Ziel Europa: 90 Flüchtlinge pro Stunde

Gerhard Mumelter aus Rom10. April 2014, 17:55
  • Tausende Flüchtlinge erreichen derzeit täglich den Süden Italiens, die meisten von ihnen stammen aus Libyen.
    foto: reuters/parrinello

    Tausende Flüchtlinge erreichen derzeit täglich den Süden Italiens, die meisten von ihnen stammen aus Libyen.

Mit akkordierten Rettungsaktionen will die italienische Marine weitere Flüchtlingstragödien verhindern. Doch Schlepper profitieren davon

Sind es 300.000? Oder sind es, wie Italiens Innenminister Angelino behauptet, bis zu 600.000? Die Zahl der Migranten, die in Libyen darauf warten, das Mittelmeer zu überqueren, bleibt ein ungewisser Schätzwert. Eines steht fest: Es sind Zehntausende.

Mehr als 4000 sind allein in seit Montag in Süditalien gelandet. Fast stündlich müssen die offiziellen Statistiken des Innenministeriums nach oben korrigiert werden.

“Sechs problematische Monate”

Eritrea, Mali und Syrien stellen die größten Kontingente. Waren es im gleichen Zeitraum des Vorjahres 1500, so hat sich deren Zahl 2014 verzehnfacht. Italien schlägt Alarm. “Wir blicken sechs problematischen Monaten entgegen”, fürchtet Innenminister Alfano mit Blick auf den nahenden Sommer.

Das Innenministerium hat die betroffenen Gemeinden aufgefordert, neue Lager zu errichten, doch die verfügen nicht über die nötigen Mittel. Nun sollen 140 Millionen Euro als Soforthilfe zur Verfügung gestellt werden.

Keine Kontrollsysteme mehr

Der Flüchtlingsstrom ist auf zwei Ursachen zurückzuführen: In Libyen steht der Staat vor dem Zusammenbruch, es gibt keine Kontrollsysteme mehr. Bewaffnete Milizen haben die Migranten als willkommene Einnahmequelle entdeckt und organisieren den Menschenhandel.

Nach Informationen des italienischen Geheimdienstes sind die Grenzen zum Niger, Tschad und Mali unbewacht. Zynisch nutzen die organisierten Schleuser das italienische Hilfsprogramm zur Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge für ihre Zwecke.

300.000 Euro täglich

Die Operation “Mare Nostrum”, an der sich Schiffe der Marine und der Küstenwache beteiligen, war von Premier Enrico Letta nach dem Tod von mehr als 300 Migranten vor Lampedusa beschlossen worden. Die Patrouillierung des südlichen Mittelmeers, die täglich 300.000 Euro kostet, machen sich die Schleuser zunutze. Alle Flüchtlingsschiffe werden mit einem Satellitentelefon ausgerüstet, auf dem die Nummer der italienischen Küstenwache gespeichert ist. Nach wenigen Stunden Überfahrt setzen die Flüchtlinge einen Notruf ab. Die Küstenwache ortet die Position des Schiffes und kommt den Migranten zu Hilfe.

“Dank ‘Mare Nostrum’ werden unsere Marineschiffe zu kostenlosen und bequemen Fähren für tausende Migranten”, erregt sich das Berlusconi-Tagblatt Il Giornale. Die EU-Agentur Frontex, die nach der Katastrophe von Lampedusa eine Überwachung des südlichen Mittelmeeres angekündigt hatte, habe ihr Versprechen nicht gehalten, kritisiert Alfano.

Haftstrafen abgeschafft

“Die Einwanderung ist nicht unser Problem, sondern ein europäisches”, so der Innenminister unter Hinweis auf die Tatsache, dass die meisten Migranten nicht in Italien bleiben wollen, sondern andere EU-Staaten anpeilen.

Das römische Parlament hat indessen die illegale Einwanderung als Straftat abgeschafft, die mit Gefängnis bestraft werden muss. Denn in Italiens überfüllten Haftanstalten stellen Einwanderer fast ein Drittel der Insassen.

Mit Asylanträgen überfordert

Auch mit den Asylanträgen ist Italien überfordert. Rom will nun auf eine Änderung des Dubliner Abkommens drängen: Einwanderer sollen in Italien in Zukunft auch Asylanträge für andere EU-Staaten stellen können. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 11.4.2014)

http://derstandard.at/1395364878831/Ziel-Europa-90-Fluechtlinge-pro-Stunde

Italien rettete seit Oktober 18.546 Migranten

10. April 2014, 13:51
  • Von der italienischen Küstenwache gerettete Migranten.
    foto: ap photo/italian navy

    Von der italienischen Küstenwache gerettete Migranten.

700.000 Menschen in Libyen warten laut italienischem Innenministerium auf Überfahrt nach Europa

Rom – 18.546 Migranten sind im Mittelmeer von Schiffen der italienischen Marine seit Beginn des Einsatzes “Mare Nostrum” am 18. Oktober gerettet worden. Im gesamten Jahr 2013 trafen 42.925 Flüchtlinge in Italien ein, das sind 224 Prozent mehr als im Jahr davor, teilte der Chef der italienischen Marine, Admiral Giuseppe De Giorgio, bei einer Pressekonferenz mit ausländischen Journalisten in Rom mit.

Vier Schiffe der italienischen Marine und 920 Militärs sind seit Beginn der Mission “Mare Nostrum” täglich zur strikteren Überwachung des Mittelmeeres im Einsatz. Diese Mission hatte im Oktober nach zwei Schiffsunglücken vor Lampedusa mit mehr als 360 Toten begonnen. Der Einsatz kostet den italienischen Staat neun Millionen Euro pro Monat. “Es handelt sich um Finanzierungen aus dem Budget der Marine, für die der italienische Staat nicht zusätzlich aufkommen muss”, berichtete De Giorgio. Seit Oktober musste die Marine 117-mal ausrücken, um Migranten in Seenot in Sicherheit zu bringen.

66 Schlepper festgenommen

Flüchtlinge, die an Bord der Schiffe der italienischen Marine gelangen, werden fotografiert, identifiziert und medizinischen Kontrollen unterzogen. Vor allem die Zahl der Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Syrien hat in den vergangenen Monaten dramatisch zugenommen. Untersuchungen werden eingeleitet, um festzustellen, ob sich unter den Flüchtlingen auch Menschenhändler befinden.

Seit Beginn des Einsatzes wurden 66 Menschenhändler festgenommen, die zu bis zu 13 Jahren Haft verurteilt wurden. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Ägypter. Die meisten Flüchtlingsschiffe starten aus Libyen. “Die meisten Migranten wollen nicht in Italien bleiben, sondern nach Frankreich oder Deutschland weiterreisen, wo oft Angehörige und Freunde leben”, betonte der Admiral. Wenn die Migranten auf italienischen Boden gelangen, werden sie in verschiedenen Auffanglagern in Italien untergebracht.

De Giorgio berichtete, dass nach Angaben des italienischen Innenministeriums über 700.000 Menschen in Lagern in Libyen auf die Abfahrt nach Italien warten. Dies sei ein dramatisches Problem, das seiner Ansicht nach auf internationaler Ebene in Angriff genommen werden müsse.

Admiral: Zahl der Migranten hat nicht zugenommen

“Es stimmt nicht, dass seit Beginn unseres Einsatzes die Zahl der Migranten zugenommen hat. Ich bin nicht der Ansicht, dass unsere humanitäre Mission die illegale Einwanderung fördert, wie jemand behauptet”, erklärte De Giorgio.

“Unsere Pflicht ist es nicht, zu verhindern, dass Migranten Italien erreichen. Wir müssen verhindern, dass Unschuldige bei dieser biblischen Auswanderung ums Leben kommen und sicherstellen, dass Menschenhändler verhaftet werden. Und das ist uns auch gelungen. Seit Beginn des Einsatzes ist kein Migrant ums Leben gekommen”, so der Admiral. Es wurde lediglich ein Toter an Bord eines Bootes gefunden, der Mann soll an einem Herzinfarkt gestorben sein.

Circa 3.000 Flüchtlinge wurden allein am Mittwoch von der italienischen Marine und von Handelsschiffen im Mittelmeer an Bord genommen. Wegen der dramatischen Zunahme hatte Innenminister Angelino Alfano am Vorabend einen Krisengipfel einberufen. Der Minister forderte mehr europäische Unterstützung, um den Notstand bewältigen zu können. “Italien steht unter stärkstem Flüchtlingsdruck aus Libyen. Die Ankunft von Booten reißt nicht ab, und der Notstand wird immer größer”, sagte Alfano. (APA, 10.4.2014)

http://derstandard.at/1395364854840/Italiens-Kuestenwache-rettete-seit-Oktober-18546-Migranten

Neue Daten: 23.000 Flüchtlinge seit 2000 gestorben oder vermisst

31. März 2014, 18:00
  • Ein Boot der italienischen Marine rettete im Oktober mehrere Hundert Flüchtlinge aus Seenot.vergrößern 800×1182
    foto: epa/giuseppe lami

    Ein Boot der italienischen Marine rettete im Oktober mehrere Hundert Flüchtlinge aus Seenot.

Großangelegtes Projekt dokumentiert Fälle seit 2000 – Zahl der Todesfälle und Vermissten höher als bisher vermutet

400 Flüchtlinge sind am Montag von Schiffen der griechischen und der US-Marine nordwestlich von Kreta gerettet worden. Der 32 Meter lange Kutter startete in Nordafrika und war offenbar auf dem Weg nach Italien. Unter den Passagieren waren auch viele Kinder. Das Schiff erlitt einen Motorschaden, die Besatzung setzte einen Notruf ab. Alle Menschen an Bord konnten gerettet werden.

Dass es auch anders kommen kann, zeigt der 3. Oktober des vergangenen Jahres: Vor der italienischen Insel Lampedusa kamen über 360 Menschen ums Leben. Danach startete die italienische Regierung die Operation “Mare Nostrum”: Marineschiffe und Hubschrauber sind seither in verstärktem Einsatz, um solche Tragödien zu verhindern. Seit Oktober wurden über 10.000 Migranten vor Sizilien gerettet und laut griechischer Küstenwache warten noch immer tausende Flüchtlinge in Ägypten und Libyen auf die Gelegenheit, nach Europa zu kommen.

23.000 Menschen kamen seit 2000 ums Leben

Wie eine Gruppe europäischer Journalisten in dem mehrmonatigen Projekt “The Migrants Files” recherchiert hat, sind seit 2000 mehr als 23.000 Menschen gestorben oder gelten als vermisst. Gezählt wurden allerdings nicht nur Fälle, die unmittelbar mit der Flucht zu tun hatten, sondern alle Todesfälle von Flüchtlingen, die entweder auf dem Weg nach Europa waren oder sich bereits in einem der Länder aufgehalten haben.

Seit August letzten Jahres hat die Projektgruppe verschiedene Datensätze zusammengeführt. Als Quellen dienten dabei die Datenbanken von United for Intercultural Action, Fortress Europe des italienischen Journalisten Gabriele Del Grande und des Projekt Puls, die Informationen wurden über öffentliche zugängliche Quellen wie Medienbeiträge oder Regierungsdokumente überprüft.

Frühere Schätzungen gingen von 17.000 bis 19.000 Opfern seit den frühen 90er-Jahren aus. Bisherige Zahlen kamen unter anderem von Frontex und dem europäischen Grenzüberwachungssystem Eurosur. Hier werden aber weder Tote noch Vermisste an den Grenzen mitgezählt, schreiben die Kollegen von der NZZ in in einem Making-of. Um die Daten besser darstellen zu können, werden die Fälle auf untenstehender Karte visualisiert. Aber nicht zu jedem Fall ist es möglich, einen eindeutigen geografischen Ort zu definieren. Wenn etwa ein Boot auf dem Weg von Algerien nach Spanien kenterte, ist es möglich, dass dieser im geografische Zentrum Algeriens verortet wird:

Beim Zusammenführen von großen Datenmengen können auch Doppelungen vorkommen. Die beteiligten Journalisten haben zwar doppelte Einträge manuell entfernt, doch nicht alle konnten ausgebessert werden. Das Projektteam bittet darum, einschlägige Hinweise an debug@themigrantsfiles.com zu senden.

Todesfälle von Flüchtlingen in Österreich

19 Todesfälle in Österreich sind in der Datenbank vermerkt. Einer der Fälle ist jener von Cheibani W., der bei einem Polizeieinsatz im Wiener Stadtpark verstarb. Ein Polizist und ein Notarzt wurden deshalb verurteilt. (red, derStandard.at, 31.3.2014)

http://derstandard.at/1395363747791/23000-Fluechtlinge-starben-seit-2000

 

 

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