Plakataktion in Pakistan

Den Drohnenopfern ein Gesicht geben

Andreas Jahn Dienstag, 8. April 2014, 14:41
Soll den Drohnenpiloten betroffen machen: ein überdimensioniertes Kinderporträt in Pakistan.
Soll den Drohnenpiloten betroffen machen: ein überdimensioniertes Kinderporträt in Pakistan. (Bild: notabugsplat.com)
Jedes Jahr werden in Pakistan zahlreiche Zivilisten durch amerikanische Drohnenangriffe getötet. Mit einem riesigen Plakat will ein Künstlerkollektiv die Empathie der Drohnenpiloten wecken.

Sechs Jahre arbeitete Brandon Bryant für das amerikanische Militär als Drohnenpilot. Tausende von Stunden verbrachte er vor dem Bildschirm in einem fensterlosen Bunker in der Wüste von Nevada und steuerte die unbemannten insektenähnlichen Flugzeuge über Afghanistan und Pakistan. Das Ziel, oft einfache Lehmhütten, markierte er jeweils mit einem Laser. Sekunden später erhellte dann ein greller Blitz seinen Bildschirm; die Hellfire-Raketen hatten ihr Ziel erreicht. Obwohl die Einsätze für Bryant unwirklich schienen, wusste er doch stets, dass er quasi per Mausklick Menschen tötete. Insgesamt 1626 «Terroristen» seien bei seinen Einsätzen getötet worden, bescheinigte ihm ein Zertifikat, das er nach seiner Kündigung erhielt. Mindestens einmal, so ist sich Bryant inzwischen sicher, war ein Kind unter den Opfern.

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Heute leidet Bryant am posttraumatischen Belastungssyndrom, das auch bei vielen amerikanischen Kriegsrückkehrern festgestellt wird. In einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CNN wehrt er sich gegen die Vorstellung, dass die Drohnenangriffe «präzise» und «sauber» wären: «Die Wahrheit ist: Nichts ist sauber, es kann nie sauber sein.»

In der Tat gehen Schätzungen der Vereinten Nationen davon aus, dass seit 2004 mindestens 400 Zivilisten – davon Dutzende von Kindern – bei den Angriffen alleine in Pakistan ums Leben kamen. Ein Künstlerkollektiv aus den USA und Pakistan hat sich nun des Themas der Drohnentoten angenommen und auf einem Feld in Pakistans nordwestlicher Grenzregion – ein häufiges Ziel amerikanischer Drohnenangriffe – ein gigantisches Plakat entrollt, das ein Kindergesicht zeigt. Mit dem Hashtag #NotABugSplatauf Twitter spielt das Projekt auf den im Slang von Drohnenpiloten häufig verwendeten Begriff «bug splat» (Blutspritzer getöteter Insekten) an. Das durch die Drohnenkamera gesehene Gesicht soll die Piloten daran erinnern, dass sie mit ihren Angriffen Menschen, häufig auch Zivilisten, und nicht Insekten töten. Das Kollektiv will so die Debatte um die völkerrechtlich ohnehin umstrittenen Drohneneinsätze forcieren und den Opfern ein Gesicht geben.

Mit der Unterstützung des französischen Street-Art-Künstlers JR sollen noch rund ein Dutzend solcher Plakate gedruckt und im Nordwesten Pakistans am Boden befestigt werden. Die Mahnmale sind so gross, dass sie sogar aus dem All gesehen werden können. Damit, so die Absicht, sollen die Gesichter in absehbarer Zeit nicht nur von Drohnenpiloten gesehen werden, sondern auch auf Online-Karten erkennbar sein.

http://www.nzz.ch/aktuell/panorama/den-drohnenopfern-ein-gesicht-geben-1.18280131

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