IM BLAUMANN IN KABUL: Ein afghanisches Ostermärchen

2010 erzählte mir in Kabul mein Freund Belal Mogaddedi die Geschichte des ägyptischen Professors Sheikh Motwally Al Shaarwy. Seine Studenten verehrten ihn so sehr, dass ihm immer ganz mulmig wurde. Als sie ihn eines Tages auch noch auf die Schultern nahmen, dachte er an all seine Fehler und Sünden und wurde bleich. In der Nähe einer Moschee sagte er, er müsse dringend etwas erledigen und entschwand.

Er kam und kam nicht zurück. Nach zwei Stunden bekamen die Studenten Angst. Sie machten sich auf, ihren verehrten Professor in der Moschee zu suchen. Doch sie fanden ihn nicht.

Sicherheitshalber gingen sie schließlich auch noch auf die Toilette. Was sie dort sahen, verschlug ihnen die Sprache. Der alte Herr kniete mit hoch gekrempelten Ärmeln auf dem Boden und putzte die schmutzigen Klos. “Wenn Ihr mich so in den Himmel lobt, muss ich mich ganz schnell wieder runterholen. Hochmut ist etwas Gefährliches”, sagte er entschuldigend und schrubbte weiter den Boden.

Am Tag nachdem Belal mir diese Geschichte erzählt hatte, besuchten wir ein Kabuler Waisenhaus, das ich 2005 mit dem Honorar eines meiner Bücher gebaut hatte. Die großen Temperatur-Unterschiede Zentralasiens hatten einigen Räumen schwer zugesetzt. Vor allem der Toilette des Personals.

Da fiel mir Belals Geschichte wieder ein. Und ich dachte, dass ich von dem bescheidenen Sheikh Al Shaarwy viel lernen könnte. Hochmut ist wirklich etwas Gefährliches. Ich fragte den Verwalter, ob er mir Arbeiter-Klamotten besorgen könne sowie einen Spachtel und Farbe. Etwas verdutzt nickte er.

Am nächsten Morgen fing ich an, im “Blaumann” das ziemlich übel riechende Klo von Grund auf zu reinigen. Es war eine “Sch…arbeit”. Danach schabte ich Stunden lang mit dem viel zu stumpfen Spachtel den rissigen Verputz ab. Zentimeter für Zentimeter. Dann verputzte ich alles neu. Erst spät abends hatte ich das Schlimmste geschafft. Am nächsten Tag strich ich dann das ganze Klo neu. Jeder Finger tat mir weh.

Erschöpft stand ich vor meinem “Meisterwerk”. Ich wusste natürlich, dass ich nichts wirklich Besonderes geleistet hatte. Alles war eigentlich nur wie früher während meiner Schulzeit, als ich Wochen lang auf dem Bau gearbeitet hatte, um mir ein gebrauchtes Moped kaufen zu können. Weil ich nach Marokko wollte. Viele Jahre lang hatte ich so als Hilfsarbeiter auf dem Bau gearbeitet – und es fast vergessen. Hochmut ist gefährlich.

Als ich vor dem frisch gestrichenen Klo stand, wusste ich wieder, woher ich kam. Wieviel unverdientes Glück ich im Leben gehabt hatte. Und wie hart die meisten Menschen arbeiten müssen, um ihre Familien zu ernähren. Und dass sie auf diese Arbeit genauso stolz sein können, wie die angeblich Großen unserer Welt.

Die Arbeit im Blaumann hatte mich wieder “geerdet”. Hochmut ist wirklich gefährlich.

Frohe Ostern!
Euer JT

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