Innerafrikanische Migration

Kap der Guten Hoffnung

Markus M. Haefliger, Kapstadt Heute, 28. März 2014, 05:30
Einer der typischen, von Somaliern geführten Läden in einer Township bei Kapstadt.
Einer der typischen, von Somaliern geführten Läden in einer Township bei Kapstadt. (Bild: laif)
Afrikanische Migranten werden in Europa wahrgenommen, wenn sie nordwärts ziehen. Aber es gibt auch eine Südroute mit dem Ziel Südafrika. Am Kap sind in den letzten Jahren Zehntausende von Somaliern eingewandert.

Wer durch das Einkaufsviertel von Bellville spaziert, einer Vorstadt östlich von Kapstadt, könnte glauben, hier sei etwas falsch. Die Strassenzüge sehen südafrikanisch aus: viel Asphalt und Beton, beaufsichtigte Parkplätze, gesichtslose, moderne Geschäftsgebäude mit bekannten Firmennamen. Aber bei den Marktständen in der Fussgängerzone stehen fast nur Somalier. Frauen tragen ein farbiges Kopftuch, einige den schwarzen Nikab. Die somalische Sprache mit ihren rauen, gutturalen Lauten überwiegt, und ein Geruch von grilliertem Lammfleisch liegt in der Luft.

«Little Mogadishu»

Im Volksmund heisst das Quartier in Anlehnung an die Hauptstadt Somalias «Little Mogadishu». Bellville bildet das wirtschaftlich-kulturelle Zentrum der somalischen Diaspora in der südafrikanischen Westkap-Provinz. Mehrere Fast-Food-Restaurants wurden zu somalischen Kaffee- und Teehäusern umfunktioniert. Somalier leben in billigen Wohnungen in Bellville oder den anliegenden Townships, die zum Grossraum Kapstadt gehören. Laut Schätzungen leben in der Region bis zu 20 000 Somalier, in ganz Südafrika sind es 50 000.

Abdikadir Odowa, ein Somalier aus Kismayo, lebt seit neun Jahren am Kap. Er war ein früher Einwanderer; die meisten Somalier wanderten zwischen 2006 und 2008 ein, nachdem in Somalia der Druck der radikalislamistischen Shabab-Miliz zugenommen hatte. Der heute 29-jährige Odowa fing als Mitbesitzer eines Spaza-Shops an, eines kleinen informellen Eckladens in einer Township. Er verkaufte das Geschäft mit Geschick und investierte neu. Als ihn Einbrüche plagten und das Risiko fremdenfeindlicher Plünderungen zunahm, zog er ins Weinland nördlich von Kapstadt. Als sich die Wogen etwas geglättet hatten, kam er zurück. Er besitzt einen gutgehenden Lebensmittel- und Haushaltladen in einem modernen Einkaufszentrum von Bellville.

Die Hitze an einem Nachmittag im Februar ist drückend. Odowa verlegt das Gespräch auf den Vorplatz, der an einen öden Parkplatz angrenzt, und offeriert ein kühles Soda-Getränk. «Ich kam nach Südafrika, weil man sich hier frei bewegen kann», sagt er. Flüchtlingslager wie in Dadaab in Kenya, wo eine halbe Million Somalier leben, sind ihm ein Graus. Den Weg nach Europa habe er nicht genommen, weil er riskant sei und die Schlepper unberechenbarer und teurer seien als auf der Südroute. Aber andere sähen dies anders. Entscheidend, wohin man als Emigrant ziehe, sei meist, wo sich bereits Bekannte niedergelassen hätten, sagt Odowa.

Der Weg von Somalia und Äthiopien nach Südafrika wird weniger beachtet als die Routen nordwärts durch die Sahara und über das Mittelmeer. In einem Bericht der International Organization of Migration (IOM) aus dem Jahr 2009 ist von jährlich 20 000 Migranten die Rede, die vom Horn von Afrika über Ostafrika, Malawi und Sambia oder Moçambique nach Südafrika gelangen. (Zum Vergleich: Die Zahl der Bootsmigranten, die irregulär über das Mittelmeer europäische Ufer erreichen, lag laut dem Brüsseler Migration Policy Centre zwischen 1998 und 2013 bei durchschnittlich 40 000 pro Jahr.)

Beweggründe zur Flucht

Südafrika übt auf afrikanische Migranten eine mit Europa vergleichbare Sogwirkung aus. Abgesehen vom Einkommensgefälle – das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei über 11 000 Dollar, dem Zehnfachen des Werts beispielsweise in Äthiopien – verfolgt Südafrika eine in Afrika einzigartige, liberale Flüchtlings- und Asylpolitik (siehe Zusatzartikel). Asylsuchende dürfen arbeiten oder eine Berufsschule durchlaufen, anerkannte Flüchtlinge geniessen gegenüber öffentlichen Schulen und Spitälern die gleichen Rechte wie Südafrikaner.

Somalier in Bellville und Kapstadt nennen politische und wirtschaftliche Gründe, weshalb sie der Heimat den Rücken gekehrt haben. Für Mohammed Afrah sind diese Ursachen untrennbar miteinander verstrickt. Der 24-Jährige besitzt in Athlone, einem Vorort in den Cape Flats, den ärmlichen Quartieren östlich von Kapstadt, einen Spaza-Shop. Er trägt ein oranges Hemd, Jeans und arbeitet mit flinken Bewegungen. Ein Kätzchen ist ihm zugetan und wird liebevoll geduldet, im Unterschied zu streunenden Hunden, die Afrah verjagt. Als eine griesgrämige Alte den Laden betritt und laut schimpft, bleibt er geduldig. «Eine Drogenabhängige», erklärt er. Der Konsum von Amphetaminen ist in den Cape Flats mit ihren hohen Arbeitslosen- und Kriminalitätsraten verbreitet.

Afrah war vor sieben Jahren in Mogadiscio in eine gute Schule gegangen und konnte auf ein sudanesisches Stipendium an der Universität von Khartum hoffen. Er spricht Somalisch, daneben fliessend Arabisch und Swahili, mittlerweile auch passabel Englisch und Afrikaans. Aber 2007 wurden die Islamisten von ash-Shabab («die Jugend» auf Arabisch), die mit dem Terrornetzwerk al-Kaida verbündet sind, immer mächtiger. Sie warben in den Schulen Anhänger an, wer sich ihnen entgegenstellte, wurde bedroht. «Du warst entweder für oder gegen sie», sagt Afrah. Gleichzeitig ruinierte die schlechte Sicherheitslage die Geschäfte. Afrahs Mutter, eine alleinerziehende Frau und Ladenbesitzerin, konnte die Familie nicht mehr durchbringen. «Sie entschied, dass ich mich ins Ausland durchschlagen und Geld nach Hause schicken sollte», sagt Afrah.

Migranten berichten von traumatischen Erlebnissen. Die Flucht führt zu Beginn meistens über das Flüchtlingslager Dadaab in Kenya, wo Schlepperbanden «Kunden» anwerben. Es wird geschätzt, dass in Kenya mindestens fünf Banden von Menschenschmugglern operieren. Sie werden von somalischstämmigen Kenyanern angeführt, die sich in Eastleigh, dem «Little Mogadishu» in der Hauptstadt Nairobi, hinter legalen Geschäften verstecken und mit korrupten Politikern und Polizeioffizieren vernetzt sind.

Von Kenya gelangen die Migranten auf dem Landweg oder per Boot entlang der Küste nach Tansania. Dort werden sie einige Tage in Dörfern ausserhalb Dar es Salaams versteckt, um allfällige Ermittler abzuschütteln. In Last- oder Lieferwagen geht es weiter nach Malawi und über Moçambique oder Sambia und Simbabwe nach Südafrika. Der Preis der Schlepper lag vor zehn Jahren, als die ersten Somalier nach Südafrika gingen, bei 1000 Dollar pro Kopf; seither stieg er auf 2500 Dollar.

Eine Reise mit Schrecken

Abdikadir Odowa nahm 2005 eine heute kaum mehr benutzte lange Route per Boot von Kismayo direkt nach Tansania. Viele Boote seien damals gekentert und die Passagiere ertrunken, sagt er. Mohammed Afrah erzählt von einer zweitägigen Bootsreise von Kenya nach Tansania, die «ein Albtraum» gewesen sei.

Neunzig Migranten verharrten zusammengepfercht unter einer Plache, fast alle erbrachen sich. Später wurden die Flüchtlinge in einen Lastwagen-Container gepfercht und blieben 24 Stunden lang ohne Frischluft. Sie hämmerten verzweifelt gegen die Wand. Als ihnen die Schlepper endlich eine kurze Pause gönnten, war es für einen unter ihnen zu spät. Er war erstickt und erhielt ein namenloses Grab.

Polizisten und Grenzbeamte müssen häufig bestochen werden. Laut Aussagen von Betroffenen rauben sie Flüchtlinge aus. Wenn diese nichts auf sich tragen, werden sie windelweich geschlagen. Die Beamten lassen die Flüchtlinge danach weiterziehen, weil sie die Komplikationen einer Verhaftung scheuen. Weniger Glück hatte Mohammed Aden Osman, der 2003 Afmadow im Süden Somalias verlassen hatte. Er gelangte über Mtwara an der Südküste Tansanias nach Moçambique. Dort landete er im Gefängnis.

«Wir waren wie vom Erdboden verschluckt», sagt Osman, «es gab keinen Kontakt zur Aussenwelt.» Er organisierte einen Hungerstreik, und er und 35 gefangene Flüchtlinge wurden schliesslich zurück nach Tansania abgeschoben. Von Kenya aus organisierte er die Reise neu – und kam durch. Nach einer Karriere als Kleinhändler arbeitet Osman heute als Regionalkoordinator der Somali Association in South Africa (Sasa), einer Interessenorganisation.

Osman wünscht sich, dass afrikanische Staaten Massnahmen zum Schutz von Migranten ergreifen. Laut Chris Horwood vom Danish Refugee Council in Nairobi, einer Hilfsorganisation, darben allein in tansanischen Gefängnissen mehr als tausend Migranten. Osman, der am eigenen Leib erfahren hat, wie ortsfremde und rechtlose Gefangene gepeinigt werden, fordert, dass zumindest Hilfsorganisationen Zugang zu den Eingesperrten erhalten.

Somalier leben gefährlich. In den Jahren 2008 und 2010 kam es in Südafrika zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen und Plünderungen. Sie liessen nach, aber Somalier sind weiterhin häufig Opfer von Raubüberfällen. Anfang März sagte Osman in Kapstadt im Namen der Sasa als Zeuge in einem Prozess gegen drei Südafrikaner aus, die angeklagt waren, somalische Läden überfallen zu haben. Allein im Februar seien in der Westkap-Provinz vier Somalier getötet worden, sagt Osman. Nur selten werde Anklage erhoben. Ein Polizist sagte aus, im kriminellen Milieu würden Somalier als «weiche Ziele» angesehen. Das Gericht verurteilte die Angeklagten wegen mehrfachen Raubes und in einem Fall wegen Mordes.

Wer sie kennt, schätzt die Somalier. Sie gelten als Händler mit ausgeprägter Dienstleistungsmentalität, die treuen Kunden Rabatt gewähren und anschreiben lassen. Weil sie ausser der Arbeit fast nichts kennen und oft in einem Hinterzimmer des Ladens schlafen, haben sie ihre Läden von früh bis spät geöffnet und machen auch einmal ausserhalb der Öffnungszeiten eine Ausnahme.

Bleiben oder heimkehren?

Die Kontakte zu Einheimischen beschränken sich auf das Berufliche. Ein burischer Teppichhändler in Bellville, der regelmässig zu den Somaliern Tee trinken geht, ist eine Ausnahme. Die somalische Gemeinschaft hält zusammen. Dabei sind die Clan-Verbindungen so wichtig wie in Somalia selber. Geldgeschäfte und andere Verbindlichkeiten werden innerhalb des Sub-Clans vereinbart, der dafür Regeln kennt – aber ausserhalb der unmittelbaren Sippe, die keine entsprechenden Richtlinien bereithält. Geschäftliche Partnerschaften sind häufig und bilden eine Grundlage von Geschäftserfolgen.

Viele Somalier denken an eine Heimkehr – nur, um gleich wieder zu zweifeln. Beträchtliche Geldbeträge werden weltweit aus der somalischen Diaspora in die Heimat überwiesen; sie machen laut Schätzungen 40 Prozent der Haushalteinnahmen in Somalia aus. Somalier sind sich der Verantwortung gegenüber den Daheimgebliebenen bewusst. Omar Abdi Somey, ein Händler im Schwarzen-Township Khayelitsha, äussert bei der Frage nach seiner Zukunft den Wunsch heimzukehren. Dann korrigiert er sich und sagt: «Südafrika ist meine zweite Heimat; weiss Gott, ich versuche nur mein Bestes.»

 

Auf dem Papier liberal

Südafrika ist einer liberalen Asyl- und Flüchtlingspolitik verpflichtet, aber die Durchführungsbestimmungen werden laufend erschwert und die Asylpraxis verschärft. Laut dem Innenministerium müssen Asylsuchende ihren Status alle sechs Monate erneuern. Früher waren längere Perioden gewährt worden. Beamtenwillkür und damit verbundene Bestechungszahlungen nähmen zu, kritisieren Ausländerorganisationen. Eine kürzlich angekündigte Schliessung mehrerer über das Land verteilter Aufnahmezentren, darunter auch welcher in Kapstadt, wird als Schikane wahrgenommen. Ein Sprecher von Innenministerin Pandor war trotz wiederholten Anfragen nicht für eine Stellungnahme zu haben.

Die Regierung begründet die Schliessung der Aufnahmezentren mit dem Rückgang der Asylgesuche von 340 000 auf 85 000 innerhalb der letzten vier Jahre. Damit gehört Südafrika weltweit noch immer zu den Ländern mit der höchsten Zuwanderung. Somalier erhalten in der Regel den Flüchtlingsstatus zuerkannt, er muss neuerdings jedoch alle zwei Jahre statt wie bisher alle vier Jahre erneuert werden.

Auch das Recht auf Arbeit wird de facto eingeschränkt, was mit ein Grund dafür ist, dass beispielsweise somalische Flüchtlinge ihr Glück als selbständige Kleinhändler versuchen. Eine umstrittene Gesetzesvorlage über die Lizenzierung von (bisher informellen) Betrieben soll die zuständige Behörde mit Vollmachten ausstatten. Kritiker sagen eine Zunahme der Korruption voraus. Ausserdem sollen Unternehmen, die Gewalt auf sich ziehen, zwangsweise geschlossen werden können. Dies sei geradezu eine Einladung an Chauvinisten und Rowdys, fremdenfeindliche Ausschreitungen gegen Spaza-Shops (informelle Kleinläden) von Ausländern zu provozieren, sagen Kritiker.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/kap-der-guten-hoffnung-1.18272171