Die Afghanen wählen unter Lebensgefahr

Christine Möllhoff
 3. April 2014, 05:30
  • Anhänger von Ashraf Ghani (Poster Mitte) geben sich in Kabul bereits siegessicher. Ghani hat als Stellvertreter Abdul Rashid Dostum (links) und Sarwar Danish (rechts) nominiert.
    foto: epa / s. sabawoon

    Anhänger von Ashraf Ghani (Poster Mitte) geben sich in Kabul bereits siegessicher. Ghani hat als Stellvertreter Abdul Rashid Dostum (links) und Sarwar Danish (rechts) nominiert.

  • Hamid Karsai darf nicht mehr kandidieren.

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    foto: reuters

    Hamid Karsai darf nicht mehr kandidieren.


Millionen “Geisterwähler”, blutige Anschläge und schmutzige Deals hinter den Kulissen: Entscheidung um Nachfolge von Präsident Karsai geht in erste Runde

Kabul/Neu-Delhi – Noch im Wahlkampf 2009 hatte er Abdul Rashid Dostum öffentlich als “Mörder” beschimpft: Nun macht Ashraf Ghani Seite an Seite mit dem Warlord Wahlkampf. Afghanistan steht vor Schicksalstagen. Wenige Monate vor dem Abzug der Nato wählt das Land am Samstag den Nachfolger von Präsident Hamid Karsai, der nach mehr als zwölf Jahren im Amt nicht mehr antreten darf.

Moral wiegt wenig, wenn es um die Macht geht. Dostum gilt zwar als Kriegsverbrecher, aber er bringt Ghani die Stimmen der usbekischen Minderheit. Hinterzimmerdeals und Mauscheleien sind ebenso an der Tagesordnung wie Gewalt. Kaum ein Tag, an dem nicht ein Anschlag das Land erschüttert – so auch am Mittwoch, als vor dem Innenministerium mindestens sechs Polizisten getötet worden.

Aber auch die Wähler riskieren ihr Leben: Die Taliban haben geschworen, die Wahlen zu torpedieren, und mit Rache gedroht. So desolat ist die Sicherheitslage, dass die meisten Ausländer und Wahlbeobachter das Weite gesucht haben. Angeblich gibt es zehn Millionen Wählerausweise mehr als Wähler. So könnten “Geisterwähler” am Ende über den Sieger entscheiden.

Im Westen werden die dritten Präsidentenwahlen seit dem Sturz der Taliban vor fast 13 Jahren als Meilenstein gewertet. Sie würden den ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Landes bedeuten. Noch neun Männer sind im Rennen, doch nur Dreien werden Chancen eingeräumt: Neben Exfinanzminister Ghani sind das die beiden Exaußenminister Abdullah Abdullah und Zalmai Rassoul.

Afghanistan ist bis heute entlang ethnischer Linien gespalten. Ghani und Rassoul sind Paschtunen – mit 42 Prozent die größte Volksgruppe. An zweiter Stelle folgen mit 27 Prozent die Tadschiken, um die Abdullah wirbt. Laut jüngster, allerdings nicht unbedingt repräsentativer Umfragen liefern sich Ghani und Abdullah ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Rassoul ist hinten, soll aber aufholen.

Analytiker sehen die Wahlen auch als verdecktes Duell zwischen Karsai und den USA. Offiziell halten sich beide zwar heraus, doch Beobachter glauben, dass die USA mit dem Technokraten Ghani sympathisieren, der lange in den USA bei der Weltbank arbeitete. Auch mit Abdullah könnte Washington leben. Weniger glücklich dürften die USA mit Rassoul sein, der als Favorit Karsais gilt.

Bereits 2009 hatten die USA versucht, Karsai zu entthronen, räumte der frühere US-Verteidigungsminister Robert Gates jüngst in seinen Memoiren ein. Karsai hat das nie verziehen. Auch wenn er jetzt abtritt, ist er noch lange nicht abgemeldet. Es spricht Bände, dass er sich eine Privatresidenz auf dem Gelände des Präsidentenpalasts bauen ließ. Die neue Regierung werde schwach sein, glaubt der afghanische Analytiker Haroun Mir: “Präsident Karsai wird eine prominente Rolle spielen.”

Dass gemauschelt und getrickst wird, steht außer Frage. Bereits jetzt zeihen sich die Kandidaten unlauterer Methoden. Aber auch die Taliban könnten mit einer Terrorserie die Legitimität der Wahlen untergraben. Friede ist nicht in Sicht. Vor allem im Süden und Osten dürften sich viele gar nicht erst zu den Urnen trauen.

Die USA warten ungeduldig auf den Regierungswechsel, denn Karsai weigert sich, einen Militärpakt zu unterzeichnen, der den USA erlaubt, für mindestens zehn Jahre 10.000 Soldaten auf dem Hindukusch zu behalten. Dagegen haben alle drei Favoriten zugesagt, den Pakt abzusegnen: Sie wissen, dass Afghanistan am Geldtropf des Westens hängt. Allein der Unterhalt der Sicherheitskräfte summiert sich auf mehr als vier Milliarden US-Dollar im Jahr. Von den blühenden Landschaften, die der Westen einst versprach, ist nicht viel zu sehen, sieht man von den Opiumfeldern ab.

Zwar hat sich die gesundheitliche Versorgung verbessert, und die Zahl der Schulen ist geradezu explodiert. Doch ohne westliche Gelder werden viele ihre Tore wieder schließen.

Afghanistan gehört noch immer zu den ärmsten Ländern dieser Welt. Eine Million Kinder unter fünf sind mangelernährt, 7,4 Millionen der etwa 26 Millionen Afghanen hungern. Viele Menschen fürchten, dass der Westen das Land wie einst nach dem Abzug der Russen wieder fallen lässt und die Armut explodiert. Zumal längst andere Brennpunkte die Schlagzeilen beherrschen. (Christine Möllhoff, DER STANDARD, 3.4.2014)