«Ethnische Säuberung»

Massenflucht der Muslime aus Zentralafrika

Christian Putsch, Bangui Gestern, 25. März 2014, 10:00
Muslimische Flüchtlinge warten  beim Flughafen von Bangui auf eine Möglichkeit, das Land zu verlassen.
Muslimische Flüchtlinge warten beim Flughafen von Bangui auf eine Möglichkeit, das Land zu verlassen. (Bild: Reuters)
Vor einem Jahr haben die muslimischen Seleka-Rebellen den Präsidenten von Zentralafrika gestürzt. Nach ihrem Rückzug werden nun die Muslime verfolgt. Hunderttausende verlassen das Land. Uno und EU reagieren zögerlich.

Seit Monaten leben Hunderte von muslimischen Flüchtlingen in einem Hangar am M’Poko-Militärflughafen von Bangui. Sie haben ihre Habseligkeiten unter ausrangierten Helikoptern und Flugzeugen ausgebreitet. Ein ausgemergelter Mann namens Mohammed Bash erzählt, die Anti-Balaka-Milizen hätten seine Frau und drei seiner Kinder getötet, zwei Kinder seien ihm geblieben. «Ich will nur noch raus aus diesem Land, so schnell wie möglich.» Seine Grosseltern zogen einst aus Tschad in die Republik Zentralafrika, er ist hier geboren. Der Mann hat neben seiner Familie auch die Heimat verloren.

Der Seleka-Raubzug

Tausende von Muslimen in Zentralafrika befänden sich weiterhin in akuter Lebensgefahr, sagte in der vergangenen Woche die Uno-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay warnend. Der Hass zwischen der christlichen Mehrheit und der muslimischen Minderheit habe ein «erschreckendes Niveau» erreicht. Sie frage sich, wie viele Kinder noch geköpft und wie viele Frauen und Mädchen noch vergewaltigt werden müssten, bevor die internationale Gemeinschaft die Aufmerksamkeit auf das Land lenke.

Tatsächlich hat sich aus einem ursprünglich in erster Linie politischen Konflikt eine Spirale der religiös beeinflussten Gewalt entwickelt, die auch im Massstab der von zahlreichen Konflikten gebeutelten Region im Herzen Afrikas eine aussergewöhnliche Dimension annimmt. Die Seleka, ein Bündnis von überwiegend muslimischen Rebellengruppen aus dem Norden des Landes, hatte vor einem Jahr die Regierung gestürzt. 80 Prozent der Rebellen, so schätzt der Dachverband von über 150 Menschenrechtsorganisationen, «International Federation for Human Rights», waren Söldner aus dem Sudan oder Tschad.

Am 24. März 2013 stürmten die rund 5000 Milizsoldaten der Seleka den Palast von Präsident François Bozizé, der flüchten musste. Offiziell warfen sie ihm vor, das Friedensabkommen von 2007 ignoriert zu haben, das mehr staatliche Investitionen im Norden und eine Strafbefreiung von Rebellenführern vorsah. Tatsächlich aber kam die Revolution einem Raubzug gleich. Die Seleka-Milizen plünderten und verbrannten ganze Dörfer, sie vergewaltigten und mordeten bisweilen wahllos. Auch muslimische Bürger waren betroffen.

Der von der Seleka eingesetzte neue Präsident Michel Djotodia erklärte im September offiziell die Auflösung der Miliz, hatte aber längst den Einfluss über weite Teile der heterogenen Gruppe verloren. In den christlichen Dörfern formierten sich etwa zeitgleich die Anti-Balaka-Gruppen, die sich seit September oft lediglich mit Macheten und veralteten Gewehren gegen die Seleka zur Wehr setzten. Teile der aufgelösten Armee von Bozizé schlossen sich an.

Die Kämpfer der Seleka haben sich inzwischen weitgehend in den weiterhin von ihnen kontrollierten Nordosten des Landes zurückgezogen oder sind in Nachbarländer geflohen. Ein kleiner Teil wurde von den 2000 französischen Soldaten im Land entwaffnet. Doch die Anti-Balaka nutzte das entstandene Machtvakuum und schlug in den vergangenen Monaten in erschreckendem Masse gegen die muslimische Bevölkerung zurück, die mit rund 15 Prozent in der Minderheit ist. Über 3000 Muslime sind seit Dezember getötet worden, die meisten hatten keine Verbindung zur Seleka. Selbst innerhalb der französischen Armee mehren sich die kritischen Stimmen, laut denen man zu zögerlich bei der Entwaffnung der Anti-Balaka vorgehe.

«Ethnische Säuberung»

Nach Einschätzung von Human Rights Watch findet eine regelrechte «ethnische Säuberung» statt. In Bangui leben die verbliebenen Muslime überwiegend in Flüchtlingslagern sowie in den Stadtvierteln PK12 und KM5, beschützt von der Armee. «Wenn wir das Viertel verlassen, werden wir gelyncht», sagt Ibrahim Awad. Hab und Gut sei gepackt, man warte darauf, dass die internationalen Soldaten einen Konvoi mit ausreichend Sicherheitspersonal zur Verfügung stellten, um endlich ausreisen zu können. Awad stellt sich als Händler und Repräsentant von 2700 Muslimen in KM5 vor. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen erzählen jedoch, er stamme aus dem Sudan und sei Mitglied der Seleka. Es ist nicht leicht, in diesem Konflikt Opfer und Täter auseinanderzuhalten.

Auch der auf Druck von Frankreich zustande gekommene Rücktritt von Djotodia im Januar konnte das Töten nicht stoppen. Seine Nachfolgerin, die Christin Catherine Samba-Panza, gilt zwar – als langjährige Aktivistin der Bürgergesellschaft – als politisch unverdächtig. Allerdings fehlt ihr der nötige Einfluss auf die beteiligten Konfliktparteien.

Unter der blutigen Auseinandersetzung leidet die gesamte Nation, die schon zu Friedenszeiten zu den ärmsten der Welt gehörte. 2,2 Millionen, rund die Hälfte der Bevölkerung, benötigen inzwischen humanitäre Hilfe. 650 000 leben nach Uno-Angaben in Flüchtlingslagern, 300 000 sind in benachbarte Länder geflohen. Die meisten davon sind Muslime, die traditionell die Viehzucht, den Handel und Transport in dem Land kontrollierten.

Sie waren wohlhabender als die meisten Christen, der Konflikt ist nicht zuletzt ein Klassenkonflikt. Unter der Massenflucht leidet die Wirtschaft. Vor einer Hyperinflation bewahrt das Land der Umstand, dass es mit dem CFA-Franc eine Gemeinschaftswährung mit 13 anderen afrikanischen Ländern hat, die an den Euro gekoppelt ist. Die Preise steigen jedoch derzeit enorm.

Höchste Zeit

Die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch werfen der internationalen Gemeinschaft vor, zu langsam auf den Konflikt reagiert zu haben. Das betrifft zum einen die humanitären Bemühungen: Die Hilfsagenturen der Uno haben bisher erst 20 Prozent der 550 Millionen Dollar generiert, die in diesem Jahr benötigt werden. Aber auch die Verstärkung für die 6000 Soldaten der Afrikanischen Union und das französische Kontingent lässt auf sich warten. Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon will eine knapp 12 000 Mann starke Friedenstruppe ins Land schicken; es wäre mit geschätzten Kosten in Höhe von 600 Millionen Dollar der drittgrösste Uno-Einsatz nach Kongo-Kinshasa und dem Sudan. Doch selbst bei einer Bewilligung des Einsatzes wird es bis zur Ankunft der zusätzlichen Soldaten wohl bis Mitte September dauern.

Die Europäische Union hat derweil seit Monaten den Einsatz von 1000 Soldaten in Aussicht gestellt, die vor allem den Flughafen der Hauptstadt Bangui sichern sollen. Doch die Mitgliedsstaaten werden sich nicht über die Zusammensetzung einig, und bei der Logistik klaffen noch erhebliche Lücken. Frankreich fand zuletzt deutliche Worte an seine EU-Partner, auch die Aussenbeauftragte der EU, Cathrine Ashton, mahnte, «die Zeit ist gekommen, um zu liefern». Dem Staatenbund drohe der Verlust seiner Glaubwürdigkeit. Es ist mit Georgien ausgerechnet ein Nichtmitgliedsland, das mit 150 Mann das bisher grösste Kontingent verbindlich zugesichert hat.

In den vergangenen Wochen reisten religiöse Führer durch das Land, um für eine Aussöhnung zu werben. Wer aber beobachtet hat, wie Dorfbewohner in den niedergebrannten Moscheen spottend muslimische Gebete imitierten, der mag daran in absehbarer Zeit nicht glauben.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/reportagen-und-analysen/massenflucht-der-muslime-aus-zentralafrika-1.18269627

Krieg in Zentralafrika

Spirale von Gewalt und Vergeltung

David Signer Gestern, 25. März 2014, 08:15

Welche Rolle spielt die Religion im blutigen Konflikt in der Republik Zentralafrika? Auf den ersten Blick scheint der Fall klar. Vor einem Jahr drangen die mehrheitlich muslimischen Seleka-Rebellen unter der Führung von Michel Djotodia aus dem notorisch vernachlässigten Nordosten des Landes Richtung Hauptstadt vor und stürzten den Präsidenten Bozizé. Die Seleka wurden von Tschad unterstützt, daneben kämpften in der nur lose organisierten Miliz Dutzende von Splittergruppen verschiedenster Provenienz, möglicherweise auch Jihadisten. Djotodia wurde Regierungschef. Damit stand erstmals ein Muslim an der Spitze des mehrheitlich christlichen Zentralafrika. Mit der Machtergreifung kehrte aber nicht Ruhe ein. Das Plündern, Brandschatzen, Vergewaltigen und Töten ging hemmungslos weiter. Djotodia versuchte, seine Leute zurückzurufen, aber sie waren seiner Kontrolle entglitten. Die Christen schlossen sich unterdessen zu Bürgerwehren, den sogenannten Anti-Balaka, zusammen und traten den Seleka entgegen.

Wenn es nur noch Freund oder Feind gibt

Inzwischen hat die Vergeltung der Christen jedoch solche Ausmasse angenommen, dass von Selbstverteidigung keine Rede mehr sein kann. Die Rache der Anti-Balaka richtete sich schon bald nicht mehr nur gegen die von den Franzosen entwaffneten Seleka-Rebellen, sondern gegen Muslime generell. Opfer wurden zu Tätern. Wer Bilder gesehen hat von mit Amuletten behängten Christen, die Moscheen anzünden und mit Macheten lachend Hatz auf wehrlose Muslime machen, erkennt, dass Christen genauso fanatisch und irrational sein können wie Muslime, die sich im heiligen Krieg wähnen.

In der entfesselten Gewalt und Gegengewalt geben sowohl die einen wie die andern stereotyp zur Auskunft, sie wehrten sich nur. «Die andern haben angefangen.» Aus Schutz wird Notwehr und Verteidigung; dann kommen Präventivschläge, Vergeltung und Rache hinzu, endlich der Triumph über die ehemaligen Verfolger. So hat jeder das Recht auf seiner Seite und kann sich zu den Guten zählen, während die Bösen für ihre Schandtaten büssen müssen. Kann man sein eigenes Wüten auch noch religiös legitimieren – umso besser. Nichts erstickt allfällige Gewissensbisse so wirksam wie das selbstgerechte Gefühl, in höherem, in höchstem Dienste zu kämpfen.

Ist ein Konflikt erst einmal auf dieser Ebene des Heimzahlens angelangt, sind alle Angaben von Gründen obsolet. Ob die Kontrahenten verschiedene Ideologien, Religionen oder Ethnien repräsentieren – solche «Inhalte» dienen höchstens noch der Legitimation. Als Antriebsmotor für das blutige Treiben sind sie nicht nötig.

Gerade religiös verbrämte Auseinandersetzungen haben immer etwas von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen an sich. Die unüberbrückbaren Differenzen, die sie postulieren, werden erst durch die Gewalt geschaffen. Es sind nicht die Unterschiede zwischen Christen und Muslimen, die sich zwangsläufig in Krieg entladen, wie Fundamentalisten gerne behaupten. Es ist umgekehrt. Die angebliche Ursache ist eine Folge, die scharfen Glaubensgegensätze werden erst durch die Gewaltakte produziert. Genau auf diese zunehmende Polarisierung setzt der religiöse Terror.

Es gibt unzählige Beispiele für solche Eskalationen: Libanon, Bosnien, Algerien, Nigeria, Côte d’Ivoire. Und immer staunen am meisten die Betroffenen selbst. Denn meist haben die verschiedenen Gruppierungen vorher friedlich zusammengelebt. Wie, fragen sie sich, konnte es innert kurzer Zeit so weit kommen?

So spukhaft und unwirklich sie erscheinen mögen – solche Bürgerkriege verschwinden nicht einfach von alleine wieder. Im Gegenteil. Sie schaukeln sich hoch, jede Bluttat zieht zehn weitere Gewaltakte nach sich. Und niemand kann sich heraushalten. Neutralität wird zum gefährlichen Verrat.

Es braucht die Intervention Aussenstehender

Gerade auch weil diese Konflikte nicht zentral gesteuert sind, weil sie einer Eigendynamik folgen, in der sich der Spaltpilz immer weiter und tiefer ausbreitet, gerade deshalb braucht es ein Drittes, eine aussenstehende Instanz, die interveniert. In einem Staat wie Zentralafrika gibt es kein Gewaltmonopol, keine Armee, keine Polizei, keine unabhängige Rechtsprechung, kein Zentrum. Eigentlich handelt es sich nicht einmal um einen Staat. Solange die Afrikanische Union diese Aufgabe nicht vollumfänglich erfüllen kann, gibt es nur die Franzosen, die EU und die Uno, die Ordnung schaffen und die ineinander verkrallten Streithähne trennen können. Sonst übernehmen diese Rolle Nachbarländer. Anreize wie Diamanten, Gold und Öl gibt es genug.

http://www.nzz.ch/meinung/uebersicht/die-fatale-spirale-von-gewalt-und-vergeltung-1.18269663