Bericht des Weltklimarats

Erderwärmung bedroht Nahrungssicherheit

Carsten Germis, Yokohama Heute, 31. März 2014, 05:58
Regenwald - wie hier im brasilianischen Santerme - wird abgeholzt und als Weidefläche genutzt.
Regenwald – wie hier im brasilianischen Santerme – wird abgeholzt und als Weidefläche genutzt. (Bild: Reuters)
Der Weltklimarat sieht in seinem neuen Bericht schon jetzt schwerwiegende Auswirkungen der globalen Erwärmung.

Der vom Menschen verursachte Klimawandel hat schon jetzt schwerwiegende Auswirkungen. «Effekte der globalen Erwärmung des Klimas sind nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC auf allen Kontinenten sowie in den Meeren zu erkennen.» Das ist die Kernbotschaft des neuen Weltklimaberichts, dessen zweiten Teil der Weltklimarat am Montag in der japanischen Hafenstadt Yokohama vorgelegt hat. In betont nüchterner Sprache weisen die mehrere Hundert Wissenschaftler und Regierungsvertreter in ihrem Bericht auf die Risiken durch die globale Erwärmung hin. Wie gefährlich die die Erderwärmung für die Natur und die Menschen in diesem Jahrhundert noch werden kann, das hänge davon ab, was der Mensch in naher Zukunft dagegen unternimmt.

Weniger Weizen und Mais

Der Klimawandel lässt nicht nur die Gletscher abschmelzen, verändert Ökosysteme und drängt Arten an den Rand des Aussterbens. Er bedroht nach Einschätzung des Weltklimarats auch die Nahrungsversorgung der Menschen weltweit. Schon jetzt gebe es einen deutlichen Rückgang der Ernteerträge bei Weizen und Mais, heisst es in der knapp 50 Seiten langen Zusammenfassung des Berichts für die «politischen Entscheidungsträger». Spürbare Veränderungen würden schon bei einer weiteren Erderwärmung von zwei Grad spürbar. Die Risiken des Klimawandels werden nach Ansicht der Verfasser des Berichts immer deutlicher, «obwohl der Klimawandel weiterhin Überraschungen produzieren wird».

Nahrungsknappheit könnte dabei eines der grössten Probleme werden, auch wenn einzelne Regionen vom Klimawandel profitieren dürften. Klar sei, dass die Erträge bei Getreide wegen der Wetterextreme deutlich zurückgehen dürften. Nach den Prognosen, die der Weltklimarat für seinen Bericht ausgewertet hat, gehen ein Zehntel der Studien je nach Region und Getreideart von einer Steigerung der Erträge um 10 Prozent bis 2050 aus, ein weiteres Zehntel hält Einbussen von bis zu 25 Prozent für möglich. Mehrheitsmeinung der Wissenschaft ist, dass bei einer weiteren Erwärmung bei den Hauptnahrungsmitteln der Menschen mit «negativen Auswirkungen des Klimawandels» zu rechnen ist.

Erstmals hat sich der Weltklimarat auch mit konkreten Zahlen zu den wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung geäussert. So könnten die globalen Einkommen bei einer weiteren Erwärmung von zwei Grad um 0,2 bis 2 Prozent sinken. Der Bericht räumt aber ein, dass Abweichungen um ein Prozent nach unten und oben möglich seien. Technischer Fortschritt, staatliche Regulierungen, sozialstaatliche Massnahmen, Wohlstandsentwicklung und Demographie haben auf die wirtschaftliche Situation allerdings noch immer deutlich stärkere Auswirkungen als der Klimawandel.

In der Natur sind die Effekte des Klimawandels daher viel deutlicher zu erkennen als in den Gesellschaften, stellt der Klimarat fest. Offensichtlich sei, dass die Gletscher im Zuge der Erderwärmung in den vergangenen Jahrzehnten bereits deutlich abgeschmolzen seien. Der Klimawandel habe auch Auswirkungen auf die Versorgung der Menschen mit Wasser und auf die Wasserqualität. Anders als im ersten Klimabericht warnen die Experten zwar nicht mehr vor einem Massensterben der Arten. Die Verbreitung der Tier- und Pflanzenarten werde sich aber mit den Klimazonen verschieben. Das ist auch in Europa bereits zu beobachten: Immer mehr Arten verschwinden in bestimmten Regionen und die Ökosysteme ändern sich durch Einwanderung fremder Arten. Das wird sich nach Ansicht des Klimarats verstärken, wenn die Erderwärmung schneller fortschreiten sollte.

Risiken für die menschliche Gesundheit

Deutliche Warnungen gibt der Bericht mit Blick auf die Gesundheit der Menschen. «Bis Mitte des Jahrhunderts werden die Gesundheitsprobleme in grossen Teilen der Welt durch den Klimawandel verschlimmert», heisst es. Unterernährung nach Dürren und schlechten Ernten wie stärkere Ausbreitung von Krankheitserregern dürften dabei insbesondere die Entwicklungsländer treffen. Der Bericht lobt, dass viele Länder bereits Anpassungsmassnahmen beschlossen haben –zum Beispiel für den Küstenschutz. Das sei allerdings noch nicht genug. «Wenn wir verstehen, dass der Klimawandel eine Herausforderung ist, die Risiken zu managen, eröffnet das einen weiten Rahmen an Möglichkeiten, Anpassungen an die wirtschaftliche und soziale Entwicklung vorzunehmen und die künftige Erderwärmung zu begrenzen», erklärte Chris Field, der Vizechef beim Treffen in Yokohama.

Der Weltklimarat war 1988 von den Vereinten Nationen und der Weltmeteorologiebehörde gegründet worden. Der kurz darauf erschienene erste Weltklimabericht ist wegen seines Alarmismus von vielen Wissenschaftlern kritisiert worden. Beim neuen, zweiten Weltklimabericht in Yokohama haben die Verfasser dieser Kritik Rechnung getragen. Die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen sei in den Jahren seit 2005 dramatisch gestiegen. Der neue Bericht berücksichtige etwa doppelt soviel wissenschaftliche Studien wie sein Vorgänger.

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/erderwaermung-bedroht-nahrungssicherheit-1.18274066