Textilindustrie in Bangladesh

Die Inspektoren kommen

Andres Wysling, Dhaka Gestern, 11. April 2014, 15:29
Khadiza (r.), die ihren Mann beim Unfall von Rana Plaza verloren hat, trauert am Massengrab der Unfallopfer in Dhaka.
Khadiza (r.), die ihren Mann beim Unfall von Rana Plaza verloren hat, trauert am Massengrab der Unfallopfer in Dhaka. (Bild: Andrew Biraj / Reuters)
Marken aus Europa setzen die Kleiderfabrikanten Bangladeshs unter Druck. Nach schrecklichen Unfällen gibt es jetzt Kontrollen. In mindestens einem Fall musste eine Fabrik schliessen, weil sie als gefährlich erachtet wurde. 1300 Angestellte sind entlassen.

In der Fabrik Suman Fashion Garments Ltd. in Dhaka wird Überzeit gearbeitet. Noch um zehn Uhr abends rattern die Nähmaschinen und zischen die Bügeleisen. Die Luft in den Sälen ist stickig, es gibt zwar Ventilatoren, aber keine Klimaanlage. Das Einnähen einer Brusttasche an einem Hemd dauert weniger als eine Minute – jeder Handgriff der Näherin sitzt, hundert- und tausendfach wiederholt. Die Arbeiterinnen – es gibt nur wenige Männer – an den langen Reihen von Arbeitstischen sind sichtlich müde, aber sie sind froh, wenn sie mehr Geld verdienen können. Das Betriebsklima ist anscheinend gut. Sie sei schon seit zehn Jahren hier, sagt eine Frau in einem unbeobachteten Moment, und es gefalle ihr – sonst wäre sie schon lange weg.

«Wir passen jetzt besser auf»

«Wir passen jetzt besser auf als früher», sagt der Manager Abdul Hellal. Der Fabrikbesitzer habe Sicherheit zur Priorität erklärt; er sei auch jeden Tag selbst im Betrieb anwesend, er kenne alle Angestellten und fühle sich für sie verantwortlich. Gut sichtbar sind Feuerlöscher aufgestellt, jede Woche gibt es eine Notfallübung mit der ganzen Belegschaft. Man achtet darauf, dass die Fluchtwege und Notausgänge stets frei sind.

Der Betrieb hat 1300 Angestellte, sie arbeiten auf mehrere Stockwerke verteilt in einem grossen Fabrikgebäude mit zehn Geschossen. Im Erdgeschoss gibt es Läden, einzelne Stockwerke sind von andern Unternehmen belegt. Das ist ein Problem, wie der Manager von sich aus einräumt: Wenn ein Betrieb bei der Sicherheit schlampt, geraten alle in Gefahr. Was er nicht erwähnt: Auch die langen Überzeiten sind problematisch. Die meisten Brände – und es brennt täglich in irgendeiner Fabrik – entstehen nach 19 Uhr, wenn die Aufmerksamkeit der Beschäftigten wegen Übermüdung nachlässt.

Wahrgemachte Drohung

Was der Manager ebenfalls nicht sagt, vielleicht weil er es selbst nicht weiss: Schon im letzten Sommer haben europäische Grosskunden Bedenken wegen mangelnder Sicherheit in dem Mehrzweckgebäude geäussert. Sie drohten, sie würden sich zurückziehen, wenn das Shoppingcenter im Parterre nicht geschlossen werde, denn dieses stelle eine Gefahrenquelle dar. Das erzählt der Eigentümer der Firma, Abdul Mannan, später in einem Telefongespräch.

Es bleibt nicht bei der Drohung – die europäischen Kunden machen sie wahr. Am 4. April wird die Fabrik geschlossen. Suman Fashion habe den Betrieb einstellen müssen, weil von den europäischen Stammkunden keine Aufträge mehr gekommen seien, sagt der Unternehmer Mannan. Er habe die Angestellten ausgezahlt und entlassen. Jetzt schaue er, ob er mit neuen Kunden einen Neuanfang schaffe.

Ein Umzug in ein anderes Gebäude im selben Quartier sei nicht möglich, denn es fehle an geeigneten Mietobjekten, die die Sicherheitsanforderungen erfüllten, sagt Mannan. Er müsste also ein eigenes Fabrikgebäude bauen oder kaufen und ausrüsten. Eine moderne, hocheffiziente Fabrik in einem neuen Gebäude bedeute eine Investition von 6 bis 13 Millionen Dollar, je nach Betriebsgrösse. Doch einen so hohen Bankkredit habe er nicht auftreiben können, jedenfalls nicht zu tragbaren Zinsen, und er selbst könne nur 2 Millionen einsetzen.

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Eine Frau trauert am Grab ihrer Tochter, die beim Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza ums Leben kam.
Eine Frau trauert am Grab ihrer Tochter, die beim Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza ums Leben kam.(Bild: Andrew Biraj / Reuters)

Mannan hofft, dass er für eine erste Übergangszeit als Subunternehmer Aufträge für andere Bekleidungsfirmen in Dhaka ausführen kann. Viele Betriebe reichen ihre Aufträge an andere Betriebe weiter, wenn sie am Rande ihrer Kapazität arbeiten und Entlastung brauchen. Nicht selten sind das dann Kleinbetriebe, die wirtschaftlich kaum noch über die Runden kommen. Manche sind in schlechten Gebäuden eingemietet, sie leiden unter hohen Schulden und Zinsen, und sie haben zu geringe Gewinnmargen. Die Klagen über nicht gezahlte Löhne und unzureichende Sicherheitsvorkehrungen sind zahlreich. Immer wieder kommen Leute bei Fabrikbränden ums Leben, nicht selten, weil die Notausgänge zugesperrt sind. Solche ganz prekären Betriebe zu besichtigen, ist schwierig, denn die Unternehmer sind vor Journalisten gewarnt.

Marken, Manufakturen, Medien – ein Konflikt

awy. ⋅ Die Unternehmerin in Dhaka studiert die Visitenkarte des Journalisten: «Lassen Sie mich sehen, wie viel Schaden Sie mir zufügen können.» Das Schadenpotenzial ist eher gering, denn der Artikel wird auf Deutsch erscheinen und somit im englischen Sprachraum nicht zur Kenntnis genommen – das ist beruhigend. Tatsächlich steht die Kleiderindustrie in Bangladesh seit dem Unglück des «Rana Plaza» unter intensiver Beobachtung. Konsumentenorganisationen und Gewerkschaften haben öffentlichen Druck aufgebaut, internationale Modeketten und Marken sowie lokale Fabrikanten zeigen wenig Bereitschaft, Journalisten ihre Türen zu öffnen. «Die Firmen sind grundsätzlich nicht mehr bereit, Interviews zu geben, da sie der Meinung sind, dass nur negativ über Bangladesh oder ihr Unternehmen berichtet wird», wird eine Absage begründet.

Ein französischer Fernsehsender plant jetzt eine Reportage mit versteckter Kamera. Ein Journalist soll sich als vorgeblicher Einkäufer einer Billigmarke in einen Ramschbetrieb einschleichen – so werden üble Bilder generiert.

Rubana Huq ist die Chefin der Mohammadi-Gruppe; sie führt auch den ganzen Textilbereich des Familienkonzerns. Sie schwärmt von ihrer neuen «grünen» Fabrik, und sie hat gerade eine Diskussionsrunde mit Arbeiterinnen abgehalten. Höherer Lohn sei nicht der dringlichste Wunsch der Frauen, meint sie, eher Entlastung bei den Familienpflichten und gute Ausbildung der Kinder. An einem Standort habe sie darum eine Tagesschule eröffnet für die Kinder ihrer Angestellten, das koste 15 000 Dollar im Jahr, «nicht zu viel». Gerne möchte sie dieses Engagement ausbauen, und sie hofft dabei auf Unterstützung vonseiten der Kunden. «Pro T-Shirt drei Cent von uns, drei Cent von den Kunden», das wäre das Finanzierungsmodell. Allerdings habe sie mit solchen Vorschlägen bisher nur zurückhaltendes Echo ausgelöst.

«Jetzt ist es günstig – diese Gelegenheit müssen wir packen», sagt dieGewerkschaftsbossin Kalpona Akter vom Bangladesh Center For Workers’ Solidarity. Die Katastrophe des Rana Plaza habe einiges bewirkt, insbesondere die Erhöhung des Mindestlohns auf 68 Dollar pro Monat. In vielen Betrieben werde jetzt klar mehr getan für die Sicherheit der Arbeiter. Die Regierung habe dabei den geringsten Anteil, meint sie, auch der Druck der einheimischen Gewerkschaften sei nicht entscheidend, eher noch derjenige der ausländischen Gewerkschaften. Ausschlaggebend sei die Einstellung der Eigentümer und vor allem der Druck vonseiten der Kunden, der grossen Marken in Europa und Amerika. Deren Engagement sei sehr unterschiedlich.

Standards und Empfehlungen

Nützlicher als journalistische Überfälle sind systematische Inspektionen. Solche fehlten bis vor kurzem. Zwar gibt es eine zuständige Behörde, genannt Chief Inspector of Factories and Establishments. Sie gibt auf ihrerWebsite an, sie habe im letzten Jahr 3500 Inspektionen ausgeführt und 400 Betriebe wegen Mängeln verzeigt. Aber die Amtsstelle gilt als bestechlich und zahnlos. Mehr Hoffnung ruht auf zwei neuen Initiativen, der Alliance for Bangladesh Worker Safety und dem Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh. Beide Organisationen wurden nach der Katastrophe des Rana Plaza von Kleidermarken in Amerika und Europa gegründet, beim Accord sind auch Gewerkschaftsverbände beteiligt. Beide Organisationen wollen Inspektionen in allen Betrieben entlang der gesamten Fertigungskette der beteiligten Marken vornehmen.

Der Accord hat im Februar mit den systematischen technischen Inspektionen in den Kleiderfabriken begonnen. Dafür stehen 70 speziell ausgebildete Leute zur Verfügung, ausserdem 70 an Hilfspersonal. Sie schwärmen aus in Dreierequipen, für eine Fabrik brauchen sie in der Regel einen Tag, wie der Geschäftsführer Rob Wayss erklärt. Bis Ende September sollen 1500 Betriebe besucht werden, total 3500 bis Ende des nächsten Jahres. Das ist mehr als die Hälfte aller Kleiderfabriken in Bangladesh, darunter auch viele Kleinbetriebe. Als eines der ersten Unternehmen wurde die inzwischen geschlossene Suman Fashion besucht. Der Bericht der Inspektoren zu dieser Fabrik liegt noch nicht vor, andere Berichte sind jedoch online schon veröffentlicht. Es sind private Unternehmen, die hier auf dem Wege der Selbstkontrolle eine Polizeiaufgabe übernehmen, die der Staat nicht erfüllt.

Es bleibt ein Trümmerberg

Vor einem Jahr, am 24. April 2013, hat der Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza am Stadtrand von Dhaka 1135 Tote und 2456 Verletzte gefordert, weitere Personen werden bis heute vermisst. Von dem achtgeschossigen Bau bleiben heute nur noch eine ausgebaggerte Grube und daneben ein grosser Schutthaufen. In den Trümmern werden noch Überreste von Menschen vermutet; kürzlich kamen wieder ein Schädel und zwei Knochen zum Vorschein. Tuchfetzen in verblichenen Farben liegen herum, Kleideretiketten, ein Arbeitsrapport und andere Papiere.

Die Katastrophe war absehbar. Seit Monaten hatten sich tiefe Risse im Mauerwerk des Fabrikgebäudes gezeigt. Es gab deshalb Unruhe in der Belegschaft, für den Tag des Unglücks war ein Streik ausgerufen. Die Manager drohten, wer nicht zur Arbeit erscheine, erhalte keinen Lohn am Monatsende. «Wir streikten, aber viele Frauen gingen trotzdem zur Arbeit, weil sie das Geld brauchten», erzählen die jungen Arbeiter Shakil Islam und Muhammad Arab Ali. Ihr Bericht wird aus andern Quellen bestätigt.

«Gottes Wille»

Beim Zaun hat sich eine Gruppe von Frauen versammelt, sie zeigen Fotos von ihren Töchtern und Söhnen, Enkelinnen und Enkeln, dazu Totenscheine und Vermisstmeldungen. Sie kommen jeden Tag hierher, um Entschädigungen einzufordern. Die 40-jährige Arbeiterin Shepla wurde nach sieben Stunden aus den Trümmern geborgen. Sie hat immer noch Narben und Schmerzen am ganzen Körper. Sie arbeitet jetzt gelegentlich als Hausangestellte zu geringem Lohn. In einer Fabrik kann sie nicht mehr arbeiten, wegen der Schmerzen und weil sie Angst hat vor grossen Gebäuden – das geht vielen Überlebenden so. Ihr Bruder arbeitete ebenfalls in dem Gebäude, er wird vermisst. Seit einem Jahr fehlen der Familie mit Kindern und einem pflegebedürftigen Grossvater zwei regelmässige Einkommen. Eine Entschädigung von 600 Dollar kann den Ausfall nicht wettmachen. Ähnlich ergeht es allen hier. Die Not ist gross.

Andere Opfer an andern Orten hatten mehr Glück. Die ehemalige Arbeiterin Mita Begum wurde schwer verletzt und in einer Rehabilitationsklinik so weit wieder hergestellt, dass sie heute, wenn auch immer noch mit Schmerzen, wieder arbeitsfähig ist. Aus einem Hilfsfonds der Klinik erhielt sie ein kleines Startkapital, absolvierte einen Schnellkurs in Betriebswirtschaft und eröffnete im November einen kleinen Schneidersalon mit einer elektrischen Nähmaschine. Aus den ersten zwei Monatsgewinnen kaufte sie zwei weitere Nähmaschinen hinzu. Mit 19 Jahren ist die zierliche Frau stolze Kleinunternehmerin, sie hat ein eigenes Geschäft mit zwei Angestellten. Eine ähnliche Erfolgsgeschichte erzählen die Besitzerinnen eines Lebensmittelgeschäfts und eines Kiosks. Die 35-jährige Rehane Begum sagt: «Ich war verletzt, jetzt geht es gut. Es war Gottes Wille.»

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http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/die-inspektoren-kommen-1.18282428

Sicherheit in Fabriken kostet Geld

Standards setzen

Gestern, 11. April 2014, 16:42

Andres Wysling ⋅ Europäische Kleidermarken geben keine Aufträge mehr, in Bangladesh schliesst eine Kleiderfabrik, 1300 Arbeiterinnen und Arbeiter verlieren ihre Stelle. – Nach dem Fabrikeinsturz des Rana Plaza in Dhaka mit über tausend Toten erhob sich vor einem Jahr öffentliche Empörung über unsichere oder ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in Bangladesh. In einem konkreten Fall zeigt der Protest Wirkung, wohl heftiger als von Gewerkschaften und Konsumentenorganisationen beabsichtigt. Man kann sich leicht vorstellen, dass gehäufte Schliessungen von Kleiderfabriken die Wirtschaft des ganzen Landes empfindlich treffen müssten.

In Bangladesh hat der Staat bei einer seiner Uraufgaben, der Gewährleistung von Sicherheit – auch von Gebäudesicherheit – komplett versagt, dies wegen Unfähigkeit und Korruption in Regierung und Verwaltung. Nun treten private Organisationen an die Stelle staatlicher Aufsicht. Sie erlassen Reglemente und machen Kontrollen, sie üben Druck auf die Fabrikanten aus. Wenn die Standards und das Vorgehen sich bewähren, sollten sie auf andere Länder ausgedehnt werden.

Der sicherheitstechnische Umbau von Fabriken braucht Zeit und Geld. Zeitmangel ist das grösste Problem, denn die Behebung von lebensgefährlichen Zuständen duldet keinen Aufschub. Geld jedoch müsste vorhanden sein. Es reicht, wenn die modebewussten Konsumenten in Europa und Amerika bereit sind, für jedes T-Shirt einen Franken mehr zu bezahlen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/standards-setzen-1.18282478

Déjà-vu

Bangladesh heute – Schweiz vor 150 Jahren

Heute, 12. April 2014, 08:06
Zu Beginn der industriellen Revolution konnte sich ein Arbeitsunfall fatal auswirken. Dem verletzten Arbeiter drohte die Armut. Ende des 19.Jahrhunderts besserte sich die Situation in der Schweiz.

Markus Hofmann ⋅ Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Schweiz vom freien Unternehmertum geprägt. Was die Wirtschaft ankurbelte, hatte aber auch seine Schattenseiten. Die Risiken der individuellen Vertragsfreiheit gingen meist zulasten der Arbeiterinnen und Arbeiter – inklusive arbeitender Kinder. In den 1870er Jahren änderte sich Entscheidendes, wie der Fall eines 17-jährigen Mannes zeigt. In Linthal, zuhinterst im Kanton Glarus, geriet 1878 die Hand des Textilarbeiters in eine laufende Walze. Dem Mann werden die «Weichtheile der Doralseite der linken Hand bis auf die Knochen weggerissen und die Strecksehnen der drei Mittelfinger vollständig zerstört», wie es in den Gerichtsakten heisst.

Solche Unfälle wurden während der industriellen Revolution, als in der Schweiz die Maschinen auf Hochtouren zu laufen begannen, immer häufiger. Neu war nun aber, dass sich der verletzte Arbeiter bei der Klage gegen den Patron auf ein Gesetz berufen konnte, das erstmals eine Haftung des Unternehmers bei Unfällen festschrieb.

Liberale Sozialpolitiker

Das eidgenössische Fabrikgesetz von 1877 führte die Kausalhaftung für Fabrikbesitzer ein. Diese hafteten auch dann für Verletzung oder Tod eines Arbeiters, wenn sie kein Verschulden traf. Konnten die Arbeitgeber aber ein Mitverschulden ihrer Angestellten nachweisen, wurde der Schadenersatz gekürzt. So war es auch im Fall des jungen Mannes. Diesen treffe eine Teilschuld, beschieden die Richter. Immerhin erhielt er eine Entschädigung von 2000 Franken, da er auf Handarbeit angewiesen war und eine bleibende Schädigung davontrug.

Sozialpolitisch war das Fabrikgesetz ein Fortschritt. Denn ein Arbeitsunfall konnte zur Arbeitsunfähigkeit und damit zur Armengenössigkeit des Betroffenen und seiner Familie führen. Vor dem Inkrafttreten des Gesetzes musste der Verunfallte ein Verschulden des Patrons nachweisen, um eine Entschädigung zu erhalten, was meist ein aussichtsloses Unterfangen war.

Auslöser für das Fabrikgesetz war ein Bericht von 1868 über die katastrophalen Arbeits- und Lebensverhältnisse der Fabrikarbeiter. In Auftrag gegeben hatten ihn die von Liberalen gegründete Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. An der Ausarbeitung des Gesetzes war massgeblich ein Glarner Arzt beteiligt: Fridolin Schuler setze sich Zeit seines Lebens für das Wohl der Arbeiter ein und war 1864 zum kantonalen Fabrikinspektor ernannt worden. Folgerichtig wurde er 1878 erster schweizerischer Fabrikinspektor.

Ohnehin war der Kanton Glarus Vorreiter beim Arbeitnehmerschutz. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts regelte er die Arbeitszeiten. Zunächst allerdings nicht, um Arbeitern Gutes zu tun, sondern aus feuerpolizeilichen Gründen. Um von Öllampen ausgelöste Brände zu verhüten, wurde die Nachtarbeit in Spinnereien verboten.

Bei Bismarck abgeschaut

Zur Unternehmer-Haftpflicht wurden in den 1880er Jahren Spezialgesetze geschaffen. Doch damit waren weder die Arbeiter noch die Unternehmer zufrieden. Inspiriert von der Bismarckschen Unfallversicherung des Deutschen Reiches von 1884 nahm die Schweizer Bevölkerung 1912 das Kranken- und Unfallversicherungsgesetz an. Seit damals werden die Unfälle von der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt abwickelt, in der Arbeitnehmer und Arbeitgeber sitzen. Die Unfallversicherung deckt Heilbehandlungs- sowie Taggeldkosten und zahlt bei Invalidität oder Todesfall Renten. 1984 löste dann das neue Unfallversicherungsgesetz das bis dahin geltende Gesetz ab.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/unternehmertum-und-verantwortung-in-der-schweiz-1.18282893

Geschäftshaus in Bangladesh eingestürzt

Textilunternehmer werden von Politikern protegiert

Andrea Spalinger, Delhi 27. April 2013
Rettungskräfte suchen in den Trümmern der Textilfabrik nach Überlebenden.
Rettungskräfte suchen in den Trümmern der Textilfabrik nach Überlebenden. (Bild: ANDREW BIRAJ / Reuters)
Beim Einsturz eines Geschäftskomplexes in Bangladesh sind über 300 Personen ums Leben gekommen. Die Manager von vier betroffenen Textilfabriken hatten Warnungen ignoriert. Weil die Textilindustrie eine der wichtigsten Einkommensquellen des Landes ist, schaut der Staat weg, wenn geldgierige Fabrikbesitzer Sicherheitsvorschriften missachten.

Der Einsturz eines Gebäudekomplexes in einem Vorort von Dhaka am Mittwochmorgen war der schwerste Industrieunfall in der Geschichte Bangladeshs. Bisher wurden über 300 Leichen geborgen und über 1000 Personen mit Verletzungen in Spitäler eingeliefert. Hunderte von Opfern werden noch unter den Trümmern vermutet. In dem Gebäude im Gewerbegebiet Savar hatten sich fünf Textilfabriken, eine Bank und mehrere Geschäfte befunden. Die meisten Opfer waren Textilarbeiter.

Keine Baubewilligung

Lokale Medien berichteten, der Besitzer des «Rana Plaza», ein einflussreicher Geschäftsmann, habe das achtstöckige Gebäude 2007 ohne Bewilligung der zuständigen Behörden gebaut. Dank seinen Beziehungen hatte er vom Bürgermeister von Savar grünes Licht für das Projekt erhalten, obwohl dieser dazu gar nicht befugt war. Offenbar wurde das Gebäude auf Sumpfland gebaut, das zuvor behelfsmässig mit Beton aufgefüllt worden war. Der Bürgermeister rechtfertigte sein Eingreifen diese Woche damit, dass Baubewilligungen zu viel Zeit in Anspruch nähmen und Bangladeshs boomende Textilindustrie auf rasche Expansion angewiesen sei.

Die Katastrophe hätte mit etwas Umsicht dennoch verhindert werden können. Denn bereits am Dienstag waren an der Fassade Risse aufgetreten, und das Gebäude war evakuiert worden. Doch die Chefs wiesen die eingeschüchterten Arbeiter am Mittwochmorgen an, wieder in die Fabriken zurückzukehren. Kurz darauf brach das Gebäude in sich zusammen.

Der Hausbesitzer und die Manager sind flüchtig. Premierministerin Sheikh Hasina hat versprochen, sie aufzuspüren und hart zu bestrafen. Zudem hat sie gelobt, die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken zu verbessern. Die Bangalen haben von ihrer politischen Führung diesbezüglich freilich schon viele leere Versprechungen gehört. Das jüngste Unglück ist nur eines in einer langen Reihe ähnlich fahrlässiger Verbrechen. Hunderte von Arbeitern haben in den letzten Jahren bei Einstürzen, Bränden und Massenpaniken ihr Leben verloren. Zuletzt waren im November bei einem Brand in einer Textilfabrik in Dhaka 112 Personen ums Leben gekommen. Die Fenster des Gebäudes waren vergittert und die Notausgänge zugesperrt gewesen.

Der Leiter einer Task-Force, die nach diesem Unglück Textilfabriken inspizierte, erklärte, dass die Hälfte der Örtlichkeiten nicht sicher sei. Das Hauptproblem sei, dass Unternehmer, die Vorschriften missachteten, kaum je mit Konsequenzen zu rechnen hätten. Human Rights Watch schrieb in einem Bericht zum Thema, dass es an Gesetzen nicht mangle, sondern am Willen zur Umsetzung. Die zuständige Behörde habe 2012 zur Inspektion der 5000 Fabriken im Land gerade einmal 18 Beamte zur Verfügung gehabt. Ausserdem würden die einflussreichen Textilbarone vor Inspektionen regelmässig gewarnt, heisst es.

Die Bekleidungsindustrie ist in den letzten drei Jahrzehnten zum Lebensnerv Bangladeshs herangewachsen. Sie erwirtschaftet mit 20 Milliarden Dollar rund 80 Prozent der Exporteinnahmen und beschäftigt etwa drei Millionen Angestellte. Billigstlöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse haben es dem Land ermöglicht, Bekleidungsstücke zu Schleuderpreisen zu produzieren und viele andere Konkurrenten auszubooten.

Langsames Umdenken

Sämtliche Regierungen haben den Prozess mit Steuererleichterungen und Zollbefreiungen unterstützt. Zudem haben sie bewusst weggeschaut, wenn Regeln missachtet wurden. Textilunternehmer gehören zu den wichtigsten Geldgebern beider grosser Parteien, und manche von ihnen sind sogar selbst in die Politik eingestiegen und sitzen heute im Parlament und im Kabinett.

Doch im Volk wächst der Unmut. Tausende sind in den letzten Tagen auf die Strassen gegangen, um gegen die prekären Arbeitsbedingungen in Fabriken zu protestieren. In Dhaka kam es zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei. Beobachter hoffen, dass die Katastrophe die Regierung zum Durchgreifen zwingt, nicht zuletzt auch, weil Ende Jahr Wahlen anstehen. Auch im Westen scheinen die Horrornachrichten aus Bangladesh einige zum Umdenken zu bewegen. Auf der Suche nach billigen Produktionsstandorten haben die grossen europäischen und amerikanischen Bekleidungsfirmen die Missstände lange ignoriert. Doch weil der Druck vonseiten der Konsumenten wächst, haben einige Firmen angefangen, die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben zu überprüfen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/uebersicht/textilunternehmer-werden-von-politikern-protegiert-1.18071884