"Man wird nicht wiedergewählt, wenn es einen Anschlag gibt." “Man wird nicht wiedergewählt, wenn es einen Anschlag gibt.”(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 24. Oktober 2013

Amerikas schmutzige Kriege“Obama füttert die Bestie”

Eine halbe Stunde ist viel zu kurz, wenn man sich mit Jeremy Scahill unterhält. Der 39-jährige Journalist ist Experte für die geheimen Kommandoaktionen, mit denen die USA noch immer ihren “Krieg gegen den Terror” führen. Er sagt Dinge, die im politischen Amerika tabu sind. Zum Beispiel: “Wenn man unschuldige Menschen in einem Drohnenangriff tötet und die Hinterbliebenen sagen: ‘Wir wollen Rache nehmen’, dann ist das nicht notwendigerweise Terrorismus.” Oder: “Eigentlich ist es egal, wer Präsident der Vereinigten Staaten ist.”

n-tv.de: Sie haben für Ihr Buch viel recherchiert, mit vielen Leuten überall auf der Welt gesprochen. Wessen Geschichte hat Sie am meisten schockiert?

Jeremy Scahill Jeremy Scahill(Foto: Jared Rodriguez)

Jeremy Scahill: Ich glaube, es gab nichts, das mich besonders schockiert hätte. Wir haben eine sehr gefährliche Grenze überschritten, als US-Präsident Barack Obama beschlossen hat, auch US-Bürger töten zu lassen, ohne sie anzuklagen – und zwar selbst dann, wenn sie sich nicht in einem Kriegsgebiet befinden. Das hat mich zwar nicht schockiert, aber es hat mich doch sehr beunruhigt. Ich glaube zwar nicht, dass ein amerikanisches Menschenleben mehr wert ist als ein nicht-amerikanisches Menschenleben. Aber wie eine Nation ihre eigenen Bürger behandelt, kann uns einiges darüber sagen, wie sie den Rest der Welt sieht.

Sie meinen die Geschichte von Anwar Awlaki, der am 30. September 2011 im Jemen bei einem Drohnenangriff getötet wurde. Was ist das Besondere an seiner Geschichte, mal abgesehen davon, dass er der erste amerikanische Staatsbürger war, der auf eine CIA-Todesliste gesetzt wurde?

Awlakis Geschichte ist bedeutsam, weil sie zeigt, was für eine Katastrophe die amerikanische Außenpolitik seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist. Ursprünglich war Awlaki ein gemäßigter islamischer Prediger. Nach 9/11 war er in den USA oft im Fernsehen, in den Zeitungen und im Radio. Er verurteilte Al-Kaida, er sagte sogar, die USA hätten das Recht, nach Afghanistan zu gehen. Aber dann wurde er radikalisiert – durch den Irak-Krieg, durch Guantanamo, durch Abu Ghraib. Am Ende rief er zu Anschlägen gegen die USA auf. In gewisser Weise war er ein Produkt der amerikanischen Kriege.

Zwei Wochen nach Anwar Awlaki wurde sein Sohn Abdulrahman getötet, ebenfalls von einer Drohne.

Ich kenne diese Familie schon seit einiger Zeit, ich war über Facebook mit Abdulrahman befreundet. Als er getötet wurde, hatte er seinen Vater seit etwa drei Jahren nicht gesehen. Er hatte nichts mit Terrorismus zu tun: Das war ein Jugendlicher, der sich für Hip-Hop interessierte, für Video-Spiele, für Comics, der sich um seine jüngeren Geschwister kümmerte. Er war an den gewaltlosen Protesten in Jemen gegen die Diktatur von Präsident Ali Abdullah Salih beteiligt. Er war ein ganz normaler Jugendlicher – niemand in dieser Familie ist so wie Anwar Awlaki.

Warum wurde er getötet?

Anwar Awlaki in einem Video aus dem Jahr 2000. Anwar Awlaki in einem Video aus dem Jahr 2000.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das Weiße Haus hat nie erklärt, warum Abdulrahman getötet wurde. Zuerst sagten sie, er sei 21 Jahre alt gewesen. Daraufhin haben wir seine Geburtsurkunde veröffentlicht, die zeigt, dass er gerade erst 16 geworden war. Dann sagten sie, er sei bei einem Treffen mit irgendwelchen Al-Kaida-Leuten gewesen und dass er neben einem Al-Kaida-Propagandisten namens Ibrahim al-Banna gesessen habe, als er getötet wurde. Aber dann kam raus, dass Ibrahim al-Banna noch am Leben ist. Wer also war das Ziel? Jemanden zu töten, nur weil er der Sohn seines Vaters ist, ist ein sehr schweres Verbrechen. Ich war aber auch gegen die Tötung von Anwar Awlaki. Er hätte juristisch belangt werden können, sie hätten ihn wegen Landesverrat anklagen können, schließlich war er Amerikaner.

In Deutschland gab es vor einigen Monaten eine kurze Debatte über den Sinn von Drohnen. Würden Sie sagen, dass der Einsatz von Drohnen die Hemmschwelle beim Töten senkt?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Einer der Gründe, warum Nationen beschließen, nicht in den Krieg zu ziehen, ist, dass die Bevölkerung daran nicht teilnehmen will. Sie wollen nicht, dass ihre jungen Leute töten oder getötet werden, oder sie wollen das Geld nicht ausgeben. Mit Drohnen ist es sehr viel bequemer für einen Staat, eine Art Krieg zu führen.

Sie schreiben in Ihrem Buch über die sogenannten “signature strikes”. Wer hat dieses Konzept entwickelt?

Das fing unter George W. Bush an, kurz nach 9/11. Obama hat diese Art der Drohnenangriffe allerdings intensiviert. Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Drohnenangriffen: den “personality strike” und den “signature strike”. Ein “personality strike” ist ein Angriff wie der, bei dem Anwar Awlaki getötet wurde. Man weiß, wer die Person ist und man hat einen konkreten Grund, warum man sie töten will. Zum Ziel eines “signature strike” wird man, wenn man ein Verhaltensmuster zeigt, von dem die CIA oder das US-Militär glauben, dass es darauf hindeutet, dass man mit terroristischen Aktivitäten zu tun haben könnte.

Zum Beispiel?

Die Spitze der neokonservativen Revolution: US-Präsident George W. Bush (M.) mit seinem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (l.) und Vizepräsident Dick Cheney. Die Spitze der neokonservativen Revolution: US-Präsident George W. Bush (M.) mit seinem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (l.) und Vizepräsident Dick Cheney.(Foto: REUTERS)

Man kann auf verschiedene Weise verdächtig werden: indem man mit bestimmten Personen telefoniert oder E-Mail-Kontakt hat, oder indem man in eine bestimmte Moschee geht. Vielleicht kennen sie deine Identität gar nicht, vielleicht kennen sie deinen Namen nicht, vielleicht haben sie keinerlei Beweise gegen dich in der Hand. Aber wenn sie dich in einer Versammlung mit anderen männlichen Personen im wehrpflichtigen Alter sehen und sie töten dich bei einem Drohnenangriff, dann werden sie dich postum zum Terroristen erklären. Das ist wie bei in dem Science-Fiction-Thriller “Minority Report”, wo Menschen festgenommen werden, noch bevor sie die von ihnen angeblich geplanten Morde verüben. Gelegentlich werden Leute auch gefangen genommen, wie kürzlich in Libyen, wo Spezialkräfte der Delta Force Abu Anas al-Libi in Tripolis festgenommen und auf ein US-Marineschiff im Mittelmeer verschleppt haben. Meist lässt Obama jedoch nicht “capture operation”, sondern “kill operations” durchführen: Er will nicht, dass Leute nach Guantanamo geschickt werden. Denn das wäre politisch unangenehm für ihn.

Das ist der Grund?

Zum Teil, ja. Obama hat angeordnet, dass die CIA ihre “erweiterten Verhöre” nicht mehr durchführen darf, und er hat die Geheimgefängnisse in Polen, Litauen, Thailand und diesen ganzen Ländern geschlossen. Jetzt lassen sie andere Länder für sich foltern oder wegsperren – wie Bill Clinton das schon in den 90er Jahren gemacht hat. Und sie haben die Regeln vereinfacht, Menschen zu töten. Ihre Theorie besagt, dass man so lange Menschen tötet, bis der Terrorismus besiegt ist. Ich glaube jedoch, dass das nach hinten losgeht. Mit dieser Strategie schafft man sich mehr neue Feinde, als man Terroristen tötet.

Kann man das quantifizieren?

Jeremy Scahill in Mogadischu, Somalia. Jeremy Scahill in Mogadischu, Somalia.(Foto: Richard Rowley, aus dem Film “Dirty Wars”)

Nein. Aber ich habe in Jemen, in Somalia und vor allem in Afghanistan erlebt, wie das Vorgehen der USA dabei hilft, einen neuen Terrorismus zu schaffen. Ich würde allerdings bezweifeln, ob das dann überhaupt Terrorismus ist. Wenn man unschuldige Menschen in einem Drohnenangriff tötet und die Hinterbliebenen sagen: “Wir wollen Rache nehmen”, dann ist das nicht notwendigerweise Terrorismus.

Wie kommt es, dass die Familie von Anwar Awlaki nicht so reagiert?

Das habe ich sie auch gefragt. Sie sind sehr pro-amerikanisch. Anwar Awlakis Vater Nasser Awlaki hat mir einen Aufsatz gezeigt, den er geschrieben hatte, als er als junger Student in die USA gekommen war. Darin schreibt er, wie sehr er die USA und John F. Kennedy bewunderte. Er sah Amerika als strahlendes Licht. Er wollte seine Kinder, wenn schon nicht in den USA, dann doch im Geiste der amerikanischen Demokratie und demokratischer Prinzipien erziehen. Und ich glaube, sie stehen noch unter Schock, dass so etwas passiert ist. Sie können nachvollziehen, warum die Vereinigten Staaten Anwar Awlaki töten wollten, auch wenn sie es für widerrechtlich halten. Bei ihrem Enkel, Anwars Sohn, ist es … ich habe in ihrem Haus in Sanaa gesessen, sie haben mich gefragt, ob ich wüsste, warum das passiert ist. Es war ihnen unbegreiflich, warum jemand wie Obama bei so etwas mitmachen konnte. Niemand hat ihnen eine Erklärung gegeben. Sie glauben mittlerweile, dass Abdulrahman absichtlich getötet wurde. Es ist schwer, ihnen zu sagen: “Oh, nein, das würde nie passieren, das klingt zu verrückt.”

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie all diese halblegalen Aktionen nach dem 11. September entwickelt wurden und dass der damalige Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Hauptverantwortlichen waren. Warum hat Obama diese Politik nicht beendet?

Als Obama ins Amt kam, galt er als “Taube”. Er hatte keinerlei militärische und kaum außenpolitische Erfahrung. Und dann wird er von diesen mächtigen Militärs gebrieft, die ihr ganzes Leben auf der dunklen Seite der amerikanischen Militärpolitik verbracht haben. Sie sagen: Sieh mal, wenn du nicht weitermachst mit diesen Autorisierungen, wenn du sie nicht sogar noch ausweitest, dann wird es einen terroristischen Anschlag in den Vereinigten Staaten geben. Man wird nicht wiedergewählt, wenn es einen Anschlag gibt.

Das heißt, Obama ist auch nur ein Werkzeug?

Jeremy Scahill

Zusammen mit Glenn Greenwald baut Jeremy Scahill die neue Medienorganisation auf, die Ebay-Gründer Pierre Omidyar finanzieren will. Greenwald ist der Journalist, an den der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden seine Unterlagen übergeben hatte. “Natürlich werden die Snowden-Dokumente dabei eine riesige Rolle spielen”, sagte Scahill über die neue Plattform. Und er kündigt weitere Enthüllungen an: “Die NSA spielt eine absolut zentrale Rolle in einem weltweiten Programm von Tötungsmissionen der USA.”

Es ist nicht so, als hätte er nicht alles unter Kontrolle – er hat alles unter Kontrolle. Aber er lässt sie die Show leiten. Die USA befinden sich permanent im nationalen Ausnahmezustand, mit CIA, NSA und JSOC, dem Joint Special Forces Operations Command. Diese Leute werden noch da sein, wenn Obama wieder weg ist, sie werden immer da sein. Eigentlich ist es egal, wer Präsident der Vereinigten Staaten ist. Präsidenten können versuchen, die Bestie zu zähmen oder sich mit ihr anzufreunden. Aber es bleibt immer eine Bestie. Man kann sie für eine Weile einsperren, aber irgendjemand wird sie immer wieder füttern und aus dem Käfig lassen. Obama macht beides: Er will die Bestie zähmen und sich mit ihr anfreunden. Aber er gibt ihr auch Futter und lässt sie frei.

Wie konnte JSOC so wichtig werden im Krieg gegen den Terror?

Ursprünglich war das eine kleine paramilitärische Einheit, die von US-Präsidenten für diskrete Operationen eingesetzt werden konnte. Alle wussten, dass es sie gab, aber niemand wollte viel über sie sprechen. Es war ein notwendiges Übel – wie in der Mafia, wo es diese Typen gibt, die sagen: “Ich glaube, es wäre besser, wenn er nicht mehr leben würde”, und dann überlegt sich jemand, wie er dem Betreffenden den Kopf abschneiden kann oder was auch immer. So funktionierte JSOC. Cheney und Rumsfeld sagten: Diese Jungs sind toll, wir machen sie größer. Wir geben ihnen mehr Geld, wir geben ihnen mehr Genehmigungen, wir geben ihnen mehr Ziele. Sie setzten die Einheit auf Steroide und ließen sie auf die Welt los. Das ging viele Jahre so – unter Bush und Cheney wurden sehr viele Menschen überall auf der Welt getötet.

Und nach Obamas Amtsantritt?

Unter Obama wurde das Joint Special Forces Operations Command noch wichtiger als es bereits war, es wurde zur zentralen Methode. Das Motto lautet: Wir werden den Sieg herbeitöten. Obama hat Wahlkampf mit dem Versprechen gemacht, die US-Außenpolitik radikal zu verändern. Jetzt leitet er dieses globale Tötungsprogramm. Dass er den Friedensnobelpreis erhalten hat, ist wirklich ein verdrehter Witz.

US-Regisseur Oliver Stone vertritt in der TV-Serie “The Untold History of the United States” die These, dass die USA immer einen Gegner brauchen, den sie bekämpfen. Stone zieht eine Linie vom Kalten Krieg zum Krieg gegen den Terror. Was halten Sie davon?

Oliver ist ein Freund von mir, wir haben viel darüber gesprochen. Im Grundsatz stimme ich ihm zu. Ich würde die Zeit, in die wir jetzt hineingehen, als “Kalten Krieg gegen den Terror” bezeichnen. Auch im Kalten Krieg gab es heiße Konflikte, Stellvertreterkriege, an denen die Supermächte beteiligt waren. In den USA sprachen wir damals vom “Krieg gegen den Kommunismus” – der Kommunismus war das Feindbild. Es gab Politiker und Staaten, die diese Bedrohung verkörperten, aber eigentlich war es eine abstrakte Gefahr, gegen die man nicht wirklich kämpfen konnte. Die Mächtigen lieben Kriege, die man nicht gewinnen kann. Denn damit kann man fast alles rechtfertigen. Beim Terrorismus ist es genauso, es ist eine riesige Entschuldigung für alle möglichen politischen Maßnahmen.

Am Ende Ihres Buches fragen Sie: Wie soll ein solcher Krieg wie der gegen den Terror, der sich verselbstständigt hat, jemals enden? Wie?

Ich weiß nicht, ob er beendet werden kann. Wer hat denn von den Strategien seit 9/11 profitiert? Der durchschnittliche Amerikaner bestimmt nicht, auch nicht der durchschnittliche Europäer oder der durchschnittliche Pakistaner, Jemenit, Afghane oder Iraker. Gewonnen haben die großen Kriegskonzerne. Sie sind die Einzigen, die profitieren. Solange Geld einen so großen Einfluss auf die Politik in den USA hat, wird sich daran nichts ändern.

http://www.n-tv.de/politik/Obama-fuettert-die-Bestie-article11598986.html

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