Asien und die westliche Vorherrschaft

Pankaj Mishra dreht ein großes Rad. Bisher ist der indische Autor nur mit sozialkritischen Essays und Büchern über Indien hervorgetreten, jetzt greift er sich mit seinem Werk „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“ einen bedeutenden Abschnitt der Weltgeschichte heraus. Er untersucht die letzten 150 Jahre in der Entwicklung dieses Erdteils, seinen Niedergang und das Wiedererwachen, verbunden mit den Ansprüchen an die heutige Welt. Dabei wird – da aus asiatischer Sicht geschrieben – eine Vielzahl neuer, oft verblüffender Einsichten vermittelt. Das Werk, erst vor einigen Monaten erschienen, erhält auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“.
Mishra schildert das Vordringen der europäischen Mächte, insbesondere Großbritanniens, nach Asien mit seinen verheerenden Folgen für die dortigen Gesellschaftsordnungen. Zugleich wird das frühe Erwachen und spätere organisierte Auftreten gegen die Fremdherrschaft untersucht. Indien war die erste große Machtbasis der Briten, die hier gewaltsam die muslimische Herrschaft beendeten und deren Kultur und dem sozialen Gefüge bleibenden Schaden zufügten. Mit Hilfe des Opiums verschafften sie sich von hier Zugang nach China, das in den folgenden Opiumkriegen gefügig gemacht wurde. Auch das abgeschottete Japan musste sich dem Druck der imperialen Mächte, insbesondere den expansiven USA beugen. Das alte Osmanische Reich mit Ägypten wie auch Persien spielen in Mishras Betrachtung eine große Rolle, waren doch hier die koloniale Infiltration, aber auch der vielfältige Widerstand, stark ausgeprägt.
Sehr lebendig schildert der Autor, wie sich das antikoloniale Denken herausbildete. Vor allem zwei Persönlichkeiten prägten die muslimische und die fernöstliche Welt: der Perser Jam al-Din al Afghani (1838-1897) und der Chinese Liang Quiachao (1873-1929). Sie waren hervorragende Denker, Organisatoren und Agitatoren gegen die Fremdherrschaft – sozusagen „Patrioten der ersten Stunde“ –, deren Einfluss bis heute in der geistigen und politischen Elite Asiens zu spüren ist. Al Afghani erhielt seine bleibende Prägung in Indien, wo er den Aufstand gegen die britische Herrschaft und dessen brutale Niederschlagung miterlebte. Rastlos reiste diese umtriebige und schillernde Persönlichkeit durch die muslimischen Länder, beriet deren Herrscher und verbreitete seine Anschauungen. Seine Vorschläge nach einer Reform des Islam und die Zurückweisung europäischer Ideen auf muslimische Kultur und Lebensweise stießen jedoch auf geteilte Sympathien. Wiederholt wurde der „Martin Luther des Islam“, wie er sich selbst nannte, inhaftiert, ausgewiesen oder musste flüchten. Seine Ideen waren zu radikal, und für die Herrschenden nicht annehmbar.
In China versuchte Liang Quiachao ebenfalls durch Reformen das konfuzianische Gerüst des chinesischen Staates gegen die fremden Eindringlinge widerstandsfähig und stark zu machen. Er rannte erfolglos gegen die uralten Traditionen und deren Träger, die kaiserliche Beamtenschaft an, bis 1898 die „100-Tage-Reform“ durch den neuen Kaiser einsetzte. Doch war diese Reformperiode schnell vorbei. Später, in der Kuomintang-Regierung, wurde Liang Minister und einflussreicher Berater. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er der chinesischen Delegation zur Pariser Friedenskonferenz an. Er erlebte, wie die Erwartungen nach Selbstbestimmung der Asiaten vom Tisch gefegt wurden – trotz opferreicher Unterstützung der kriegführenden Kolonialmächte. Mishra bezeichnet den Weltkrieg und die Pariser Konferenz als Zäsur im Denken der national gesinnten Kräfte Asiens. Angesichts des Mordens in Europa war die Ausstrahlung der westlichen Zivilisation enorm verblasst. Kein Wunder sei es daher – so der Autor – dass die nationalen Bewegungen in Sowjetrussland den neuen Hoffnungsträger erblickten, hatten sie doch aufmerksam die ersten Schritte Lenins verfolgt.
Neue Akteure betraten nun die politische Bühne. Es sind Mao Zedong, Mahatma Gandhi, Jawaharlal Nehru, Mustafa Kemal Atatürk, aber auch der große moralische Mahner Rabindranath Tagore, um nur einige zu nennen. Und in Ostasien wuchs mit Japan eine neue imperialistische Macht heran, die einige Jahre später unter dem Ruf „Asien den Asiaten“ und unter der Flagge des Panasianismus die alten Kolonialmächte hinwegfegen, aber mit noch größerer Brutalität deren Stellung einnehmen und vor allem China und Korea unsägliches Leid zufügen sollte. Mishra widmet sich ausführlich dem panasiatischen Gedanken, der den Gefühlen und Bestrebungen der unterdrückten Völker entsprach, von den Japanern aber für ihre imperialen Zwecke missbraucht wurde. Doch sie mussten dafür nationale Bewegungen und Kräfte fördern – Sukarno und Aung San seien hier genannt – die sich dann gegen ihre Unterstützer wandten.
Pankaj Mishra zeigt, dass bei der Suche nach dem effektivsten Weg für das Wiedererstarken der asiatischen Länder sich Ideen und Konzepte der unterschiedlichsten Art herausbildeten und oft aufeinanderprallten. Reaktionäre Auffassungen appellierten an bestehende religiöse Traditionen, seien doch diese denen der anderen Zivilisationen überlegen; gemässigte Vorstellungen orientierten auf die Übernahme nur weniger westlicher Techniken, die in gesunde Traditionen eingebettet werden sollten; radikale Konzepte hingegen forderten einen Umsturz der alten Lebensweise. Doch übergreifend – so Mishra – setzte sich ein Nationalismus westlicher Prägung mit seinen Ideen und Institutionen durch, allerdings mit unterschiedlicher Färbung: säkular, sozialistisch oder islamisch. Die Suche nach einem eigenen Ansatz für die gesellschaftliche Entwicklung führte auch zu einem zutiefst politisierten Islam, dem der Autor viel Aufmerksamkeit widmet. All diese Prozesse werden heute von der Globalisierung überlagert, was zu verstärkten Differenzierungen sowohl in als auch zwischen den asiatischen Ländern führt. Der Autor zeigt das an  markanten Beispielen in China und Indien.
Zum Schluss findet Mishra noch einmal zu al Afghani und Liang zurück, die vor mehr als 100 Jahren angesichts des Dahinschwindens ihrer Zivilisation und der Demütigungen die Frage umtrieb, wie ihre Völker wieder Gleichberechtigung und Würde gewinnen könnten. Der Autor schätzt ein, dass das Gefühl der Demütigung, das auf mehreren asiatischen Generationen lastete, heute erheblich schwächer geworden, der Bann der westlichen Politik gebrochen ist. Dafür macht er vor allem die Übernahme moderner Ideen, Techniken und Institutionen, die „Geheimnisse“  der westlichen Mächte, verantwortlich. Der Westen wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen! Doch Mishra stellt wie andere zeitgenössische Denker fest, dass weite Teile der aufstrebenden Welt auf diese Weise dabei sind, „die tragische und oft qualvolle Entwicklung des Westens […] zu wiederholen“.  Und er konstatiert, dass es „bis heute keine überzeugende universalistische Antwort auf westliche Vorstellungen von Politik und Ökonomie“ gibt. Und so lasse der Triumph der westlichen Moderne, die „Rache des Ostens bedrohlich zweideutig erscheinen“ und „all seine Siege in wahrhafte Pyrrhussiege“ verwandeln, so zum Schluss ein resignierender Mishra.
Man kann dem Autor in seiner Argumentation weitgehend zustimmen, obwohl die aufgeworfenen Fragen sehr problemreich sind und eine komplexe Behandlung erfordern. Man hätte sich vor allem  gewünscht, dass ökonomische Fragen wenigstens ansatzweise Beachtung finden, sind sie doch gegenwärtig das Hauptfeld der Auseinandersetzungen zwischen aufstrebenden und etablierten Ländern. So ist das Werk weitgehend eine Geschichte der Ideen, politischen Konzepte und Bewegungen, das Mishra „teils historischer Essay, teils intellektuelle Biographie“ nennt.

Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013, 441 Seiten, 26,99 Euro.

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