Ursachen des Kriegs in Syrien

Dürreopfer als Speerspitze der Revolte

Martin Woker Gestern, 6. April 2014, 19:52
In den Dürrejahren vor dem Ausbruch des Krieges brach die syrische Getreideproduktion massiv ein.
In den Dürrejahren vor dem Ausbruch des Krieges brach die syrische Getreideproduktion massiv ein. (Bild: Khaled al-Hariri / Reuters)
Das Versagen des syrischen Regimes im Umgang mit Dürreopfern hat zur Eskalation des Konflikts wesentlich beigetragen. Das Regime wälzt jedoch die Schuld ab und macht Klimaveränderungen für das Massenelend im Land verantwortlich.

Besteht zwischen dem überdurchschnittlich hohen Bevölkerungswachstum im arabischen Raum und den knapper werdenden Wasserressourcen ein Zusammenhang? Sind die blutigen Konflikte im Nahen Osten letztlich ein unvermeidliches Resultat von globalem Klimawandel? Eine Fallstudie der niederländischen Umweltwissenschafterin Francesca de Châtel legt im Falle Syriens den Fokus auf das Versagen des Asad-Regimes im Bereich Wasserwirtschaft und die daraus resultierende Notlage der bäuerlichen Bevölkerung im Nordosten des Landes.

Nichts mehr zu verlieren

Wie konnten die anfänglich friedlichen Proteste gegen das Regime in Syrien in einen Krieg mit unabsehbarem Ende ausarten? Die brutale Niederschlagung der Aufstände setzte im März 2011 zwar wohl eine Spirale der Gewalt in Bewegung. Doch weder Rachedurst der Protestierenden nach den ersten Todesopfern noch das Desertieren von Soldaten erklärt ausreichend, warum in Syrien ein Widerstand entstanden war, der zahllose Aufständische an vorderster Front ihr Leben riskieren liess. Eine naheliegende Antwort lautet: weil zu viele Verzweifelte nichts mehr zu verlieren hatten.

Syrien durchlief, wie de Châtel ausführt, von 2006 bis 2010 eine Dürrezeit mit verheerenden Folgen. Davon am stärksten betroffen waren die östlichen Provinzen Deir az-Zur, Hasakeh und Rakka, ausgerechnet jene Gegend also, die als Brotkorb der Nation galt. Die Dürre im vergangenen Jahrzehnt wirkte sich auch im Irak, in Israel, den palästinensischen Gebieten und in Libanon aus. Doch nur in Syrien verschärfte sie eine bereits existierende Notlage der Menschen mit verbreiteter Mangelernährung, was zu einer Massenemigration der betroffenen Bevölkerung führte. Die Ursachen dafür sind in einem sich über fünfzig Jahre hinziehenden unsachgemässen Umgang mit natürlichen Ressourcen zu suchen.

Dürreperioden sind in Syrien nichts Ungewöhnliches. Die vorletzte Dürre gab es um die Jahrtausendwende, sie dezimierte die Herden vieler Nomaden. Die in Syriens Nordosten einsetzende Versteppung war aber weniger eine Folge der Dürre als das Resultat von Überweidung. Örtlich begrenzte Massnahmen zum Schutz von Weidland legten den Schluss nahe, dass im Umgang mit knappen natürlichen Ressourcen eine rigorose Reglementierung erforderlich ist. In diesem Fall mussten Tierherden beschränkt und Viehzüchter zum Ackerbau (mit Bewässerung) animiert werden. Dieser Prozess wurde örtlich zwar teilweise eingeleitet, etwa in Versuchsgebieten des Forschungsinstituts Icarda in der Gegend von Aleppo (siehe Kasten). Doch das Grundproblem blieb bestehen.

Intransparente Abläufe

Anlass zu weiterreichender Überlegung bietet die Diskrepanz zwischen Theorie (nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen) und Praxis (richtiger Umgang mit Wasser und Agrarland) im Sitzland von Icarda. Eine bei Icarda einst forschende Hydrologin verweist auf den Umstand, dass Wissenschaft niemals unpolitisch sei. Icarda widerspiegle zwar die im arabischen Raum ausgeprägt bestehenden hierarchischen Managementstrukturen, doch habe die Institution in der Zeit ihres Bestehens unter den örtlichen Bauern dennoch ein bleibendes Erbe hinterlassen. Diese hatten bei örtlichen Projekten in partizipativer Forschung mitgemacht und somit die Einbindung der Bauern in eine erfolgversprechende Verwaltung der Wasserressourcen am eigenen Beispiel erlebt.

Die Schwierigkeit, solche positiven Erkenntnisse in politische Entscheidungsabläufe aufzunehmen, ist kein spezifisch syrisches Problem. Es stellt sich generell in Staaten mit einem inkompetenten Beamtenapparat und autoritären Machtstrukturen. Hinzu kommt, dass die im Wassermanagement aktiven internationalen Naturwissenschafter und Techniker für die Umsetzung ihrer Erkenntnisse auf Entwicklungsfachleute aus dem Bereich gute Regierungsführung (Good Governance) angewiesen sind. Im Falle Syriens war eine diesbezügliche Strategie der Entwicklungszusammenarbeit wegen der höchst intransparenten Entscheidungsabläufe im Verwaltungsapparat stets schwierig bis unmöglich.

Rückschlag für das Regime

Ein intensiverer Feldbau brachte in Syrien nicht die Lösung, wie de Châtel festhält. Im härtesten Dürrejahr 2007/08 brach die nationale Getreideproduktion um über die Hälfte ein, von erwarteten 4,7 Millionen Tonnen auf 2,1 Millionen Tonnen (bei einem Eigenbedarf von 3,8 Millionen Tonnen). Erstmals sei 15 Jahren war Syrien 2008 wieder zum Import von Weizen gezwungen; ein harter Rückschlag für die Regierung, welche die Steigerung landwirtschaftlicher Produktion zur Maxime erhoben hatte.

Nach Uno-Angaben waren 1,3 Millionen Personen von der Dürre direkt betroffen, allein in der Region von Rakka wurden 42 Prozent aller Kinder als mangelernährt diagnostiziert. Im Jahr 2010 lebten 10 Prozent der rund 22 Millionen Syrer in absoluter Armut, ein grosser Teil von ihnen bäuerlicher Herkunft. Verstärkt wurde diese Massenarmut unter Bauern durch das Wegfallen staatlicher Subventionen für Dünger und Dieseltreibstoff, der für das Betreiben von Grundwasserpumpen erforderlich ist. Nach Schätzungen von Uno-Organisationen migrierten damals rund 300 000 Personen aus dem ländlichen Nordosten in die Städte im Westen und Süden, unter anderem auch nach Daraa, wo sich der Konflikt zum bewaffneten Aufstand entwickeln sollte.

Unrealistische Zielvorgaben

Die Berichterstattung über die Notlage der Dürreopfer wurde von den Behörden stark eingeschränkt. Ausländischen Medienleuten war es nicht erlaubt, über die Zeltlager der Emigranten aus dem Nordosten, etwa in Daraa, zu berichten. In regierungsnahen Medien erschienen lediglich Berichte über globalen Klimawandel, dem auch Syrien ausgesetzt sei. Generell galt in der Öffentlichkeit der Umgang mit Wasser als ein politisch heikles Reizthema, was auf zwei Realitäten zurückzuführen ist. In offizieller Sicht ist Syrien ein trockenes Land, das sich aktiv um eine Modernisierung des Wassersektors bemüht mit dem Ziel, durch Produktionssteigerung in der Landwirtschaft nationales Wohl zu erschaffen.

Während zu Hafez al-Asads Zeiten eine landwirtschaftliche Entwicklung sowjetischer Prägung galt, präsentierte sich sein Sohn und Nachfolger Bashar al-Asad als Modernisierer, der sein Land dem Weltmarkt öffnen wollte und mit wirtschaftlichen Reformen (Subventionsabbau) schmerzhafte Konzessionen in Kauf zu nehmen bereit war. Dem gegenüber stand die Realität einer ineffizienten und korrupten Verwaltung, die eine zu hohe Ausbeutung der bestehenden Reserven an Grundwasser und Agrarland zuliess und damit für die wachsende Armut und Entwurzelung der Landbevölkerung verantwortlich war.

Unrealistische Zielvorgaben seitens der Politik förderten eine an konstantem Wachstum orientierte Landwirtschaft. Zwischen 1985 und 2010 wurde die für bewässerbar erklärte Anbaufläche auf 1,35 Millionen Hektaren verdoppelt. Davon waren 60 Prozent mit Grundwasser bewässert, das aus bereits übernutzten Reserven stammt. Gleichzeitig wurde die Erneuerung der Bewässerungstechnik vernachlässigt, so dass ein hoher Anteil an kostbarem Grundwasser verdunstete oder nutzlos versickerte. Die Übernutzung der Grundwasserreserven war im ganzen Land ein Problem, das die Behörden nicht in den Griff bekommen hatten. Im Jahr 2010 operierten über die Hälfte der landesweit 230 000 Grundwasserpumpen ohne Lizenz, wie de Châtel festhält.

Wassermanagement

Ungeachtet des in manchen Landesteilen schnell sinkenden Grundwasserspiegels (zeitweise bis zu jährlich sechs Meter in der Region von Damaskus) unterstützten Regierungsstellen bis zum Jahr 2000 den Bau weiterer Bohrlöcher im ganzen Land. Erst ab 2001 schrieb ein Gesetz eine Bewilligungspflicht für die Entnahme von Grundwasser vor. Doch die verordnete Lizenzierung aller bestehenden Bohrungen war mit dem zur Verfügung stehenden korrupten Beamtenapparat nicht durchführbar. Was den Schluss nahelegt, dass die Bewirtschaftung von Syriens Wasserreserven in Kriegszeiten nun noch mangelhafter erfolgt und damit einer weiteren Versteppung ganzer Landstriche Vorschub leistet. Die fatalen Folgen dieser Entwicklung sind absehbar.

Francesca de Châtel, Radboud University, Nijmegen, Holland: The Role of drought and Climate Change in the Syrian Uprising: Untangling the Triggers of the Revolution.

Agrarforschung in Aleppo

Wok. ⋅ Südlich von Aleppo liegt unmittelbar an der nach Damaskus führenden Autobahn das landwirtschaftliche Forschungsinstitut Icarda (International Center for Agricultural Research in the Dry Areas). In dem von ausgedehnten Versuchsfeldern umgebenen, 1977 gegründeten Institut waren zeitweise über 400 Personen beschäftigt, unter ihnen spezialisierte Wissenschafter aus aller Welt, auch aus der Schweiz. Ausser der Züchtung von ertragreichen Getreidesorten und Hülsenfrüchten hat Icarda den Auftrag, die pflanzliche Artenvielfalt zu dokumentieren. Dazu wird eine Saatbank unterhalten. Auch die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen wie Wasser und Agrarland ist Gegenstand der Forschung von Icarda. Das Institut ist der Forschungspartnerschaft CGIAR (Consultative Group on International Agricultural Research) angeschlossen, seinerseits finanziert von der Weltbank, Uno-Unterorganisationen und zahlreichen Geberstaaten, auch der Schweiz.

Im Sommer 2012 wurde der Betrieb von Icarda in Syrien wegen des Kriegs fast völlig eingestellt. Die Saatbank konnte rechtzeitig disloziert werden, und der Forschungsbetrieb wird dezentral ausserhalb Syriens weitergeführt. Die operative Leitung befindet sich derzeit in Beirut. Die Schweiz hat zum Budget von Icarda in den letzten 15 Jahren rund 5 Millionen Franken beigetragen, davon floss ein kleiner Teil in die Projektarbeit in Syrien. Der Leiter des Instituts für Nachhaltigkeitswissenschaften Agroscope in Zürich, Paul Steffen, ist noch bis Jahresende als Verwaltungsrat von Icarda mandatiert.

 

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