Sturm auf Slowjansk

Ukrainisches Militär greift mit Panzern und Hubschraubern an. Kiew warnt Zivilisten vor Unterstützung der Aufständischen. Putin: Ernstes Verbrechen

Von Reinhard Lauterbach
Ukrainische Soldaten am Donnerstag beim Angriff auf einen Kontro
Ukrainische Soldaten am Donnerstag beim Angriff auf einen Kontrollpunkt der Aufständischen vor Slowjansk

Mit Panzern und Hubschraubern haben ukrainische Sondereinheiten am Donnerstag mit dem Sturm auf die von Aufständischen kontrollierte Stadt Slowjansk im Gebiet Donezk begonnen. Dabei wurden nach Darstellung der Kiewer Machthaber fünf »Terroristen vernichtet«. Auf eigener Seite habe es einen Verletzten gegeben.

Der Angriff begann offenbar aus nördlicher Richtung entlang der Straße nach Charkiw. Drei Straßenblockaden der Aufständischen am Stadtrand von Slowjansk wurden zerstört. Die Einheiten der »Freiwilligenarmee des Donbass« zogen sich ins Stadtzentrum zurück und verschanzten sich in den besetzten öffentlichen Gebäuden. Zivilisten, die im Rathaus der 120000-Einwohner-Stadt arbeiteten oder Behördengänge erledigten, wurden aufgefordert, zu ihrer eigenen Sicherheit nach Hause zu gehen. Die Sprecherin der ukrainischen Sicherheitsbehörden drohte indirekt damit, daß das Militär auch vor Schüssen auf Zivilisten nicht zurückschrecken werde. Man wolle zivile Opfer nach Möglichkeit vermeiden, so die Sprecherin. Bedingung sei aber, daß sich die Zivilbevölkerung nicht vor die Aufständischen stelle. Maskierte Männer, die sich selbst als Angehörige des »Rechten Sektors« bezeichneten, drangen mit Waffengewalt in ein Wohnhaus in Slowjansk ein. Dabei wurde Medienberichten zufolge eine Frau verletzt.

Gegen Mittag stoppten die Kiewer Truppen ihren Angriff und zogen sich wieder aus Slowjansk zurück. Die Aufständischen hätten anschließend ihre vorherigen Positionen wieder eingenommen, berichtete die Agentur Reuters. Die einstweilige Einstellung der Kämpfe bestätigte auch der örtliche Korrespondent der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Die ukrainische Armee versuche offenbar, die Stadt einzuschließen. Von Kiewer Seite hieß es, die Situation in Slowjansk sei »außer Kontrolle«. Für alles, was dort geschehe, trügen die Aufständischen die Verantwortung.

Die ukrainische »Antiterroroperation« ist auf zynische Weise konsequent. Nach der indirekten Interventionsdrohung des russischen Außenministers Sergej Lawrow vom Mittwoch bedeutet der Angriff auf Slowjansk am folgenden Tag die Herausforderung an Moskau, entweder Farbe zu bekennen, den Worten Taten folgen zu lassen und unabsehbare Konsequenzen zu riskieren – oder stillzuhalten und in der Eskalationslogik der letzten Tage das Gesicht zu verlieren. Der Abbruch des Angriffs nach wenigen Stunden und ersten Erfolgen weist darauf hin, daß das Kiewer Vorgehen dieser Provokationslogik gehorcht. Die Machthaber sind seit Tagen bemüht, den Konflikt maximal zu internationalisieren, und rufen die USA – bislang ohne Erfolg –zu stärkerem militärischen Engagement auf. Ihnen käme eine russische Intervention auf paradoxe Weise politisch durchaus gelegen, weil sie ihr Regime politisch aufwerten und es den USA politisch erschweren würde, sich mit Rußland auf irgendeinen Kompromiß zu einigen.

Die ersten russischen Reaktionen zielten umgekehrt darauf, genau dieses Dilemma zu vermeiden. Präsident Wladimir Putin sprach von einem »ernsten Verbrechen« der Kiewer Machthaber gegen das eigene Volk. Das Vorgehen der Machthaber werde Konsequenzen für diejenigen haben, die solche Entscheidungen treffen. Die militärische Antwort Moskaus beschränkte sich einstweilen auf neue Manöver mit Panzern und Artillerie im Grenzgebiet zur Ukraine.