Frankreichs Armee in der Kritik

Sexuelle Gewalt im Militär soll nicht straflos bleiben

Rudolf Balmer, Paris Heute, 17. April 2014, 05:30
Frankreichs Soldatinnen werden im Dienst weit häufiger als bisher zugegeben Opfer sexueller Übergriffe.
Frankreichs Soldatinnen werden im Dienst weit häufiger als bisher zugegeben Opfer sexueller Übergriffe. (Bild: Keystone / ap)
Nach der Publikation eines Buchs über sexuelle Übergriffe in der französischen Armee hat Verteidigungsminister Le Drian einen Aktionsplan angekündigt. Vergewaltigungen und Belästigungen weiblicher Militärs sollen künftig streng bestraft werden.

Der französische Verteidigungsminister Le Drian hat konkrete Massnahmen zur Eindämmung sexueller Übergriffe gegen weibliche Militärangehörige angekündigt. Seit der Professionalisierung der Armee ab 1997 ist der Anteil der Frauen in den Einheiten der drei Waffengattungen auf durchschnittlich 15 Prozent angewachsen. Das ist mehr als in allen anderen Ländern Westeuropas. In der französischen Luftwaffe sind sogar mehr als 20 Prozent Frauen und im Sanitätsdienst 60 Prozent. Auf diese «Feminisierung» der Armee könne Frankreich stolz sein, sagte Le Drian. Ab 2018 sollen darum auch in den Atomunterseebooten dank entsprechenden Einrichtungen weibliche Marine-Angehörige eingesetzt werden.

Neue Anlaufstelle für Opfer

Dieser Fortschritt der Gleichstellung hat aber eine Schattenseite: Die Frauen in Uniform werden, weit häufiger als dies bisher zugegeben wurde, Opfer sexueller Belästigungen oder sogar Aggressionen. Le Drian wollte sich nicht zum Ausmass des Problems äussern, er dementierte aber am Dienstag, dass die Opfer von Verfehlungen mit einer «Omertà», einem ungeschriebenen Gesetz des Schweigens, konfrontiert seien. Indirekt räumte er allerdings ein, dass es für Soldatinnen, die sexuell belästigt, genötigt oder gar vergewaltigt wurden, nicht einfach ist, sich Gehör und Recht zu verschaffen.

Der Minister kündigte nämlich an, dass die Opfer inskünftig ohne Angst vor Drohungen mit einer neuen, von der Hierarchie unabhängigen Stelle namens «Themis» (benannt nach der griechischen Göttin der Justiz) reden und auch rechtliche Schritte vorbereiten können. Ausserdem soll laut Le Drian das Delikt der sexuellen und moralischen Belästigung ähnlich wie schon im zivilen Strafrecht auch in der Militärjustiz verankert werden.

Ganz von selbst haben die Behörden sich nicht zu diesen Schritten durchgerungen. Es brauchte die Veröffentlichung eines Buchs, damit sich die französischen Streitkräfte und die Regierung ganz offiziell mit dem heiklen Thema der sexuellen Gewalt in der Armee befassten. Leila Miñano und Julia Pascual haben mit rund fünfzig Opfern gesprochen. Ihr Buch «La Guerre invisible» hat nicht nur für viel Aufsehen in Frankreich gesorgt, sondern auch eine Mauer des Schweigens durchbrochen.

In diesen zum Teil erschütternden Berichten geht es nicht «nur» um anzügliche Witze und Beleidigungen, die im virilen Kasernenmilieu zu Unrecht noch fast als «Kulturerbe» gelten. Oft ist ein übermässiger Alkoholkonsum mit im Spiel, und besonders bei Auslandseinsätzen, wo die Routine und die gewohnte Ordnung fehlen, scheinen gewisse Militärs jeden Respekt vor ihren Kameradinnen zu verlieren.

In mehreren Fällen erzählen weibliche Militärangehörige, wie sie von Männern ihrer Einheit vergewaltigt und anschliessend unter Druck gesetzt wurden. In der Reaktion der Kollegen und Vorgesetzten kommt immer wieder die Angst zum Ausdruck, dass das Ansehen der Einheit unter dem Bekanntwerden einer sexuellen Verfehlung leiden könnte. Ein Opfer, das sich beklagen will, ist darum mit einer stillschweigenden Solidarität mit dem Täter konfrontiert.

Schikanierung statt Schutz

In den im Buch aufgeführten Beispielen wiederholt sich darum oft dasselbe Muster: Die Vorgesetzten unternehmen zuerst alles, um das Opfer von einem Rapport oder einer Klage abzubringen, als gelte es, Schande von der Einheit fernzuhalten. Noch schlimmer ist der Rollentausch: Wenn die Opfer von Übergriffen dennoch insistieren, werden sie an den Rand gedrängt und schikaniert, zuletzt versetzt oder zum Austritt aus den Streitkräften gedrängt. In mehreren Fällen wurden die Betroffenen wegen Selbstmordversuchen oder Depression krankgeschrieben und ausgemustert, während die Täter in der Truppe unbehelligt blieben.

Es gibt darum auch keine brauchbare Statistik. Die Verfasserinnen sprechen von derzeit vierzig laufenden Verfahren. Bereits hat die Debatte aber dazu geführt, dass manche Opfer, die bisher aus Angst oder Scham geschwiegen haben, nun an die Öffentlichkeit gelangen und in den Medien ebenfalls Zeugnis ablegen. Sie machen es den militärischen und politischen Verantwortlichen unmöglich, das Problem einfach unter den Teppich zu kehren. Dem Verteidigungsminister ist es heute peinlich, dass Frankreich im Unterschied zu Schweden oder den USA die skandalösen Vorgänge so lange nicht wahrhaben wollte.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/reportagen-und-analysen/sexuelle-gewalt-im-militaer-soll-nicht-straflos-bleiben-1.18285872

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