Die im Dunkeln sieht man nicht

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Zerschlagen, verstümmelt, registriert und vergessen: Was die Vernichtungsmaschinerie des Ersten Weltkriegs produzierte.

Von Von Wolfgang Eckart

 

Was der engagierte Redakteur Erich Kuttner nach Streifzügen durch Berliner Lazarette den sozialdemokratischen Genossen am Mittwoch des 8. September 1920 im Vorwärts an Lesestoff zumutete, war schon damals wenig erbaulich und lässt noch heute erschaudern: “In das kleine Geschäftszimmer tritt ein Mann, der quer über die Mitte des Gesichts eine Binde trägt. Er nimmt sie ab und ich starre in ein kreisförmiges Loch von der Größe eines Handtellers, das von der Nasenwurzel bis zum Unterkiefer reicht. Das rechte Auge ist zerstört, das linke halb geschlossen. Während ich mit dem Mann rede, sehe ich das ganze Innere seiner Mundhöhle offen vor mir liegen… wie bei einem anatomischen Präparat. Einstweilen hat er seine achtzehnte Operation überstanden”.

Deutsche in britischer Gefangenschaft

Verängstigt und erschöpft: Deutsche Soldaten in britischer Gefangenschaft. 

(Foto: Foto: dpa)

Kuttner, Begründer der Kriegshinterbliebenenfürsorge, ist auf einen der gesichtslosen Kriegsversehrten getroffen, von denen viele so entsetzlich verstümmelt sind, dass sie sich wie vom Aussatz gezeichnet nicht mehr nach Hause trauen und selbst Spiegel in den Lazaretten panisch meiden. Um diese Menschen, schreibt Kuttner, macht selbst der “patentierte Patriotismus einen weiten Bogen”. Er hat sie “vergessen, denn sie stören ihn”.

Ins Innerste vergraben

Doch das Verdrängen misslang. Die heimischen Straßen der Kriegs- und Nachkriegszeit sprachen ihre eigene deutliche Sprache. Und es gab Pazifisten, die sich dem Vergessen entgegenstellten. Der Junganarchist Ernst Friedrich (1894-1967) hat mit seinem erschütternden Bilderalbum über die Grausamkeit des I. Weltkrieges, “Krieg dem Kriege” (1924), der Öffentlichkeit die verstümmelnde “Fratze” des erlittenen Krieges mit der monströsen “Gesichtslosigkeit” der Fazialverletzten, dem schreienden Leid der stummen Sprach- und Wortverständnislosen und der verzweifelten Lichtsuche tausender Kriegsblinder in brutaler Anschaulichkeit nahe gebracht und damit den Zynismus Hindenburgs (“Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur”) konterkariert. Die Frontsoldaten badeten in Blut und verloren Gesichter und Gliedmaßen.

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Anfang 1915, noch vor den verlustreichen großen Materialschlachten im Westen, schätzte der Orthopäde Konrad Biesalski die Zahl der bereits Verstümmelten deutschen Soldaten auf “nur” etwa 30000, immerhin. Seine Befürchtungen sollten indes bei weitem übertroffen werden. Der erste moderne Weltkrieg der Menschheitsgeschichte mit seinen neuen, perfektionierten Tötungs- und Verstümmelungstechniken hinterließ ein Heer der Versehrten, der Blinden, der Amputierten, der an Körper und Seele Zerschmetterten und Entstellten, wie sie die Straßenbilder aller Kriegsparteien beherrschten und die Erinnerungen an den Weltkrieg für Jahrzehnte immer wieder aufs Neue schmerzhaft in die Erinnerung zurückzwangen.

Statistik des Leidens

Der Sanitätsbericht über das Deutsche Heer bilanzierte 1934 die Anzahl der durch Verwundung, Unglücksfall, Selbstmord und Krankheit zwischen dem 2. August 1914 und dem 31. Juli 1918 verstorbenen Soldaten auf 1.202.042; dieser Zahl, die wegen des Abbruchs der Truppenkrankenrapporte im Juli 1918 bis zum Kriegsende noch ganz erheblich anwuchs, stand für den gleichen Berichtszeitraum die der insgesamt 702.778 aus dem Heer als “dienstunbrauchbar” Entlassenen (503.713 mit, 199.065 ohne Versorgung) gegenüber.

Von der Gesamtzahl der “Dienstunbrauchbaren” mit Versorgung wiederum waren 89.760 als “Verstümmelte” (beurteilt nach der jeweiligen “Hauptverstümmelungsart”) mit Ansprüchen auf eine “Verstümmelungszulage” anerkannt.

Deutsche Soldaten mit ihrer Beute: ein britischer Panzer.

Deutsche Soldaten mit ihrer Beute, einem britischen Panzer. 

(Foto: Foto: dpa)

Aus jener Gruppe rekrutierte der überwiegende Teil der schwer- und schwerstbeschädigten Kriegsinvaliden der Nachkriegszeit. Hinter dem Begriff “Verstümmelte” verbargen sich 15.503 Arm- (383 beidseitig) und 24.145Beinamputierte (862 beidseitig), 34.972 deren ein- oder beidseitige Funktionsstörung der oberen oder unteren Extremität einer Amputation gleichkam. Ihre Sprache hatten 230 verloren, ihr Gehör auf beiden Ohren 1058, das Augenlicht beidseitig 1445, einseitig 3408.

Heer der seelisch Traumatisierten

Kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit drang das Heer der seelisch Traumatisierten. Der moderne, hoch technisierte Krieg traf an allen Fronten Menschen, die dem apokalyptischen Inferno des pausenlosen Kugel- und Granathagels, dem grellen Leuchten, Blitzen und Flackern der Frontabschnitte, dem infernalischen Brüllen und Kreischen berstender Metallgeschosse, dem perfiden Zwitschern, Summen und Pfeifen der Projektile und Querschläger, den Schreien der Verletzten, dem tausendfachen Anblick entseelter Leiberfetzen in den Stahlgewittern Flanderns und der Argonnen nicht mehr standhalten konnten und wollten.

Viele wurden irr an dieser Situation, zitterten, krampften, erbrachen sich pausenlos, nässten ein, verstummten, vergruben sich in ihr Innerstes, reagierten skurril.

Das Grauen im Karton

Noch im Spätsommer des Jahres 1914 hatte Karl Bonhoeffer in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift die Rolle der Psychiatrie im gerade entfesselten Krieg gering geschätzt. “Die praktische Bedeutung der Psychiatrie im Kriege”, so seine eher zurückhaltende Einschätzung, “ist gering im Vergleich zu den Aufgaben der Chirurgie”. Von eigentlichen Kriegspsychosen zu sprechen, im Sinne einer besonderen nosologischen Einheit, ist man nicht berechtigt”.

Optimistische Einschätzungen solcher Art sollten spätestens nach dem Stillstand der deutschen Offensive im Westen im Kriegswinter 1915 und vermehrt in der Phase des sich etablierenden Stellungskriegs 1916 Lügen gestraft werden. Im Trommelfeuer der Grabenlinien breiteten sich nun “affektive Reaktionen wie Epidemien über die ganze Front aus”. Deren Manifestationen reflektierten häufig durchlebte Strapazen, Todesängste, Verwundungen, Granateinschläge in unmittelbarer Nähe oder Verschüttungen.

Zwei Beispiele aus Feldpostbriefen mögen dies erläutern. So schreibt der Berliner Schützengrabensoldat Franz Müller (wir wissen sonst nichts über ihn) am 21. Januar 1915 aus einem Lazarett im Westen per Feldpost, die, abgefangen, ihre Adresse nicht erreichte: “Durch die große Überanstrengung besonders der letzen 3 Tage, bei denen unser Schützengraben von der feindl. Artillerie förmlich umgewühlt worden ist, habe ich mir eine Nervenkrankheit zugezogen, sodass ich am 8. November zurückgeschafft wurde.

“Menschheit im gegenseitigen Massenmord”

Nur wenige Stunden bin ich tagsüber auf, denn diese verflixte Krankheit hat sich auf meine unschuldigen Beine gelegt, sodass ich durch Schmerzen und Lähmung an den Beinen u. rechten Arm an meinem Fortkommen behindert bin. Man stelle sich den 92kg Recken zwischen Betten, Stühlen u. Tischen mühsam weiterkrebsend vor. Der reine Hohn!”

Der offensichtlich sensible Unterarzt Wilhelm Pfuhl gelangt im November 1916in ein Etappenlazarett und berichtet am 17. November 1916 von dort: “Ich glaube, es sind weniger die Anstrengungen, als all das Grauenhafte, das ich in den letzten Monaten erlebt habe, was meine Gesundheit so erschüttert hat. Es kommt mir ganz unfassbar vor, wie die Menschheit sich so in gegenseitigem Massenmord zerfleischen kann.

Ich kann mich nicht rühmen, jemals besonders widerstandsfähig gewesen zu sein gegen das Widerwärtige und Grauenhafte, aber jetzt ist es ganz damit zu Ende. Ich bin gar so müde und matt, möchte am liebsten einschlafen und nicht wieder aufwachen, ehe Friede im Lande ist, oder gar nicht.”

Zeugnisse wie diese waren bislang eher selten. Selbst- oder ereignisnahe Fremdberichte über Verletzungen und Erkrankungen einzelner Soldaten schienen verloren und nach 90 Jahren endgültig der Vergessen preisgegeben. Dies wird sich nun ändern, denn die vor zwei Jahren ins Militärarchiv Freiburg/Br. abgegebenen Akten des Krankenbuchlagers Berlin erweisen sich in ersten Forschungsprojekten als ereignisnahe Massenquelle von nicht geahnter Aussagekraft für das körperliche und seelische Leiden deutscher Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg.

Nervöse, Hysteriker, Schockgelähmte

Millionen von Krankenblättern informieren in zum Teil ausführlichen Berichten über geschundene Körper und Seelen an der Front: Von der lazarettpflichtigen Geschlechtskrankheit bis hin zu schwerster körperlicher und seelischer Traumatisierung. Längst vergessene Schicksale treten ans Licht.

Unter ihnen die der mehr als 600.000 nervenkranken Soldaten: Nervöse, Hysteriker, Schockgelähmte, Seelenzerstörte des Frontgemetzels; so der 1896geborenen Vizefeldwebels Fritz F., Ingenieurstudent vor dem Krieg, ein durchaus gesunder “Kerl”, der am 6. September 1916 einen Nervenschock durch Granateinschlag erleidet und über Schmerzen in allen Muskeln, besonders bei Anstrengungen und Aufregungen, über erregte Herztätigkeit und Fassungslosigkeit bei Aufregungen klagt. Nach wochenlangem Lazarettaufenthalt lautet die Diagnose Hysterie.

Sein gleichaltriger Kamerad, der Musketier Wilhelm B. , wird im März 1916eingezogen. Im August 1917 ist er an der Westfront. Schon wenige Tage darauf krepiert eine Gasgranate unmittelbar neben ihm. Er kann noch wegrennen, wird nicht vergiftet; wenige Tage später aber stellen sich Krämpfe ein. Ein Ereignis jagt nun das andere, Kopfschmerzen, Ohnmachten, lange Bewusstlosigkeiten, und immer wieder Krämpfe. Diagnose: Hysterische Anfälle.

Körpergeschichten der Kriegszermalmten

Frontalltag und Kriegserleben gewinnen durch die nunmehr in den Blick gerückte Massenquelle eine so bedrückende wie neue Dimension. Millionen Soldatenschicksale in unscheinbaren blassgelben Pappkartons füllen endlos lange Magazinregale im Freiburger Archiv. Doch der Zugang ist nicht leicht. Zwar stehen auch die Körpergeschichten der Kriegszermalmten noch heute fein säuberlich in Reih und Glied, Geburtstag nach Geburtstag, Jahr für Jahr von A bis Z; doch die Akten sind aus Geldmangel bislang weder registriert noch erschlossen, ein Schicksalsdschungel, unerforscht und geheimnisvoll, in den nur erste Pfade führen. Aber das Grauen lauert in jedem Karton.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/krieg-dem-kriege-die-im-dunkeln-sieht-man-nicht-1.897664

Krieg dem Kriege

Das „Ebenbild Gottes“ mit Gasmaske

Krieg dem Kriege (Im Original: Krieg dem Kriege! Guerre à la Guerre! War against War! Oorlog aan den Oorlog!) ist ein erstmals 1924 erschienenes Buch des Antimilitaristen Ernst Friedrich. Es beleuchtet die Folgen des Ersten Weltkriegs und wollte das wahre Antlitz des Krieges (Verwundete, Verstümmelte, Hinrichtungen, Leiden, Elend und Sterben) zeigen. Das originär viersprachig (deutsch, französisch, englisch und niederländisch) erschienene Buch wurde in etwa 50 weitere Sprachen übersetzt.

Inhalt[Bearbeiten]

Der deutsche Pazifist Friedrich versucht mit diesem Buch, die Menschen wach zu rütteln, indem er den Schrecken eines Weltkriegs aufzeigt. Wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde es zur „Bibel der Pazifisten“, die Angesichts des Grauens der Schützengräben sich unter dem Motto „Nie wieder Krieg“ zu organisieren suchten. Dabei überlässt er nach einer kurzen Einführung den Leser sich selbst.

Nach der Auffassung, dass ein Bild mehr als tausend Worte zeige, sind in dem Buch unter anderem Kriegsszenen aus dem Ersten Weltkrieg dargestellt. So fordert er unter einem Bild, das unterschiedliches Kriegsspielzeug zeigt: Gebt den Kindern nicht solche Spielsachen! Er prangert die euphemistische Sprache der Kriegspropaganda an, indem er Fotografien von der Front mit entsprechenden Untertiteln versieht. So untertitelt er mit Feld der Ehre ein Bild, auf dem die nackte Leiche eines an Typhus verendeten Soldaten in einem Erdloch verscharrt wird. Einen zusammengetragenen Leichenberg für eine Massenbestattung untertitelt er mit Heldengrab.

Bekannt machte dieses Buch auch die Abbildung von furchtbar verstümmelten Soldaten. So sieht man einen Offizier auf einem Lazarettbett, dem Mund und Unterkiefer weggerissen wurde. Eine einzige Fleischwunde ist an deren Stelle getreten. Friedrich untertitelt mit einem Ausspruch des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg: Der Krieg bekommt mir, wie eine Badekur! Eine andere Abbildung eines Kriegsversehrten erhielt den Kommentar von Graf Moltke: Die edelsten Tugenden der Menschen entfalten sich im Krieg! Das Buch war um so aufsehenerregender als die entstelltesten Kriegsopfer in abgelegenen Heimen für Kriegsversehrte vor der Öffentlichkeit weitestgehend „versteckt“ wurden.[1]

Otto Dorbritz, 27 Jahre alt, verwundet Oktober 1918. Durch Minenwurf Oberlippe und Nase weggerissen. Fleisch aus Stirn, Armen und Rippen zu künstlicher Nase und Lippe entnommen (12 Operationen)

Das Buch ist viersprachig aufgebaut, in deutscher, englischer, französischer und niederländischer Sprache. Unter jedes Bild hat Friedrich einen Kommentar gestellt. Am Ende appelliert er nochmals gegen Krieg und verweist auf sein Anti-Kriegsmuseum[2].

Umschlag[Bearbeiten]

Spätere Ausgaben wurden durch Udo Bruhn gestaltet. Bekannt wurde dabei das Bild des Soldaten mit Gasmaske und aufgepflanztem Bajonett. Darunter nur der Kommentar: „Das Ebenbild Gottes mit Gasmaske.“

Kritiken[Bearbeiten]

Das Buch erregte weltweit Aufsehen, noch heute erzielt es eine hohe Auflage.

„Dieses Buch sollten wir nicht unsern Freunden zeigen, denen, die schon Pazifisten sind, also nicht den alten Fehler wiederholen, der so oft gemacht wird: Missionare nach Rom zu schicken – sondern wir sollten es den Gegnern zeigen. In Versammlungen, in Schulen, in Vereinen, an Stammtischen – dieses Grauen kennt ja keiner von denen. Und man sollte das Buch auch Frauen zeigen, gerade Frauen zeigen.

Die Fotografien der Schlachtfelder, diese Abdeckereien des Krieges, die Photographien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Es gibt kein kriminalistisches Werk, keine Publikation, die etwas ähnliches an Grausamkeit, an letzter Wahrhaftigkeit, an Belehrung böte.

Denen, die mir so oft bejahend zugehört haben, lege ich nahe: Das Buch in einem oder mehreren Exemplaren zu kaufen und für seine Verbreitung zu sorgen.“ Kurt Tucholsky in der Weltbühne.

„Ernst Friedrich hat mir die Augen für die furchtbarste aller Seuchen, für den großen Verkrüppler, den sinnlosen Vernichter Krieg geöffnet.“Robert Jungk

Auflagen[Bearbeiten]

Nach der ersten Auflage 1924 erschien 1980 eine Neuauflage des Buchs im Zweitausendeins-Verlag. Aufgrund der hohen Nachfrage wurde es dann immer wieder neu aufgelegt, unter anderem 2004 bei der Deutschen Verlags-Anstalt.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hochspringen Geschichte Spezial Sonderheft Nr. 6: Der Erste Weltkrieg, S. 64
  2. Hochspringen http://www.anti-kriegs-museum.de

Siehe auch[Bearbeiten]

http://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_dem_Kriege

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