Interview für die Bild am Sonntag

Hier ist der Volltext des Interviews der “Bild am Sonntag” mit dem Botschafter Wladimir Grinin. Dieses wurde in der Zeitung in einer verkürzten Form veröffentlicht, ohne das der Botschaft vorlaufend bekannt zu geben.


Wie kann eine Lösung des Krim-Konflikts aussehen und welche Rolle sollte Deutschland dabei spielen?

Es gibt keinen Krim-Konflikt. Es gibt einen Ukraine-Konflikt, mit dessen Ursprung Russland nichts zu tun hat, wurde aber trotzdem in die Krise hineingezogen. Als einer der Akteure dieses Konflikts kann Deutschland eine überaus nützliche Rolle bei derer Beilegung spielen, wenn es seine Bemühungen zur Lösung des Problems fortsetzt und zur Dämpfung der existierenden kriegerischen Rhetorik beiträgt.

Wie bewerten Sie das deutsch-russische Verhältnis?

Von dessen Volumen, Ausmaß, Intensität sowie dem Grad des gegenseitigen Verständnisses und Vertrauens her, wie merkwürdig es in der jetzigen Situation auch klingen könnte, ist unser Verhältnis jetzt auf einem äußerst hohen Niveau. Wir haben kein Recht, das alles verloren gehen zu lassen.

Pro-russische Kräfte haben auf der Krim, die zur Ukraine gehört, die Macht übernommen. Kommt es zum Konflikt, wenn sich die Bevölkerung auf der Krim bei einer Abstimmung für den Beitritt an Russland entscheidet?

Ich möchte hoffen, dass es nicht dazu kommt. Es liegt darin, Rechtsradikale und aggressive paramilitärische Gruppierungen zu neutralisieren, die heute auch in Kiew die Oberhand haben.

Die Welt verurteilt das Vorgehen Russlands. Viele Menschen haben Angst vor einem Krieg. Warum lenkt Präsident Putin nicht ein und erkennt die Souveränität der Ukraine an?

Die Welt wird mithilfe von Massenmedien durch eine beispiellose Propagandakampagne in die Irre geführt. Es sieht manchmal so rüpelhaft aus, dass man kaum Unterschiede zu einem Geschimpfe auf dem Marktplatz finden kann. Im Laufe meiner 40-jährigen Bekanntschaft mit der westlichen Welt habe ich niemals etwas ähnliches erlebt. Es gibt, Gott sei dank, Menschen, die unter Einfluss dieser Propaganda nicht geraten. Statt ihre Kräfte auf dem Informationsfeld einzusetzen, sollten die EU und andere Akteure das von der Regierung und Opposition unter Teilnahme von Deutschland, Frankreich und Polen unterzeichnete Abkommen vom 21. Februar d.J. erfüllen. Das heißt, die Regierung der nationalen Einheit zu bilden, Verfassungsreform durchzuführen, Präsidentenwahlen zu organisieren, die rechtsradikale Kriminalität zu stoppen und Gewaltakte zu untersuchen. Dann hätten wir in der Ukraine einen Gesprächspartner, den wir anerkennen könnten.

Die USA und die EU haben erste Sanktionen gegen Ihr Land verhängt. Wie sehr trifft Sie das und wie wird Russland darauf reagieren?

Das ist das Letzte, womit man sich überhaupt beschäftigen sollte. Das schadet allen – sowohl Russland, als auch denen, die diese Sanktionen verhängen. Den Ukraine-Konflikt wird es mit Sicherheit nicht lösen. Lasst uns zusammen an einer solcher Lösung suchen.


12.03.2014