ECKHARD CORDES„Wirtschaftssanktionen kommen uns teuer zu stehen“

exklusivDie EU hat die Sanktionen gegen Russland verschärft – zunächst nur ein wenig. Doch Wirtschafts-Strafmaßnahmen sind bereits in Vorbereitung. Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses, warnt eindringlich davor.

Ostausschuss-Chef Cordes: „Eine Sanktionsspirale, bei der ich nicht sehe, wie wir da wieder herauskommen sollen“. Quelle: dapd
Ostausschuss-Chef Cordes: „Eine Sanktionsspirale, bei der ich nicht sehe, wie wir da wieder herauskommen sollen“.Quelle: dapd

BerlinEckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, hat vor Sanktionen gegen Russland gewarnt. „Wir kämen im Falle harter Wirtschaftssanktionen in eine Sanktionsspirale, bei der ich nicht sehe, wie wir da wieder herauskommen sollen“, sagte Cordes im Interview mit dem Handelsblatt (Freitagausgabe). Das Land zu ächten sei ein großer Fehler. „Russland ist die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Es hat einen hohen Investitionsbedarf und damit ein großes Potenzial“, sagte Cordes. Grundsätzlich allerdings gelte für die Wirtschaft der Primat der Politik. „Diese muss am Ende entscheiden.“

Nach den USA hatten auch die europäischen Staats- und Regierungschefs auf ihrem Gipfel die Sanktionen gegen Russland verschärft. Als Reaktion auf die angestrebte Eingliederung der ukrainischen Halbinsel Krim in die Russische Föderation wurden Einreise- und Kontosperren ausgeweitet. Außerdem wurde der erste Schritt für mögliche Wirtschaftsstrafmaßnahmen unternommen. „Wir haben die Kommission gebeten, dass sie zu solchen möglichen wirtschaftlichen Sanktionen in einem breiten Bereich vorbereitende Arbeiten trifft“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Nacht zu Freitag nach dem ersten Tag des EU-Gipfels in Brüssel.

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Cordes sieht diese Maßnahmen kritisch. Deutschland könne sich seit Jahrzehnten darauf verlassen, dass Russland die Verträge mit Deutschland erfüllt. „Auch aktuell betont die russische Seite, dass es zu keinen Lieferunterbrechungen beim Gas und Öl kommen wird“, sagte Cordes. Die Russen würden eher die Diskussion mit Sorge sehen, dass sich Europa unabhängig von solchen Lieferungen machen wolle. „Als Reaktion darauf will man sich in Zukunft stärker nach China orientieren. Das kann eigentlich nicht in unserem Interesse liegen“, warnte der Vorsitzende des Ost-Ausschusses.

Cordes zeigte sich davon überzeugt, dass „Wirtschaftssanktionen uns alle teuer zu stehen kommen“. Er wies auch auf die derzeit fehlende Investitionssicherheit in Russland hin: „Wenn ich als Vorstandschef entscheiden müsste, ob ich heute eine halbe Milliarde Euro in Russland investiere, würde ich die Entscheidung natürlich verschieben.“

Angesichts der Krim-Krise die Abhängigkeit von Russland als Energielieferant und Absatzmarkt zu verringern, lehnte Cordes ab. „Der Handel mit Russland sichert hierzulande rund 350.000 Arbeitsplätze ab, deutsche Unternehmen wie VW oder Metro haben umgekehrt einige zehntausende Beschäftigte in Russland“, sagte der frühere Chef des Düsseldorfer Handelskonzerns. Wer geschäftliche Verbindungen habe, „hat kein Interesse daran, dass es dem Partner schlechtgeht und wird immer an Kooperationen interessiert sein, im Gegensatz zu einem isolierten Land.“

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Die Regierungschefs der USA, Großbritanniens und Deutschlands rufen nach Sanktionen gegen Russland. Treffen würde das vor allem die deutsche Wirtschaft – sie hat enge Bande nach Osten aufgebaut. Zu unser aller Vorteil.

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Der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, bezeichnete im Gespräch mit den „Ruhr Nachrichten“ mögliche Wirtschaftssanktionen als eine „Katastrophe“. Etwa 6200 deutsche Unternehmen seien in Russland engagiert, für sie wären Wirtschaftssanktionen „eine regelrechte Katastrophe“, sagte Börner. Wenn die aktuellen Spannungen um die Einmischung Russlands in der Ukraine anhielten, müsse mit einem Ansteigen der Energiepreise gerechnet werden.

Börner rechnet allerdings nicht damit, dass Russland seine Öl- und Gaslieferungen nach Deutschland komplett stoppen könnte. „Da bin ich sehr gelassen – Russland hat seine Lieferverträge für Gas und Öl immer eingehalten, auch in politisch schwierigen Zeiten“, sagte Börner.

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Die USA hatten am Donnerstag gezielt 20 der engsten und langjährigen Verbündeten von Präsident Wladimir Putin aus Politik und Wirtschaft ins Visier genommen. Darunter befand sich auch der Milliardär Gennadi Timtschenko, der deswegen seinen fast 50-prozentigen Anteil an dem von ihm mitgegründeten Ölhandels-Imperium Gunvor verkaufte. Mit Arkadi Rotenberg fand sich zudem der Besitzer einer auf Pipeline-Projekte spezialisierten Firma auf der Liste derjenigen wider, deren US-Konten eingefroren und gegen die Einreiseeinschränkungen verhängt werden. Rotenberg ist auch ein langjähriger Judo-Sparringspartner Putins. Russland reagierte seinerseits mit Strafmaßnahmen gegen neun US-Abgeordnete und Regierungsmitarbeiter.

Die EU erweiterte derweil ihre Sanktionsliste um zwölf weitere Personen auf nunmehr 33, die von den Strafmaßnahmen betroffen sind. Namen nannte sie jedoch vorerst nicht. Merkel verwies darauf, dass die EU anders als die USA nur Personen mit Sanktionen belegen könne, die mit den Entwicklungen um die Krim in Verbindung gebracht werden könnten. Die Europäer sagten ferner den EU-Russland Gipfel ab. Auch die nächsten deutsch-russischen Regierungskonsultationen wurden gestrichen.

 

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