Nach dem Wachstum

Stunde der Wahrheit in Lateinamerika

Werner J. Marti Heute, 12. April 2014
Wachstum dank Kupfer: In einer Kupfermine in der Nähe von Rancagua in Chile wird 300 Meter unter der Erde ein neuer Tunnel gegraben.
Wachstum dank Kupfer: In einer Kupfermine in der Nähe von Rancagua in Chile wird 300 Meter unter der Erde ein neuer Tunnel gegraben. (Bild: Felipe Trueba / keystone)
Wirtschaftlich kann Lateinamerika auf ein goldenes Jahrzehnt zurückblicken. Die Chance zur Reduzierung der Armut wurde aber sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Lateinamerika hat sich seit der Jahrtausendwende hervorragender wirtschaftlicher Rahmenbedingungen erfreuen können. Der Kontinent, der bis heute in erster Linie vom Export von Rohstoffen lebt, profitierte von einer ungewöhnlichen Hausse an den internationalen Märkten. So stieg etwa der Preis der Sojabohnen, des grünen Goldes von Brasilien und Argentinien, auf das Dreifache. Das venezolanische Erdöl verteuerte sich um den Faktor vier, und der Preis von Kupfer, das für die chilenische und die peruanische Wirtschaft von grosser Bedeutung ist, stieg gar auf das Fünffache. Das dadurch ausgelöste Wachstum zog zudem vermehrt zinsgünstiges Kapital internationaler Investoren in die Region, insbesondere nach der weltweiten Finanzkrise von 2008. Inzwischen hat sich das Blatt aber gewendet. Die allmähliche wirtschaftliche Erholung in Europa und in den USA sowie eine von Brasilien ausgehende Abschwächung der Konjunktur in der Region bewirkten, dass vermehrt wieder Kapital aus Lateinamerika abgezogen wird. Auch die Rohstoffpreise liegen wieder unter den Höchstmarken. Für dieses Jahr erwarten fast alle Staaten einen Rückgang der Zuwachsrate.

Armut als Entwicklungshemmnis

Was aber hat Lateinamerika aus dem «goldenen Jahrzehnt» gemacht? Es ist die Region mit den grössten sozialen Ungleichheiten. Die Ursachen dafür gehen zurück bis in die Kolonialzeit oder teilweise sogar davor. Die Kolonialherren schrieben die Ungleichheit sozusagen institutionell fest, indem sie den Einwohnern je nach Herkunft und Rasse unterschiedliche wirtschaftliche Tätigkeiten – und damit auch völlig ungleiche Einkommensaussichten – zuwiesen. Die grosse Ungleichheit und die grosse Armut sind nicht nur mit der menschlichen Würde unvereinbar. Sie bilden auch ein wichtiges Hindernis für die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Region. So sind etwa grosse Teile der Gesellschaft von einer qualitativ akzeptablen Bildung oder einem funktionierenden Gesundheitssystem ausgeschlossen. Wenn aber ein substanzieller Teil der heranwachsenden Generationen keine vernünftige Schulbildung erhält, können die betroffenen Länder ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Wer keine ausreichende Gesundheitsversorgung besitzt, wird im Arbeitsprozess nicht die volle Leistung erbringen. Schliesslich sind Armut und Ungleichheit auch Ursachen für die hohen Kriminalitätsraten.

Es ist deshalb in Lateinamerika weitgehend unbestritten, dass die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit zu den wichtigsten langfristigen Prioritäten jeder Regierung gehören muss. Der Boom der letzten zehn bis fünfzehn Jahre bot die einmalige Chance, dieses jahrhundertealte Problem endlich ernsthaft anzupacken. Ein Blick auf die grössten Wirtschaften Südamerikas – ohne Kolumbien, das als Bürgerkriegsland ein Spezialfall ist – zeigt, dass diese ganz unterschiedliche Strategien gewählt haben. Venezuela und Argentinien setzten auf massive Eingriffe in die freie Marktwirtschaft und blähten das Staatsbudget auf, um die Nachfrage anzuheizen und Stellen zu schaffen. Chile und Peru andererseits verfolgten einen marktwirtschaftlichen Ansatz. Peru implementierte seit den späten neunziger Jahren ähnliche Reformen, wie sie das Nachbarland bereits zwei Jahrzehnte früher unter der Diktatur von Pinochet in Angriff genommen hatte. Brasilien schliesslich wählte einen Mittelweg: eine sozialdemokratisch orientierte Strategie mit umfassenden staatlichen Programmen zur Integration der unteren Schichten, aber gleichzeitig mit einer unternehmerfreundlichen Politik, begleitet von protektionistischen Massnahmen.

Anhänger des staatsinterventionistischen Modells à la Argentinien und Venezuela entschuldigen dessen autoritäre Züge und dessen wirtschaftliche Probleme gerne mit dem Argument, die betreffenden Regierungen hätten besonders viel zur Reduktion von Armut und Ungleichheit getan. Ein Blick auf die Statistiken – etwa der Wirtschaftskommission der Uno für Lateinamerika oder der Weltbank – zeigt jedoch, dass die Armut in den meisten Ländern der Region in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat. Die Reduktion war weniger eine Folge von spezifischen Regierungspolitiken als vielmehr des Geldsegens infolge des Exportbooms. Laut der Weltbank ist der Anteil der Bewohner Lateinamerikas und der Karibik, die in Armut leben, zwischen 2000 und 2010 von 41 auf 28 Prozent gesunken. Rund 73 Millionen Menschen sind dort in den letzten zehn Jahren der Armut entflohen. Auch die ungleiche Verteilung des Reichtums hat laut der Weltbank abgenommen. Der zur Messung der Ungleichheit verwendete Gini-Koeffizient ist laut dem Finanzinstitut zwischen 2000 und 2010 von 0,57 auf 0,52 zurückgegangen.

Die venezolanisch-argentinische Krankheit

Die reine Veränderung der Prozentzahlen in den letzten Jahren sagt allerdings wenig aus über die Nachhaltigkeit der Armutsreduktion. Ist die Verbesserung lediglich das Resultat der Subventionierung der Bedürftigen dank momentan vollen Staatskassen? Oder gründet sie auf Investitionen zur Leistungssteigerung der Volkswirtschaft, deren Wirkung auch nach einem Ende des Exportbooms anhalten wird? Für die konkurrierenden wirtschaftspolitischen Ansätze ist inzwischen nämlich die Stunde der Wahrheit gekommen. Argentinien und Venezuela haben zwar während einiger Jahre die höchsten Wachstumswerte generieren können, doch haben sie ihre Wirtschaften mittelfristig mit ihrem marktfeindlichen Staatsinterventionismus regelrecht zugrunde gerichtet. Beide leiden heute an einer galoppierenden Inflation, am raschen Wertzerfall ihrer Währungen, an Mangelerscheinungen beim Warenangebot und an ungenügenden Investitionen; ihre Wachstumsraten sind inzwischen unter den Durchschnitt gefallen. Brasilien hat im regionalen Vergleich nie Spitzenwachstumsraten erzielt und kämpft zurzeit mit einem abnehmenden, geringen Wachstum. Immerhin leidet es aber nicht an den Fieberzuständen, die Argentinien und Venezuela derzeit heimsuchen. Die chilenische und die peruanische Volkswirtschaft schliesslich erscheinen weitgehend gesund, auch wenn sie in den kommenden Jahren ebenfalls mit abnehmendem Wachstum rechnen müssen. Chile kann auf dreissig Jahre stabile Wirtschaftsentwicklung zurückblicken, bei einer durchschnittlichen jährlichen Zuwachsrate von über fünf Prozent. Dies hat dem Land zwar das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Region gebracht, doch selbst hier wurde das Problem der sehr ungleichen Einkommensverteilung noch nicht gelöst. Armut und Ungleichheit werden für Lateinamerika auch in den kommenden Jahren eine Herausforderung bleiben.

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/stunde-der-wahrheit-1.18282743

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