«The Migrants’ Files»

Die Toten vor Europas Türen

Sylke Gruhnwald, Alice Kohli Heute, 31. März 2014, 05:30
Beim Versuch, die spanische Enklave Ceuta schwimmend zu erreichen, starben am 15. Februar 2014 mindestens 15 Personen.
Beim Versuch, die spanische Enklave Ceuta schwimmend zu erreichen, starben am 15. Februar 2014 mindestens 15 Personen. (Bild: Keystone / EPA)
Eine Gruppe europäischer Journalisten hat untersucht, wie viele Migranten seit 2000 auf dem Weg nach Europa umgekommen sind. Die Zahl ist erschütternd: Es gab bereits über 23 000 Tote – deutlich mehr als bisher angenommen.

Erst wenn ein grosses Unglück passiert, richtet sich die Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit auf die Not der Migranten. So wie im Februar dieses Jahres, als mindestens 15 Personen ertranken. Sie wollten schwimmend die spanische Enklave Ceuta in Marokko erreichen. Oder im Oktober 2013, als 360 Personen vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa ertranken .

Nach diesem Unglück erklärte José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission: «Die Europäische Union kann es nicht hinnehmen, dass Tausende von Menschen an ihren Grenzen sterben.» Maltas Ministerpräsident Joseph Muscat sagte warnend, das Mittelmeer drohe sich in einen Friedhof für verzweifelte Migranten zu verwandeln.

Zahlreiche Tote und Vermisste

Diese gut dokumentierten Vorfälle und die darauffolgenden Eruptionen von Engagement seitens der Politiker und Behörden zeigen den Konflikt auf, der im Innern von Europas Asyl- und Migrationspolitik liegt. Auf der einen Seite anerkennen die Verantwortlichen den humanitären Imperativ, Menschenleben zu retten – auf der anderen Seite wenden sie eine restriktive Migrationspolitik an. Die Strukturen, die viele Menschen in Lebensgefahr bringen, bleiben somit bestehen.

Denn auch wenn niemand hinschaut, kommen immer wieder Personen auf dem Weg nach Europa ums Leben. Bisher war es aber schwierig, wenn nicht gar unmöglich, eine verlässliche Übersicht über die Anzahl verunglückter Migranten zu erhalten. Eine Arbeitsgruppe europäischer Journalisten unter Beteiligung der NZZ hat nun einen umfassenden und detaillierten Datensatzzu Todesfällen und Vermisstmeldungen zusammengestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Schockierende Zahlen

Die Untersuchung förderte erschütternde Zahlen zutage: Seit Anfang des Jahrhunderts sind über 23 000 Personen auf dem Weg nach Europa gestorben oder als vermisst gemeldet worden. Die Anzahl Todesfälle von Migranten auf dem Weg nach Europa ist damit viel höher als bisher angenommen. Frühere Schätzungen gingen von 17 000 bis 19 000 Opfern seit den frühen neunziger Jahren aus. Bei allen Angaben dürfte die wahre Anzahl, einschliesslich aller nicht dokumentierten Fälle, noch einiges höher liegen.

Für das Projekt unter dem Titel «The Migrants’ Files» stützte sich die Arbeitsgruppe unter anderem auf Daten der Nonprofitorganisation United for Intercultural Action sowie auf das Projekt «Fortress Europe» des italienischen Journalisten Gabriele Del Grande, der die Anzahl Toter und Vermisster unter den Migranten auf dem Weg nach Europa protokolliert hat. Del Grandes Projekt prägte den Ausdruck «Festung Europa», der heutzutage vielerorts als Synonym für die Asylpolitik der EU verwendet wird.

Zur Überprüfung der Informationen nutzten die Journalisten öffentlich zugängliche Quellen – also beispielsweise Medienbeiträge oder Regierungsdokumente –, um die Vorfälle zu verifizieren. Das geprüfte Material wurde schliesslich in einer einzigen Datenbank aufgeführt.

Schweizer Vorfälle

In der Datenbank sind 16 Schweizer Vorfälle seit dem Jahr 2000 verzeichnet. Darunter auch der Fall des Mannes, der am 18. April 2010 tot in Weisslingen in einem Waldtobel gefunden wurde. Es ist anzunehmen, dass er als blinder Passagier im Fahrwerkschacht eines Flugzeugs in die Schweiz fliehen wollte und aus diesem stürzte, als das Flugzeug im Ostanflug auf den Flughafen Zürich die Räder ausfuhr.

Frontex-Einsätze von Schweizer Grenzwächtern sind seit Anfang 2011 möglich. Damals trat eine Vereinbarung zwischen der Schweiz und der Europäischen Union in Kraft, welche auf dem Grenz- und Sicherheitsabkommen von Schengen basiert. Die Schweiz ist seit Ende des Jahres 2008 Schengen-Mitglied. Darüber hinaus ist ein Einsatz von Schweizer Grenzwächtern an den EU-Aussengrenzen möglich. An der Frontex-Operation «Poseidon» waren ab 2011 auch Spezialisten des Schweizer Grenzwachtkorps (GWK) beteiligt. Im vergangenen Jahr wurden 39 Entsendungen mit insgesamt 1150 Einsatztagen unter Schweizer Beteiligung geleistet. Für das laufende Jahr sind für Mitarbeitende des GWK rund 1250 Einsatztage vorgesehen, insgesamt 44 Entsendungen.

Veränderte Routen

Die Daten aus «The Migrants’ Files» geben Einblicke in die Dynamik der Migration. Sie zeigen unter anderem auf, wie die Migrationsströme zwischen See- und Landrouten variieren – je nach Jahreszeit, lokalen Konflikten und Kriegszonen sowie je nach Vorliebe der Menschenhändler.

 

So hat die Europäische Union in den letzten Jahren mit verschiedenen afrikanischen Ländern bilaterale Abkommen unterschrieben und Bestrebungen unternommen, die Sicherheitsbestimmungen entlang der Aussengrenze Europas zu verschärfen. Sobald die jeweiligen Verschärfungen griffen, verschoben sich die Routen der Migranten: von Spanien nach Italien oder weiter nach Griechenland. Die Bewegungen sind äusserst dynamisch und anpassungsfähig.

Ein anderes Beispiel hierfür ist die Operation «Poseidon», die Frontex, die für die Überwachung der EU-Aussengrenzen zuständige Behörde, im Jahr 2011 lancierte. Sie sollte die Grenzkontrollen zwischen Griechenland und der Türkei verstärken. Tatsächlich fiel die Anzahl Migranten auf dieser Route von 55 000 im Jahr 2011 auf knapp über 12 000 im Jahr 2013. Währenddessen wurde aber auf dem Seeweg zwischen der Türkei und Griechenland ein achtfacher Anstieg an Migranten verzeichnet. Die Zahl stieg in derselben Zeitspanne von weniger als 1500 Personen auf über 11 000.

Drehscheibe Libyen

Zurzeit finden wieder mehr Menschen den Weg nach Europa über die griechischen Inseln. Seit der Landweg vom Horn von Afrika über den Sinai nach Israel nicht mehr passierbar ist, ist überdies der Seeweg zwischen Libyen und Lampedusa bei den Menschenhändlern beliebt geworden. Als Startpunkt ist Libyen heute das wichtigste Drehkreuz für Migranten auf dem Weg nach Europa. Der Mangel an Strafverfolgung, ein Resultat des wachsenden Machtvakuums in Libyen, macht die Situation der Migranten dort äusserst prekär.

Die Daten von Frontex bestätigen zwar die Resultate aus «The Migrants’ Files», doch Frontex zählt die Toten und Vermissten an den Grenzen ebenso wenig wie das europäische Grenzüberwachungssystem Eurosur oder die Internationale Organisation für Migration (IOM). Die Zahlen über verstorbene oder vermisste Personen laufen deshalb Gefahr, vergessen zu werden. Das Ziel von «The Migrants’ Files» ist nicht zuletzt, diese Zahlen für Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit zu erhalten.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/die-toten-vor-europas-tueren-1.18272891

https://www.youtube.com/watch?v=IV-YCTFR-aI

 

Making Of «The Migrant’s Files»

Daten einer Tragödie

Sylke Gruhnwald, Alice Kohli Heute, 31. März 2014, 05:30
Die spanische Küstenwache fängt vor Teneriffa ein Fischerboot voller Migranten ab.
Die spanische Küstenwache fängt vor Teneriffa ein Fischerboot voller Migranten ab. (Bild: UNHCR / A. Rodriguez)
Tausende von Migranten sterben jedes Jahr auf ihrem Weg nach Europa. Doch wer überblickt das Ausmass dieser Tragödie? Erstmals gibt eine umfassende Datenbank Aufschluss.

Es ist wenig darüber bekannt, wie viele Männer, Frauen und Kinder – Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge und Asylsuchende – auf dem Weg nach Europa ihr Leben verloren haben. Für eine sinnvolle Migrationspolitik sind solche Zahlen aber nötig. Deshalb hat sich eine Arbeitsgemeinschaft europäischer Journalisten unter Beteiligung der NZZ zusammengetan, um systematisch Informationen zu derartigen Todesfällen zu sammeln und zu analysieren.

Indem es Datensätze aus verschiedenen Quellen zusammenführte, versuchte das Team eine umfassende und verlässliche Datenbank zusammenzustellen. Die Hauptdatenquelle stammte dabei von United for Intercultural Action , einer Nonprofitorganisation, deren Netzwerk über 550 Menschenrechtsgruppierungen in ganz Europa umfasst. Des Weiteren griff das Team auf Daten von Fortress Europe zurück, einem Projekt des italienischen Journalisten Gabriele Del Grande, der sich ebenfalls lange mit der Beobachtung der Todesfälle und Vermisstmeldungen von Migrantenbefasst hat . Die Journalisten verwendeten ausserdem Daten aus demProjekt Puls der Universität Helsinki, das vom Forschungszentrum der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben wurde.

23 000 Tote und Vermisste

United for Intercultural Action hat von 1993 bis 2012 Daten zusammengetragen und stellte in diesem Zeitraum rund 17 000 Todesfälle fest. Die Arbeit von Gabriele Del Grande dokumentiert über 19 000 Todesfälle seit 1988. Die neue Datenbank, die den Titel «The Migrants’ Files» trägt, umfasst den Zeitraum vom 1. Januar 2000 bis heute. Sie zählt 23 000 Einträge.

Um zu diesem Resultat zu gelangen, mussten die verschiedenen Datensätze zusammengetragen und überprüft werden. Da die Organisationen ihre Informationen verschieden strukturiert hatten, waren die Daten oft nicht kompatibel. Für «The Migrants’ Files» musste der gesammelte Datensatz anhand des Datenanalyse-Tools OpenRefine bereinigt und mussten die Fakten einzeln kontrolliert werden.

Extensive Faktenkontrolle

Auf die Daten wurde die Methodik der «open source intelligence» (Osint)angewandt. Diese Technik geht auf die Nachrichtendienste zurück und umfasst die Datenkontrolle anhand von öffentlich zugänglichen Quellen wie Medienberichten und Regierungsdokumenten. Im Falle von «The Migrants’ Files» wurden die einzelnen Ereignisse anhand von Medienberichten über Asylsuchende, Migration und Menschenhandel in und um Europa verifiziert. 16 Studenten des Laboratory of Data Journalism der Universität Bologna waren unter Leitung von Professor Carlo Gubitosa an der Faktenprüfung beteiligt.

In einem zweiten Schritt baute die Arbeitsgruppe eine Datenbank aufDetective.io auf, einem webbasierten Tool, das speziell auf die Bedürfnisse von grösseren, investigativen Projekten ausgerichtet ist. Die Datenbank «The Migrants’ Files» erlaubt nun eine Strukturierung nach Name, Alter, Geschlecht und Nationalität der Opfer. Jeder Fall ist mit einem Datum, Längen- und Breitengraden, der Anzahl Opfer und der Todesursache versehen.

Unvermeidbarer Fehlerbereich

«The Migrants’ Files» ist die bisher umfassendste und vollständigste Studie zur Anzahl von Todesfällen und Vermisstmeldungen von Migranten auf dem Weg nach Europa. Dennoch kann die Arbeitsgruppe allfällige Ungenauigkeiten, wie sie Datensammlungen dieses Ausmasses eigen sind, nicht ausschliessen.

So führt die Zusammenführung verschiedener Datenquellen in vielen Fällen zu Verdoppelungen. Wo die Journalisten solche feststellten, wurden sie manuell entfernt. Manche Verdoppelungen lassen sich allerdings nicht erkennen. So wurden in manchen Fällen Personen vermisst gemeldet, zum Beispiel von Überlebenden eines Schiffsunglücks. Ob eine zu einem späteren Zeitpunkt gefundene Leiche diesem Unglück zugeordnet werden kann, ist nicht ohne Zweifel festzustellen.

Manche tödliche Unfälle wurden nicht schriftlich dokumentiert. Deshalb wurden auch Zeugenberichte sorgfältig geprüft, bevor sie Eingang in die Datenbank fanden. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass es für vereinzelte Vorfälle weder schriftliche Dokumentationen noch mündliche Zeugnisse gibt. Deshalb kann die Anzahl Todesfälle aus «The Migrants’ Files» nur als vorsichtige Schätzung gewertet werden. Die wahre Anzahl liegt ohne Zweifel höher als die hier erfasste.

Daten weiter verbessern

Die geografische Verortung und die Darstellung auf einer Karte führten zu weiteren Problemen. Die Karte zu «The Migrants’ Files» enthält auch Fälle, die scheinbar weit weg von der europäischen Grenze stattgefunden haben. Das ist auf die Methodik zurückzuführen. Kenterte ein Boot auf dem Weg von Algerien nach Spanien, ist es möglich, dass Algerien als Ausgangspunkt zur Geokodierung verwendet wurde. Damit liegt der Datenpunkt dieses Unfalls im geografischen Zentrum Algeriens.

 

Das Projekt ist noch nicht zu Ende. Das Team sammelt weiterhin Informationen zu Todesfällen und Vermisstmeldungen von Migranten. Ziel des Projekts ist es, die Qualität der Daten weiter zu verbessern und Aufschluss über die Situation der Migranten auf dem Weg nach Europa zu geben.

Falls Sie an dem Projekt teilnehmen möchten, nehmen Sie bitte mit dem Team Kontakt auf via E-Mail debug@themigrantsfiles.com oder mit dem Twitter-Hashtag #MigrantsFiles.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/daten-einer-tragoedie-1.18272916