Interview mit Peter Scholl-Latour
„Ich verstehe mich gut mit Ganoven“

08:28 Uhrvon  und 

Papa Doc, Gaddafi oder Kabila – Peter Scholl-Latour hat sie alle getroffen. Ein Gespräch über Putin und die Krim, Martini Dry und durchgeschwitzte Matratzen.

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Scholl-Latour über die Krise in der Ukraine und Edward Snowden

 

Peter Scholl-Latour. Foto: ImagoBild vergrößern
Peter Scholl-Latour. – FOTO: IMAGO

Beim jetzigen Maidan-Aufstand sehen Sie wieder Europäer und Amerikaner als Hintermänner?

Da kann ich nur sagen: Fuck the EU! Jetzt reden sie nicht mehr nur von einer wirtschaftlichen Assoziierung der Ukraine, sondern von einem Beitritt. Rumänien und Bulgarien waren schon überflüssig, wir hätten an den Grenzen des alten Osmanischen Reiches Schluss machen sollen mit der Konstruktion Europas. Wenn die mal auf die Landkarte gucken würden! Ich war in der Ostukraine, bis zur russischen Grenze, da ist man noch 300 Kilometer von Stalingrad entfernt. Das sollte einem doch zu denken geben. Wenn Europa überleben will, muss es sich auf ein paar starke Staaten konzentrieren. Da die Engländer voll auf die Amerikaner ausgerichtet sind, gibt es drei Länder, die dafür infrage kommen: das sogenannte Weimarer Dreieck aus Deutschland, Frankreich, Polen.

Gerade die Polen unterstützen doch die Entwicklung in der Ukraine.

Sie haben 300 Jahre lang unter russischer Knute gestanden, da kann man ihnen das nicht übelnehmen. Was man von uns nicht behaupten kann. Im Gegenteil: Die Russen haben unter uns gelitten. Wäre ich Russe, hätte ich auch nicht gern die Amerikaner an meiner Südküste. Das ist eine strategische Position. Und da spielen die USA verrückt im Moment.Die führen den Kalten Krieg fort.

Es war Putin, der mit der Annexion der Krim das Völkerrecht gebrochen hat.

Die Amerikaner müssen vom Völkerrecht reden! Wer Leute mit Drohnen ermorden lässt! Die sind selber in genügend Länder einmarschiert. Und im Irak haben sie uns total angeschmiert. Putin hat hundertmal recht auf die Krim. Die Menschen dort sind prorussisch.

Besteht die Gefahr eines Kriegs?

Ernsthaft Krieg führen können die Amerikaner ja doch nicht. Seit Vietnam haben sie alles verloren. Und die EU? Ich bin oft in Afghanistan gewesen und habe die Bundeswehr aus der Nähe erlebt. Unter uns gesagt: Für die jetzige Form der Kriegsführung, für den asymmetrischen Krieg und die Counterinsurgency, ist sie nicht geeignet. Die Bundeswehr ist stehen geblieben bei den großen Abwehrschlachten in der norddeutschen Tiefebene.

Vor Jahren haben Sie den nun aus dem Amt gejagten ukrainischen Präsidenten Janukowitsch getroffen. Wie hat er auf Sie gewirkt?

Eine amüsante Episode. Ich war in Donezk und wohnte in einem Luxushotel, das natürlich Achmetow gehörte, dem reichsten Mann der Ukraine. Der fand mich sympathisch und hat mich an seinen Tisch gebeten. Ich bin in Bochum geboren, die haben eine Städtepartnerschaft mit Donezk. Da sagt der Achmetow: Mensch, werden Sie doch Mitglied in meinem Fußballklub Schachtar! Er hat mir gleich einen Trainingsanzug verpasst, hielt den an einen seiner Leibwächter, der so groß war wie ich. Und neben ihm stand ein Riesenkerl, der nicht besonders intelligent wirkte. Sagt Achmetow: Ich stelle Ihnen Herrn Janukowitsch vor, den künftigen Präsidenten der Ukraine. So läuft das da. Im Westen ist es nicht anders: Die Timoschenko, die Gasprinzessin, ist auch eine Oligarchin.

Den Trainingsanzug haben Sie noch?

Meine Frau hat ihn weggeschmissen. So wertvoll war das orangene Ding nicht.

 

Herr Scholl-Latour …

… eines will ich noch sagen. Wir regen uns zu Recht über die NSA auf. Aber man musste schon sehr naiv sein, um nicht zu wissen, dass diese Überwachung stattfindet. Das größere Problem sind Fabriken der Desinformation, ob sie sich nun in North Carolina, London oder Israel befinden. Die zielen auf deutsche und europäische Medien. Und das klappt. Von der „taz“ bis zur „Welt“ – ein Unisono, was die Ukraine betrifft. Oder Syrien: Als man die Aufständischen als die Guten und die anderen als die Bösen dargestellt hat. Dabei waren weder die einen noch die anderen gut oder böse. Wir leben mit so vielen Lügen. Wenn es heißt, Indien sei die größte Demokratie der Welt. Ja, Scheiße! Das Kastensystem ist schlimmer, als das Apartheidsystem in Südafrika je gewesen ist. Indien ist das grauenhafteste Land der Welt.

 

Ist Edward Snowden für Sie Verräter oder Held?

Der Begriff Held ist mir fremd. Als Verräter würde ich ihn auch nicht bezeichnen. Er ist ein Amerikaner, die haben manchmal ein sensibles Gewissen. Wahrscheinlich hat er das aus wahrer Überzeugung getan. Und dass er nach Russland gegangen ist – ja, wo sollte er denn sonst hin? Wenn die Deutschen ihm Asyl gewährt hätten, hätten ihn die Amis hier umgebracht.

Warum sind Sie mit Russland nachsichtig und gehen mit den USA so hart ins Gericht?

Ich bin auch mit den Amerikanern nachsichtig.

Lassen Sie uns zurückblicken auf Ihre 70 Jahre als Reporter, Reisender und politischer Beobachter. Was war die heikelste Situation in Ihrem Leben?

Ich stand mal an der Erschießungsmauer, das war nicht ganz ungefährlich. Vielleicht hatten sie gar nicht vor, uns abzuknallen, aber es sah so aus.

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/interview-mit-peter-scholl-latour-scholl-latour-ueber-die-krise-in-der-ukraine-und-edward-snowden/9652136-2.html