesmann, Forschungsdirektor des wiiw. Ausländisches Kapital war eine wichtige Zutat für die Konvergenzformel Osteuropas.

Längst haben sich die Kredite als Gegen- statt als Rückenwind entpuppt. Der Internationale Währungsfonds schätzt das Potenzialwachstum der osteuropäischen Länder bis 2017 auf gerade einmal 2,25 Prozent – ausgerechnet wegen der straffen Finanzierungsbedingungen. Weil die Finanzmittel knapper sind, werden auch die dringend nötigen Investitionen, etwa in Infrastruktur, ausbleiben. Ein Gegenwind für die nächsten Jahre dürften auch die hohen Bestände fauler Kredite sein (14 Prozent der Gesamtforderungen), die erst abgetragen werden müssen. “Der Prozess der Entschuldung wird weiter auf das Wachstum drücken”, sagt Landesmann.

Ein weiteres Problem ist die Demografie, sagt Peter Brezinschek, Chefvolkswirt von Raiffeisen Research. In Ungarn und Polen etwa wird die Arbeitsbevölkerung zwischen 2010 und 2025 laut UN-Zahlen schrumpfen, in der Slowakei und Slowenien deutlich langsamer wachsen als in der vorangegangenen Dekade.

Der Ökonom Kurt Bayer empfiehlt den osteuropäischen Ländern, “das eigene technologische Potenzial” zu erhöhen, anstatt nur auf Zulieferaufträge für Deutschland zu schielen. Investitionen in Forschung und Industriepolitik zum Aufbau von eigenem Know-how könnten die Länder nützen. Dann sollten die Staaten Osteuropas “wieder doppelt so schnell wie Westeuropa wachsen”, so Bayer. Angesichts der absolut gesehen niedrigen Wachstumsraten ist das allerdings keine rosige Perspektive für höheren Wohlstand in Osteuropa. (sulu; szi, DER STANDARD, 26.4.2014)

http://derstandard.at/1397521708235/Westeuropas-Wohlstand-ein-unerfuellter-Traum

  • “Miniglobalisierung” als Exportturbo und Lohnbremse

    ANDREAS SCHNAUDER ANDRÁS SZIGETVARI
    26. April 2014, 12:09
    • Die Ostöffnung als Balanceakt zwischen Exportwachstum und Lohndruck. Junge Ungarn zieht es verstärkt nach Österreich.
      foto: ap/bela szandelszky

      Die Ostöffnung als Balanceakt zwischen Exportwachstum und Lohndruck. Junge Ungarn zieht es verstärkt nach Österreich.


    Unter dem Strich hat Österreichs Wirtschaft von der Osterweiterung profitiert. Durch den Öffnungsprozess hat aber der Lohndruck zugenommen

    Eine Überschwemmung des Landes durch Osteuropäer ist zwar bisher ausgeblieben, der Zuzug seit Öffnung der Grenzen hält aber an. Mit Jahresbeginn wurde derArbeitsmarkt für Rumänen und Bulgaren geöffnet, seit Mai 2011 gibt es keine Schranken mehr für die osteuropäischen Staaten, die 2004 EU-Mitglieder wurden. Gut 160.000 Personen aus diesen Ländern jobben derzeit in Österreich. Ende 2010 waren es noch 90.000 Personen.

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    Die Entwicklung hat bisher erwartete und unerwartete Effekte gebracht. “Vor allem die Zuwanderung aus Ungarn wurde unterschätzt”, sagt der Chefökonom der Arbeiterkammer, Markus Marterbauer. Allerdings ist der Zuzug von Personen aus den Staaten der 2004-Erweiterung 2013 schon wieder zurückgegangen. Auch Horrorszenarien betreffend jobsuchende Rumänen und Bulgaren haben sich bisher nicht bewahrheitet. 36.000 Personen sind hier tätig, vor der Freigabe des Arbeitsmarktes waren es knapp 29.000.

    Marterbauer verweist aber darauf, dass Rumänen und Bulgaren vor allem in Spanien und anderen Südländern arbeiten. Die katastrophale Lage an den dortigen Arbeitsmärkten könnte dazu führen, dass sich Menschen nach Österreich umorientieren. Das würde zu einer Verschärfung der Arbeitslosigkeit hier führen. Der Wirtschaftsforscher Fritz Breuss sorgt sich eher wegen eines möglichen Zustroms als Folge der Krise in der Ukraine.

    Lohndruck in Österreich gestiegen

    Klar ist für Breuss, dass die Integration Billigkonkurrenz befördert und die Löhne in Österreich gedrückt hat. Allerdings gab es diesen Trend schon lange vor der Erweiterung, er trat schon ab dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 ein. Diesen Prozess bezeichnet der Wirtschaftsforscher als “Miniglobalisierung” aus österreichischer Sicht. Während große Industrienationen wie Deutschland stärker vom Aufstieg von Schwellenländern wie China betroffen sind, hat sich Österreichs Wirtschaft, darunter besonders Banken, eher auf den osteuropäischen Raum verlegt. Marterbauer räumt zudem ein, dass die sinkende Lohnquote – sie schrumpfte von 74 Prozent des Volkseinkommens Mitte der 1990er-Jahre auf zuletzt 66 Prozent – viele Ursachen hat. Auch der Anstieg von Vermögenseinkommen führt dazu, dass die Einnahmen aus unselbstständiger Arbeit anteilsmäßig zurückgehen.

    Das Wifo hat erst vor wenigen Wochen errechnet, dass die Netto-Realeinkommen pro Kopf seit 24 Jahren stagnieren – wobei hier auch die steigende Abgabenbelastung eine Rolle spielt. Vor allem Niedrigverdiener mit mäßigen Qualifikationen haben die Konkurrenz der Zuwanderer zu spüren bekommen, sagt der Arbeiterkammer-Ökonom Marterbauer.

    Breuss hat berechnet, dass die Osterweiterung unter dem Strich trotz des Lohndrucks positive ökonomische Effekte gebracht hat. Seine Simulation ergibt ein zusätzliches Wachstum seit 2004 von 2,44 Prozentpunkten – dem Exportturbo folgte der Anstieg der Direktinvestitionen.

    Den gesamten Integrationsbonus seit 1989 für Österreichs Wirtschaftsleistung beziffert er mit 28,55 Prozentpunkten oder 480.000 Arbeitsplätzen. In diese Schätzung sind die Effekte des EU-Beitritts Österreichs und der Öffnung des heimischen Marktes in Richtung Osten einberechnet. Auch die Konsumenten haben etwas von dem Prozess, läge doch das Preisniveau ohne Öffnung um mehr als vier Prozent höher. (Andreas Schnauder András Szigetvari, DER STANDARD, 26.4.2014)

    http://derstandard.at/1397521708732/Miniglobalisierung-als-Exportturbo-und-Lohnbremse

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