Widerstand gegen die Atomkraft in Taiwan

«Fukushima» als warnendes Beispiel

Patrick Zoll, Taipeh Heute, 23. April 2014, 10:00
Taiwanische Angestellte in Schutzanzügen bei einer Sicherheitsübung im AKW in Pingtung.
Taiwanische Angestellte in Schutzanzügen bei einer Sicherheitsübung im AKW in Pingtung. (Bild: Pichi Chuang / Reuters)
Während Taiwans neustes Atomkraftwerk bereits Funktionstests unterzogen wird, fordern Kritiker weiter, dass es eingemottet wird. «Fukushima» beschäftigt die Taiwaner stärker als die Japaner.

Taiwans Atomkraftwerk, das vierte des Landes, steht kurz vor der Fertigstellung. Das AKW Lungmen, im Volksmund meist als «Nuke 4» bezeichnet, befindet sich im Nordosten der Insel, etwa vierzig Kilometer ausserhalb der Hauptstadt Taipeh. Die drei bestehenden Atomkraftwerke produzieren rund einen Fünftel des Stroms des Landes.

Engpässe prognostiziert

Taipower, der lokale Strommonopolist, argumentiert, dass es das vierte AKW brauche, um Engpässe zu vermeiden. Diese zeichneten sich bereits ab, weil ab 2018 die älteren Atomkraftwerke nach und nach abgeschaltet würden. Gleichzeitig sind mehrere thermische Kraftwerke am Ende ihrer Laufzeit. «Ein Viertel der Kapazität fällt in den nächsten Jahren weg», sagt Ben M. H. Wu, Direktor für Kapazitätsplanung von Taipower.

Das neue AKW mit zwei leistungsstarken Reaktoren, die je 1,3 Gigawatt Strom produzieren werden, soll diese Lücke zu einem grossen Teil füllen. Gegenwärtig sind umfassende Tests der Systeme im Gang, die bis Juni abgeschlossen sein sollen. Die Verantwortlichen von Taipower und des Rats für Atomenergie, der nationalen Aufsichtsbehörde, versichern, dass Lungmen den strengsten Sicherheitsanforderungen genüge. Gegen Ende Jahr könnten die Brennstäbe eingeführt werden.

Die Atomkraftgegner wollen dies unbedingt verhindern. Zum Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima demonstrierten trotz nasskaltem Wetter Zehntausende in Taipeh und anderen Städten. Der Widerstand gegen «Nuke 4» ist fast so alt wie das Projekt selber. Bereits 1992 wurde die Baubewilligung erteilt, 2000, als die Demokratische Fortschrittspartei (DPP) an die Macht kam, wurde der Bau vorübergehend unterbrochen.

Ein Hauptkritikpunkt ist die Nähe zur Hauptstadt, was seit der Atomkatastrophe von Fukushima vielen Angst macht. Die beiden älteren AKW Nummer 1 und 2 liegen sogar noch deutlich näher. Eine Katastrophe von der Grössenordnung von Fukushima könnte in dieser dichtbesiedelten Region Millionen von Anwohnern betreffen. Bei einer Grösse von etwa vier Fünftel der Schweiz, wovon grosse Teile Berge sind, gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten. Taiwan ist stark erdbebengefährdet, und wie in Fukushima stehen die Reaktoren alle am Meer.

Kein Zurück mehr

«Wenn die Brennstäbe einmal eingeführt sind, gibt es kein Zurück mehr», sagt David Ho, ein Atomphysiker, der als Berater für eine atomkritische Stiftung arbeitet. Vorher könnte man Teile der Anlage zum Beispiel für ein Gaskraftwerk umnutzen, sagt Ho. Ab der Einführung der Brennstäbe sei die Anlage dann aber radioaktiv kontaminiert. Ho war früher am Atomwaffenprogramm Taiwans beteiligt, kennt viele Akteure der Industrie persönlich und steht ihr äusserst kritisch gegenüber. Er und andere Kritiker führen eine Reihe von Zwischenfällen beim Bau der Anlage auf. Taipower kaufte das AKW nicht betriebsfertig ein, sondern leitete den Bau selber. Dieser sei nicht reibungslos verlaufen, sagt Wu: «Die Sicherheit hat dies aber nicht beeinträchtigt.»

Die Aktivisten und Demonstranten sind nicht allein in ihrem Widerstand. Für Chia Wei-chao von der NGO Green Citizens Alliance hat «Fukushima» dazu geführt, dass eine atomkritische Haltung mehrheitsfähig geworden ist: «Zuvor waren wir Atomgegner Aussenseiter, seither unterstützen uns auch viele prominente Persönlichkeiten», sagt er. Das spiegelt sich in der Stimmung im Volk: In einer neuen Umfrage sprachen sich 60 Prozent der Befragten gegen die Fertigstellung von «Nuke 4» aus, nur gut 23 Prozent waren dafür.

Die Regierung unterstreicht, dass sie auf das Volk höre. Mittelfristig sei ein atomkraftfreies Land das Ziel, doch man könne dies nicht von heute auf morgen erreichen. Auf das Atomkraftwerk von Lungmen könne man nicht verzichten. Auch weil das Einmotten des milliardenteuren Baus die staatliche Taipower wohl in den Ruin treiben würde, wie Wu indirekt eingesteht.

Aber die Regierung will sich nicht vorwerfen lassen, den Bau undemokratisch durchzuzwängen. Vor einem Jahr brachte Regierungschef Jiang Yi-huah überraschend ein Referendum über die Fertigstellung des AKW ins Spiel. Seither streitet sich das Parlament darüber, wie dieses ausgestaltet werden soll. Die Opposition unterstellt der Regierung, dass diese die Referendumsfrage so stellen wolle, dass die Antwort zu ihren Gunsten ausfalle. Ein Abstimmungstermin ist nicht in Sicht. Im Herbst stehen Lokalwahlen an. In Taipeh und Umgebung könnte das AKW zum bestimmenden Wahlkampfthema werden.

Japan setzt weiter auf Atom

Die Demonstrationen und sogar die Rangeleien im Parlament sind Zeugen einer intensiven Auseinandersetzung der taiwanischen Gesellschaft mit ihrer Energiezukunft. Der Kontrast zu Japan ist frappierend. Dort hat Ministerpräsident Shinzo Abe durchgeboxt, dass möglichst viele der 48 kommerziellen Atomreaktoren bald wieder ans Netz gehen.

Das − sehr langfristige − Ausstiegsszenario seines Vorgängers Noda hat Abe längst über Bord geworfen, obwohl Umfragen zeigen, dass sich eine Mehrheit der Japaner eine Zukunft ohne Atomenergie wünscht. Dass noch weite Landstriche in Fukushima radioaktiv verseucht sind und gut 100 000 Menschen nicht in ihre Häuser zurückkehren können, bremst Abe auch nicht. Viele Japaner haben die Hoffnung aufgegeben, dass die Regierung Alternativen zur Atomenergie aufzeigt.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/reportagen-und-analysen/fukushima-als-warnendes-beispiel-1.18288451

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