Journalismusforschung:”Ganz auf Linie mit den Eliten”

Marcus Klöckner 11.02.2013

Eine neue Studie analysiert die Berichterstattung von deutschen Spitzenjournalisten

Wie eng verbunden sind deutsche Spitzenjournalisten mit anderen Eliten unserer Gesellschaft? Und spiegelt sich die Verbundenheit zwischen Top-Journalisten und anderen Eliten auch in der Berichterstattung wider?

Uwe Krüger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, gibt Antworten auf die Fragen. In einer beeindruckenden Studie hat Krüger die Netzwerkverbindungen deutscher Spitzenjournalisten analysiert. Seine Studie, die gewaltig am pluralistisch-demokratietheoretischen Medienverständnis rüttelt, ist nun unter dem Titel“Meinungsmacht” als Buch erschienen. Ein Buch, das zu einem Standardwerk in der Journalistenausbildung und in den Redaktionen werden sollte.

Im Telepolis-Interview verrät Krüger, welche Journalisten eine besondere Nähe zur Elite aus Politik und Wirtschaft haben und berichtet, welche klassischen Techniken der Propaganda er in deutschen Leitmedien gefunden hat.

Herr Krüger, Sie haben für Ihre Studie eine aufwändige Netzwerkanalyse betrieben, um herauszufinden, wie eng der Kontakt zwischen deutschen Top-Journalisten und anderen Eliten ist. Sind die deutschen Spitzenjournalisten eng mit Eliten aus anderen gesellschaftlichen Teilbereichen verzahnt?

Uwe Krüger: Ja. Die Daten deuten darauf hin, dass sich Journalisten vielerorts in vertraulichen Runden mit den Mächtigen treffen. Und das steht in einem klaren Gegensatz zu der demokratietheoretisch begründeten Erwartung, Journalisten sollten Distanz zu den Mächtigen halten, um sie kritisieren und kontrollieren zu können.

Was genau haben Sie herausgefunden? Welche Journalisten verfügen über besonders gute Kontakte ins Elitenmilieu?

Uwe Krüger: Ich habe eine Art Landkarte von Organisationen und Veranstaltungen erstellt, in denen sowohl Eliten aus Politik und Wirtschaft als auch führende deutsche Journalisten involviert sind: darunter etwa das Weltwirtschaftsforum in Davos, die Münchner Sicherheitskonferenz, die Trilaterale Kommission und die Bilderberg-Meetings, aber auch die sogenannten Hintergrundkreise in Berlin, Kulturstiftungen oder Akademien. Insgesamt habe ich 82 solche Eliten-haltigen Organisationen erfasst, und es waren 64 Journalisten dort unterwegs – außerhalb ihrer direkten beruflichen Pflichten wie Recherchen oder Interviews. Am auffälligsten war der Befund, dass vier leitende Journalisten der “Süddeutschen Zeitung”, der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, der “Welt” und der “Zeit” stark in US- und Nato-affinen Strukturen eingebunden waren.

Bild: U. Krüger

Sie haben gegenüber den vier in Ihrer Studie genannten Journalisten mit offenen Karten gespielt. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Ihre Arbeit diesen Journalisten vorgelegt haben mit der Bitte, ihre Sicht zu schildern, die Sie dann im Anhang der Arbeit veröffentlicht hätten. Doch darauf ist niemand eingegangen?

Uwe Krüger: Es hat niemand seine Sicht niedergeschrieben. Klaus-Dieter Frankenberger von der “FAZ” und Josef Joffe von der “Zeit” begründeten das mit Zeitmangel, Stefan Kornelius von der “Süddeutschen Zeitung” damit, dass meine Arbeit “nur so strotzt vor sachlichen Fehlern”. Und Michael Stürmer von der “Welt” legte mir am Telefon seine Kritikpunkte dar. Etwas für den Anhang schreiben oder mir ein Interview geben – ich hätte ihm die Arbeit gern abgenommen -, wollte er nicht. Er fand die Idee nicht gut, dass ein Journalist einen anderen Journalisten interviewt.

Wie sind Sie auf diese Journalisten gekommen? Wie sind Sie in Ihrer Studie vorgegangen?

Uwe Krüger: Ich habe im Internet und durch Anfragen an Organisationen Personendaten gesammelt und diese netzwerkanalytisch verarbeitet. Das ergibt dann Grafiken mit größeren und kleineren Punkten und Verbindungslinien dazwischen, und man sieht, wer wie zentral in einer sozialen Umgebung liegt und wer in wie vielen Zusammenhängen auf welche Leute trifft. Bei den vier Journalisten war zu sehen, dass sie in einer Reihe von Organisationen involviert waren, in denen auch bestimmte Eliten aus Politik und Wirtschaft öfter vorkamen. Zum Beispiel sieht man, dass der Außenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, Stefan Kornelius, ständig Wolfgang Ischinger über den Weg lief, dem Cheflobbyisten des Versicherungskonzerns Allianz, der auch die Münchner Sicherheitskonferenz veranstaltet.

Kognitive Vereinnahmung

Wenn Journalisten auf diese Weise in Eliten-Zirkel und Think Tanks eingebunden sind, besteht dann nicht die Gefahr, dass Sichtweisen in ihre Berichterstattung einfließen, die in diesen Elitemilieus vertreten werden?

Uwe Krüger: Ja, mit dieser These von der “kognitiven Vereinnahmung” von Journalisten durch Eliten habe ich die Arbeit auch begonnen. Und als ich die Artikel der vier untersuchte, stellte ich tatsächlich fest: Die Journalisten lagen ganz auf Linie mit den Eliten und benutzten sogar klassische Propagandatechniken.

Haben Sie Beispiele?

Uwe Krüger: Alle vier Journalisten haben an der Münchner Sicherheitskonferenz teilgenommen, und alle vier haben die Gegner der Konferenz, die Demonstranten und die Organisatoren der Münchner Friedenskonferenz, in ihren Artikeln entweder verschwiegen, marginalisiert oder delegitimiert. Und alle vier argumentierten bei den Themen Sicherheit, Verteidigung und Auslandseinsätze der Bundeswehr ähnlich.

Wie denn?

Uwe Krüger: Sie erwähnten häufig eine Reihe von Bedrohungen, denen Deutschland vermeintlich ausgesetzt ist, mahnten die Bundesregierung zu verstärktem militärischem Engagement und empfahlen zur Durchsetzung dieser Politik mehr Führung und mehr Überzeugungsarbeit an der skeptischen Bevölkerung.

In Ihrer Studie sprechen Sie auch den “erweiterten Sicherheitsbegriff” an. Zunächst mal: Was ist das?

Uwe Krüger: Der klassische Sicherheitsbegriff aus der Zeit des Kalten Krieges meint: Wir verteidigen unser Territorium, wenn es angegriffen wird. Seit Anfang der 1990er Jahre verwenden euro-atlantische Eliten aber einen “erweiterten Sicherheitsbegriff”, der alle möglichen Gefahren einschließt: Terrorismus, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Piraterie, Drogen, organisierte Kriminalität, Flüchtlingsströme und Klimawandel. Wir verteidigen nicht mehr nur unser Territorium, sondern auch unseren Wohlstand, die Versorgung mit Rohstoffen und Energie und unsere kommunikationstechnische Infrastruktur. In die Öffentlichkeit gebracht hat das erstmals der nun verstorbene Peter Struck mit seinem Satz : “Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt”. Diese Lesart von Sicherheit teilen die deutschen Politiker und auch die Wirtschaftschefs, die Bevölkerung hat damit aber mehrheitlich ein Problem.

Sicherheitsabstand zwischen Journalisten und Eliten

Und so wie der Sicherheitsbegriff von den Eliten interpretiert wird, wird er auch von den erwähnten Journalisten verwendet?

Uwe Krüger: Ja, ohne jede kritische Reflexion. Das geht bis zur Panikmache. Beim Lesen mancher Kommentare hat man den Eindruck, wir würden ständig in höchster Gefahr schweben und ohne die Nato wären wir verloren. Bedrohungen werden plastisch ausgemalt, ihre sozialen und politischen Ursachen aber nicht analysiert. Ein solcher Journalismus macht den Bürger nicht handlungsfähig, sondern hält ihn in Unmündigkeit – da kann man sein Heil nur noch zusammengekauert unter dem Schirm einer entgrenzten Sicherheitspolitik suchen.

Und Sie denken, solche Artikel sind auf Beeinflussung durch sicherheitspolitische Eliten zurückzuführen? Weil man sich so oft trifft und miteinander plaudert?

Uwe Krüger: Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich will den Journalisten nicht unterstellen, sie würden solche Sachen schreiben, weil sie in diesen Netzwerken sind und fremde Hände ihre Feder geführt hätten. Denkbar ist auch der umgekehrte Weg: Weil die Journalisten schon vorher eine ähnliche Meinung wie die Eliten hatten, sind sie in dieses Milieu überhaupt erst aufgenommen worden.

Ich vermute folgendes: Journalisten mit Eliten-kompatiblen Werten und Meinungen haben höhere Chancen, Zugang zu den höchsten Kreisen zu bekommen, und die Einbindung in das Elitenmilieu verstärkt dann über die Zeit hinweg die Konformität. Das heißt auch: Journalisten mit Eliten-kompatiblen Meinungen haben bessere Chancen, Karriere zu machen, denn sie können im eigenen Haus und in der Branche mit exklusiven Informationen und hochrangigen Interviewpartnern punkten.

In der aktuellen Ausgabe des Medienmagazins Message findet sich ein Interview mit dem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf. Auf die Frage, ob vertrauliche Gespräche zwischen Journalisten und Politikern zu viel Vertrauen führen, antwortet Deppendorf:

“Wir haben ja häufiger vertrauliche Gespräche in Berlin, mit der Kanzlerin gibt es zweimal oder dreimal im Jahr einen Hintergrundgesprächskreis, da sind alle Büroleiter drin. Uns gibt das eine Vorstellung, wie tickt sie, wo will sie hin – und manchmal kann man das dann andeuten in bestimmten Artikeln und Stellungnahmen. Davon lebt der Journalismus. Ich finde das weniger dramatisch, man muss nur immer klar sagen: Die Kanzlerin vertritt die eine Seite und wir stehen auf der andereren.”

Wie lesen Sie so eine Aussage?

Uwe Krüger: Ich finde, Herr Deppendorf untertreibt die Dramatik. Ich will nicht sagen, er soll sich aus dem Büroleiterkreis der Kanzlerin fernhalten – wenn seine Konkurrenten und Kollegen von diesen Hintergrundinformationen profitieren und er nicht, wäre er vermutlich bald raus aus dem Geschäft. Aber sein Blick auf die Welt bleibt davon vermutlich nicht unbeeinflusst, und es wäre dann wichtig, sich als Ausgleich auch mit Nicht-Eliten zu unterhalten, um nicht alles durch die Brille von Frau Merkel und vom “Raumschiff Berlin” aus zu sehen.

In Ihrer Arbeit sprechen Sie sich für einen “Sicherheitsabstand zwischen Journalisten und Eliten” aus. Wie sollte dieser aussehen?

Uwe Krüger: Ich will nicht jeglichen Kontakt zwischen Journalisten und Eliten unterbinden, eine gewisse Nähe ist zur Informationsbeschaffung nötig. Aber ich finde, dass Journalisten keine Aufgaben in Organisationen übernehmen sollten, wenn es dort thematische oder personelle Berührungspunkte mit ihrem Berichterstattungsfeld gibt.

Es gab in meiner Untersuchung einen Außenpolitik-Ressortleiter, der im Präsidium der Deutschen Atlantischen Gesellschaft saß, einem Lobbyverein für die Nato. Und es gab Außenpolitik-Ressortleiter und einen ZDF-Hauptstadtstudioleiter, die im Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik saßen und dort die Bundesregierung in Sicherheitsfragen berieten. Wenn das nicht mehr ginge, wenn solche Ehrenämter für Journalisten zum Tabu erklärt würden, dann wäre schon viel gewonnen.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38515/1.html

Uwe Krüger: MeinungsmachtWie kommt die Meinung in die Welt?

08.09.2013  ·  In Milieus verstrickt: Uwe Krüger untersucht, wie Eliten mit ihren Netzwerken wichtige Journalisten gedanklich vereinnahmen. Ein Meinungsmonopol wird daraus aber nicht.

Von BORIS HOLZER

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Auch wenn oft von „der“ öffentlichen Meinung die Rede ist, erwartet man von der politischen Öffentlichkeit demokratischer Staaten, dass sie keineswegs nur eine Meinung, sondern viele Meinungen toleriert. Gerade Meinungsumfragen zeigen – auch dann, wenn sie das Spektrum der Meinungen für Erhebungszwecke zurechtschneiden und verkürzen -, dass es so etwas wie eine von allen geteilte Meinung zu keinem Thema gibt. Dennoch mag gelegentlich der Eindruck entstehen, dass das Potential möglicher Meinungen zu einem Thema nicht recht ausgeschöpft wird.

Wenn sich daraus ein Meinungsbild ergibt, das den Präferenzen der Regierenden oder einflussreicher Gruppen entspricht, liegt der Verdacht nahe, es gehe nicht mit rechten (beziehungsweise rechtsstaatlichen) Dingen zu. Dies wäre offensichtlich der Fall, wenn man beobachten könnte, dass abweichende Meinungen mit Sanktionen zu rechnen haben. Andernfalls aber stellt sich die Frage: Wer manipuliert eigentlich – und wie?

„Meinungsmacht“ in den Händen vermeintlicher Eliten

Die „Meinungsmacht“, so die These der kürzlich als Buch erschienenen Dissertation des Medienwissenschaftlers Uwe Krüger, liegt dann nicht bei einem einzelnen Machthaber (zum Beispiel der Staatszensur), sondern verteilt sich auf Netzwerke einflussreicher Eliten, in die auch meinungsbildende „Alpha-Journalisten“ eingebunden sind. Letztere werden natürlich nicht erpresst oder anderweitig dazu gezwungen, bestimmte Meinungen zu vertreten, sondern von den Eliten in Politik und Wirtschaft „kognitiv vereinnahmt“. Journalisten nehmen etwa an Veranstaltungen der „Bundesakademie für Sicherheitspolitik“ oder der „Atlantischen Initiative“ teil und geraten dadurch in ein Milieu, dessen Deutungen sie übernehmen. Um diese These plausibel zu machen, müsste sowohl die inhaltliche Übereinstimmung der von den Journalisten vertretenen Positionen mit jenen der Eliten als auch ihre Einbindung in persönliche Netzwerke gezeigt werden können.

Krüger versucht dies, indem er für den Zeitraum einerseits die Verbindungen von Journalisten zu 82 Organisationen mit „Kontaktpotenzial“ untersucht, andererseits die Artikel von vier Journalisten, die im „transatlantischen Elitenmilieu“ gut vernetzt sind, zu sicherheitspolitischen Fragen inhaltsanalytisch untersucht. Als Ergebnis hält der Autor fest: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Süddeutsche Zeitung“, „Welt“ und „Die Zeit“ berichteten im Zeitraum von 2002 bis 2010 „unkritisch bis persuasiv“ und übernahmen insbesondere den Auslandseinsätze legitimierenden „erweiterten Sicherheitsbegriff“.

Ein paar Journalisten ergeben noch keine öffentliche Meinung

Als Gegenprobe wird die Berichterstattung von „Frankfurter Rundschau“ und „taz“ herangezogen: Diese berichteten zwar anders, vertraten aber keine klare Gegenposition. Krüger räumt ein, dass diese Befunde nicht belegen können, dass die Kontakte zu einschlägigen Organisationen und Gesprächskreisen tatsächlich die Berichterstattung beeinflussen; es ist genauso gut möglich, dass die Journalisten dort mitwirken, weil sie entsprechende Meinungen bereits vorher hatten. Dennoch meint er, zumindest eine starke Affinität zwischen den Verbindungen zu „US- und Nato-nahen Organisationen“ und einer mit der Politik dieser Organisationen wohlwollend umgehenden Berichterstattung aufgedeckt zu haben.

Insofern jedoch eine Kausalität nicht eindeutig nachweisbar ist, bleibt der Ertrag der Studie in diesem Punkt unklar. Um zu wissen, dass ein Journalist wie der „Zeit“-Autor Josef Joffe (der einer der hier untersuchten „Alpha-Journalisten“ ist) nicht zu den hemmungslosen Kritikern der Nato gehört, bedarf es im Grunde keiner Inhaltsanalyse. Diese erlaubt zwar eine detailliertere Beschreibung dessen, was man auch so lesen kann. So mag man zum Beispiel herausfinden, dass Joffe häufiger als sein „SZ“-Kollege Kornelius betont, man müsse das Bündnis mit den Vereinigten Staaten pflegen – aber im Gegensatz zu den anderen Kommentatoren die Welt insgesamt nicht für gefährlich und unübersichtlich hält.

Doch was fängt man an mit diesem Befund? Sollte Herr Kornelius beruhigt werden, weil er die Lage zu dramatisch sieht? Oder wäre Herrn Joffe nahezulegen, etwas mehr allgemeine Besorgnis an den Tag zu legen? Dass derartige Unterschiede sehr aussagekräftig sind, glaubt auch Krüger nicht. Ihm kommt es vielmehr auf die Gemeinsamkeit an, dass die vier Journalisten sich auf der Basis eines „erweiterten Sicherheitsbegriffs“ für ein deutsches Engagement bei Nato-Einsätzen starkmachen. Man könnte einwenden: Vier Journalisten ergeben noch keine öffentliche Meinung, auch wenn es sich um „Alpha-Journalisten“ handelt.

Weitere Artikel

Diesem Einwand begegnet Krüger, indem er die Berichterstattung über die Münchner Sicherheitskonferenz in den Jahren 2007 bis 2010 untersucht. Hierbei interessiert ihn nicht nur, wie die Konferenz selbst dargestellt und bewertet wurde, sondern insbesondere die Behandlung der Protestaktionen. Wiederum zeigt sich, dass „FR“ und „taz“ kritischer berichteten und auch die Proteste zumindest mit Schlagworten zitierten; in den anderen Zeitungen hingegen wurden sie ignoriert (F.A.Z.), nur am Rande behandelt (“Welt“) oder allenfalls im Lokalteil ausführlicher angesprochen (“SZ“).

Es wäre überraschend gewesen, wenn andere (oder gar keine) Unterschiede in der Berichterstattung festgestellt worden wären. Ob die unterschiedlichen Bewertungen sicherheitspolitischer Fragen auf die „enge Verflechtung mit wirtschaftlicher und politischer Macht“ zurückzuführen sind, bleibt trotz des Engagements von vier Journalisten in zahlreichen „Nato- und US-nahen Netzwerken“ offen.

Enttäuschung vor programmiert

Das liegt nicht nur daran, dass Zusammenhänge allein keinen Aufschluss geben über das Zustandekommen von Meinungen und Netzwerken (und deren wechselseitige Beeinflussung). Die Frage nach der Kausalität kann deshalb nicht abschließend beantwortet werden: Wählen die Journalisten ihre Gesprächspartner und Engagements aufgrund ihrer Meinungen – oder umgekehrt? Das ist nicht unbedeutend, weil davon auch die Bewertung der Ergebnisse abhängt. Denn Krüger möchte natürlich nicht nur darauf hinweisen, dass verschiedene Printmedien unterschiedlich berichten. Es geht ihm vielmehr darum, dieses Bias zu erklären – und zu bewerten. In seinem Buch ist deshalb oft von „journalismusethischen“ und „demokratietheoretischen“ Erwartungen die Rede, die durch die vorliegenden Ergebnisse enttäuscht würden.

Betrachtet man diese Erwartungen genauer, erscheinen sie teilweise etwas hochgesteckt und von daher vielleicht besonders enttäuschungsanfällig. Wenn man dem Journalisten die „Berufsrolle des neutralen Beobachters“ zuweist, von der Berichterstattung grundsätzlich mehr erwartet, als die Meinungsvielfalt der politischen Eliten abzubilden, und dies von einer „funktional höheren Warte“ aus, so ist die Enttäuschung im Grunde programmiert. Es bleibt dem normativen, sich an ethischen Maßstäben orientierenden Beobachter unbenommen, anspruchsvolle Erwartungen zu formulieren und sich auch von Enttäuschungen nicht irritieren zu lassen. Doch im Bereich der empirischen Wissenschaften sind enttäuschte Erwartungen häufig ein Hinweis darauf, dass die Theorie nicht stimmt.

System der Massenmedien

In diesem Fall könnte man deshalb vermuten, dass die genannten normativen Ansprüche keine gute sozialwissenschaftliche Theorie sind. Eine solche müsste vielmehr davon ausgehen, dass Erwartungen wie Pluralität oder gar Neutralität nicht durch den einzelnen Journalisten oder sogar den einzelnen Bericht eingelöst werden, sondern – wenn überhaupt – durch das System der Massenmedien als Ganzes.

Ungeachtet der im Detail aufschlussreichen Ergebnisse von Krügers Studie muss man deshalb die Befürchtung nicht unbedingt teilen, dass die öffentliche Meinung insgesamt durch politische und wirtschaftliche Eliten kontrolliert würde. Aus Sicht mancher der genannten Zeitungen könnte es aber durchaus Anlass zur Besorgnis geben, wenn ihre Journalisten sich in so vielen Netzwerken, Gesprächskreisen und Foren engagieren: Man fragt sich, ob sie für intensive Recherchen überhaupt noch Zeit haben.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/uwe-krueger-meinungsmacht-wie-kommt-die-meinung-in-die-welt-12564777.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

 

Re-Feudalisierung und Privatisierung der Macht?

Zur Bilderberg-Konferenz 2010

Von Detlef Grumbach

Händeschütteln und netzwerken.

Händeschütteln und netzwerken. (Stock.XCHNG / Philippe Ramakers)

Die sogenannten Bilderberg-Konferenzen finden seit 1954 jährlich an wechselnden, möglichst geheim gehaltenen Orten statt. Angeblich sind die Treffen rein privater Natur, doch wenn die Mächtigen aus Wirtschaft und Adel Politiker zum geheimen Gespräch laden, wundern sich auch Menschen, die keinen Verschwörungstheorien anhängen.

“Wer Amt innehat, tut nichts, das rein privat ist.”

Hans-Jürgen Krysmanski, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Münster, glaubt nicht, dass sich Vertreter europäischer Königshäuser, des transatlantischen Geldadels und der hohen Politik rein privat treffen können.

“Abgesehen mal von familialen Bezügen, aber alles, was mit politisch relevanten Inhalten und Diskussionen und Entscheidungen zu tun hat, ob das in vertraulichen Beratungen erfolgt oder im Parlament selber, kann niemals privat sein beziehungsweise ist immer irgendwie öffentlich.”

“Die Bilderberg-Konferenzen sind informelle private Treffen von Funktionseliten aus Politik, Wirtschaft, Militär, Gewerkschaften, Medien und Hochschulen. Die meisten Teilnehmer kommen aus NATO-Staaten. Bei den Gesprächen werden vor allem Probleme der Weltwirtschaft und der internationalen Beziehungen besprochen.”

So informierte dagegen kurz und bündig die Website der FDP, als ihr Vorsitzender Guido Westerwelle 2007 an der Bilderberg-Konferenz in Istanbul teilgenommen hatte. Alles Weitere sei “privat”, auch, wenn man im Parlament sitzt und Außenminister werden möchte. Das diesjährige Treffen, so heißt es in Internetforen, beginnt morgen in Spanien, genauer gesagt in Sitges, in der Nähe von Barcelona, in einem abgeschotteten Luxushotel. Aber so ganz genau weiß man das noch nicht. Denn ob ein Treffen stattfindet, und wenn ja wo und mit wem, dazu ist vom Organisationsbüro der Konferenz nichts zu erfahren – im Vorfeld der Konferenz. Erst im Nachhinein erfährt man, dass es das Treffen gegeben hat und wer eingeladen war. Sonst aber nichts. Geheimniskrämerei auf höchstem Niveau.

Die sogenannten Bilderberg-Konferenzen finden seit 1954 jährlich an wechselnden, möglichst geheim gehaltenen Orten statt. Das erste Mal trafen sich die Mächtigen und die Reichen auf Einladung von Prinz Bernhard der Niederlande in dessen Hotel Bilderberg in Oostebek. Daher der Name der Konferenz. Zum engsten Kreis der Teilnehmer gehören von Anfang an auch die englischen und belgischen Königshäuser, Bankiers wie die Rothschilds und die Rockefellers sowie die politischen und militärischen Strategen des nordatlantischen Bündnisses. Aus Deutschland waren in den 50er-Jahren unter anderen Hermann Josef Abs und Otto Wolf von Amerongen dabei, seit 2004 darf man Josef Ackermann als Stammgast dort bezeichnen. Auch Joschka Fischer, Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Otto Schily und Günter Verheugen waren dort.

Ziel der Konferenzen – so sagen es die Organisatoren -war und ist: Europa und die USA enger aneinander zu binden und die Vereinigung Europas unter dem Primat eines transatlantischen Bündnisses voran zu treiben. Verschwörungstheoretiker halten die Bilderberg-Konferenzen hingegen für ein geheimes, von Jesuiten gesteuertes Machtzentrum, in dem die Vereinigung Europas beschlossen worden ist und das jetzt nach der Herrschaft über die ganze Welt greift. Sogar über künftige Präsidenten und deren Agenda soll dort entschieden werden, so die Theorien und Phantasmen, die vor allem im Internet verbreitet werden. Dort findet sich auch dieses vermeintliche Beispiel für die angebliche Macht der Bilderberger sogar über die US-Politik.

1991 soll Bill Clinton, damals noch Gouverneur von Arkansas, an der Konferenz teilgenommen haben und dort auf das Projekt des nordamerikanischen Freihandelsabkommens eingeschworen worden sein. Er habe Unterstützung zugesagt. Ein Jahr später sei er im Weißen Haus angekommen. Am 1. Januar 1994 trat das Abkommen in Kraft.

Der Hamburger Historiker Bernd Greiner, Bereichsleiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Experte für den Kalten Krieg, winkt ab:

“Wir haben es mit einer, Luhmann würde sagen, funktionalen Ausdifferenzierung von Staatlichkeit zu tun. Und wir sind weit davon entfernt, diese Zuständigkeiten so gebündelt zu sehen, wie es bisweilen unterstellt wird. Es gibt dieses eine, steuernde Zentrum weder in der Ökonomie noch in der Politik. Die Ratlosigkeit der Politik angesichts einer Krise wie Griechenland oder die verminderten Interventionspotenziale spiegeln genau das Problem.”

Stellt Bilderberg dennoch den Versuch dar, einmal im Jahr das große Ganze in den Blick zu nehmen? Etwa 130 Personen nehmen jedes Jahr an diesen Konferenzen teil – bedeutend weniger als beispielsweise beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Ein Sekretariat und ein Lenkungsausschuss bestimmen, wer eingeladen wird. Diesem Lenkungsausschuss gehört übrigens der stellvertretende Chefredakteur der “Zeit”, Matthias Nass, an. Neben einem harten Kern der Bilderberger werden immer wieder auch Nachwuchskräfte hinzugezogen, junge Politiker, die man kennenlernen und einschätzen will, aus denen einmal etwas werden könnte. Solche wie Clinton. Oder Westerwelle.

Laut inoffizieller Teilnehmerliste der Konferenz 2007 hatte der FDP-Vorsitzende beste Gelegenheiten, “Probleme der Weltwirtschaft und der internationalen Beziehungen” zu besprechen: mit dem US-Diplomaten und Investmentbankers Richard C. Holbrooke, Henry Kissinger, dem französischen Außenministers Bernard Kouchners, dem damaligen DaimlerChrysler-Chefs Jürgen E. Schrempp, den Milliardären David Rockefeller, George Soros, Jacob Wallenberg. Auch der damalige Post-Chef Zumwinkel war mit von der Partie, die Vorstandschefs von Siemens, Goldman Sachs, Coca-Cola und Royal Dutch Shell.

“Es ist ja schon so, dass wenn sich die Reichen und Mächtigen zusammensetzen und über die Welt reden und was da passiert und was da passieren soll, dass wir als Bürger davon in irgendeiner Art und Weise früher oder später dann betroffen sind.”

So wundert sich auch der Münchener Mediensoziologe und Publizist Rudolf Stumberger über diese Auffassung von privaten Treffen:

“Das sehen wir ja gerade ganz konkret an dem, was auf den Finanzmärkten passiert. Und daher ist das schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn diese Treffen fern ab jeder demokratischen Öffentlichkeit stattfinden.”

Auch das Weltwirtschaftsforum in Davos ist ein privat organisiertes Treffen, genau so wie die Atlantikbrücke, die Münchner Sicherheitskonferenz oder auch die Treffen der Trilateralen Kommission. Sie wurde von David Rockefeller gegründet und wird von ihm finanziert, sie widmet sich dem Verhältnis USA-Europa-Japan. Oder auch Henry Kissingers Council on Foreign Relations oder Joschka Fischers European Council on Foreign Relations, als dessen Hauptsponsor George Soros auftritt. Auch hier bestimmen private Veranstalter, wer eingeladen wird, welche Journalisten akkreditiert werden.

Alle diese Treffen, vor allem aber die zahlreichen privat finanzierten Thinktanks und Elite-Universitäten, hält Bernd Greiner für bedeutsamer als die Bilderberger:

“Wir schreiben im Moment hier am Institut an einer intellectual history of the cold war, also an einer Zusammenfassung der intellektuellen Impulse und wie das spezifische Denken der Zeit das Nachdenken über Gesellschaft verändert hat. In diesem Zusammenhang spielt Bilderberg überhaupt keine Rolle.”

Für Greiner konstituieren sich in diesen Konferenzen nicht die Machtverhältnisse, vielmehr würden sie dort lediglich reflektiert.

“Und wie diese Machtverhältnisse zustande kommen, das ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, das sind lange Prozesse, wo auch die Gegenseite mit ihren Gegenentwürfen gefragt ist und was sich in bestimmten Konstellationen nach der einen oder anderen Seite hin austariert.”

Auch wenn Greiner zu Recht daran erinnert, dass die Reichen und Mächtigen nicht allein auf der Welt sind: Wer in diesen elitären Kreis eingeladen wird, darf von sich glauben, dazuzugehören. Er wird alles dafür tun, dass das so bleibt, wird sich korrumpieren lassen. Rudolf Stumberger zumindest behauptet:

“Dass praktisch zwischen die Welt der Wirtschaft und die Welt der Politik kein Blatt mehr passt. Also diese beiden Bereiche gehen zunehmend nahtlos ineinander über, wenn wir das an den Personen festmachen.”

Und so kommt der Mediensoziologe zu diesem Ergebnis: Wir erleben derzeit, so sein Eindruck,

“Tendenzen der Re-Feudalisierung. Das heißt, dass neben den offiziellen Strukturen, neben den demokratischen Strukturen, dass die inoffiziellen Strukturen zunehmend wieder an Gewicht gewinnen. Und diese Eliten, diese selbst ernannten Eliten, die oben sitzen, die schotten sich zunehmend ab.”

Die Geheimhaltung der Bilderberger gehört zum besonderen Flair ihrer Konferenzen. Doch sickert bei einer gut vernetzten und wachsenden Zahl kritischer Beobachter immer wieder etwas durch.

Als “privat” wurde auch ein Spargelessen im Kanzleramt bezeichnet. Die Kanzlerin hatte es im Frühjahr 2008 gegeben, Deutsche Bank-Chef Ackermann hatte einen runden Geburtstag. Zu Tisch saßen Vorstände und Aufsichtsräte großer deutscher Unternehmen, Stars aus dem Showgeschäft sowie Friede Springer und der “FAZ”-Herausgeber Frank Schirrmacher. Als die Angelegenheit herauskam, war die Aufregung groß.

Das Abendessen im Kanzleramt, das war Kleinkram im Vergleich zu den Bilderberg-Konferenzen. Über sie erfährt man allerdings nicht einmal die Speisefolge. Im letzten Jahr gab es Proteste gegen das Treffen in Griechenland, einige Medien berichteten und Gesine Lötzsch fragte die Bundesregierung, welche Mitglieder der Bundesregierung an Bilderberg-Konferenzen teilgenommen hätten. Plural: Konferenzen. Nicht nur die von 2009. Die Regierung weicht aus und antwortet nur, dass in Griechenland niemand dabei war. Gesine Lötzsch:

“Solche Konferenzen wie die Bilderberg-Konferenz beeinflussen ja sehr stark politische Entscheidungen. Wir reden gerne vom Primat der Politik, Frau Merkel sagte in einer ihrer letzten Reden, in der es um die Finanzkrise ging, wir müssen endlich das Primat der Politik wieder herstellen. Aber sie und ihre politischen Freunde haben dazu beigetragen, dass das Primat der Politik immer weiter zurückgedrängt werden konnte und sie haben einen aktiven Beitrag geleistet.”

Zu den Teilnehmern der Bilderberg-Konferenzen aus Deutschland gehören, schaut man sich nur die Konferenzen seit dem Jahr 2000 an, neben den bereits genannten: unter anderen:

Top-Manager Gerhard Cromme, Axel-Springer-Vorstand Matthias Döpfner, Ex-Diplomat und Allianz-Lobbyist Wolfgang Ischinger, Zeit-Herausgeber Josef Joffe, Ministerpräsident Roland Koch, Auto-Lobbyist Matthias Wissmann. 2008, ein Jahr nach Guido Westerwelle, hat auch der damalige außenpolitische Sprecher der CDU/CSU und jetzige Staatsminister im Kanzleramt, Eckart von Klaeden, teilgenommen.

“Auf der Konferenz können Sie ungehindert und offen über aktuelle Probleme der Weltpolitik und -wirtschaft diskutieren. Daher ist die Tagung auch vertraulich und findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dies ist die Vereinbarung unter allen Teilnehmern, die ich nicht brechen werde.”

So rechtfertigt er auf der Website “Abgeordnetenwatch.de” sein Schweigen über die Konferenz. Die Reisekosten zahlte aber der Bundestag. Denn:

“Meine Teilnahme ist kein Privatvergnügen.”

Hans Jürgen Krysmanski: “Bilderberg, Davos, das sind so die Höhepunkte einer ständig ablaufenden Absprache, Verständigung, eines ständigen Arbeitens von Lobbyisten, von Seilschaften, usw., usw.”

Hans-Jürgen Krysmanski ist Autor der Studien “Wem gehört die EU” und darüber, “wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen”. Titel: “Hirten & Wölfe”. Der Soziologe ordnet die Bilderberger in die übrigen Begegnungen der Reichen und Mächtigen ein:

“Und dieses ganze Netz ist natürlich sehr viel komplizierter als es manche Verschwörungstheoretiker meinen, die dann sagen: Bilderberg, das ist die Weltregierung, oder in Davos, da wird alles entschieden. Das ist völliger Unsinn. Das Wichtige und Interessante ist eben nur, dass diese informellen Netzwerke aus zwei Richtungen gesehen werden können. Sie können einerseits gesehen werden als etwas, was notwendig ist, was man aber transparent machen muss. Oder sie können gesehen werden als etwas, das nicht transparent gemacht werden muss, sondern das als eine Tür dient, hinter der dann auch heikle Entscheidungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefällt werden.”

Krysmanski gehört zu den Anhängern der “Power Structure Research”, einer sozialwissenschaftlichen Forschung, die den Blick von unten nach oben richtet. Über Hartz-IV-Empfänger, so sagt er, weiß man so ziemlich alles, dafür sorgen schon die Kontrolle der Ämter und eine begleitende Sozialforschung.

Über die Reichen und Mächtigen dagegen wisse man nahezu gar nichts. Dabei seiend diese es, so Krysmanski, die wirklich die Macht in den Händen halten:

“Und man sieht ja auch, mit welcher Frustration Frau Merkel oder seinerzeit Herr Steinbrück sich mit den Banken-Mächtigen messen. Macht hat auch etwas mit dieser Geld-Macht-Dimension zu tun und insofern können Politiker auch gar nicht die Ebene darüber, die Finanzeliten etwa, kontrollieren. Das hat Herr Tietmeyer ja schon vor einigen Jahren sehr deutlich gesagt, die Politiker machten sich gar keine Vorstellungen davon, wie sehr sie von den Finanzmärkten abhängig sind. Das hat er 1996 schon gesagt.”

Liegt die Problematik der Bilderberg und anderer privater Konferenzen gar nicht darin, was dort womöglich beschlossen wird? Liegt sie darin, dass nicht transparent ist, wer die Regie führt? Dass Teilnehmer und Inhalte sich nicht einer öffentlichen Debatte stellen müssen? Dass sie auf diese Weise im Hintergrund und ohne Widerspruch einen Mainstream erzeugen, der dann als “alternativlos” gilt? Eines geben diese Konferenzen wohl mit Sicherheit vor: die Blickrichtung eines wesentlichen Teils der Politik – von oben nach unten.

Und wie ist es um die Blickrichtung der großen Medien bestellt? Einige von ihnen zählen auch zum erlauchten Kreis der Bilderberger. Nicht einmal 2005, als die Konferenz im bayrischen Rottach-Egern stattfand, war dies dem publizistischen Platzhirschen, der Süddeutschen Zeitung, eine Zeile wert. Neben Hubert Burda nehmen Springer-Vorstand Matthias Döpfner, Vertreter der Financial Times und anderer Zeitungs-Mogule an den Bilderberger Konferenzen teil.

“Alpha-Journalisten embedded”, eingebettet und verstrickt also, so überschrieb Uwe Krüger deshalb vor drei Jahren einen der wenigen Berichte, die über die Bilderberger in Deutschland erschienen sind. Und zwar in der Medienzeitschrift Message. Er erinnert mit Blick auf die Konferenzen an einen journalistischen Grundsatz, den er in Gefahr sieht:

“Es gibt eine Grenze, die wird von dem alten Merksatz bestimmt: Überall dabei sein, ohne dazuzugehören. Bilderberg ist eine Geschichte, da muss man dazugehören, um rein zu kommen. Und da sehe ich die Gefahr, dass die Unabhängigkeit verloren geht, dass man sich verpflichtet, verheddert in Loyalitäten und Abhängigkeiten.”

Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für praktische Journalismusforschung in Leipzig arbeitet an einer Dissertation über den Elite-Journalismus und die Netzwerke, in denen er sich bewegt – weit über die Bilderberger hinaus. Er recherchiert, welche Chefredakteure oder Ressortchefs der wenigen meinungsbildenden Medien in welchen Organisationen tätig sind, welche Tagungen sie besuchen, auf welchen Podien sie die große Politik mit diskutieren. Als Ergebnis sieht er eine Art publizistisches Spinnennetz mit mehr oder weniger dicken Fäden und Knoten, die für einzelne Kontakte zwischen Politik, Lobby und Medien stehen.

“Wenn man diese Netzwerke näher analysiert, kommt man zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass der Außenpolitik-Chef der Süddeutschen und der Außenpolitik-Chef der Frankfurter Allgemeinen, die ja konkurrierende Zeitungen sind, ein Netzwerk haben, die in großen Teilen übereinstimmend sind. Das ist schon erstaunlich und das mag auch Auswirkungen haben auf die Färbung von Berichterstattung, auf einen gewissen Gleichklang, auf einen Mainstream, der vielleicht entsteht, weil die Schlüsselpersonen mit denselben Politikern und Wirtschaftsleuten in Kontakt sind.”

Das muss nicht heißen, dass es keine Widersprüche und Nuancen in den Berichten gibt. Die große Linien aber, der Sound, stimmt überein. Dafür, dass verantwortliche Redakteure der Wochenzeitung “Die Zeit” schon über viele Jahre eng mit den Bilderbergern verflochten sind und dennoch wie alle anderen teilnehmenden Journalisten nie auch nur eine Zeile über die Konferenzen berichten, dafür hat auch der Mediensoziologe Rudolf Stumberger kein Verständnis:

“Wenn auf diesen Treffen etwas Bedeutsames wirklich verhandelt wird, dann ist es ganz selbstverständlich die Pflicht des Journalisten, das irgendwie öffentlich zu machen. Das ist ja ganz klar. Wenn aber dort nichts Wichtiges verhandelt wird, wenn es da nur um allgemeines Gerede geht, dann ist natürlich die Frage: Warum gehe ich da als Journalist überhaupt hin? Und dann bleibt eigentlich nur die Schlussfolgerung: Es geht einfach um persönliche Eitelkeit. Und es gibt auch manche Journalisten, die möchten ganz gerne mitspielen im politischen Geschäft, die sehen sich also weniger als Berichterstatter und Chronisten, sondern die sehen sich als Player.”

Auch wenn die Frankfurter Rundschau und der Spiegel in der Netzwerkanalyse Uwe Krügers eher am Rande stehen: Auch sie haben den investigativen Bericht über die Verflechtungen der Bilderberger, über diese internationale Form der “Privatisierung der Macht” noch nicht gedruckt. Die Verfilzung von Medien und Macht steht allerdings für den Soziologen Hans-Jürgen Krysmanski nicht im Zentrum seiner Kritik an den Bilderberg-Konferenzen. Für ihn bleibt es bedeutsamer,

“sich auf diejenigen zu konzentrieren, die diese Treffen ja letztlich anberaumen. Und das sind eben nicht Politiker, sondern das sind die Mächtigen aus der Wirtschaft, das sind die Mächtigen aus traditionellen Herrschaftskreisen, wie etwa aus dem Adel, gerade was die Bilderberger angeht, und die Politiker werden hinzugezogen.”

http://www.deutschlandfunk.de/re-feudalisierung-und-privatisierung-der-macht.724.de.html?dram%3Aarticle_id=99848