Die unterschiedlichen historischen Erfahrungen, politischen und kulturellen Orientierungen in den Regionen der Ukraine polarisieren in beträchtlichem Maß die ukrainische Innenpolitik und beeinflussen die ukrainische Außenpolitik zwischen Russland und der Europäischen Union. Die politische Polarisierung findet ihre Entsprechung in den sprachlichen Unterschieden.

Die Sprachensituation in der Ukraine ist komplex, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung beherrscht sowohl die ukrainische Sprache als auch die russische Sprache. Offizielle Amtssprache ist ausschließlich das Ukrainische; das Russische verlor mit der Unabhängigkeit 1991 auch den Status als offizielle Amtssprache. Die Rolle des Russischen ist seitdem immer wieder Gegenstand politischer Diskussionen. Beide Sprachen sind ostslawische Sprachen und somit verwandt.

In der Volkszählung von 2001 wurde auch die Muttersprache der Bevölkerung nach eigener Angabe der Befragten ermittelt. Hierbei wurde ein Bevölkerungsanteil von 67,5 % für die ukrainische Sprache ermittelt. Der Unterschied zur Nationalitätenverteilung ist dadurch zu erklären, dass 14,8 % der Ukrainer Russisch als Muttersprache angaben, aber nur 3,9 % der Russen Ukrainisch. Die Angehörigen der kleineren Nationalitätsgruppen benannten weit überwiegend Russisch als Muttersprache, lediglich bei den Polen dominierte Ukrainisch. Die regionale Verteilung der Muttersprache wurde in den Ergebnissen zur Volkszählung nicht ausgewiesen.[13]

Andere Umfragen haben jedoch höhere Anteile der russischsprachigen Bevölkerung ergeben: So ergab eine Statistik der Akademie der Wissenschaften der Ukraine aus dem Jahr 2011, dass 42,8 % der ukrainischen Bevölkerung zu Hause Ukrainisch sprechen, 38,6 % dort Russisch benutzen und 17,1 % beide Sprachen verwenden.[14] Eine andere Umfrage aus dem Jahr 1993, die versuchte die „bevorzugte“ Sprache zu ermitteln, erbrachte sogar etwa 53 % Präferenz für die russische Sprache.[15]Im Westen (Zapad) sprechen demnach 94,4 % Ukrainisch, 2,5 % Surschyk und 3,1 % Russisch, während z.B. im Süden (Jug), zu dem auch die Halbinsel Krim gehört, 82,3 % Russisch, 12,4 % Surschyk und 5,2 % Ukrainisch sprechen.

Der Anteil der russophonen Bevölkerung überwiegt besonders im Osten und Süden der Ukraine, während der Westen und die Zentralukraine hauptsächlich ukrainischsprachig sind.[16] Die Hauptstadt Kiew ist ebenfalls mehrheitlich russischsprachig.[17][18]

Seit der Unabhängigkeit verschieben sich die Sprachverhältnisse aber in sehr begrenztem Maße zugunsten des Ukrainischen. Seit 1991 ist das Ukrainische die einzige offizielle Amtssprache des Landes, obwohl große Teile der Bevölkerung fordern, Russisch wieder als zweite Amtssprache einzuführen.[19] Seit 1991 wurde Ukrainisch Pflichtfach in allen Schulen und zunehmend auch Unterrichtssprache. An vielen ukrainischen Hochschulen, insbesondere im technischen Bereich, findet der Unterricht jedoch mangels ukrainischer Fachliteratur überwiegend oder nur in russischer Sprache statt. Eine weit verbreitete mündliche Mischform der ukrainischen Sprache mit dem Russischen ist der Surschyk.

Die „Sprachenfrage“ ist in der ukrainischen Politik ein ständiges Streitthema. Die nach Russland orientierte Partei der Regionen sowie die Kommunistische Partei treten für die völlige Gleichberechtigung des Russischen als zweite Amtssprache ein. Die „orangen“, westlich orientierten Parteien rund um den ehemaligen Präsidenten Juschtschenko und Julija Tymoschenko sowie nationalistische Parteien lehnen dies jedoch ab.

Unter Wiktor Juschtschenko wurde eine aktive Ukrainisierungspolitik betrieben, so wurde etwa das Russische in Schulen, Universitäten und im Alltag stark zurückgedrängt und zahlreiche Maßnahmen eingeführt, die den Gebrauch der ukrainischen Sprache fördern sollten. Der 2010 gewählte Präsident Janukowytsch hob jedoch zahlreiche dieser Maßnahmen wieder auf, wogegen die Opposition um Julija Tymoschenko vehement protestierte.[20]

Janukowytsch äußerte sich aber zunächst auch gegen die Einführung des Russischen als zweite Staatssprache, da die Verhältnisse im Parlament die notwendige Änderung der ukrainischen Verfassung, für die eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist, bislang unmöglich machen. Zudem fürchtete Janukowytsch Proteste aus dem nationalistischen Lager.[21] Im Frühjahr 2012 griff seine Partei der Regionen die Sprachenfrage jedoch wieder auf. Trotz heftiger, zum Teil handgreiflicher Proteste der Opposition im Parlament, wurde ein Gesetz verabschiedet, wonach in einer Region, in der mindestens zehn Prozent der Bevölkerung eine andere Muttersprache haben, diese den Status einer regionalen offiziellen Sprache bekommt.[22] Damit ist Russisch künftig in 13 der 27 Regionen der Ukraine, darunter in der Hauptstadt Kiew, dem Ukrainischen gleichgestellt. Eine regionale Aufwertung erhielten zudem Ungarisch (Transkarpatien), Rumänisch (Bukowina) undKrimtatarisch (Krim). Außerdem erkannte die Ukraine erstmals die russinische Sprache an, die zuvor auf offizieller Ebene als Dialekt des Ukrainischen behandelt wurde.

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Neuzeit[Bearbeiten]

Rechtliche Diskriminierung, wirtschaftliche Ausbeutung und religiöser Druck auf die orthodoxe Bevölkerung der südwestlichen Rus seitens der polnischen Krone und der polnischen Magnaten führten immer wieder zu blutigen Aufständen gegen die polnische Herrschaft, die von der oktroyierten Kirchenunion von Brest 1596 weiter angefeuert wurden. Der orthodoxe Klerus von Kiew und Galizien knüpfte enge Kontakte mit Russland und warb für eine Wiedervereinigung des dreieinigen russischen Volkes unter dem Schutz des russischen Zaren. 1654 kam dieLinksufrige Ukraine mit Kiew an das Zarentum Russland, nachdem sich die Saporoger Kosaken unter Bohdan Chmelnyzkyj gegen die polnische Herrschaft erhoben und im Vertrag von Perejaslaw Russland angeschlossen hatten. Das Hetmanat der Kosaken bestand als autonomer Teil des Russischen Kaiserreiches bis in die RegierungszeitKatharinas der Großen.

Die Rechtsufrige Ukraine, darunter Wolhynien und Podolien verblieb zunächst bei Polen-Litauen. Das rechtsufrige Hetmanat wurde bereits im 17. Jahrhundert von den Polen aufgelöst. Den rechtsufrigen Teil der Ukraine erwarb Russland mit den Teilungen Polens, bei denen jedoch der äußerste Westen des ukrainischen Sprachgebietes (Galizien) an das Habsburgerreich fiel. Als Resultat mehrerer russisch-türkischer Kriege wurden im 18. Jahrhundert weite Teile der heutigen Südukraine den unter osmanischer Vasallität stehenden Krimtataren abgerungen. Diese Gebiete wurden als Neurussland unter der Leitung von Grigori Potjomkin erschlossen und mit Saporoger Kosaken und Siedlern aus Zentralrussland besiedelt. Die heutigen Ukrainer wurden im Russischen Reich als Kleinrussen bezeichnet, in Anlehnung an eine alte byzantinische Definition eines Klein-Russlands (historisches Kernland um Kiew) und eines Groß-Russlands (alle anderen Gebiete). Zwischen den Teilungen Polens und der russischen Revolution war die Ukraine zudem Teil des jüdischen Ansiedlungsrayons.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine alternativ zur weitverbreiteten „kleinrussischen” Identität die „ukrainische” Identität zu entwickeln, die von den polnischen Kreisen sowie von den österreichischen Behörden in Galizien gefördert wurde. Sie unterschied sich von der kleinrussischen im Wesentlichen darin, dass sie das vorherrschende Konzept der Dreieinigkeit des russischen Volkes (Großrussen, Kleinrussen und Weißrussen) ablehnte und einen westorientierten Nationalstaat für die Ukrainer anstrebte. Ein wichtiger Ideologe dieser Konzeption war der Historiker Mychajlo Hruschewskyj. Zwischen den Anhängern der beiden Identitätsverständnisse entbrannte im Russischen Reich um die Jahrhundertwende ein regelrechter Kulturkampf. Gleichzeitig wurdenrussophile Strömungen in Galizien von den österreichischen Behörden rigoros unterdrückt.

Bürgerkrieg und frühe Sowjetherrschaft[Bearbeiten]

Sonderdepesche vom 9. Februar 1918

Nach der russischen Februarrevolution 1917 und während der deutschen Besatzung am Ende des Ersten Weltkrieges entstanden die kurzlebigen ukrainischen Nationalstaaten: Ukrainische Volksrepublik und Ukrainischer Staat. Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns 1918 rief die ukrainischsprachige Bevölkerung im Osten des ehemaligen KronlandesGalizien die West-Ukrainische Volksrepublik aus. Am 22. Januar 1919 wurde die Vereinigung mit der Ukrainischen Volksrepublik beschlossen. Das Gebiet der West-Ukrainischen Volksrepublik wurde jedoch auch von Polen beansprucht und bis Juli 1919 vollständig besetzt. Die Ukraine war 1920 Schauplatz im Polnisch-Sowjetischen Krieg. Im Frieden von Riga 1921 fiel das Gebiet der West-Ukrainischen Volksrepublik an PolenRumänien und die Tschechoslowakei. Parallel dazu gelang es von 1917 bis 1922 der überwiegend bäuerlichen Machno-Bewegung im Südosten des Landes, eine anarchistische Revolution durchzuführen. Zunächst halfen die Anarchisten den sowjetischen Bolschewiken gegen die konservativ-monarchistischen „Weißen” von Anton Denikin, dann wurden sie jedoch von den Bolschewiken selbst vernichtet. Im Verlauf des sehr wechselvollen und blutigen Russischen Bürgerkriegs wurde die Ukraine von der Roten Armee unter Trotzki schließlich Sowjetrussland angeschlossen. Mit der Gründung der Sowjetunion im Dezember 1922 wurde sie zur Ukrainischen SSR. Die frühe bolschewistische Nationalitätenpolitik der Korenisazija zielte darauf ab, die Minderheiten für die sozialistische Idee zu gewinnen und gleichzeitig die reaktionären einheitsrussischen Kräfte zu schwächen. Es begann eine bis 1931 anhaltende[31] staatliche Politik derUkrainisierung, die das ukrainische Identitätsprojekt (unter Ausnahme der Westorientierung) endgültig manifestierte und das kleinrussische verdrängte.

Für die junge Sowjetunion war die Ukraine die „Kornkammer”. Als unter Stalin 1932–1933 die Landwirtschaft zwangsweise kollektiviert wurde, kamen in der Ukraine schätzungsweise 2,8 Millionen Menschen durch eine sowjetweite Hungersnot um, die als Holodomor bekannt ist. In der Ukraine gilt Lasar Kaganowitsch bis heute für die durch die Zwangskollektivierung herbeigeführte Hungersnot in der Bevölkerung als verantwortlich.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ukraine