Im Schatten des Todes

 Von TOBIAS PETER

Alltagsbild des Krieges: Ein Kindersoldat schiebt Wache an einem Kontrollpunkt in Liberia im Jahr 2003. Foto: dpa

Ein beständiges Geräusch in Monrovia ist das Klacken der Krücken von Kriegsverstümmelten auf den Straßen. 14 Jahre lang hat der Krieg das Leben geprägt und zerstört, es gab mehr als 200 000 Tote und eine Million Vertriebene. Folge 2 der Serie.

Der Rebellensoldat läuft hektisch in dem Raum eines Behindertenwohnheims umher – und lässt den Gewehrlauf zwischen George Hassan und seinem Mitbewohner hin und her wandern. Er brüllt: „Von welchem Stamm bist du? Und du?“

Reise-Stipendium

Unser Autor Tobias Peter (34) hat mit einem Stipendium der Heinz-Kühn-Stiftung sechs Wochen in Liberia verbracht. In der Serie „Reise ins Nirgendwo“ berichtet er über seine Recherchen und Erlebnisse.

„Ich bin ein Mann vom Stamm der Bassa“, antwortet Hassan. Der Bewaffnete lässt von ihm ab. „Ich bin ein Mandingo“, sagt sein Mitbewohner. Der Soldat rückt daraufhin mit dem Gewehr ganz nah an ihn heran – bis auf wenige Zentimeter. Er schweigt einige Sekunden lang. Dann sagt er: „Wenn du nicht behindert wärst, würde ich dich jetzt umbringen.“

Von Angesicht zu Angesicht

Auch wenn es mehr als 23 Jahre her ist, erinnert George Hassan sich genau an die Waffe, die erst auf ihn und dann auf seinen Mitbewohner gerichtet war. Es war eine Kalaschnikow, eine AK 47, jenes russische Sturmgewehr, dem wegen seiner einfachen, aber robusten Bauweise Wasser, Schlamm und Wüstensand selten etwas anhaben können. Deshalb ist die AK 47 das vielleicht am weitesten verbreitete Tötungsinstrument in den Kriegen, in denen nicht irgendwo irgendjemand aus der Entfernung auf einen Knopf drückt. In denen Leben noch von Angesicht zu Angesicht ausgelöscht wird. Der heute 42-Jährige lebt noch immer in einem Behindertenheim in Monrovia, wenn auch in einem anderen. Hassan ist von Geburt an querschnittsgelähmt. Er sitzt im Rollstuhl und kann auch seinen Kopf nur eingeschränkt bewegen, so dass dieser stets in der Schräge liegt. Als Kind wurde er zuerst von seiner Großmutter aufgezogen. Er war neun, als seine Oma verstarb und seine Mutter ihn ins Heim gab. Als die Soldaten mit ihren Kalaschnikows kamen, war Hassan noch nicht lange volljährig.

Während er erzählt, stockt ihm gelegentlich der Atem. Er spricht mal laut, mal leise, berichtet ausführlich über Details – und ist mit der überschaubaren Anzahl an Regungen, die ihm zur Verfügung stehen, voll und ganz dabei. Das unterscheidet ihn, so erstaunlich das im ersten Moment klingen mag, von den meisten Liberianern.

Vielleicht liegt das auch daran, dass er mit ihnen so wenig zu tun hat. Behinderte haben in dem westafrikanischen Land keine Lobby, werden meist von ihren Familien verstoßen. Hassans Mutter besucht ihren Sohn zumindest alle paar Monate. Hassan weiß, dass sein Heimmitbewohner im Jahr 1990 nicht aus Mitleid überlebte. Ein Behinderter war dem Soldaten die Kugel nicht wert.

Der Krieg ist das Thema, das alles in diesem Land überschattet, aber irgendwie auch in allem verschwindet. 14 Jahre lang hat der Krieg das Leben geprägt und zerstört, es gab mehr als 200 000 Tote und eine Million Vertriebene. Jeder hier hat seine eigene persönliche Kriegsgeschichte.

Es ist auch nicht so, dass die Menschen nicht darüber sprechen würden, wenn man sie danach fragt. Aber, anders als Hassan, reden sie oft mit einer erstaunlichen Distanz – als würden sie im Bekanntenkreis gerade über einen mäßig interessanten Film erzählen. Als würden sie sagen: „Da lief im Fernsehen das und das. Ist aber nicht weiter der Rede wert.“

So, wie der junge Kellner, der sagt: „Ja, das war eine seltsame Kindheit. Wir waren immer in der Hauptstadt – auch wenn wir in Monrovia zwischen den Häusern der Verwandten mehrmals hin und her gezogen sind. Es gab wenig bis nichts zu essen. Aber du gewöhnst dich irgendwie dran. Auch daran, die Toten anzusehen, über sie hinwegzusehen und sie dennoch zu riechen.“ Und dann: „Du kommst aus Deutschland? Wen findest du besser: Bayern München oder Borussia Dortmund?“

Unser Autor im Gespräch mit George Hassan in Monrovia. Foto: Privat

Ähnlich nüchtern spricht die 32-Jährige, die einen halbwegs vernünftig bezahlten Verwaltungsjob in Monrovia hat. Sie hat ihre komplette Jugend in den Kriegsjahren in Liberia zugebracht. „Wir sind aus Monrovia aufs Land geflohen, wo unser eigener Stamm die Mehrheit der Bevölkerung gestellt hat. Da waren wir einigermaßen sicher. Was nicht heißt, dass dort nicht Menschen gestorben wären. Es sind ständig welche gestorben. Man war halt froh, wenn man nicht dazugehörte.“

Wenn Foday Karpeh in seinem silbern glänzenden Umhang zu den Gläubigen in seiner Kirche predigt, wenn er davon spricht, dass man sich als Christ auf das Wesentliche konzentrieren und ohne allzu großes Übergepäck durch das Leben reisen solle, ist das so, als würde er Trommeln schlagen: ein eingängiger Grundrhythmus mit vielerlei Variationen.

Verarbeitung oder Verdrängung?

Der Priester, der mich mit diesem charismatischen Auftritt bei der Predigt begeistert hat, redet nun ohne Auf und Ab in der Stimme, als er bei unserem späteren Gespräch auf meine Frage hin erzählt: „Wir lagen mit unseren Gesichtern im Dreck auf dem Boden und hatten Angst, von den Rebellen erschossen zu werden. Ich habe lange davon geträumt. Aber ich habe damit abgeschlossen.“ Mehr sagt er nicht. 
Der Mann gehörte zu einer jener Oberschichtsfamilien, die als Oligarchie das Land über viele Jahrzehnte beherrscht haben. Bis die Unterschicht ihr Recht einforderte, es von denen, die so taten, als würden sie die Armen vertreten, aber auch nicht bekam – und das Land schließlich ins vollkommene Chaos stürzte. Rebellen gegen Regierung, dieser Stamm gegen den anderen. Kein Mensch mehr, dem man ganz vertrauen kann. Von der Brutalität dieser Zeit erzählt nicht zuletzt das ständige Klacken der Krücken von Kriegsverstümmelten – häufig ehemalige Kindersoldaten – auf den Straßen und Wegen Monrovias. 
Ich weiß nicht, ob es sich bei den distanzierten Berichten um ein Zeichen dafür handelt, dass Geschehenes verarbeitet und damit wenigstens ein Stück weit abgeschlossen wurde, wie der Priester Foday Karpeh mir versichert. Oder ob es sich einfach um Verdrängung handelt. Ich kann die Geschichten nur anhören und nicht prüfen. Manche Liberianer sagen, in der Erzählkultur des Landes werde die Geschichte des Nachbarn auch schon mal zur eigenen. Am Ende ist das ja auch nicht entscheidend.

Ich bin für einige Wochen im Land und bilde mir nicht ein, ich könne in die Seelen dieser Menschen blicken. Ich bin hier, um zu beobachten. Verstehen? Etwas wirklich wissen? Das wäre anmaßend. 
In Liberia ist kein einziger Kriegsverbrecher für seine Gräueltaten bestraft worden. Dass der ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor, der Herr der Kindersoldaten, hinter Gittern sitzt, ist nur einer Verurteilung durch das UN-Sondertribunal für den Bürgerkrieg im benachbarten Sierra Leone zu verdanken. In Liberia gab es stattdessen eine Wahrheitskommission. Vor der berichtete dann zum Beispiel ein Kämpfer wie General Butt Naked (deutsch: „General Splitternackt“), der stets unbekleidet in die Schlacht zog, davon, wie er Menschen opferte und ihre Herzen aß. Er ist bis heute frei und predigt mittlerweile in einer Gemeinde im Norden Monrovias als Priester Nächstenliebe.

Kann es Gerechtigkeit geben in einem Land, in dem so viele am Krieg beteiligt waren? Kann man den Film vom Krieg im eigenen Kopf abschalten – und einfach ein neues Programm wählen? Wie zur Hölle sieht nur der richtige Umgang mit der brutalen Vergangenheit dieses kleinen westafrikanischen Landes aus?

Manfred Zbrzezny hat seine Antwort gefunden, eine künstlerische. Der gebürtige Hamburger war im Jahr 2003 zum ersten Mal in Liberia, als die Bürgerkriegswirren noch nicht vorbei waren. Die Liebe und der Traum, in Afrika das ganz große Geld zu machen, gaben den Ausschlag, dauerhaft zu bleiben. Eine Familie hat Zbrzezny im Norden der liberianischen Hauptstadt gegründet, reich geworden ist er nicht. Er kann sich, so erzählt er, seit Jahren keinen Flug mehr für einen Besuch nach Deutschland leisten. Dafür hat der Schmied, der früher auch einmal für die Kölner Dombauhütte gearbeitet hat, eine interessante Idee in die Tat umgesetzt.

Manfred Zbrzezny macht aus Waffenschrott Kunst. Foto: Tobias Peter

Er arbeitet die Teile alter Kalaschnikows, die von der Entwaffnung nach dem Krieg übrig geblieben sind, in Kunst- und Alltagsgegenstände um. Aus den Resten so mancher AK 47 werden auf diese Weise Flaschenöffner, Kerzenständer, Möbel und Skulpturen. „Es geht darum, aus den Überbleibseln des Grauens etwas Schönes zu machen“, sagt Zbrzezny, während er das Eisen glühend heiß und damit biegsam macht. „Ich setze die alte Parole um: Schwerter zu Pflugscharen.“

Und wie kommt das beim Publikum an? Amerikaner, sagt Zbrzezny, seien meist begeistert. „Die sind Waffennarren – ganz egal, was man mit den Teilen macht.“ Europäer, vor allem Deutsche, reagierten nicht selten etwas pikiert. Sie fragten schon einmal, ob es nicht vielleicht die Gefühle der Opfer verletze, aus Kriegsgerät Blumenkübel zu machen.

Die Liberianer selbst reagierten meist erst nachdenklich, dann aber positiv. Eine Frau habe ihm gesagt: „Warum solltest du nicht was Neues daraus machen? Das Metall kann nichts dafür, dass hier Krieg war. Das waren immer noch wir.“