Ukrainische Wirtschaft vor Rosskur

Maidan haben das Land politisch auf den Kopf gestellt. Die wirtschaftlichen Folgen könnten zumindest kurzfristig schwerwiegend sein.

Die Kornkammer Europas kämpft mit einer maroden Industrie, die Abhängigkeit von Russland könnte noch zum Problem werden

Kiew/Berlin – Trotz der Milliardenhilfen des Westens steht die Wirtschaft der Ukraine vor einer langen und schmerzhaften Rosskur. Die fast 30 Milliarden Dollar vom Internationalen Währungsfonds (IWF), den Europäern, den USA und anderen Partnern dürften zwar einen kurzfristigen Staatsbankrott verhindern. Doch die Reformen fangen jetzt erst an – und die sind nach Ansicht von Experten dringend nötig, um die Wirtschaft des osteuropäischen Landes wieder auf die Beine zu bringen. Dabei droht weiteres Störfeuer des großen Nachbarn Russland: Präsident Wladimir Putin könnte mit Handelsbeschränkungen und anderen Strafmaßnahmen eine Stabilisierung der Ukraine bremsen.
Nach monatelangen Protesten und dem Sturz der pro-russischen Regierung steht die Ukraine ökonomisch am Rande des Abgrunds. Das Haushaltsdefizit droht mit mehr als zehn Prozent der Wirtschaftsleistung aus dem Ruder zu laufen. Die Wirtschaft ist stark vom Ausland abhängig, die Auslandsverschuldung hoch und die Industrie in großen Teilen marode.

Marode Kornkammer

“Grundsätzlich hat das Land ein großes Potenzial”, sagt Lars Handrich, Geschäftsführer von DIW-Econ, einer Beratungsfirma des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Ukraine hat viele wichtige Rohstoffe, wie Graphit, Titan und Nickel, und ist zudem die “Kornkammer” Europas. “Doch die Aussichten kurzfristig sind düster, die Kapitalflucht ist nach wie vor hoch, und mittelfristig wird es zu sehr schmerzhaften Reformen kommen müssen”, analysiert er. Das möglicherweise größte Problem in der Wirtschaft sei der völlig überalterte Maschinen- und Kraftwerkspark. “Jetzt fällt da alles langsam auseinander.” Modernisierungen seien dringend nötig – hierbei könnten besonders die europäischen Partner helfen.

Eine drohende Zahlungsunfähigkeit des Landes sollte nach Handrichs Worten durch die Not-Hilfen der USA und des IWF erst einmal abgewendet worden sein. “Das müsste es erlauben, im März und April die Auslandsschulden zu bedienen, damit es zu keiner Pleite kommt”, sagt er. Das wäre aber wohl nur ein erster kleiner Schritt in einem langen Prozess von Einschnitten und Reformen, vor denen das Land steht.
Abhängigkeit

Ein Grundproblem ist die bisherige hohe wirtschaftliche Abhängigkeit des Landes von seinem Nachbarn Russland. So gehen etwa 25 Prozent der ukrainischen Exporte dorthin. Zudem erhält die Ukraine rund die Hälfte ihrer Gaslieferungen aus Russland. Damit hat es der russische Präsident Putin mit in der Hand, wie es in der Ukraine weitergeht. Den Gaspreis für den Nachbarn hat er bereits erhöht, was eine Erholung der ukrainischen Wirtschaft erschwert. Zudem lässt Putin mit Tausenden von Soldaten an der Grenze zum Nachbarland seine Muskeln spielen. Das verunsichert Investoren.

Auch die vom Westen verurteilte Eingliederung der ukrainischen Halbinsel Krim in die Russische Föderation belastet die Wirtschaft. Dadurch werde das Bruttoinlandsprodukt der Ukraine allein in diesem Jahr um fünf Prozent nach unten gedrückt, sagt Simon Mandel vom Brokerhaus Auerbach Grayson. Sollte Russland den Nachbarn noch weiter treffen wollen, könnte Putin Importbeschränkungen für Güter aus der Ukraine oder andere Strafmaßnahmen verhängen. Käme es dazu, würde dies viele ukrainische Unternehmen “Schweiß und Tränen” kosten, sagt der Vize-Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), Andreas Simon.
Wahlen Ende Mai

Dass die Europäische Union den Unternehmen in der Ukraine weitgehend freien Zugang zum Binnenmarkt gewährt, hilft wohl nur begrenzt, wie Experten betonen. Zu sehr sind die Firmen auf Russland fixiert, und das lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag ändern. Damit drohen Entlassungen, sollte Russland größere Handelsbeschränkungen beschließen. “Es dürfte zu sozialen Spannungen kommen, wenn Unternehmen gezwungen werden, ihre Produktion zu kürzen und ihre Beschäftigten auf die Straße zu werfen”, analysiert eine Expertin in Kiew.

Daran könne der Westen kein Interesse haben, sagt Nicu Popescu vom EU-Institut für Sicherheitsstudien. “Je besser die Ukraine unter einer neuen Regierung klarkommt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich das Land in den Westen integriert.” Ende Mai sind Wahlen in dem osteuropäischen Land mit seinen 46 Millionen Bürgern. (Reuters, 28.3.2014)

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