Spannungen in der Ostukraine

Heiligenbilder und Molotowcocktails

Daniel Wechlin, Donezk Vor 12 Minuten
Seit Anfang April wird das Gebäude der Regionalverwaltung in Donezk von prorussischen Kräften besetzt.
Seit Anfang April wird das Gebäude der Regionalverwaltung in Donezk von prorussischen Kräften besetzt. (Bild: Reuters)
Die russlandfreundlichen Separatisten in der Ostukraine drängen auf ein Referendum. Ihr Aktionsradius ist aber beschränkt. In den Provinzstädten ringen zuweilen verschiedene Akteure um die Macht.

Drei Barrikaden und Kontrollpunkte müssen überwunden werden. Zuletzt prangt über einer mit Stacheldraht bewehrten, aus Autoreifen, Pflastersteinen, Sandsäcken und Holzlatten errichteten Mauer ein gelbes Plakat: «EU und USA! Hände weg von der Ukraine!» Ein junger Mann steht davor und mustert den Eintretenden genau, tastet ihn ab und winkt ihn schliesslich durch die Absperrung, die sich bereits im Innern des Gebäudes befindet. Zwei Frauen verteilen farbige Aufkleber mit Abbildungen russischer Ikonen. Helme und Gasmasken, Schlagstöcke, Molotowcocktails und Feuerlöscher liegen herum. Links im Raum ist eine Apotheke eingerichtet, rechts eine Küche. Einmachgläser mit Gurken, Tomaten und Pilzen sind aufgetürmt. Dahinter befindet sich ein Schlafplatz mit Decken und dünnen Matratzen. Eine Karte der Region Donezk ist rot mit «Rossija» überschrieben. An einer Wand hängt der Spruch «Russland – unsere Wahl». Daneben prangt die schwarz-blau-rote Trikolore der «Volksrepublik Donezk».

Alkoholverbot für Aktivisten

Das elfstöckige Gebäude der Regionalverwaltung im Zentrum der Grossstadt Donezk in der gleichnamigen ostukrainischen Region wird seit Anfang April von prorussischen Kräften besetzt. Bis zu tausend Personen hielten sich mitunter im weitläufigen Gebäude auf, erklärt ein schwarz gekleideter Mann, der sich mit Wassili vorstellt. Früher war er bei der Polizei tätig, nun ist er einer der Koordinatoren, die im besetzten Haus für Struktur und Ordnung sorgen sollen. Es herrscht ein Alkoholverbot. Die Verpflegung, die medizinische Versorgung und das Übernachten sind gratis. Im siebten Stock ist ein Pressezentrum eingerichtet, in der obersten Etage tagt der Koordinationsrat der separatistischen, selbsternannten Volksrepublik Donezk.

Für eine sichere Stromversorgung stehen Generatoren bereit. Doch die Lifte funktionieren schon nicht mehr. Vieles wirkt chaotisch. Computer, Bürotische, Lampen und Heizungen sind offensichtlich zerstört worden und liegen übereinandergeworfen herum. Es ist kalt, von draussen dringt der Rauch von Lagerfeuern herein, die zwischen der ersten und der zweiten Barrikade angefacht werden. Mit Gesichtsmasken Vermummte, Äxte und Baseballschläger in der Hand, laufen durch die Flure. Im Treppenhaus wird eine Wache von einem Vorgesetzten in Camouflage gemassregelt. Muskelbepackte, grimmige Gestalten in schusssicheren Westen führen junge Männer ab. Streit entsteht, es wird laut. «Alles ganz normal», sagt Wassili ruhig, zieht an einer Slimline-Zigarette und setzt zu seinen aus Verschwörungstheorien und viel Paranoia zusammengesetzten Tiraden gegen den Westen und die «faschistische Junta» in Kiew an.

Um Koordination auf regionaler Ebene bemüht sich Kirill Tscherkaschin. Der 35-jährige Dozent für Politik und Geschichte an der Donezker Universität ist für die Planung des Referendums verantwortlich. Gleichzeitig ist er ein «Volksabgeordneter» der prorussischen Volksrepublik Donezk. «Bald wird die Ostukraine wie die Schweiz föderalisiert sein», meint Tscherkaschin optimistisch. Allerdings sind noch viele Fragen offen: Woher die Wahlregister nehmen? Mit welchen Finanzmitteln, wann das Referendum durchführen, schon am 11. Mai? Nur über eine Föderalisierung, mehr Unabhängigkeit von Kiew oder gerade über einen Anschluss an Russland bestimmen?

Ob die Bevölkerung mitspielt, ist eine weitere Unsicherheit. Sympathien für die Separatisten sind durchaus vorhanden. Dies auch deswegen, weil etwa in Donezk nur wenige öffentliche Gebäude besetzt sind und die Administration der Stadt und der Region anderswo weiterarbeitet. Der Alltag der Bevölkerung funktioniert weitgehend normal. Bereits wenige Meter von den besetzten Gebäuden entfernt ist vom Aufruhr nichts mehr zu bemerken. Dies zeigt den kleinen Aktionsradius der Separatisten, illustriert jedoch gleichzeitig auch die Unfähigkeit der Kiewer Zentralregierung, dem Spuk im Osten des Landes einfach ein Ende zu setzen.

Der Kontrollverlust Kiews zeigt sich besonders in der 112 Kilometer nördlich von Donezk gelegenen Provinzstadt Slowjansk . Sie scheint immer stärker unter die Kontrolle der prorussischen Milizen um den lokalen Unternehmer und Kriegsveteranen Wjatscheslaw Ponomarjow zu geraten. Diverse Strassenbarrikaden mit bewaffneten Kräften sind um die Ortschaft errichtet, das ukrainische Militär hat sich 40 Kilometer nördlich mit Panzern und einem Artilleriegeschütz in Stellung gebracht. Die frühere Bürgermeisterin wird in der verbarrikadierten Administration als Geisel gehalten, ähnlich wie angeblich mehrere Journalisten. Im Unterschied zu Donezk wird die Bevölkerung überdies zunehmend in ihrem Leben und ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Patrouillen mit Sturmgewehren sind unterwegs. Die Angst steigt. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr in der Früh gilt eine Ausgangssperre. Die Buslinien funktionieren nur noch teilweise, vor den Geldautomaten bilden sich Schlangen, da die Banken Bezugslimiten eingeführt haben und weniger Geld liefern.

Wie angespannt die Lage in Slowjansk ist, zeigte sich am Sonntag, als sich bei einer Strassensperre der Einheimischen unter undurchsichtigen Umständen eine Schiesserei ereignete , bei der mindestens drei Personen getötet wurden. Wer in der Stadt das Sagen hat, ist nicht ganz klar. Die Polizei untersteht wohl dem Kommando Ponomarjows. Zusätzlich existiert ein Koordinationsrat. Diesem gehört Anatoli Chmelewoj an. Der vormalige Erste Sekretär des Stadtkomitees der Kommunistischen Partei sorgt dafür, das wichtige Aufgaben weiter erfüllt werden, die Müllabfuhr etwa funktioniert, aber auch genügend Brot in den Läden vorhanden ist. Hinsichtlich des Referendums räumt er jedoch ein, dass die Koordination zwischen den Städten in der Ostukraine noch sehr schlecht sei. Einen Gebiets- oder gar Regionalrat gebe es noch nicht.

Strategisch wichtige Lage

Dass in Slowjansk so viele Waffen vorhanden sind, im Strassenbild von Donezk hingegen praktisch keine, hängt nicht zuletzt mit der strategischen Lage der Provinzstadt an der Hauptstrasse zu Charkiw im Westen und Donezk im Osten zusammen. Offenbar soll eine «befreite Stadt» entstehen. Slowjansk bildet so derzeit das Epizentrum der militärischen Spannungen, Donezk das politische Zentrum der Krise in der Ostukraine. Die Situation ist aber volatil. Dies meint auch Chmelewoj. «Alles ist sehr rasch und revolutionär vor sich gegangen», sagt er in Slowjansk im Gespräch. Manchmal zu schnell: Unter Gelächter der Anwohner mussten Aktivisten auf dem zentralen Platz der Oktober-Revolution zuerst einmal darüber belehrt werden, auf welche Seite die Fahne der Volksrepublik Donezk denn überhaupt korrekt aufzuhängen ist.