Homosexualität in Afrika

Der homophobe Kontinent

David Signer Heute, 20. April 2014, 14:00
Nicht die Homosexualität, sondern die Prüderie ist von Europa und Amerika nach Afrika übergesprungen.
Nicht die Homosexualität, sondern die Prüderie ist von Europa und Amerika nach Afrika übergesprungen. (Bild: Raymond Depardon / Magnum)
Der Präsident von Uganda hat kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das Homosexuelle mit langjährigen Gefängnisstrafen bedroht. Auch in vielen andern Staaten Afrikas ist Homosexualität strafbar – weil sie «unafrikanisch» sei.

Im Februar hat der ugandische Präsident Yoweri Museveni ein Gesetz unterzeichnet, das Homosexuellen lebenslängliche Gefängnisstrafen androht. In einer früheren Version war sogar die Todesstrafe vorgesehen. Ein paar Wochen davor verabschiedete der Präsident Nigerias, Goodluck Jonathan, ein ähnliches Gesetz. In der Mehrheit der afrikanischen Länder sind homosexuelle Praktiken illegal, und die Tendenz geht Richtung Verschärfung. Ausnahmen stellen Staaten wie Côte d’Ivoire, Mali, Gabon, Tschad oder Südafrika dar, wo Homosexualität nicht strafbar ist. In Mauretanien, Sudan, Somalia und einigen Gliedstaaten im nördlichen Nigeria hingegen steht auf gleichgeschlechtlichem Sex die Todesstrafe. Auffällig ist, dass Museveni erklärte, es gehe bei der Kriminalisierung der Schwulen und Lesben darum, Ugandas Unabhängigkeit gegenüber westlichem Druck zu demonstrieren. Auch der Präsident von Simbabwe, Robert Mugabe, und andere afrikanische Wortführer des Schwulenhasses stellen Homosexualität gerne als Folge eines schändlichen, dekadenten Einflusses des Westens auf Afrika dar, mithin als eine Art neokoloniale Infizierung eines Kontinents, dem Homosexualität «eigentlich» fremd ist.

Importierte Homophobie

Beinahe ist man versucht, diese Sichtweise pervers zu nennen, da sie die Tatsachen ins Gegenteil verkehrt. Es ist weniger die Homosexualität, die von den Weissen nach Afrika gebracht wurde, sondern die radikale Homophobie. Auch in Afrika wurden zwar je nach kulturellen und historischen Gegebenheiten sexuelle Abweichungen stigmatisiert. Aber im allgemeinen herrschte im Vergleich zu Europa ein eher liberales Klima. Weil Fruchtbarkeit so hoch geachtet wurde, kam es kaum zur Abwertung des Sexuellen per se wie in christlichen Ländern. Zwar wurden Praktiken, die nicht zu Nachwuchs führten, tendenziell abgewertet, aber man begegnete ihnen weniger mit Hass als mit Bedauern oder Kopfschütteln.

Die Ethnologen Murray und Roscoe zeigen in ihrem Buch «Boy Wives And Female Husbands: Studies of African Homosexualities», dass es ein koloniales Vorurteil war, den Afrikanern besondere Nähe zur Natur zuzuschreiben; infolgedessen sollte bei ihnen auch so etwas «Unnatürliches» wie gleichgeschlechtliche Liebe nicht existieren. Diese koloniale Argumentation wird heute von Politikern wie Museveni verwendet. Auch Forscherinnen wie die Uganderin Tamale oder die Nigerianerin Amadiume zeigen in ihren Werken, dass Homosexualität in Afrika auch vor der Ankunft der Weissen existierte.

Alles andere wäre beim Stand der Wissenschaft auch erstaunlich. Homosexualität entsteht nicht aus einer freien Wahl oder aufgrund all zu grosser Liberalität und moralischer Verkommenheit. Ob Homosexualität genetisch oder entwicklungspsychologisch bedingt ist, ist dabei zweitrangig; entscheidend ist, dass die sexuelle Orientierung weder durch Strafen noch Therapien verändert werden kann.

Die Kriminalisierung der Homosexualität hielt in Afrika einerseits durch Kolonialisierung und Missionierung Einzug, andererseits durch die evangelikalen Kreuzzüge vor allem amerikanischer Prediger. Die Prüderie des ugandischen Präsidenten hat mit dem europäischen Christentum des 19. Jahrhunderts und amerikanischem Puritanismus zu tun, nicht mit dem präkolonialen Afrika.

Missionare und Evangelikale

Museveni und seine fromme Gattin Janet haben sich nicht nur durch ihr Engagement gegen Homosexuelle hervorgetan, sondern auch durch ein «Anti-Pornografie-Gesetz», das Frauen das Entblössen von Brüsten und Schenkeln und das Tragen von Miniröcken verbietet. Man muss kein Ethnologe sein um zu wissen, dass Barbusigkeit in Afrika definitiv kein Import aus England war. Die Situation ist paradox. Museveni, Mugabe und Konsorten inszenieren den «antikolonialen» Kampf gegen die angeblich aus Europa importierte Homosexualität, während doch eher ihr eigener Diskurs durchtränkt ist von viktorianisch-verklemmter Sexualmoral und amerikanisch-fundamentalistischer Apokalyptik.

Konkret handelt es sich beispielsweise um die amerikanische Bewegung The Fellowship, deren Einfluss in Washington gewichtig ist. Eines ihrer Mitglieder ist Scott Lively, erzkonservativer Pastor und Mitautor eines Buches mit dem Titel «Pink Swastika», das die These verficht, Schwule und Lesben strebten die Weltherrschaft an. Lively ist ein vehementer Unterstützer des ugandischen Abgeordneten Bahati, einer der homophoben Scharfmacher. Ein enger Freund von ihm ist Ssempa, Gründer der Makerere Community Church, einer der grössten Kirchen Ugandas. Ssempa führt seinen Schäfchen gerne Hardcore-Pornos mit schwulen Sadomasopraktiken vor, wobei er ihnen erklärt, dass es solche von Schweinereien seien, die westliche Schwule mit afrikanischen Kindern anstellen wollten. Rund die Hälfte der Bevölkerung Ugandas besucht evangelikale Kirchen wie jene von Ssempa, und den Kindern wird in fundamentalistisch geprägten Schulen von klein auf beigebracht, dass die sündigen Schwulen dereinst in der Hölle schmoren müssen. Wenn Museveni, seit 28 Jahren Präsident, 2016 Jahr abermals die Wahlen gewinnen will, kommt er nicht an diesen Kreisen vorbei. Das beste Rezept, um sie zu gewinnen, sind homophobe Sprüche mit einem Schuss Antikolonialismus und anti-weissem Rassismus.

Die «200 Top-Homos»

Paradox ist auch, dass diese Rechtsaussen-Fundamentalisten, die noch vor kurzem gegen die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA wetterten und früher beim Ku-Klux-Klan Jagd auf Schwarze gemacht hätten, nun als Kronzeugen für wahres Afrikanertum dienen. Ein weiteres paradoxes Problem ist allerdings auch, dass jede kritische Reaktion aus dem Westen die afrikanischen Schwulenhasser im Glauben bestärkt, es handle sich um Angriffe auf Afrika – ein Teufelskreis. Andererseits: Kann man schweigen, wenn eine ugandische Zeitung unter dem Titel «200 Top-Homos» Namen und Fotos veröffentlicht, und diese angeblich homosexuellen Ugander praktisch zum Abschuss freigibt? Wirksamer als westliche Proteste dürften die engagierten Wortmeldungen der Musiker Femi und Seun Kuti, des Nobelpreisträgers Soyinka und der Autorin Adichie, alle aus Nigeria, sein. Oder das Coming-out des populären kenyanischen Autors Wainaina. Sie machen den Populisten einen Strich durch die Rechnung – jene Rechnung, die so banal und vulgär definiert, was afrikanisch sei und was westlich.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/der-homophobe-kontinent-1.18286873

Ungewisse Zukunft für Kenias Homosexuelle

10. April 2014, 11:19

Kenia galt verfolgten Homosexuellen aus anderen afrikanischen Staaten lange als halbwegs liberaler Zufluchtsort – Stimmungswandel in der Politik

Nairobi – Sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, erfordert selbst in Kenia noch immer jede Menge Mut. Zwar ist es den Lesben und Schwulen im Land gelungen, sich einen gewissen Grad an Akzeptanz zu erstreiten, ihre sexuelle Orientierung ist laut Gesetz aber illegal. Was nach mittelalterlichen Verhältnissen klingt, nimmt sich angesichts der zunehmenden Homosexuellenfeindlichkeit in Afrika aber noch relativ harmlos aus.

 

So können Homosexuelle in Kenia kleine Demonstrationen abhalten, bei denen sie für gleiche Rechte streiten. Die Szene hat zudem eigene Filmfestivals hervorgebracht. Online-Netzwerke eröffnen seit geraumer Zeit diskrete Möglichkeiten, andere Männer zu treffen.

Im vergangenen Jahr kandidierte David Kuria Mbote als erster offen homosexuell lebender Kenianer für ein öffentliches Amt. Und als der gefeierte Autor Binyavanga Wainaina im Jänner in einem innigen Text seine Homosexualität offenbarte, da erhielt er von vielen Landsleuten Zustimmung.

Verbesserte Gesundheitsversorgung

 

Homosexuelle Aktivisten haben durch ihr Engagement dazu beigetragen, dass sich auch die Gesundheitsversorgung verbessert hat. So lässt der nationale Aids-Rat des Landes Homosexuellen gezielt Behandlungs- oder Präventionsmaßnahmen zukommen.

 

Während etwa Gleitmittel in anderen afrikanischen Ländern eingeschmuggelt würden, seien diese genau wie Kondome in Kenia problemlos zu bekommen, sagt Kevin Mwachiro von der Organisation Hivos.

 

Seit der ugandische Präsident Yoweri Museveni im Februar ein Gesetz mit teils drakonischen Haftstrafen für Schwule und Lesben verabschiedet hat, ist Kenia zudem Zufluchtsort für Flüchtlinge aus dem Nachbarland geworden. Dutzende sind wegen der gewalttätigen Ausschreitungen in Uganda, die einer Hexenjagd in Zeiten der Inquisition gleichen, nach Kenia gekommen.

Angriffe auf Homosexuelle

 

Derweil halten es die dortigen Schwulen, Lesben und Transgender nicht für ausgeschlossen, dass es auch in ihrem Land zu einem Rückfall kommen könnte. “Es gibt die Angst, dass es hier wie in Uganda laufen könnte”, sagt Anthony Oluch von der AktivistInnengruppe Kaleidoscope Trust.

So gebe es dafür bereits erste Anzeichen, sagt er. Seit Museveni das gegen Homosexuelle gerichtete Gesetz unterzeichnet habe, seien mindestens zwölf KenianerInnen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung angegriffen worden, hat Oluch festgestellt.

 

So sei eine junge Frau an einer Bushaltestelle so schwer zusammengeschlagen worden, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Seitdem würde sie sich verstecken. Mindestens 26 KenianerInnen hätten ihre Häuser aus ähnlichen Gründen verlassen müssen.

 

Nach der Unterzeichnung des ugandischen Gesetzes bildeten einige kenianische Abgeordnete einen homosexuellenfeindlichen Ausschuss und verlangten die polizeiliche Durchsetzung des Verbots von Homosexualität, das bisher weitgehend ignoriert wurde.

Zugleich verlangten die PolitikerInnen härtere Strafen für Schwule und Lesben. Erst kürzlich verglich der parlamentarische Mehrheitsführer Aden Duale Homosexualität mit Terrorismus.

AktivistInnen warnen vor internationaler Reaktion

 

Doch die AktivistInnen im Land warnen derzeit eher vor einer harschen internationalen Reaktion so wie im Falle Ugandas. Eine solche Antwort könnte sich eher kontraproduktiv für die Homosexuellen im Land auswirken, mutmaßen die AktivistInnen.

“Wir wollen hier nicht Alarm schlagen”, sagt Oluch. Die Kenianer hätten eine “Leben-und-leben-lassen-Haltung”, was die Situation im Vergleich zu den Nachbarländern etwas erträglicher mache. Gleichwohl räumt Oluch ein, die Zukunft bleibe ungewiss. (APA, 10.4.2014)

http://diestandard.at/2000001065848/Kenias-Homosexuelle-blicken-in-eine-ungewisse-Zukunft

Ein ugandisches Gesetz und sein möglicher US-Ursprung

Michaela Kampl
26. Februar 2014, 14:11
  •  

    Der US-Evangelikale Scott Lively bei seinem Vortrag in Kampala im Jahr 2009. Scott schrieb über seinen Besuch hier.

  • Pastor Martin Ssempa, einer der Befürworter des Anti-Homosexuellen-Gesetzes, spricht bei einer Pressekonferenz über seine Vorstellungen von Homosexualität.


  • Trailer der preisgekrönten Dokumentation “Call me Kuchu” über die Situation Homosexueller in Uganda.

US-Evangelikale sollen das Anti-Homosexuellen-Gesetz in Uganda beeinflusst haben – Die Befürworter des neuen Gesetzes bestreiten das vehement

Am Montag hat der ugandische Präsident Yoweri Museveni ein Gesetz unterzeichnet, das homosexuelle Beziehungen unter Strafe stellt – unter bestimmten Umständen ist auch lebenslange Haft möglich. Auch die “Förderung von Homosexualität” wird kriminalisiert. Damit, so befürchten Aktivisten für die Rechte Homosexueller, könnte auch ihre Arbeit als gesetzeswidrig eingestuft werden.

  • MEHR ZUM THEMA
  • Euro:mPAY24 – Die Online-Zahlungslösung

Schon bisher waren homosexuelle Beziehungen in Uganda strafbar, wie auch in 36 weiteren afrikanischen Staaten. Die Entstehungsgeschichte des neuen Gesetzes ist allerdings einen zweiten Blick wert – und auch, wer die Gesetzeswerdung vorangetrieben hat. Der erste Entwurf stammt aus dem Jahr 2009 und wurde nur wenige Monate nach dem Besuch von drei US-Evangelikalen vorgelegt.

Der Anfang: Ein Seminar in der Hauptstadt

Im März 2009 fand in der Hauptstadt Kampala das “Seminar on Exposing the Homosexual’s Agenda” statt. Veranstalter war die ugandische Organisation Family Life Network. Thema der Vorträge der US-amerikanischen Gäste: die Zerstörung der traditionellen Familienwerte durch Homosexualität und die Gefahr für die Gesellschaft, die von Schwulen und Lesben ausgehe.

Missionare, “Heilungsseminare” und Gebete

Einer der drei Missionare war Scott Lively, evangelikaler Missionar und Autor zahlreicher schwulenfeindlicher Bücher – darunter “The Pink Swastika” (Das pinkfarbene Hakenkreuz), das Verbindungen zwischen Homosexualität und dem Nationalsozialismus herstellt. Zweiter im Bunde war Caleb Lee Brundidge, der sich selbst als ehemaligen Schwulen bezeichnet, Homosexualität als Krankheit betrachtet und sogenannte “Heilungsseminare” abhält. Die beiden wurden begleitet von Don Schmierer, einem Mitglied von Exodus International, einer US-amerikanischen christlichen Organisation, die glaubt Homosexualität, sei eine Fehlentwicklung und durch Gebete und “Therapien” veränderbar.

Während der dreitägigen Veranstaltung hörten zahlreiche Ugander, darunter Politiker, Polizisten und Lehrer, die Thesen der drei US-Amerikaner, wonach Homosexualität heilbar ist, schwule Männer Jugendliche missbrauchen und es die Absicht der Schwulenbewegung sei, die traditionellen afrikanischen Familienwerte zu zerstören.

Lebenslange Haft statt Todesstrafe

Einen Monat nach dem Besuch der drei brachte ein ugandischer Abgeordneter das Anti-Homosexuellen-Gesetz als Vorschlag ins Parlament ein. Auf Homosexualität sollte demnach die Todesstrafe stehen. Der Westen war empört und verlangte von Uganda, den Gesetzesvorschlag fallenzulassen.

Als die USA und die EU mit dem Stopp der Entwicklungsgelder drohten, entschärfte Uganda das Gesetzesvorhaben: Die Todesstrafe wurde gestrichen. Komplett gestoppt wurde die geplante Verschärfung allerdings nicht. Bereits im Jahr 2011 beschloss das Parlament, die Debatte wieder aufzunehmen. Die Todesstrafe wurde zwar gekippt, andere Passagen aber blieben erhalten. So ist es strafbar, homosexuelles Verhalten nicht an die Behörden zu melden. Das Parlament stimmte Ende vergangenen Jahres mehrheitlich für die Annahme des Gesetzes. Mit der Unterzeichnung durch Präsident Museveni kann es nun in Kraft treten.

Internationaler Protest

Auch dieses Mal gab es zahlreichen Protest aus den USA und Europa. Norwegen und Dänemark kündigten an, Hilfszahlungen zurückzuhalten, sollte das Gesetz nicht zurückgenommen oder entschärft werden. Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) hat Ähnliches angedeutet. Die USA, die rund 300 Millionen Euro im Jahr an Uganda überweisen, wollen ihre Finanzspritzen überdenken.

Unterstützer: Gesetzesvorschlag kam aus Uganda

Ugandische Unterstützer der Gesetzesverschärfung, wie beispielsweise Pastor Martin Ssempa, wehren sich gegen den Vorwurf, die Verschärfung der Anti-Homosexuellen-Gesetze sei erst durch US-Evangelikale vorangetrieben worden. Diese Entscheidung sei eine rein ugandische gewesen, sagt Ssempa.

Homosexualität werde in vielen afrikanischen Ländern als Import eines westlichen Lebensstils gesehen und in weiterer Folge auch als Form von Imperialismus und Neokolonialismus interpretiert, schreibt Kapya Kaoma, ein anglikanischer Priester aus Sambia, in seiner Analyse über die Verknüpfung zwischen christlichen Rechtskonservativen aus den USA und den Angriffen auf Homosexuelle in Afrika. US-Evangelikale würden sich die ablehnende Haltung gegenüber Neokolonialismus in afrikanischen Ländern zunutze machen, verknüpfen sie mit religiösen Werten und hoffen auf diese Weise, mehr Einfluss in einer für das Christentum immer wichtigeren Weltregion zu erlangen. (Michaela Kampl, derStandard.at, 26.2.2014)