Der Matrosenaufstand
Die Oberste Seekriegsleitung unter den Admirälen Scheer und von Fothe war schon damals nach Skagerrak gegen die Einstellung des U-Boot-Krieges und dementsprechend auch im Oktober 1918 gegen die Waffenstillstandsverhandlungen gewesen. Um sie zu besänftigen versprach ihnen die Regierung Max von Baden “operative Freiheiten” für ihre Flotte, die aber weiter nicht definiert wurden.
Dies führte dazu, dass Ende Oktober der Befehl an alle Schiffe erging, sich auf der Schillings Reede zu versammeln. Die Seekriegsleitung wollte, nachdem sie schon in den letzten Monaten nicht mehr am Kampf des Vaterlandes hatte teilhaben können, nun nicht völlig ehrenlos durch einen Waffenstillstand endgültig kampfunfähig gemacht werden. Wenn, dann wollte man in einem letzten tapferen Einsatz gegen die englische Flotte sterben.
Doch die Matrosen erkannten die Sinnlosigkeit eines solchen Gefechts und jetzt, wo der Frieden schon so greifbar nah war, wollte man sein Leben nicht mehr für den Ruhm der Seekriegsleitung und der “stählernen deutsche Flotte” opfern.
So wurde schon beim Zusammenzug der Flotte ab dem 28.Oktober 1918 Widerstand geleistet. Viele der Matrosen erschienen nicht mehr zum Dienst und desertierten oder sie zögerten die Ausfahrt hinaus. Die Matrosen des Kreuzers “Straßburg” machten sogar den Versuch ihr Schiff zu versenken. Auf der “König” wurde ein Soldatenrat gebildet, der über Gegenmaßnahmen beraten sollte und auf der “Markgraf” kam es massenweise zu Befehlsverweigerungen. Doch all diese Widerstrebungen konnten noch von den Offizieren unterdrückt werden.
Am 30.Oktober wurde der inzwischen versammelten Flotte der Befehl zum Auslaufen gegeben. Ziel sollte die Themsemündung sein.
Nun brach der Widerstand der Mannschaften offen aus: die Matrosen der Großkampfschiffe “Thüringen”, “Helgoland” und “Markgraf” weigerten sich die Anker zu liften und versperrten so den anderen Schiffen die Hafenausfahrt. Man setzte Torpedoboote gegen die Aufständischen ein und verhaftete über 1000 der meuternden Matrosen und brachte sie in die Marinegefängnisse in Kiel. Die anderen Matrosen zeigten sich solidarisch, immerhin hatten die Meuterer sie vor dem sicheren Tod bewahrt.
Vertrauensmänner wurden gewählt, die nach ihrer Beratung am 1.November im Kieler Gewerkschaftshaus die Forderung an die Marineoffiziere stellten, die Gefangenen freizulassen. Doch die Offiziere gingen nicht darauf ein und lehnten jede Verhandlungen strickt ab. Stattdessen erließen sie ein Verbot die Kasernen zu verlassen und befahlen der Marineinfanterie für Ruhe zu sorgen. So hoffte man, könnte das Auslaufen, wenn auch mit Verzögerung, doch noch erfolgen.

Aber es kam anders: am 2.November weigerte sich die Infanterie gegen die meuternden Soldaten vorzugehen, wodurch den Offizieren ihr wichtigstes Druckmittel verloren ging. Bei einer erneuten Versammlung der Vertrauensmänner, diesmal auf dem Kieler Exerzierplatz, erklärten sich die Werftarbeiter bereit den Aufstand zu unterstützen; die Bewegung erhielt eine andere Dimension.
Diese sollte sich noch am folgenden Tag ausweiten: nach der durch Karl Artelt eröffneten Massenkundgebung, auf der erneut die Freilassung der Gefangenen gefordert wurde, setzte sich ein Demonstrationszug aus Matrosen und Werftarbeitern in Richtung Marineanstalt, wo die Gefangenen inhaftiert waren, in Bewegung. Auf dem Weg durch die Kieler Innenstadt schlossen sich ihm weitere Soldaten an. Nachdem eine Postenkette das Feuer auf den Zug eröffnet hatte, gab es acht Tote und 29 Verletzte.
Dies führte am 4.November zum bewaffneten Aufstand gegen die Offiziersherrschaft. Am Morgen wurden auf den Schiffen Soldatenräte gebildet, die das weitere Vorgehen organisieren und planen sollten.
Auch die Arbeiter gingen einen ähnlichen Weg: bei einem Treffen der Vertrauens- und Obleute aus den Betrieben im Gewerkschaftshaus wählte man einen Arbeiterrat, der sich aus SPD- und USPD-Anhängern zusammensetzte und rief zum Generalstreik auf.
Unterdessen wurden weitere Truppen auf Befehl der Regierung nach Kiel delegiert, die die Stadt abriegeln sollten, um eine Ausbreitung der Bewegung zu verhindern. Doch diese verbündeten sich mit den Aufständischen. So erklärte sogar der Gouverneur von Kiel, Admiral Souchon, sich bereit, eine Delegation der Arbeiter- und Soldatenräte zu empfangen. Souchons einzige Möglichkeit bestand nun darin, Zeit zu gewinnen, auf dass ihm von der OHL oder aus Berlin zuverlässigere Truppen geschickt werden würden um den Aufstand niederzuschlagen.
Am Abend des 4.November 1918 waren alle militärischen und öffentlichen Gebäude der Stadt durch die 40.000 meuternden Matrosen besetzt und Kiel so in ihrer Hand. Auch war es gelungen die inhaftierten Kameraden zu befreien. Es wurde ein gemeinsamer Soldatenrat aus den Räten der einzelnen Schiffe gebildet, der die Kontrolle über die Verwaltung und die Lebensmittelverteilung übernahm und noch am gleichen Abend die so genannten “14 Kieler Forderungen” an die Militärführung stellte. (Textmaterial)

Die Meldungen aus Kiel lösten Panik bei der Regierung in Berlin aus. Max von Baden telegrafierte auf der Stelle an Groener in Spa, dass er zu “militärischen Beratungen” anreisen solle. Man hatte Angst, die Situation könne außer Kontrolle geraten und sich zu einer Revolution ausweiten. Nach Meinung der Regierung würde das entstehende Chaos Deutschland, das durch den Krieg schon an den allerletzten Reserven hing, endgültig zu Grunde richten. Die Waffenstillstandsverhandlungen könnten nicht fortgesetzt werden und alle demokratischen Reformen der letzten Monate wären umsonst gewesen. Außerdem bangte man natürlich um die eigenen Positionen.

Am Morgen des 4.November tagten in Berlin die Staatssekretäre und beschlossen einen SPD-Abgeordneten nach Kiel zu entsenden, der Einfluss auf die revolutionären Arbeiter und Soldaten nehmen und der Bewegung von innen heraus den Schwung nehmen sollte. So fuhr am Abend der Staatssekretär Conrad Haußmann zusammen mit Gustav Noske, der für diese Aufgabe auserwählt worden war, nach Kiel.
Außerdem erfolgte das Erlassen eines Ultimatums an die russischen Diplomaten in Berlin: sie sollten binnen sechs Stunden das Land verlassen. Man hatte eine aufgebrochene Kiste am Bahnhof Friedrichstraße, die einem Delegationsmitglied gehörte und in der sich revolutionäre Flugblätter befanden, zum Anlass für die Ausweisung genommen. Zwar gehörten die Flugblätter in Wirklichkeit der Spartakusgruppe, doch befürchtete man, dass die russischen Diplomaten gezielt Einfluss auf die Bildung einer Räterepublik in Deutschland nach russischem Vorbild nehmen wollten und so paßte der von Scheidemann initiierte “Flugblattfund” genau ins Bild.

Laut Scheidemann musste man “sich jetzt (selbst) an die Spitze der Bewegung stellen, (da es sonst) noch anarchistische Zustände im Reich geben (würde)”. Um die Bewegung zu verhindern war es bereits zu spät, das hatte die SPD als einzige der Regierungsparteien erkannt.
So trafen Noske und Haußmann sofort nach ihrer Ankunft in Kiel mit den Arbeitervertretern, dem Soldatenrat und Gouverneur Souchon zusammen um über den weiteren Verlauf gemeinsam zu beraten. Daraufhin wurde Noske am 5.November zum Vorsitzenden des Soldatenrates gewählt und übernahm am 7.November den Gouverneursposten.
Doch Noske unterstütze nicht, wie von den Arbeitern und Soldaten erwartet, die Ausweitung des Aufstandes, sondern versuchte, gemäß der SPD-Linie, so schnell wie möglich wieder für “Ruhe und Ordnung” zu sorgen. So war seine erste Amtshandlung das “Verbot des Waffentragens außerhalb des Dienstes” zu erlassen.

Der Tagung des “Kriegskabinetts” am Morgen des 5.November im Berliner Reichskanzlerpalais wohnte auch der inzwischen angereiste General Groener bei. Man beschloss den Rückzugsbefehl für die Westfront zu erlassen, da es laut Groener “die erste Pflicht ist und bleibt eine entscheidende Niederlage des Heeres unter allen Umständen zu vermeiden”. Beim zweiten Verhandlungspunkt, dem Umgang mit der Situation in Kiel, gab es große Meinungsverschiedenheiten zwischen den Regierungsmitgliedern. Einige waren für ein militärisches Eingreifen um ein Exempel zu statuieren und allen anderen revolutionären Bewegungen vorzugreifen, andere setzten auf Verhandlungen, da sie befürchteten gerade durch ein militärisches Eingreifen die Stimmung noch weiter zu schüren. Doch nachdem man bei einem Telefonat mit Noske von dessen “Erfolgen” gehört hatte, ließ man ihm freie Hand in Kiel.

Bei einem gemeinsamen Treffen der SPD- und Gewerkschaftsführer sowie Max von Baden und Groener am 6.November beschloss man den “lokalen Ausbruch in Kiel” durch Einstellen des Post- und Eisenbahnverkehrs an seiner Ausweitung zu hindern.
Doch dafür war es bereits zu spät. Die revolutionäre Bewegung hatte sich durch die Kieler Soldaten bereits auf ganz Norddeutschland ausgebreitet. Nachdem am 5.November die “roten Matrosen” in Lübeck eingetroffen waren, waren die dort stationierten Garnisonen sofort übergelaufen und hatten gemeinsam mit den Matrosen am Abend bereits die Hauptpost, das Telegrafenamt und den Bahnhof besetzt. Am nächsten Tag folgte der Generalstreik. Ähnlich war der Verlauf in Wilhelmshaven am 6.November: nachdem die Wachposten an den militärischen Gebäuden von den Matrosen überwältigt worden waren und sich diese bewaffnet hatten, führten sie einen Demonstrationszug von 10.000 Menschen durch die Stadt an, dem sich unterwegs die Werftarbeiter anschlossen. Man konnte die Inhaftierten aus den Gefängnissen befreien, da die Infanterie aus Oldenburg, die zum Schutz der Stadt abkommandiert war, den Befehl verweigerte. Am frühen Nachmittag wurde ein Arbeiterrat gewählt, der sich mit dem bereits bestehenden Soldatenrat vereinigte. Gemeinsam wurde ein Ausschuss bestehend aus 21 Mitgliedern – der “21er-Rat” – bestimmt, der die oberste Exekutivgewalt ab jetzt innehatte. Dieser setzte am 10.November den Großherzog von Oldenburg ab und rief die “sozialistische Republik Oldenburg” aus.
Dieser “lokale Ausbruch” breitete sich innerhalb kürzester Zeit auf das ganze Deutsche Reich aus. Am 7.November waren Hannover, Köln und Braunschweig in den Händen der Revolutionäre. Am gleichen Tag wurden in München die Wittelsbacher gestürzt. Gleiches geschah den Fürsten in Sachsen, Franken und Hessen am folgenden Tag.
Das Bild in den Städten war meist das gleiche: den angereisten Matrosen aus Kiel schlossen sich bei den Demonstrationen weitere Arbeiter und Soldaten an. Man bewaffnete sich bei dem Sturm auf Kasernen und Polizeistationen. Öffentliche Gebäude wurden besetzt und Gefangene befreit, der Generalstreik ausgerufen und Räte gewählt, denen die Exekutivgewalt zugesprochen wurde. Anschließend zogen die Matrosen zur nächsten Stadt um ihre “revolutionäre Botschaft zu verkünden”.

http://www.novemberrevolution.de/maintext.php?cap=matrosenaufstand

Kieler Matrosenaufstand

Der Kieler Matrosenaufstand fand Anfang November 1918 – gegen Ende des Ersten Weltkrieges – statt. Auslösende Momente warenBefehlsverweigerungen auf einzelnen Schiffen der vor Wilhelmshaven ankernden Flotte gegen den Befehl, zu einer Entscheidungsschlachtgegen die britische Marine auszulaufen. Dies mündete in einer Meuterei mehrerer Schlachtschiff-Besatzungen. Das III. Geschwader wurde daraufhin nach Kiel zurückbeordert. In Kiel trat die Arbeiterschaft an die Seite der Matrosen. Es kam zu einem allgemeinen Aufstand. Von Kiel aus wurde der Impuls zur Ausbreitung der Unruhen gegeben, die dann zur reichsweiten Novemberrevolution, zum Sturz der Monarchie in Deutschland und zur Errichtung der Weimarer Republik führten.

 

 

Meuterei der deutschen Hochseeflotte[Bearbeiten]

Anfang Oktober 1918 bekräftigte die auf dem westlichen Kriegsschauplatz erfolgreich vorstoßende Entente gegenüber internationalen Zeitungen wie dem Amsterdamer Telegraaf[1], dass zu ihren Friedensbedingungen auch die vollständige Auslieferung der deutschen Kriegsflotte gehöre. Auslöser des Aufstands war daher der geheim gehaltene Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 des Admirals Scheer. Dieser wiederum ging auf einen Plan des Konteradmirals von Trotha, Chef des Stabes bei der Hochseeflotte zurück. Er sah eine „letzte Entscheidungsschlacht“ der deutschen Hochseeflotte gegen die britische Royal Navy am Ende des Ersten Weltkriegs vor, „auch wenn sie ein Todeskampf wird“, obwohl die neu gebildete Reichsregierung unter Prinz Max von Baden auf Drängen der Obersten Heeresleitung einen Waffenstillstand mit den gegnerischen Mächten der Entente aushandelte. „Einer durch schmachvollen Frieden gefesselten Flotte ist die Zukunft gebrochen“ schrieb von Trotha. Erst im Nachhinein rechtfertigte Scheer die Operation mit dem Schutz der flandrischen Küste zur Unterstützung des Heeres.

Demonstration der Matrosen in Wilhelmshaven, 10. November 1918

Vor der geplanten Seeschlacht ging die deutsche Hochseeflotte auf Schillig-Reede vor Wilhelmshaven vor Anker. Trotz Geheimhaltung sprach sich der Plan in Windeseile herum. In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1918 kam es zur Befehlsverweigerung einiger Schiffsbesatzungen. Auf drei Schiffen des III. Geschwaders (KönigMarkgrafGroßer Kurfürst) weigerten sich die Matrosen, die Anker zu lichten. Auf den Schlachtschiffen des I. Geschwaders Thüringen undHelgoland kam es zur offenen Meuterei und zur Sabotage. Die Matrosen befürchteten, noch kurz vor Kriegsende in einer sinnlosen Schlacht dem Ehrenkodex der Offiziere geopfert zu werden. Nachdem am 31. Oktober bereits die Torpedorohre einiger Unterseeboote und Torpedoboote auf die Thüringenund die Helgoland gerichtet worden waren, ergaben sich die Matrosen und Heizer in letzter Minute und ließen sich widerstandslos abführen.

Die Marineleitung ließ ihren ursprünglichen Plan, eine Entscheidungsschlacht zu suchen, fallen, da sie sich des Gehorsams der Mannschaften nicht mehr sicher sein konnte. Das III. Geschwader wurde in seinen Heimathafen Kiel zurückbeordert. Der Geschwaderkommandeur, Vizeadmiral Kraft, absolvierte in der Helgoländer Bucht mit seinen Schlachtschiffen eine Übung. Als diese „tadellos funktionierte“, glaubte er, die Mannschaften wieder im Griff zu haben. Während der Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal ließ er 47 Matrosen der Markgraf, die als Haupträdelsführer galten, verhaften.

Aufstand in Kiel[Bearbeiten]

In der Holtenauer Schleuse wurden die Verhafteten in die Arrestanstalt (Karlstraße/heutige Feldstraße) und in das Fort Herwarth im Norden Kiels gebracht. Nach großzügig gewährtem Landurlaub setzten die Matrosen und Heizer nun alle Hebel in Bewegung, ein erneutes Auslaufen zu verhindern und die Freilassung ihrer Kameraden zu erreichen. Etwa 250 von ihnen trafen sich abends am 1. November im Gewerkschaftshaus. Delegationen, die zu den Offizieren geschickt wurden, hörte man nicht an. Die Matrosen suchten verstärkt den Kontakt mit den Gewerkschaften, der USPD und der SPD. Das Gewerkschaftshaus wurde daraufhin für den 2. November von der Polizei gesperrt, was aber nur zu einer noch größeren Versammlung auf dem Großen Exerzierplatz führte. Angeführt von dem Matrosen Karl Artelt, der bei der Torpedodivision in Kiel-Wik stationiert war (er arbeitete in der dortigen Torpedobootsreparaturwerft) und dem dienstverpflichteten WerftarbeiterLothar Popp (beide USPD), riefen sie für den 3. November in Kiel zu einer großen Versammlung auf dem Großen Exerzierplatz auf. Beide druckten kleine Handzettel, in denen Matrosen und Arbeiter aufgerufen wurden, zur Versammlung zu kommen und die verhafteten Kameraden nicht im Stich zu lassen.

Mehrere tausend Menschen versammelten sich am Nachmittag des folgenden Tages. Es beteiligten sich neben den Matrosen auch Frauen und Männer der Kieler Arbeiterschaft. Sie verlangten über die Freilassung der Meuterer hinaus auch die Beendigung des Weltkrieges sowie die Verbesserung der Versorgungslage mit Lebensmitteln (Frieden und Brot). Sie folgten dann dem Aufruf Artelts, die Kameraden zu befreien. Im Lokal „Waldwiese“, das als Soldatenunterkunft diente, wurden eingesperrte Kameraden befreit und die Waffenkammern geplündert. Kurz vor der Arrestanstalt ließ Leutnant Steinhäuser, der beauftragt war, die Demonstranten am weiteren Vordringen zu hindern, seine Patrouille nach Warnschüssen in die Menge schießen. Sieben Personen wurden getötet und 29 schwer verletzt. Auch aus der Demonstration heraus wurde geschossen. Steinhäuser wurde durch Kolbenhiebe und Schüsse schwer verletzt (entgegen verbreiteten anderslautenden Aussagen wurde er später geheilt aus dem Lazarett entlassen). Anschließend zerstreuten sich sowohl die Demonstranten als auch die Patrouille. Dieser spontane bewaffnete Zusammenstoß gilt als der eigentliche Beginn der deutschen Novemberrevolution.

Am Morgen des 4. November durchstreiften einzelne Gruppen aufständischer Matrosen die Stadt. Die in dem großen Kasernengelände in Kiel-Wik stationierten Matrosen und Soldaten mussten zum Appell antreten. Nach der Rede des Kommandanten kam es zu spontanen Demonstrationen. Karl Artelt rief zur Wahl von Soldatenräten auf. Der Gouverneur Vizeadmiral Souchon sah sich gezwungen, in Verhandlungen einzutreten.

SMS Prinzregent Luitpold

Am Abend des 4. November war Kiel fest in der Hand der Aufständischen. Die Garnison leistete keinen Widerstand mehr und es kam überall zu Verbrüderungen. Fast alle Schiffe hissten als Zeichen der Revolution die rote Flagge. Gleichzeitig wurden überall Soldatenräte gebildet. Nur wenig später wurde auch ein Arbeiterrat aufgebaut, der im Wesentlichen aus Vertretern beider sozialdemokratischer Parteien, aus Gewerkschaftsfunktionären und Vertrauensleuten bestand. Vorsitzender des Arbeiterrats wurde Gustav Garbe. Die Soldatenräte bildeten auf Initiative Popps den Obersten Soldatenrat auf der Basis von Vertrauensmänner-Abstimmungen in allen Einheiten. Am 5. November morgens wurden die 14 Kieler Punkte in Kraft gesetzt:

  1. Freilassung sämtlicher Inhaftierten und politischen Gefangenen.
  2. Vollständige Rede- und Pressefreiheit.
  3. Aufhebung der Briefzensur.
  4. Sachgemäße Behandlung der Mannschaften durch Vorgesetzte.
  5. Straffreie Rückkehr sämtlicher Kameraden an Bord und in die Kasernen.
  6. Die Ausfahrt der Flotte hat unter allen Umständen zu unterbleiben.
  7. Jegliche Schutzmaßnahmen mit Blutvergießen haben zu unterbleiben.
  8. Zurückziehung sämtlicher nicht zur Garnison gehöriger Truppen.
  9. Alle Maßnahmen zum Schutze des Privateigentums werden sofort vom Soldatenrat festgesetzt.
  10. Es gibt außer Dienst keine Vorgesetzten mehr.
  11. Unbeschränkte persönliche Freiheit jedes Mannes von Beendigung des Dienstes bis zum Beginn des nächsten Dienstes.
  12. Offiziere, die sich mit den Maßnahmen des jetzt bestehenden Soldatenrates einverstanden erklären, begrüßen wir in unserer Mitte. Alles Übrige hat ohne Anspruch auf Versorgung den Dienst zu quittieren.
  13. Jeder Angehörige des Soldatenrates ist von jeglichem Dienste zu befreien.
  14. Sämtliche in Zukunft zu treffenden Maßnahmen sind nur mit Zustimmung des Soldatenrates zu treffen.

Dirk Dähnhardt bemerkt dazu: „Bei den 14 Kieler Punkten handelte es sich … im Wesentlichen um einen Angriff auf das militärische System, eine politische Zielsetzung ging ihnen dagegen weitgehend ab.“[2] Er führt dies zum einen auf die heterogene Zusammensetzung der Gremien zurück, zum anderen darauf, dass zunächst nur ein Katalog von Sofortmaßnahmen verabschiedet werden sollte. An diesen 14 Punkten sollten sich dann im Verlauf der Novemberrevolution viele weitere Räte in ganz Deutschland orientierten. In der politischen Kurzsichtigkeit sieht Dähnhardt jedoch eine wesentliche Ursache, dass die Soldatenräte nach ca. sechs Monaten wieder aufgelöst wurden.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, drohten die Matrosen, mit den in ihrer Hand befindlichen Kriegsschiffen das ufernahe Offiziersvillenviertel Düsternbrook zu beschießen. Als entgegen der Absprache zwischen Artelt und Souchon verschiedene Truppen zur Niederschlagung der Bewegung anrückten, wurden diese von den Matrosen abgefangen und kehrten entweder um oder stellten sich auf die Seite der Aufständischen.

Der Regierungsbeauftragte, Reichstagsabgeordneter Gustav Noske (SPD), der zusammen mit Staatssekretär Conrad Haußmann von derFortschrittlichen Volkspartei eigens aus Berlin nach Kiel eilte und von den Arbeitern und Soldaten begeistert begrüßt wurde (4. November), ließ sich am folgenden Tag zum Vorsitzenden des Soldatenrats wählen.

Am 5. November morgens bei Sonnenaufgang hissten die Kriegsschiffe im Hafen nicht die Kriegs-, sondern rote Flaggen. Nur auf dem im Dock liegenden Schlachtschiff “König” hatte der Kommandant vorher die Kriegsflagge setzen lassen. Der Kommandant kommandierte zwei Offiziere zur Verteidigung der Fahne an den Mast. In einem längeren Schusswechsel wurden diese und der Kommandant selbst schwer verwundet. Danach wurde auch auf der “König” die rote Fahne gesetzt. Ein Matrose und die Offiziere (Bruno Heinemann, Wolfgang Zenker) starben, der Kommandant (Carl Wilhelm Weniger) überlebte. Insgesamt war bei den Marineoffizieren, die durch viele Ungerechtigkeiten gegenüber den Mannschaften und ihren überholten Ehrenkodex den Anlass für den Aufstand geliefert hatten, keine selbstkritische Haltung feststellbar[3]. Das Gerücht, der Kaiser würde sie bald von ihrem Eid entbinden, ließ die große Mehrheit auf ihren Posten bleiben, in der Hoffnung, sie könnten das Rad bald wieder zurückdrehen[4]. Die Nationalsozialisten benannten Mitte der 1930er Jahre zwei Zerstörer nach Bruno Heinemann undWolfgang Zenker.

Am 7. November erklärte der Arbeiter- und Soldatenrat in einem Aufruf: „Die politische Macht ist in unserer Hand.“ Später übernahm Popp den Vorsitz des Obersten Soldatenrats und Noske übernahm den Posten des Gouverneurs von Souchon. Noske, ein außerordentlich begabter Politiker, setzte damit auf die Fortführung der alten Strukturen. Die beispielhafte Erprobung eines zukunftsorientierten republikanischen Reformprogramms, dessen Test in Kiel durchaus möglich gewesen wäre, wie Wolfram Wette vom militärgeschichtlichen Forschungsamtfeststellte, hat er im Keim erstickt[5].

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurden die Gefallenen am 10. November auf dem Parkfriedhof Eichhof bestattet. Gustav Garbe und Lothar Popp hielten die Grabreden. Die Militärangehörigen wurden einen Tag später auf dem Nordfriedhof (Kiel) bestattet. Gustav Noske hielt die Grabrede.

Teil des Beerdigungszuges für die Opfer des Aufstands am 10. November 1918 in Kiel

Das nebenstehende Foto wurde mit großer Wahrscheinlichkeit im Rahmen der Beerdigungsfeierlichkeiten in Kiel an der Ecke Brunswiker-/Karlstraße aufgenommen. In dem hier gezeigten Ausschnitt fehlt eine Person ganz links, bei der es sich evtl. um Gustav Noske handeln könnte und eine Person ganz rechts, bei der es sich evtl. um Lothar Popp handeln könnte.[6]

Novemberrevolution[Bearbeiten]

 HauptartikelNovemberrevolution

Ihren Ausgang hatte die Revolution mit der Gehorsamsverweigerung der Matrosen in Kielgenommen. Soldatenräte sollten ihren Forderungen Ausdruck verleihen. Eine spontane Bewegung erfasste weitere Hafenstädte und auch Mittel- und SüddeutschlandBeauftragte der Arbeiterparteienund Gewerkschaften übernahmen als Arbeiterräte vor Ort die politischen Funktionen.

Die Beendigung der Aufstandsbewegung in Kiel gelang nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Matrosen ohnehin die Stadt verließen. Sie marschierten, da die Bahnlinie außer Betrieb war, nach Neumünster und schwärmten von dort in alle größeren Städte des Deutschen Reichs aus, um auch dort Arbeiter- und Soldatenräte nach Kieler Vorbild zu gründen. Damit erfasste die Novemberrevolution ganz Deutschland.

Bereits am 6. November war Nordwestdeutschland unter Kontrolle der Räte. Am 7. November wurde von Kurt Eisner in Bayern die Republikproklamiert. Am 8. November erreichte die Revolution Sachsen, Hessen, Franken und Württemberg. Die dortigen Fürsten dankten ab. Am 9. November gab Reichskanzler Max von Baden unter dem Druck der Ereignisse die Abdankung Kaiser Wilhelms II. bekannt, dessen Thronverzicht die SPD-Führung gefordert hatte.

Anschließend übergab er die Regierungsgeschäfte an den SPD-Vorsitzenden Friedrich EbertPhilipp Scheidemann rief daraufhin vom Balkon des Reichstags die erste Deutsche Republik aus, während Karl Liebknecht am Stadtschloss die „Freie Sozialistische Republik“ proklamierte.

Gedenken in Kiel[Bearbeiten]

Hans-Jürgen Breustes Plastik „Wik“ erinnert im Ratsdienergarten seit 1982 an den Kieler Matrosenaufstand

Gedenktafel am KielerGewerkschaftshaus in der Legienstraße

Gedenkstätte für die zivilen Opfer der Revolutionsjahre 1918–20 auf dem Parkfriedhof Eichhofbei Kiel

Die während der Revolutionsjahre Gefallenen der Garnison fanden auf demKieler Nordfriedhof ihre letzte Ruhe

Heute erinnert in Kiel ein 1982 errichtetes Denkmal im Ratsdienergarten an den Matrosenaufstand. An der DGB-Zentrale in der Legienstraße weist eine Tafel auf den Arbeiter- und Soldatenrat hin, der in jenem Gebäude seinen Sitz hatte. In der Feldstraße markiert eine Gedenktafel den Ort, an dem die ersten Toten zu beklagen waren. Die Gefallenen des Matrosenaufstands sind auf demParkfriedhof Eichhof und dem Nordfriedhof beigesetzt. Dokumentiert sind die Ereignisse auch im Kieler Schifffahrtsmuseum.[7]

Am 7. November 2009 fand zum ersten Mal ein Gedenkmarsch statt, der von der Stadt Kiel selbst organisiert wurde.[8] Es wurde geplant, dem Bahnhofsvorplatz einen Namen zu geben, der an die Geschehnisse von damals erinnert.[9] Am 17. Juni 2011 wurde der Bahnhofsvorplatz offiziell durch Oberbürgermeister Torsten Albig in „Platz der Kieler Matrosen“ umbenannt.[10]

Geschichtswissenschaftliche Literatur[Bearbeiten]

  • Dirk DähnhardtRevolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster, 1978, ISBN 3-529-02636-0, (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 64), (Zugleich: Kiel, Univ., Diss., 1977).
  • Wilhelm DeistDie Politik der Seekriegsleitung und die Rebellion der Flotte Ende Oktober 1918. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 14, 1966, 4, ISSN 0042-5702, S. 341–369, online (PDF; 6,2 MB).
  • Rolf Fischer (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung – Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19. Reihe: Sonderveröffentlichungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte (Band 67), Ludwig Verlag, Kiel 2011, ISBN 978-3-86935-059-2.
  • Werner RahnVon Gehorsamsverweigerungen zur Revolution. Der Zusammenbruch der Kaiserlichen Marine 1918. In: Militärgeschichte Heft 3/2008, ISSN 0940-4163, S. 8–13, online (PDF; 8,54 MB).
  • Wolfram WetteGustav Noske – eine politische Biographie. Droste Verlag, Düsseldorf 1987, ISBN 3-7700-0728-X.
  • Wolfram WetteGustav Noske und die Revolution in Kiel 1918. Boyens Buchverlag, Heide 2010, ISBN 978-3-8042-1322-7; erschienen als Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, herausgegeben von Jürgen Jensen, Band 64

Romane und Essays[Bearbeiten]

  • Volker Griese: Meuterei, Revolte, Revolution. Der Aufstand der Matrosen, Kiel November 1918. In:Schleswig-Holstein. Denkwürdigkeiten der Geschichte. Historische Miniaturen, Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8448-1283-1.
  • Sebastian HaffnerDie deutsche Revolution 1918/1919. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-61622-X, (früher mit dem Titel „Der Verrat“ veröffentlicht).
  • Klaus KordonDie roten Matrosen oder ein vergessener Winter. Süddeutsche Zeitung, München 2005,ISBN 3-86615-110-1, (Junge Bibliothek 9).
  • Theodor PlievierDes Kaisers Kulis. Roman der deutschen Kriegsflotte. Dtv, München 1984, ISBN 3-423-10237-3.
  • Joachim RingelnatzAls Mariner im Krieg. Diogenes Verlag, Zürich 2004, ISBN 3-257-23441-4.
  • Ernst TollerFeuer aus den Kesseln. In: Herbert A. Frenzel, Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung – Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Band 2: Vom Biedermeier bis zur Gegenwart. 6. Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag 1970, ISBN 3-423-03102-6, (dtv3102).
  • Adrian Vogt: Das Signal veränderte Deutschland. In: Kieler Nachrichten vom 8. November 2003.

Filme[Bearbeiten]

  • WDR (gesendet 5. Januar 1975): „War Opa revolutionär?“ von Stefan Bartmann und Karl Mertes, wiss. Beratung Imanuel Geiss. Sendung zum Schülerwettbewerb im Rahmen des Gustav-Heinemann Preises. Enthält u.a. Interviews mit Lothar Popp und Gertrud Völcker.
  • WDR (gesendet 1986): Augenzeugen berichten über die Marineunruhen 1917/18 von Wolfgang Semmelroth und Claus-Ferdinand Siegfried (Regie), ca. 44 Min. Enthält viele interessante Interviews mit wichtigen Zeitzeugen
  • NDR (gesendet 1. November 1978): Matrosen, Räte, Republiken von Hartmut Idzko und Jörg Knickrehm, ca. 23 Minuten. Enthält mehrere Schilderungen u.a. von Lothar Popp
  • DEFA (1958): Das Lied der Matrosen, Regie Kurt Maetzig, 126 Min., sw. In der DDR produzierter Film Übersicht
  • 1968: November-Verbrecher, 85 Min., Lichtton, sw, D; dieser Film kann in der Regel über Stadtbildstellen ausgeliehen werden. In einer reportagehaften, fiktiven Befragung historischer Personen will der Film die Vorgänge jener Novembertage erhellen. Ihre Diskussionen und Verhandlungen werden meist in Form von Interviews mit Vertretern der Regierung, des Reichstags, der obersten Heeresleitung, mit Soldaten und Journalisten nachvollzogen. Deren Aussagen stützen sich auf historische Akten, Protokolle, Reden, Tagebücher und anderes Material.
  • Klaus Kuhl (1991): Videofilm mit Zeitzeugen: Kiel schreibt Geschichte – Matrosenaufstand im November 1918. Spieldauer 60 Minuten, Format: VHS oder DVD.
  • Kai Zimmer (Nov. 2012): “Revolution 18”, 25 Min., 16:9, Farbe und s/w. Ein eher künstlerisch ausgerichteter experimenteller Dokumentarfilm, der die Zeit vom August 1917 bis zum November 1918 aus der Perspektive der Tagebuchaufzeichnungen des Ingenieurs Nicolaus Andersen[11] schildert. Andersen arbeitete auf der Kieler Germaniawerft. Der Film wurde am 22. November 2012 in der Kieler Stadtgalerie uraufgeführt.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hochspringen De Telegraaf, 2. Oktober 1918.
  2. Hochspringen Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel, Wachholtz Verlag, Neumünster, 1978, S. 91.
  3. Hochspringen Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel, Wachholtz Verlag, Neumünster, 1978, S. 97.
  4. Hochspringen Karl von Kunowski: Erinnerungen an: Die letzten Tage der Kaiserlichen Marine 1918 beim III. Geschwader auf SMS Markgraf als wachhabender Offizier, unveröffentlichtes Manuskript, undatiert. Link: pdf.
  5. Hochspringen Wolfram Wette: Als bei der Torpedo-Division der erste Soldatenrat gebildet wurde. In: Frankfurter Rundschau, 12. Dezember 1988
  6. Hochspringen K. Kuhl: Informationen zum Foto „Kieler Matrosenaufstand“ pdf
  7. Hochspringen Kieler Schiffahrtsmuseum
  8. Hochspringen Gedenkmarsch startet an der Waldwiese; Kieler Nachrichten online, 23. Oktober 2009
  9. Hochspringen Quelle: Cathy Kietzer, Stadtpräsidentin am 7. November 2009 in ihrer Rede auf dem Bahnhofsvorplatz
  10. Hochspringen „Platz der Kieler Matrosen“ wird eingeweiht
  11. Hochspringen Eine Transkription des Tagebuchs findet sich auf http://www.kurkuhl.de