Entführungen in Tripolis: Libysche Gemengelage

Kommentar | Gudrun Harrer
17. April 2014, 18:34

Kidnapping ist nicht nur zu einem Instrument in der libyschen Innenpolitik geworden, sondern hat auch eine internationale Dimension

Libyens Regierung – deren Interimspremier Thinni nach einem Angriff auf seine Familie nur noch wenige Tage im Amt bleibt – will nach der Entführung des jordanischen Botschafters Maßnahmen für den Schutz von Diplomaten in Libyen erarbeiten. Das Vertrauen hält sich in Grenzen: Am Donnerstag war ein Angehöriger der tunesischen Botschaft dran. Kidnapping ist nicht nur zu einem Instrument in der libyschen Innenpolitik geworden, wie die Entführung von Premier Ali Zeidan im Oktober gezeigt hat, sondern hat auch eine internationale Dimension.

Wie schon bei der Entführung von fünf ägyptischen Diplomaten im Jänner geht es beim jordanischen Botschafter vordergründig um die Freipressung eines Gefangenen. Der Libyer Mohammed Dersi sitzt wegen der Planung eines Anschlags in einem Ammaner Gefängnis. Aber Jordanien wurde von der Miliz “Operationsraum Libysche Revolutionäre” (LROR), auf deren Konto die Entführung der Ägypter und Zeidans ging, vor kurzem auch beschuldigt, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate bei der Vorbereitung eines Coups in Libyen zu unterstützen.

Dieser Vorwurf spiegelt die Gemengelage in Libyen gut wider: Die LROR steht der Stadt Misrata – und Katar – nahe, die Emirate unterstützen hingegen LROR-Rivalen in Zintan, Ägypten hegt Sympathie für die Föderalisten im Osten. Und Jordanien engagiert sich beim Aufbau einer nationalen Polizei, mit der alle Milizen keine Freude haben. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 18.4.2014)