«Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten»

Die Katastrophe kann abgewendet werden, sagt der neue Bericht des Weltklimarats. Bloss: Realistisch scheint das nicht. Denn um weiter hoffen zu können, müsste man das Denkparadigma der ökonomischen Wissenschaften verlassen.

Von Marcel Hänggi


«… und wir bemerken nichts»: Ausschnitt aus der Graphic Novel «Saison Brune» des französischen Comicautors Philippe Squarzoni.

«Dieser Bericht zeigt auf, wie gross die Herausforderung ist», sagte Ottmar Edenhofer vor den Weltmedien. «Er bietet aber auch Anlass zu Hoffnung», fuhr er fort, um gleich zu präzisieren: «zu bescheidener Hoffnung.»

Edenhofer hat die Arbeitsgruppe des Uno-Klimarats IPCC präsidiert, die am Sonntag ihren Beitrag zum fünften sogenannten Sachstandsbericht vorstellte. Alle paar Jahre erarbeitet das IPCC einen Überblick über den Stand des Wissens. Der jetzt vorgestellte dritte Teil dieses Überblicks befasst sich mit Massnahmen zur Milderung des Klimawandels.

Wende bleibt unrealistisch

Das IPCC hat 900 wissenschaftliche Szenarien ausgewertet, die aufzeigen, wie sich die Welt entwickeln könnte. Macht die Menschheit weiter wie bisher, sagen sie voraus, dass die CO2-Konzentration bis 2100 Werte erreicht, die man aus unzureichend belüfteten Innenräumen kennt (750 bis 1300 parts per million, ppm): Frischluft wäre dann stickig. Die Durchschnittstemperatur läge um 3,7 bis 4,8 Grad über vorindustriellem Niveau. Das gab es schon einmal: Vor einer Viertelmilliarde Jahren erwärmte sich die Erde mutmasslich um 5 Grad. Über neunzig Prozent aller Tier- und Pflanzenarten starben in der Folge aus.

2010 hat sich die Uno eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf höchstens 2 Grad zum Ziel gesetzt und beschlossen zu prüfen, ob das Ziel auf 1,5 Grad gesenkt werden müsste, um «katastrophale» Folgen des Klimawandels abzuwenden. Damit eine Erwärmung um mehr als 2 Grad «wahrscheinlich» verhindert werden kann, muss die Treibhausgaskonzentration auf einem Niveau begrenzt werden, das wenig über dem heutigen Wert liegt (450 ppm CO2-Äquivalente). Kein Zweifel besteht daran, dass die bis heute von den Staaten angemeldeten klimapolitischen Absichten dafür viel zu wenig ambitioniert sind.

Es existieren aber auch Szenarien, in denen die Treibhausgase in der Atmosphäre 450 ppm nicht übersteigen. Sie setzen jedoch voraus, dass eine koordinierte internationale Klimapolitik bald zu greifen beginnt: «Der Hochgeschwindigkeitszug der Massnahmen muss sehr bald abfahren, und die ganze globale Gemeinschaft muss an Bord sein», sagte der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri. Dass das gelingen könnte, ist keine sehr realistische Annahme. Und es genügt in diesen Szenarien nicht, die Emissionen zu reduzieren. Es müssten auch riesige Mengen CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden. Ob das technisch je möglich sein wird, weiss derzeit kein Mensch.

Weitere Faktoren könnten die «optimistischen» Szenarien zu Makulatur machen. Die IPCC-Zusammenfassung spricht kurz das Phänomen «Rebound» an. Damit meint man den Effekt, dass Steigerungen der Energieeffizienz gleichzeitig die Nachfrage nach Energiedienstleistungen anheizen. Wie gross dieser Effekt ausfällt, ist umstritten. Fällt er gross aus, würden effizientere Techniken kaum etwas bringen – und die unwahrscheinlichen Szenarien würden noch unwahrscheinlicher.

In einem Satz: Dass es gelingt, einen katastrophalen Klimawandel abzuwenden, ist unrealistisch.

Versteckte Wertannahme

Mit diesem Befund kontrastiert die Schätzung, was eine stringente Klimapolitik kosten würde. In den ambitioniertesten Szenarien bewirkten die nötigen Massnahmen laut IPCC-Bericht, dass das Konsumwachstum pro Jahr um 0,06 Prozentpunkte geringer ausfiele als ohne diese Massnahmen (also beispielsweise statt 2 nur 1,94 Prozent). Das ist weit unter den üblichen Schwankungen von Jahr zu Jahr. Und dabei ist in dieser Zahl der Nutzen der Klimapolitik noch nicht einmal berücksichtigt. Edenhofer sagte es so: «Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten.» Die nötigen Szenarien seien mit weiterem Wirtschaftswachstum vereinbar.

Vielleicht liegt hier die Hoffnung, zu der der Bericht Anlass geben kann. Nein, nicht darin, dass wir «nicht auf Wachstum verzichten müssen». Sondern darin, dass sich hier eine ideologische Beschränkung des IPCC-Berichts offenbart. Ihre Überwindung könnte Raum für ganz andere Entwicklungen geben.

Wenn das IPCC die «Kosten» von Klimaschutzmassnahmen nämlich etwas umständlich mit dem «Verlust von Konsumwachstum» beziffert, so liegt darin eine Wertannahme versteckt: dass Wachstum per se gut sei. Massnahmen, die etwa darauf abzielten, den Wachstumszwang der Wirtschaft zu überwinden, erscheinen aus dieser Perspektive zwangsläufig als Kosten.

Es gibt aber durchaus Ansätze – namentlich in der Schule der sogenannten Ökologischen Ökonomie –, die die Wünschbarkeit von Wachstum infrage stellen. Und eine Suche nach Alternativen täte ganz unabhängig vom Klimaproblem nur schon deshalb not, weil es fraglich ist, ob das Wachstum, auf das die Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen Verfassung auf Gedeih und Verderben angewiesen ist, in den reichen Ländern überhaupt noch möglich ist. Der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream nimmt solche Überlegungen indes noch kaum zur Kenntnis.

Immerhin scheinen in der Zusammenfassung des jüngsten IPCC-Berichts ganz zaghaft Formulierungen auf, die beispielsweise im Bereich des Verkehrs nebst effizienteren Antriebstechniken oder CO2-freien Energieträgern auch eine «Reduktion der Mobilitätsnachfrage» anmahnen. Vage spricht der Bericht von «Massnahmen der Verhaltensänderungen» und vom «grossen Einfluss von Lebensstil und Kultur» auf die Emissionsentwicklung.

Ein Gemeingüterproblem

Im Entwurf zur jetzt vorliegenden Zusammenfassung lautete die erste fett gedruckte Kernbotschaft: «Klimawandel ist ein globales Gemeingüterproblem». Die Gemeingüterökonomie ist einer der Ansätze, die Wege jenseits des herrschenden, wachstumsfixierten Paradigmas bieten können. Aus Sicht der dominierenden (neoklassischen) Schule der Ökonomie aber sind Gemeingüter ineffizient, also schlecht. Doch seit 2009 mit Elinor Ostrom eine Erforscherin der Gemeingüter den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat, gibt es ein gewisses Umdenken. Ottmar Edenhofer leitet selbst ein Forschungsinstitut, das sich mit Gemeingütern und Klimawandel befasst.

Die Politik aber scheint für ein solches Umdenken noch weniger bereit als die Wissenschaft. Die Schlussredaktion der Zusammenfassung, an der sich auch die VertreterInnen der Regierungen beteiligen, hat den – bescheiden hoffnungsvollen – Satz mit den Gemeingütern gestrichen. In der Endfassung verweist nun noch eine Fussnote lapidar darauf, dass «die Sozialwissenschaften von einem globalen Gemeingüterproblem sprechen».

GRAPHIC NOVEL

Jenseits des Eisbären

Kann man den Klimawandel zeichnen? Philippe Squarzoni hat es versucht. Der preisgekrönte französische Comicautor erzählt mehrere Geschichten gleichzeitig: was der Klimawandel überhaupt ist; was Politik und Wissenschaft anders machen müssten, um ihn zu bekämpfen; wie die Beschäftigung mit diesem Thema dem Künstler den Schlaf raubt und warum wir in einer seltsamen Zwischenzeit leben. In der französischen Originalausgabe von 2012 trägt die Graphic Novel den Titel «Saison Brune». Den Begriff «brown season» hat Squarzoni von einer Reise in den US-Bundesstaat Montana mitgebracht. Er bezeichnet die Zeit im Frühjahr, wenn der Winter schon endet, der Frühling aber noch nicht da ist. «Ich mag diese Idee, die Menschheit ist auch in einer Phase des Übergangs», sagt Squarzoni. «Die alte Idee des endlosen Wirtschaftswachstums durch fossile Brennstoffe ist an ein Ende gekommen. Eine neue Zeit bricht an, wo wir die natürlichen Grenzen der Welt respektieren. Aber wir sind noch nicht da, und der Übergang ist langsam. Zu langsam.»

Wie sich dem Zeichner die Augen für das Problem öffnen, ist Teil der Story: Mitten in der Arbeit wird er für einen Auftrag nach Laos eingeladen, die Spesen sind bezahlt. Aber Squarzoni bleibt zu Hause. «Ich konnte einfach nicht in ein Flugzeug steigen, während ich all diese Fakten über den Klimawandel recherchierte.» Ein Symbol für den Klimawandel? Früher war das der einsame Eisbär auf der schmelzenden Scholle. «Das Bild verschwindet, das ist gut so, denn Klimawandel ist viel mehr», sagt der Zeichner. Ihm fehlten emblematische Bilder. Daher arbeitet er mit einem Mosaik von Symbolen und Bildern, um den grundlegenden Wandel in der Welt zu beschreiben.
Bernhard Pötter

«Saison Brune» von Philippe Squarzoni ist bei Editions Delcourt erschienen und neu auf Englisch als «Climate Changed» bei Abrams ComicArts.

http://www.woz.ch/1416/klimabericht/es-kostet-nicht-die-welt-den-planeten-zu-retten